Fanszene-Portrait – Teil 1

Faszination Fankurve 01.11.2005 0 Kommentare

Foto: Faszination Fankurve

Politik und Party.
Dass die Fanszene von Celtic Glasgow seit jeher stark in politische Belange verwickelt ist, hat seine Ursachen in den Gründungsjahren des Vereins.

Eine in Deutschland nicht unpopuläre Meinung besagt, dass Politik im Fußball nichts zu suchen habe. Schon seit Jahren lässt sich über diesen Punkt herrlich streiten, auch deshalb, weil es keine absolute, objektiv festlegbare Antwort geben kann.

Ralf Müller vom „Black Forest CSC“, dem Celtic Supporters Club aus dem Schwarzwald, hat diese Perspektive eingenommen: „Normalerweise sollte man Fußball und Politik trennen, aber bei Celtic geht das nicht“, so seine Meinung. Und einhellig meint George Mirashvili, der vor sieben Jahren des Celtic FC wegen von Wien nach Schottland gezogen ist: „Wenn man versucht, sich dem zu entziehen, kann man Celtic und seine Fans nicht begreifen.“

Der Blick geht zunächst zurück. Zurück in das Irland Mitte des 19. Jahrhunderts, in die Epoche der „Gorta Mor“, der großen Hungersnot mitsamt Auswanderungswelle, die von 1840 an in den folgenden zwei Jahrzehnten die Population Irlands von zwanzig auf vier Millionen reduzierte. Rund 100.000 Iren flüchteten in dieser Zeit nach Schottland, acht Prozent der schottischen Bevölkerung waren fortan irischer Herkunft.

In Glasgow, aber auch in allen anderen Teilen der britischen Inseln gründeten sie in der Blütezeit des Fußballs ihre Clubs, bis heute leicht an der irischen Symbolik mit „Harp“ (dt. Harfe), „Shamrock“ (dt. Kleeblatt), „Hibernian“ (lat. Irland), oder eben Celtic (dt. keltisch) zu erkennen. 1888 entstand die Glasgower Variante Celtic F.C. auf Initiative des Geistlichen Bruder Walfried. Der hatte erkannt, dass sich durch den Club auch Erträge zur Linderung der Not der diskriminierten irisch-katholischen Minderheit erwirtschaften ließen. So wuchs der Club über die Jahrzehnte zu einem Verein der Massen heran, denn auch für die in Schottland geborenen Nachfahren der Auswanderer bot er eine nationale und kulturelle Identität. Celtic ist eine Art Kulturverein für „Irishness“ – und so wird die Religion zum elementaren Bestandteil des Fußballs.

Eine weitere Prägung haben die Anhänger von Celtic durch die Rivalität zum zweiten schottischen Großverein, den Glasgow Rangers, erfahren: Hier die unterprivilegierte irische Bevölkerung, dort, bei den Rangers, die etablierte protestantische Bürgerschaft. Ähnliche Situationen gibt es auf den britischen Inseln noch andernorts, beispielsweise in Belfast zwischen dem royalistischen Linfield FC und dem Cliftonville FC, der wiederum aus einem irisch-republikanisch geprägten Viertel kommt. In vielen anderen Städten hat sich die ursprüngliche Fanschar aber weitaus mehr mit der einheimischen Bevölkerung assimiliert. In Edinburgh erinnern nur noch die grün-weißen Vereinsfarben der Hibs an die Wurzeln.

Bild: Stadionwelt

Bild: Stadionwelt

Dieser Prozess verlief in Glasgow langsamer, wodurch sich die Identität Celtics noch intensiver herausbildete. Noch bis Mitte des 20. Jahrhunderts waren die Gorbals, ein heute weitgehend saniertes Innenstadtviertel, allein von der katholischen Unterschicht bewohnt. Celtic-Legenden wie Tommy Burns stammen von hier. Nicht weit weg beginnen die Bezirke der Rangers-Fans. Bis heute verlaufen so durch den Großraum Glasgow viele unsichtbare Grenzen. Rangers-Pubs gibt es auch in der Nähe des Celtic Park. Der östliche Vorort Coatbridge ist wiederum Grün eingefärbt, und hier gibt es einen Celtic-Fanshop. Der Rangers-Fanshop ist einen Ort weiter im „blauen“ Airdrie zu finden. Immer noch treffen die Jugendlichen aus beiden Orten nach einem „Old Firm“ – so heißt das Derby zwischen beiden Clubs – aufeinander, um es auf ihre Art auszutragen.

