Kampf an der Börse

Faszination Fankurve 01.12.2004 0 Kommentare

Seit etwa zwei Monaten befinden sich die Fans von ManU in einer Art Kriegszustand. Der US-Milliardär Malcolm Glazer will den Verein übernehmen.

Er war noch nie in Manchester. Er hat die Mannschaft noch nie spielen sehen. Er kennt die Vereinsgeschichte nicht. Er will nur eins: Geld verdienen. Die Fans gehen deswegen auf die Barrikaden. Sie sind bereit, alle ihnen zur Verfügung stehenden legalen oder teilweise gar weniger legalen Mittel anzuwenden, um die Übernahme ihres Klubs zu verhindern.

Die Hauptaktionäre sind derzeit die irischen Rennpferdbesitzer bzw. -züchter J.P. McManus und John Magnier, deren Firma Cubic Expression insgesamt 28,99% der Aktien hält, sowie die Malcolm I Glazer Family Limited Partnership mit 28,11%. Es wird geschätzt, dass die ca. 37.000 Fans und Kleinaktionäre auf 18% der Aktien kommen. Zurzeit werde ca. 1,5% von der Fanorganisation Shareholders United kontrolliert.

Auf der Forbes-Liste der reichsten US-Bürger wird Glazer an Rang 244 geführt. Sein Geld machte er mit Immobilien und Einkaufszentren. 1995 bezahlte Glazer 192 Mio. US$ für die Tampa Bay Buccaneers, die in der National Football League der USA spielen. Die Fans bekamen prompt zu spüren, was es bedeutet, Glazer als Besitzer zu haben. Umgehend wurden die Kartenpreise drastisch erhöht. Die traditionelle Trikotfarbe der „Bucs“ wurde durch eine Variante ersetzt, die sich besser vermarkten ließ. Und die Stadt Tampa wurde zur Finanzierung eines neuen Stadions gezwungen. Sonst drohte Glazer, den gesamten Verein in eine andere Stadt umziehen zu lassen. Zwar wurde 2003 der Super Bowl gewonnen. Danach verließen jedoch mehrere wichtige Spieler den Verein, weil Glazer nicht bereit war, ihnen ein marktgerechtes Gehalt zu bezahlen. Jetzt laufen die „Bucs“ dem Rest der Liga hinterher.

Warum will Malcolm Glazer Manchester United kaufen?
Von den vielen Vereinen, die mittlerweile weltweit börsennotiert sind, ist Manchester United wirtschaftlich gesehen bei weitem der Erfolgreichste. Er ist einer der ganz wenigen Fußballvereine, der komplett schuldenfrei ist und regelmäßig Gewinn erwirtschaftet. Zwar verzeichnete United im vergangenen Geschäftsjahr primär aufgrund von Transferaktivitäten und dem frühzeitigen Aus in der Champions League einen Gewinnrückgang von rund 30 % vor Steuern, der operative Gewinn jedoch stieg weiter um 6 %. Was die weltweite Vermarktung der Marke angeht – vor allem im Fernen Osten und in Nordamerika – bleibt United weiterhin absolute Spitzenklasse.

Glazer ist wohl der Meinung, dass er mit dem wirtschaftlich stärksten Verein der Welt noch mehr Gewinn einfahren kann. Dies könnte er dadurch tun, dass er den Merchandising-Verkauf und die Aktivitäten im Bereich „Neue Medien“ noch weiter ausbaut und natürlich die Eintrittspreise, wie im Falle der Tampa Bay Buccaneers, drastisch erhöht. Als viel lukrativer hingegen könnten sich die TV-Rechte erweisen. Sollte sich in Großbritannien auch das Modell durchsetzen, wonach Vereine die eigenen TV-Rechte vermarkten und vertreiben dürfen, dann wären massive Gewinne zu erzielen. Laut Marketing-Manager Mark Goodfellow hat Manchester United weltweit 75 Millionen Anhänger, wovon 40,7 Millionen in Asien zu Hause sind. Da Woche für Woche nur 67.000 Fans Platz im Stadion finden (das Fassungsvermögen wird in den nächsten Jahren auf 75.600 erhöht), sind Wirtschaftsexperten der Meinung, dass hier das weitaus größere Gewinnpotenzial liegt.

