„Es werden viele Fans ohne Karten anreisen“

Faszination Fankurve 01.06.2004 0 Kommentare

Die englischen Fans werden bei der EM neben Gast-geber Portugal und Nachbarland Spanien die zahlenmäßig stärkste Gruppe stellen. Wenige Tage vor dem Eröffnungs-spiel sprachen wir mit Kevin Miles von der englischen „Football Supporters Federation“.

Stadionwelt: Die Fußball-Europameis-terschaft 2004 steht unmittelbar bevor, wie ist die Stimmung bei den englischen Fans?
Miles: Das Fan-Interesse ist wie bei den vergangenen Turnieren riesig. Hinzu kommt, dass Portugal ein ideales Urlaubsland ist, weshalb viele Engländer die Mannschaft begleiten und direkt zwei bis drei Wochen vor Ort bleiben werden. Die Vorfreude auf die EM war im Vorfeld etwas getrübt, da der englische Verband für die beiden letzten Qualifikationsspiele in Mazedonien und in der Türkei darauf verzichtet hat, Karten anzufordern. Mittlerweile ist jedoch bereits eine deutliche EM-Stimmung spürbar.

Stadionwelt: Wie viele englische Fans werden in Portugal erwartet?
Miles: Unsere Schätzungen gehen derzeit von rund 50.000 aus.

Stadionwelt: … und wie viele werden davon ohne Karten anreisen?
Miles: Der englische Verband hat für jedes Spiel ein Kontingent von 20 Prozent der Karten bekommen. Darüber hinaus wurden viele Tickets direkt über die UEFA sowie andere Verkaufsquellen besorgt. Trotzdem rechnen wir mit etwa 15.000 Fans, die ohne Karten nach Portugal reisen, in der Hoffnung, möglicherweise noch vor Ort welche erwerben zu können.

Stadionwelt: Wie setzt sich die englische Fanszene bei Länderspielen zusammen?
Miles: Im Stadion findet sich eine bunte Mischung. In erster Linie handelt es sich dabei um Fans, die auch Woche für Woche die Spiele ihres Vereins besuchen, allerdings in besonderem Maße auch Anhänger von kleinen Clubs, die nicht im Europacup spielen. Für diese Leute bietet die Nationalmannschaft die Chance, einmal Auswärtsspiele auf internationaler Ebene zu erleben. Das ist für viele eine attraktive Option, daher bilden die englischen Fans bei solchen Turnieren, aber auch generell bei Länderspielen, immer eine zahlenmäßig sehr starke Gruppe.

Stadionwelt: War das schon immer so?
Miles: In den letzten 15 Jahren ist das Interesse an der Nationalmannschaft deutlich gestiegen. Die Weltmeisterschaft 1990 mit dem unglücklichen Ausscheiden im Halbfinale erst nach Elfmeterschießen, mit den Tränen von Paul Gascoigne und einigen anderen Spielern, all das hat für einen deutlichen Popularitätsschub gesorgt, der bis heute anhält.

Stadionwelt: Wie begleitet die FSF die Europameisterschaft?
Miles: Wir werden mit zwei Fanbotschaften vor Ort sein. Die erste reist mit in die Städte, wo die Spiele stattfinden werden, das sind in der Vorrunde Lissabon und Coimbra, die zweite wird während der gesamten Zeit an der Algarve sein, da dort etwa 60 Prozent der englischen Fans wohnen werden. Die FSF wird während der EM mit 15 Mitarbeitern in Portugal sein. Bereits im Vorfeld haben wir einen Fanguide erstellt, während des Turniers wird zu jedem Spiel ein Fanzine erscheinen, eine Telefon-Helpline 24 Stunden am Tag erreichbar sein und an den Spielorten werden Freundschaftsspiele für die Fans organisiert.

Stadionwelt: Wie wird die Arbeit finanziert?
Miles: Bei der Europameisterschaft werden wir in besonderem Maße durch eine englische Bank unterstützt. Finanziert wird die Arbeit zudem durch Fördergelder der Regierung und der UEFA sowie Mitgliedsbeiträge.