Mitten in den Gorbals liegt das Brazen Head. Neben der Bairds Bar, deren Ausstattung eher einem Celtic-Museum gleicht, ist es der wohl bekannteste Celtic-Pub. Hier hängen die Trikots vieler italienischer Vereine an den Wänden, denn die irischstämmige und die italienischstämmige Bevölkerung stehen sich sehr nahe – Katholizismus verbindet. Pubs wie das Brazen Head sind neben den CSCs die Fixpunkte der Fanszene. Zwar gibt es die Celtic Supporters Association, doch ist deren Bedeutung geringer, als man annehmen möchte. In den Pubs findet das Fanleben statt, hier werden die Rituale gelebt. Wenn zur Sperrstunde alle aufstehen und den Abend mit dem Absingen der irischen Hymne beschließen, mag das dem Außenstehenden seltsam vorkommen, doch nur ein paar Lieder zuvor wurden sogar die Opfer der IRA-Hungerstreiks von 1980 besungen.

5.000 kommen aus Irland
Irisch sein ist und bleibt bei vielen Fans die Hauptsache. Weil die Mehrheit der Anteile am Club sogar in der Hand von Iren liegt, ist die Behauptung, Celtic sei ein irischer Verein in einem falschen Landesverband, nicht unbedingt unwahr. Mehr als 5.000 Dauerkarteninhaber kommen aus Irland. An Spieltagen macht sich der lange Treck aus grün-weißen „Hoops“ (dt. Querstreifen) vom Fährhafen Stanraer auf den zweistündigen Weg nach Glasgow. Dort wird bei den Toren „Fiesta“ von den Pogues eingespielt – irischer geht’s kaum – und die irische Fahne weht auf dem Stadiondach. Diese ist seit jeher ein Streitpunkt. Nachdem es bei einem Old Firm 1952 wieder einmal zu Randale kam, forderte der Verband gar, die Fahne einzuholen. Sogar der Ausschluss Celtics aus dem Verband stand im Raum.

Celtic zu zelebrieren ist jedoch keine exklusiv katholische Veranstaltung. Eine Umfrage von 1990 ergab, dass sich neben den 93 Prozent Katholiken auch vier Prozent Protestanten (Tendenz steigend) zu Celtic bekennen. 85 Prozent der „Tims“, so eine andere Erhebung, machen bei Wahlen ihr Kreuz bei der Labour-Partei.

Jock Stein war Protestant – und die meistverehrte Legende, die Celtic jemals hervorbrachte. 1985 verstarb der Trainer der „Lisbon Lions“, der Truppe, die 1967 den Europacup gewann. Auch Protestant Tommy Gemmell war 1967 in Lissabon am Ball. „Der ganze Katholizismus hat mich nicht beeinträchtigt. Ich habe mich auch nie ausgeschlossen gefühlt, denn ich war Teil dieser ganz bestimmten Umgebung. […] Als Celtic-Spieler habe ich einige soziale und politische Perspektiven gehabt, die ich sonst nie kennen gelernt hätte“, sagt er.

Fährt man in dem Versuch nach Glasgow eine Celtic-Fankultur abseits der Polarisierungen und dem irisch-republikanischen Gedanken zu ergründen, ist dies kein leichtes Unterfangen, denn schon nach wenigen Minuten drehen sich die Gespräche wieder um Politik. Doch es gibt die Punkte, die den „Style“ ausmachen, auch wenn Celtic-Fans es selber nie so nennen würden: Beispielsweise gehört die Schalparade mit den „Bare scarves“ – Schals mit reinem Balkenmuster – zum Repertoire. Und wenn es drauf ankommt, singt der Celtic Park „You’ll Never Walk Alone“ lauter als die Anfield Road.

Bei Durchschnittsspielen allerdings – also bei praktisch allen, in denen der Gegner nicht Rangers heißt – lässt die Stimmung durchaus zu wünschen übrig. Vielleicht verständlich, denn die Dominanz in einer Liga, in der, wenn es mal ganz schlecht läuft, schlimmstenfalls ein dritter Platz herausspringt, bringt die Fans auf andere Gedanken: „98 Prozent der Celtic-Fans würden sich wünschen, dass wir uns mit den Clubs in der englischen Liga messen können“, sagt Michael Pringle vom Fanzine „More than 90 Minutes“. Denkanstöße hierzu gibt es immer wieder; doch gehört es zu den traditionellen Eigenarten, dass der Fußball im Vereinigten Königreich in vier Verbände unterteilt ist.

Party-Tour durch Europa
So wenig prickelnd der Liga-Alltag sein mag, so sehr laufen die Celtics Fans im Europacup zur Höchstform auf. Wenn die Celtic-Fans kommen, steht Party auf dem Programm. Der Ruf, friedlich, zahlreich und angeheitert zu sein, eilt den reisenden Massen voraus. Wenn die CSCs aus allen Teilen der Welt die Marktplätze Europas einnehmen, reihen sich viele gerne ein. Aggression geht von den „Bhoys“ (das eingestreute „h“ verleiht dem Wort einen gälischen Anstrich) äußerst selten aus. Sie sind sozusagen PR-Fachleute der irisch-republikanischen Sache, und durch nichts überzeugt man mehr als durch Freundlichkeit. Manchmal allerdings gerät alles ein bisschen aus den Fugen: „8.000 oder 10.000 sind bei den Europacup-Spielen keine Seltenheit, aber 80.000 wie in Sevilla, das war mir echt zu viel“, beschreibt Pringle die Umstände, die dazu geführt haben, dass die Infrastruktur in der Finalstadt des UEFA-Pokals 2003 zusammengebrochen ist, „man hat ja nicht mal mehr ein Taxi bekommen“.