Was wollen die Fans?
Die aktiven Fans sind hauptsächlich in zwei Fangruppierungen organisiert, und zwar in der Independent Manchester United Supporters Association (IMUSA) und bei den Shareholders United (SU). IMUSA sieht sich als eine Fan-Initiative, die sich für die allgemeinen Belange der United-Fans einsetzt. SU hingegen ist eine Vereinigung der Kleinaktionäre, die aus dem erfolgreichen Kampf gegen den Medienmogul Rupert Murdoch, der den Verein bereits vor fünf Jahren übernehmen wollte, hervorgegangen ist. Unter den Fans wird die Aktiengesellschaft kritisch beäugt. Die Mehrheit lehnt die übertriebene Kommerzpolitik der Aktiengesellschaft ab. IMUSA setzte sich von Anfang an für eine Vereinsform ein, wie sie in Spanien oder in Deutschland üblich ist. Ein großes organisatorisches Vorbild ist der FC Barcelona, dessen heutiger Vereinspräsident Joan Laporta früher als einfaches Mitglied der Fanvereinigung mit dem witzigen Namen „Blauer Elefant“ Seite an Seite mit IMUSA gekämpft hat. Paradoxerweise sehen sich aber sowohl IMUSA als auch SU derzeit gezwungen, sich dafür einzusetzen, dass der Verein vorerst börsennotiert bleibt und somit der Kontrolle der Börsenaufsicht unterliegt, denn nur so hat man die Gewähr, dass die Geschäfte einigermaßen transparent bleiben.

Beide Organisationen wehren sich mit allen Kräften gegen die Übernahmeversuche Glazers. „Wir werden uns jeder Einzelperson oder Firma entgegenstellen, die den Verein aus finanziellen Gründen übernehmen will“, sagte SU-Vorsitzender Nick Towle. Zusammen mit den drei Fanzines „Red Issue“, „Red News“ und „United We Stand“ haben sie deswegen die Initiative „Not For Sale“ gegründet, um eine Übernahme durch Glazer zu verhindern. Das Ziel von SU ist es, so schnell wie möglich 10,1 % der Aktien unter ihre Kontrolle zu bringen, weil dann kein anderer Aktionär bei einer Beteiligung von 90 % die restlichen Aktionäre zum Verkauf ihrer Aktien zwingen kann. Langfristig peilt man sogar 25 % an, damit der Verein nicht von einem Einzelaktionär von der Börse genommen werden kann. Angenommen Glazer erreicht die o.g. 90 % der Aktien: Würde sich auch nur ein Aktionär weigern, ihm seine Aktien zu verkaufen, müsste Glazer vor Gericht gehen. Deswegen versucht SU jetzt, insgesamt 100.000 Fans für eine neue Organisation (Supporters Trust) zu gewinnen, die gemeinsame Aktien halten soll. „Es geht schließlich nicht nur darum, z. B. 5 % der Aktien zu halten, sondern 100.000 Leute zu haben, die entrechtet wären. „Welcher Richter wird einem Antrag zustimmen, 100.000 Menschen zu entrechten?“, fragt SU-Pressesprecher Oliver Houston.

Was den Fans reichlich Bauchweh bereitet, ist die Tatsache, dass Glazer die Übernahme wohl vor allem mit geliehenem Kapital finanzieren müsste, da sein Eigenkapital nicht ausreicht. Nach heutigen Schätzungen würde der Verein ca. 800 Mio. Pfund (ca. 1,15 Mrd. Euro) kosten, zehnmal mehr als Roman Abramovich für den Chelsea FC zahlte. Wenn sich eine Bank findet, die bereit ist, Glazer finanziell unter die Arme zu greifen, dann wären die Zinsen aus dem vom Verein erwirtschafteten Gewinn zurückzuzahlen. Der Verein müsste also praktisch seine eigene Übernahme finanzieren! Unter den Experten herrscht Zweifel, ob Glazer die Finanzierung überhaupt darstellen kann: „Wir sind uns nicht schlüssig, ob Malcolm Glazer total bekloppt ist oder einen brillanten Plan in der Schublade hat, auf den sonst niemand kommt“, sagte ein Londoner Analyst, der die Situation verfolgt.

Nachdem bekannt wurde, dass Glazer sich ernsthaft um den Verein bemüht, reagierten die Fans sofort. Zunächst versuchte man es mit „direkten“ Methoden. Das Auto eines Vorstandsmitglieds, der Aktien an Glazer verkauft hatte, wurde mit roter Farbe beschmiert. Hinter der Attacke soll das so genannte „Manchester Education Committee“ (MEC) gesteckt haben, eine Gruppe, die sich gerne einer pseudomilitärischen Sprache in ihren Erklärungen bedient. Bei einem Heimspiel der Reservemannschaft marschierten kurze Zeit später ca. 40 vermummte Mitglieder des MEC plötzlich über das Spielfeld, so dass das Spiel unter dem Beifall der Zuschauer unterbrochen werden musste. Sie hielten ein Transparent mit der Aufschrift „Not For Sale“ hoch. In einer Pressemitteilung drohten sie damit, im Verein einen „Bürgerkrieg“ zu entfachen, der auch gegen die Sponsoren und kommerziellen Partner gerichtet würde, sollte das Angebot Glazers angenommen werden.