Stadionwelt: Seit wann gibt es diese Art von Fanarbeit und wie haben sich die Rahmenbedingungen hierfür entwi-ckelt?
Miles: Die erste englische Fanbotschaft gab es 1990 in Italien. Danach waren wir bei jeder EM und WM, auch in Japan und Südkorea, vor Ort. Die Arbeitsbedingungen sind im Lauf der 14 Jahre immer besser geworden. In Italien und Schweden waren wir nur mit ehrenamtlichen Helfern dabei, anfallende Kosten wurden aus Mitgliedsbeiträgen bezahlt. Bei der EM 96 im eigenen Land gab es erstmals finanzielle Unterstützung durch die Regierung sowie kommerzielle Sponsoren.
Heute gibt es viele verschiedene Seiten, von denen wir unterstützt werden, dadurch bleiben wir meines Erachtens absolut unabhängig von Regierung und Sponsoren. Es ist zudem vorgeschrieben, dass diese keinen Einfluss auf unsere Arbeit nehmen dürfen.

Stadionwelt: Die Stimmung bei den Spielen mit englischer Beteiligung wird allgemein geschätzt. Trotzdem eilt den Fans noch immer ein negativer Ruf voraus. Inwiefern ist Gewalt ein Aspekt im Rahmen eurer Planungen?
Miles: Das ist immer ein Thema, aber sicher nicht das Hauptthema. Wir betonen immer, dass wir für alle Fans da sind, und dass es unser Ziel ist, dass alle Fans die Zeit vor Ort genießen und freundschaftliche Kontakte knüpfen können
Wir glauben, dass wir mit unserer Arbeit dazu beitragen, die Gewalt im Umfeld der Stadien einzudämmen. Das ist jedoch nicht das Hauptziel unser alltäglichen Arbeit, sondern ein Nebeneffekt, wenn auch ein sehr schöner.

Stadionwelt: Wie hat sich die Problematik in den letzten Jahren entwickelt?
Miles: Es war immer nur eine Minderheit, die in der Vergangenheit bei den Spielen negativ aufgefallen ist, jedoch war es diese Minderheit, die in der Öffentlichkeit wahrgenommen wurde. In den letzten Jahren hat sich das Bild jedoch verändert, es gibt Gruppen und Initiativen, die sich mit verschiedenen Projekten gegen diesen schlechten Ruf engagieren. Auf der anderen Seite geht der Staat heute härter gegen Personen vor, die bei Fußballspielen negativ aufgefallen sind. Hierzu wurden neue Gesetze erlassen. Während der EM müssen rund 2.500 Personen ihren Pass abgeben und dürfen England nicht verlassen. Obwohl es sich dabei um eine repressive Maßnahme handelt, sehen viele Fans das positiv, da das Verhalten einzelner auch auf sie abfärbt. Für sie ist es angenehmer, wenn die Gewalttäter nicht fahren, als wenn alle Fans wie Gewalttäter behandelt werden.

Stadionwelt: Wie sind die Erwartungen auf diesem Gebiet vor der EM und wie schätzen Sie die Arbeit der portugiesischen Sicherheitsbehörden ein?
Miles: Einer der entscheidenden Faktoren, ob es bei Spielen friedlich bleibt, ist die Art und Weise, wie die Polizei arbeitet, wie sie den Fans begegnet und wie sie in Problemsituationen auftritt. Wir haben bisher mit der portugiesischen Polizei sehr gut zusammengearbeitet und unser Eindruck ist positiv. So wie es aussieht, will die Polizei nicht aggressiv auftreten, die Pläne klingen durchdacht und besonnen. Wir hatten bereits im Februar ein Freundschaftsspiel in Faro, bei dem alles ganz gut geklappt hat. Die Stadt hatte Fanpartys organisiert. Ich denke, wenn alles in den nächsten Wochen so weiter geht, werden wir keine Probleme haben. (Stadionwelt, 01.06.2004)

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