Bild: Stadionwelt

Bild: Stadionwelt

Bis zum Sommer nächsten Jahres hat das Spektakel jedoch Pause. Ein 0:5 bei Artmedia Bratislava bedeutete das schlechteste Europacup-Resultat der Geschichte und das vorzeitige Aus. Abseits der internationalen Bühne stehen jetzt wieder Diskussionen im Vordergrund. Solche etwa, die sich um „Sectarianism“ – die Unterteilung von Gesellschaften aus religösen Motiven – oder Politik drehen. „Es gibt ein paar, die an einem von der Politik losgelösten Fußball interessiert sind“, meint Mirashvili, „und das werden auch immer mehr. Wenn einer vor zehn Jahren diese Einstellung vertreten hätte, hätte man ihn ausgelacht.“

Das in Irland produzierte Fanzine „More than 90 Minutes“ hält sich aus der Politik weitestgehend heraus. Auf der anderen Seite hat das Heft „Tiocfaidh ar la“ (gälisch, „Unser Tag wird kommen“) kürzlich den Betrieb eingestellt, ein Teil der Macher produziert nun die radikal-republikanische Zeitschrift „Iris“. Weiterhin existieren „Not the view“ und „Alternative View“ – beide Namen stehen für eine andere Sicht der Dinge als im offiziellen Vereinsorgan „Celtic View“.

Ob in den Fanzines oder in den Liedern der unzähligen Celtic-Bands, es geht immer wieder um die Loslösung Nordirlands von Großbritannien, mitunter wird dabei die Schwelle zum Radikalismus überschritten. Der Song „Willie Maley“ ist auch und gerade deshalb so beliebt, weil sich einige Textpassagen auf „IRA“ reimen, das oft genug mitgesungen wird. Ebenso üblich sind Sympathiebekundungen für den IRA-Aktivisten Dixie, der trotz des so genannten Karfreitagsabkommens in Haft blieb. In dieser Glorifizierung einer Organisation, die lange Zeit das Mittel des Terrors wählte, um ihre Ziele zu erreichen, bekommt der Mythos Celtic Kratzer. Beim Verein sind solche Ansichten ebenfalls nicht erwünscht. „Die Lieder mit den eingebauten Pro-IRA-Passagen werden im Celtic Park so gut wie nicht mehr gesungen. Celtic FC hat dafür gesorgt, dass viele republikanische Fans aussortiert wurden. Bei Auswärtsspielen und in Europa sieht das aber wieder ganz anders aus“, erklärt Marco Seiffert vom St. Pauli CSC.

Wenn man aber diese Sichtweise einen Schritt weiter denkt, kommt unweigerlich die Frage auf, warum sich gerade die linkspolitisch engagierten Fans des FC St. Pauli zu einem Club hingezogen fühlen, in deren Fanszene offen nationalistische Gedanken formuliert und deren gewalttätige Umsetzung propagiert wird. Sind sie in dem Punkt eventuell dem sprichwörtlichen Wolf im Schafspelz aufgesessen? „Um das zu verstehen, muss man wissen, dass im politischen Spektrum Schottlands die nationalen Tendenzen links angesiedelt sind“, sagt Politologe und Celtic-Fan Mirashvili. Auch Michael Pringle schwächt ab: „Es werden viele Dinge besungen, nach denen die Leute aber nicht leben würden, einfach weil es ihnen zu radikal ist.“ Unter dem Strich ist es auch ein Stück weit die „Folklore“, die jede Fanszene betreibt.

Bis heute ist die Gegend rund um den Celtic Park an Spieltagen eine „no-go-area“ für rechte Gruppen, denn das politische Engagement bleibt links. Michael Pringle: „Letztes Jahr kamen 6.000 Asylbewerber nach Glasgow. Leute wie diejenigen, die Celtic gegründet und aufgebaut haben. Wir kennen unsere Traditionen und handeln danach.“ Für die Fanszene von Celtic sind solche Werte zu einer Maxime geworden – bis heute. (Stadionwelt, 01.11.2005)

Bild: Stadionwelt
Bild: Stadionwelt
Bild: Stadionwelt
Bild: Stadionwelt

0 Kommentare

Schreibe einen Kommentar

weitere Beiträge