Beobachtungen zur Fan-Situation in Brasilien anlässlich einer aktuellen Umfrage.
Am 19.10.04 treffen nach dem Stadtderby Corinthians gegen FC São Paulo Fangruppen beider Mannschaften zufällig an einer Kreuzung fern des Stadions aufeinander. Nach verbalen Provokationen kommt es zu einer Schlägerei, die mit Schüssen beendet wird. Sie töten den 17-jährigen André Feliciano. Nur wenige Spieltage zuvor hatte sich in Campinas eine größere gewaltsame Auseinandersetzung bei dem Spiel Guarani gegen Corinthians ereignet. Die Zwischenfälle entfachten erneut eine breite Diskussion in der brasilianischen Presse über Fangewalt und Sicherheit im Stadion.
Einmal mehr werden rigide Maßnahmen und die Bestrafung der Übeltäter gefordert. Der Sportzeitung Lance! fällt während ihrer Recherchen zum Thema auf, dass die im Januar beschlossene Einsetzung der „Nationalen Komission für Sicherheit im Stadion“ (CONSEGUE, bedeutet soviel wie „du schaffst es“, ist aber auch Abkürzung für „Comissão nacional de segurança nos estádios“) des Sportministeriums immer noch nicht erfolgt ist. Dies zwingt das Ministerium zum Handeln und nur zwei Wochen später steht die Kommission, rechtzeitig zur Veröffentlichung der Ergebnisse einer von einem Meinungsforschungsinstitut durchgeführten „Fanbefragung“.
Zweifelhafte Ergebnisse
Diese Umfrage diente in erster Linie kommerziellen Zwecken – um die Stärke der Marken der verschiedenen Fußballklubs zu erfassen. Im Interesse der Industrie wurde die Anzahl der Fans pro Mannschaft und ihre Verteilung auf Alter, Geschlecht, Berufsgruppen und Region erhoben. Es ging hier also nicht um Vereinsmitglieder oder organisierte Fans, sondern um Fans im Allgemeinen. Zentrales Ergebnis war, dass die zwölf anhängerstärksten Klubs unverändert die traditionell großen Vereine aus den Städten São Paulo, Rio de Janeiro, Belo Horizonte und Porto Alegre in Brasiliens Süden und Südosten sind. Unter ihnen ragen die volksnahen Arbeitervereine Flamengo aus Rio de Janeiro (1. Platz: 33 Mio. Fans) und Corinthians aus São Paulo (2. Platz: 24 Mio. Fans) heraus. Die Zahlen sind beeindruckend, denn Flamengo hat fast so viele Fans wie Spanien Einwohner. Bei einem momentanen Fassungsvermögen von 65.000 Zuschauern könnte damit das Maracanã-Stadion in Rio de Janeiro 507-mal ausverkauft sein. Doch auch die 2,2 Mio. Anhänger von Fluminense könnten das Maracanã immerhin 33-mal füllen. Das würde in etwa den Heimspielen eines Jahres entsprechen.
Doch dem ist nicht so. Denn die Stadien sind alles andere als ausverkauft. Bis zum 36. Spieltag der brasilianischen Meisterschaft 2004 konnte ein Zuschauerschnitt von nur 7.653 Stadionbesuchern pro Spiel erreicht werden.
Offensichtlich eine Schieflage im „Lande des Fußballs“, wie sich Brasilien gerne selbst betitelt, die auch den Machern der Umfrage ins Auge fiel. Daher wurde gefragt, warum die Befragten nicht ins Stadion gehen. Bei weitem am meisten genannter Grund war mit 79% die Gewalt in den Stadien. Andere Motive: Hohe Eintrittspreise (36%), TV-Übertragungen (23%), schlechte Mannschaften (15%), fehlender Komfort in den Stadien (14%), Anstoßzeiten (7%) und fehlende Stars (4%).
Fan-Organisationen Verbrecher?
Die Umfrageergebnisse führten zu einer weiteren Auflage der Diskussion um Fangewalt und Stadionsicherheit. Schuldige wie auch Lösungen wurden gesucht und auch schnell gefunden, nämlich die großen Fanklubs, die so genannten Torcidas, die man bestraft und verboten sehen wollte. Das Image der Torcidas in der Öffentlichkeit ist schlecht, sie werden als mächtige Verbrecherorganisationen dargestellt, die mit der Drogenmafia unter einer Decke stecken, sich in die Angelegenheiten der Fußballvereine mischen und nur auf Prügeleien aus sind.