Als nächstes folgte eine Terrorkampagne gegen Brunswick, die in London ansässige PR-Firma von Glazer. In mehreren einschlägigen Foren wurde augenzwinkernd zu Protesten gegen Brunswick aufgerufen: „Selbstverständlich wäre es höchst unverantwortlich von United-Fans, wenn sie diese Firma mit Hunderten von E-Mail- bzw. Fax-Nachrichten oder Anrufen bombardieren würden, da es für sie dann unmöglich wäre, ihrem alltäglichen Geschäft nachzugehen. Aber wenn sich zwei, drei von uns bei ihnen melden, kann dies nicht schaden. Nicht wirklich, oder?“ Niemand weiß genau, wie viele eMails verschickt, wie viel Meter schwarzes Papier gefaxt oder wie viele Pizzas, Taxis, Klempner oder Müllcontainer im Namen von Brunswick bestellt wurden. Sogar ein Bankett für 250 Personen soll geordert worden sein. In einer Anzeige, in der billige Ferien im Wohnwagen angeboten wurden, wurde die Nummer von Brunswick angegeben. Die Mitarbeiter in der Zentrale wurden schließlich angewiesen, keine eingehenden Anrufe mehr an den völlig genervten Vorstand weiterzuleiten.

Die Aktionen des MEC sind lediglich ein Ausdruck der ganzen Wut, die sich bei vielen Fans aufgestaut hat. Die Strategie von Shareholders United zeugt von wesentlich mehr Professionalität. Es werden Gespräche mit führenden Unternehmensanwälten und Finanzexperten geführt, um die Gegenwehr möglichst effektiv zu gestalten. Außerdem wurde eine Kampagne lanciert, bei der Fans aufgefordert wurden, nur noch Aktien statt Trikots zu kaufen. „Mit den 45 Mio. Pfund, die in den letzten zwei Jahren für Merchandising-Produkte ausgegeben wurden, könnte man 17 Millionen Aktien kaufen. Neben den 18 % der Aktien, die bereits in den Händen aller Kleinaktionäre sind, würde das zusätzliche 7 % der Gesamtanteile für die Fans bedeuten. Das wären die 25 %, die wir brauchen, um eine Übernahme des Vereins zu verhindern“, sagte Oliver Houston.

Die organisierten Fan-Proteste fanden am 24. Oktober vorm Heimsspiel gegen Arsenal ihren vorläufigen Höhepunkt. Hinter der großen Fahne mit der Aufschrift „Not For Sale“ marschierten 5.000 Fans zum Stadion, wo der Megastore gestürmt und von rund 500 Fans besetzt und teilweise verwüstet wurde.

Wie geht es weiter?
Aufgrund des hohen Verschuldungsgrads im Übernahmekonzept von Glazer und nicht zuletzt der Proteste hat sich der Verein schließlich gegen Ende Oktober entschieden, nicht mehr mit Glazer zu verhandeln, nachdem die Verhandlungen zwischen Glazer und den Aktionären Magnier und McManus bezüglich des Kaufs des den Iren gehörenden Aktienpakets auch gescheitert waren. Am 25. Oktober teilte der Vereinsvorstand in einer Mitteilung an die Londoner Börse offiziell mit, dass die Verhandlungen mit Glazer nicht weiter fortgesetzt würden. „Wir haben den Vorschlag überprüft. Ein Schlüsselaspekt hierbei war jedoch die Höhe der vorgesehenen Verschuldung“, begründete der Exekutivdirektor David Gill dem vereinseigenen Sender MUTV gegenüber diesen Schritt. „In Verbindung mit dem vorgelegten Business-Plan war uns somit klar, dass das kein attraktiver Vorschlag ist.“ Niemand weiß genau, was als Nächstes passiert. Gerüchten zufolge war die US-Bank JP Morgan bereit, Glazer den Kauf von 72% der Vereinsaktien zu finanzieren. Nachdem Glazer jedoch auf der Jahreshauptversammlung am 11. November die Wiederwahl von drei United-Direktoren verhindert hatte, winkte JP Morgan ab, mit der Begründung, sie würden keine feindlichen Übernahmen finanzieren. Die Londoner PR-Firma Brunswick zog sich daraufhin auch zurück, nicht nur zur Freude der angrenzenden Pizzabäcker. (Stadionwelt/Stuart Dykes, 01.12.2004)

www.shareholdersunited.org
www.imusa.org
www.mufcnotforsale.com

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