Die Diskussion wird allerdings mit überspitzten Argumenten und einseitig geführt. Sicherlich, es gibt Gewalt zwischen den Torcidas, wie nicht allein die eingangs erwähnten Beispiele zeigen. Aber die Verbrechensrate in Brasilien ist hoch – und das spiegelt sich auch im Fußball wieder. Waffenbesitz und Kriminalität anhand eines Verbotes der Torcidas unterbinden zu wollen, wäre ein Herumdoktern an einzelnen Symptomen, anstatt die Wurzeln zu bekämpfen Mittlerweile sind mehrere Feldstudien publiziert worden, die die Verbindung der Torcidas zum organisierten Verbrechen – einem Mythos, mit dem alle suspekten Personenkreise, wie etwa auch Angehörige der Hip-Hop Szene, behaftet werden – widerlegen. Es kann durchaus sein, dass einzelne Fans für die Drogenmafia arbeiten, aber Torcidas als Ganzes nicht. Das Gleiche gilt für die Gewalt. Es kann sein, dass einzelne Fans gewalttätig sind, aber eben nicht alle. Die großen Torcidas haben bis zu 70.000 Mitglieder, da wäre es beinahe ein Wunder, hätte jeder Einzelne eine blütenweiße Weste.
Die immensen Mitgliederzahlen begründen durchaus eine gewisse Machtposition gegenüber den Vereinen. Die Torcidas betreiben auch Lobby-Politik – und das bringt nicht immer Sympathien ein. Doch sie kümmern sich um ihre Mitglieder, verhandeln wegen Eintrittskarten oder organisieren Treffen mit Spielern. Denen werden auch mal die Leviten gelesen, wenn sie eine offenkundige Vorliebe für das Nachtleben an den Tag legen, anstatt überschüssige Energie in das Training zu investieren.
Torcidas sind im Grunde genommen ganz normale Fußball-Fanklubs, deren Sinn und Zweck es ist, Auswärtsfahrten und Stadionstimmung zu organisieren oder einfach gemeinsam im Stadion Spaß zu haben. (Stadionstimmung bedeutet in Brasilien weniger ausgefeilte Choreografien, dafür mehr riesige Schwenk- und Blockfahnen. Das Wichtigste ist jedoch die Perkussionsgruppe, die die Sambarythmen anstimmt.)
Der Soziologe Luiz Henrique Toledo behauptet sogar, dass Torcidas der Gesellschaft einen Dienst erweisen, da sie nicht nur eines der wenigen Freizeitangebote für Jugendliche darstellen, sondern diese auch zur Demokratie erziehen. Die These lässt sich anhand der Tatsache begründen, dass die Torcidas während der Diktatur gegründet wurden und in einigen Fällen maßgeblich am Redemokratisierungsprozess beteiligt waren. Darüber hinaus sind sie demokratisch strukturiert; die Jugendlichen lernen so durch aktive Teilnahme. All dies steht in krassem Gegensatz zu den Fußball-Vereinen und -Verbänden, die eher diktatorisch organisiert sind.
Fatale Eigendynamik
Bei der Umfrage tritt in den Vordergrund, dass die Befragten Angst vor der Gewalt im Stadion haben. Fragt man jedoch Polizisten, Fanforscher, Vereinsfunktionäre oder Politiker, so erfährt man, dass es in den Stadion keine gewalttätigen Zwischenfälle mehr gibt. Wer persönliche Erfahrungen in brasilianischen Stadien gesammelt hat, wird bestätigen können, dass dort äußerst selten, wenn überhaupt, Anlass besteht, sich bedroht zu fühlen. Im Jahr 2004 gab es bisher sechs Tote bei gewalttätigen Auseinandersetzungen zwischen Torcidas – alle fanden weit vom Stadion entfernt zum Beispiel an Bahnhöfen in der Peripherie statt.
Haben also all jene Brasilianer, die den Stadien fernbleiben, Angst vor einem Phantom? Ein genauerer Blick auf die Methodik der Umfrage verrät, warum im Grunde kein anderes Ergebnis zu erwarten war. Denn die zweifelhafte Fragestellung heißt: „Warum gehen Sie nicht ins Stadion?“ Entweder geht der Befragte überhaupt nicht ins Stadion und kann somit die dort herrschenden Umstände nicht aus erster Hand beurteilen, oder er geht ins Stadion, und seine Antwort ist eine Vermutung darüber, warum andere nicht gehen.
Aufschlussreicher bezüglich der Fakten und Beweggründe fiele das Ergebnis aus, würden zu diesem Punkt nur Personen befragt, die früher ins Stadion gingen und heute eben nicht mehr.
So jedoch entwickelt sich eine Eigendynamik, es potenziert sich gerüchtehalber Kolportiertes und mitunter in den Medien falsch Dargestelltes mittels der Multiplikation durch die Umfrage selbst und wiederum der Medien-Berichterstattung über deren Ergebnisse.
Selbstverständlich geht es in und um die Stadien nicht zu 100% friedfertig zu – welche Menschenansammlung böte schließlich kein Konfliktpotenzial. Aber das Polizeiaufgebot, die Eingangskontrollen und Blocktrennungen sind ein wichtiger Bestandteil der Gewaltverhinderung in Stadien, die am Vorortbahnhof entfallen. Es ist offensichtlich, dass hier eine kontraproduktive und übertriebene Gewaltdarstellung betrieben wird.
Klar ist auch, dass weder die Torcidas noch die Presse die alleinige Schuld an den leeren Stadien tragen. Hierzu müssen die anderen in der Umfrage genannten Punkte herangezogen werden. So wurden zu Beginn der Saison die Eintrittspreise um 50% angehoben. Die Vereine werden von Funktionären verwaltet, die am schnellsten Geld verdienen, wenn sie Spieler nach Europa verkaufen. So bluten die Mannschaften aus, kaum noch junge Stars zeigen ihr Können in der Heimat. Konsequenz ist, dass die erste Liga im Land des fünfmaligen Weltmeisters international eher Drittliganiveau hat. Da fällt es schwer, eine Eintrittserhöhung zu erklären. Hinzu kommt, dass der Zuschauer keinerlei Komfort geboten bekommt. Die Toiletten wie auch die Imbissstände sind mit der Bezeichnung „unhygienisch“ gut bedient. Ferner stehen bei lückenhaftem öffentlichem Nahverkehr kaum Parkplätze zur Verfügung. Auch erleichtern die Anstoßzeiten dem potenziellen Besucher die Entscheidung zum Fußball zu gehen nicht. Ergänzt werden könnte die Mängelliste durch dem Image ebenfalls nicht zuträgliche Punkte wie aggressives Polizeiverhalten, chaotische Organisation der Meisterschaftsrunden und korrupte Fußballfunktionäre.
Verbraucherschutzgesetz für Fußballfans
Doch aus Brasilien gibt es aus Fan-Sicht auch Positives zu berichten. Die Stimmung ist fantastisch, denn die Perkussionsgruppen der Torcidas leisten Schwerstarbeit und trommeln 90 Minuten ohne Unterbrechung. Der dazugehörige Liedschatz ist schier unerschöpflich (und voller Schimpfwörter). Da man zur Stadionmusik auch tanzt, entsteht eine Party auf den Rängen, die man sich in Deutschland schlichtweg nicht vorstellen kann.
Man mag die brasilianische Polizei für verschiedene Kurzschlussreaktionen kritisieren können, aber sie ist grundsätzlich flexibel und zeigt sich nicht in einem starren Korsett von Dienstvorschriften gefangen. Viele Meinungsverschiedenheiten werden durch ein kurzes Gespräch unbürokratisch aus der Welt geschafft. São Paulo und Rio de Janeiro haben eine spezielle Stadionpolizei, die sowohl viele Fans kennt, als auch an das Umfeld und die Verhaltensregeln im Stadion gewöhnt ist. So hört man mehr Klagen über die Autobahnpolizei, also die, die sich mit Fanbelangen nicht auskennt, als über die Stadionpolizei.
Im Jahre 2003 wurde ein Verbraucherschutzgesetz für Fußballfans verabschiedet, auf dessen Grundlage auch die Kommission für Sicherheit im Stadion gegründet wurde. Das Gesetz regelt Dinge wie Wettbewerbsregeln (Unveränderbarkeit während laufender Meisterschaft), Sicherheitsrichtlinien und Hygiene im Stadion, Verkehrsanbindung, Vorverkauf, Umgang mit Gewalttätern (Stadionverbote) und sieht Fanbeauftragte vor. In dieser Form stellt es einen Meilenstein für den brasilianischen Fußball dar. Endlich werden Fußballfans als Kunden mit berechtigten Ansprüchen anerkannt. Zudem wird die Transparenz der Wettbewerbsregeln erhöht und Entscheidungen über Ab- oder Aufstiege am grünen Tisch eingeschränkt.
Einer der Artikel besagt aber auch, dass Vereine mitverantwortlich sind für schlechtes Benehmen ihre Anhänger. Dies führte dazu, dass im Oktober hart durchgegriffen und fünf Mannschaften, aus deren Fanblocks Gegenstände auf das Spielfeld flogen, gleichzeitig mit Platzsperren bestraft wurden.
In einigen Punkten wurde das Gesetz aber an der Realität der Torcidas vorbei beschlossen – den postulierten Sitzzwang etwa kann man in deren Kreisen nur belächeln. Ein weiterer Schwachpunkt ist die Regelung der Stadionverbote, bei denen kein standardisiertes Procedere inklusive Höchst- und Mindeststrafen festgelegt wurde. In der Praxis wurden bisher recht unterschiedliche Strafen zwischen drei und sechs Monaten verhängt.
Insgesamt wurden die Erwartungen derer, die sich durch das Gesetzeswerk baldige Verbesserungen versprochen hatten, eher enttäuscht als erfüllt, weil unter anderem die Vereine nicht recht mitziehen mögen.
Dennoch: Die Grundlage für eine viel versprechende Neu-Organisation des brasilianischen Fußballs ist geschaffen. In der Zurückgewinnung von Qualität besteht das entscheidende Potenzial, die Zuschauer zurück in die Stadien zu locken. Diese haben dann auch die Möglichkeit, die Torcidas von ihrer besten Seite zu sehen. (Stadionwelt/Martin Curi Spörl, 01.12.2004)
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