Wilde Zeiten am Zoo

Faszination Fankurve 01.04.2006 0 Kommentare

Foto: Faszination Fankurve

In der Beziehung zwischen Fans und Clubführung des Wuppertaler SV kriselt es. Die vor kurzem gegründete „Initiative 1954“ (www.initiative1954.de) nimmt Stellung zu den Vorkommnissen.

Stadionwelt: Wie kam es zur aktuellen Situation?
Initiative 1954: Im Winter 2003 beschloss der WSV die Fusion mit Borussia, im Sommer 2004 wurde der Erfolgstrainer Kreß aus ungeklärten Gründen entlassen und durch einen ehemaligen Borussia-Trainer ersetzt. Dadurch entstanden die ersten Proteste gegen die Fusion, die Supporter-Vereinigung gründete sich. Am 11.8.04 eskalierte die Lage, als es nach einem Streit von Fusionsgegnern und -befürwortern zu einem fragwürdigen Polizeieinsatz kam, den ein Fan fast mit dem Leben bezahlte. Danach einigte man sich auf eine Art Waffenstillstand. Die Supporter gingen auf den Verein zu und übernahmen viele Aufgaben im Fanbereich. Alles auf eigenes finanzielles Risiko. Präsident Runge forderte sogar die Supporter auf, 200 Mitglieder in den Verein zu bringen, um die Rückbenennung durchzubekommen. Zwei Jahre war mehr oder weniger Ruhe im Verein. Kurz vor der JHV 2006 drehte sich Runge um 180 Grad und stellte klar, dass er keine Rückbenennung mehr wolle.

Stadionwelt: Dreht sich der Konflikt nur um die Frage der Rückbenennung?
Initiative 1954: Die ganze JHV war eine Farce. Der Trainer verglich traditionsbewusste Fans mit religiösen Fanatikern aus dem Mittleren Osten, der Versammlungsleiter hielt eine Rede über preußische Tugenden, bei Abstimmungen schätzte man die Stimmen, Fans wurde das Wort entzogen oder verweigert, und im Gegenzug forderte die Vereinsseite immer wieder, die demokratischen Regeln einzuhalten. Zu guter Letzt stellte sich Runge vor Leute, die den WSV seit 30 oder mehr Jahren überall hin begleiten, und sagte: „Beweist mal, dass Ihr echte WSV- Fans seid!“ Es geht den Leuten definitiv nicht mehr nur um die Namensfrage, sondern darum, dass der Verein seinen Fans endlich mit dem nötigen Respekt entgegen tritt.

Stadionwelt: Runge stellte bereits seinen Rücktritt in Aussicht. Was hat eurer Meinung nach zu dieser Haltung geführt?
Initiative 1954: Dahinter steckt eiskalte Berechnung. Die Forderung an die Kritiker, innerhalb einer Woche einen neuen Sponsor zu besorgen, konnte gar nicht erfüllt werden. Seit 15 Jahren weiß keiner um die Finanzen des Vereins Bescheid. Runge stellte somit nur erneut die Fans bloß.

Stadionwelt: Wäre mit dem Rücktritt von Runge das größte Problem vom Tisch, oder gibt es da tiefergehende Konflikte?
Initiative 1954: Ob Runge einen Rücktritt vom Rücktritt macht, das weiß letzten Endes nur er. Sicher ist nur eins: Hauptgeldgeber und 1.Vorsitzender – das passt einfach nicht, wie die aktuelle Situation uns deutlich vor Augen hält. Das ist auch eiskalte Berechnung von Runge. Hätte er seine Schlinge der Abhängigkeit nicht so eng um den WSV gezogen, könnte er sich nicht so verhalten. Seine Verträge wird er aber noch erfüllen. Wenn aber kein Sponsorenpool aufgebaut wird, um finanziell unabhängig zu sein, steht der WSV in spätestens 1 1/2 Jahren vor der Insolvenz. Die Vereinsstrukturen sind völlig veraltet. Die Leute kommen einfach nicht damit klar, dass Vereinsmitglieder plötzlich mal etwas hinterfragen oder das Vereinsrecht studieren.

jawattdenn.de

jawattdenn.de

Stadionwelt: Welche Folgen hatte die Fusion für die Fanszene?
Initiative 1954: Da sich in den Medien der Vereinsname ständig verändert, fehlt etlichen Leuten die Identifikation mit dem WSV. Plötzlich sind wir nur noch als „Borussen“ bekannt. Die Marke WSV ist verloren gegangen. Die ganze Stadt war im Aufstiegsjahr im WSV-Fieber, doch nach dem ganzen Theater mit der Fusion ist der WSV wieder die Lachnummer, wie in der Oberliga. Die Zuschauerzahlen sinken stetig. Man kann eigentlich sagen, die größte Protestgruppierung sind die Leute, die nicht mehr kommen.

Stadionwelt: Wie ist der Rückhalt für euren Protest in der Szene?
Initiative 1954: Es solidarisieren sich wirklich viele Leute, auch aus Richtungen, mit denen wir nie gerechnet hätten. Anfeindungen gibt es natürlich auch. Das Internet-Gepöbel ist ja noch halb so wild. Ein Interview von Runge verursachte aber Anfeindungen auf einer anderen Ebene. Er warf den Supportern wörtlich vor, die ganze Stadtbevölkerung seit drei Jahren zu verarschen, und wenn dies bekannt würde, wüsste er nicht, wo diese Leute noch leben wollen. Dadurch sahen sich einige „Runge-Treue“ genötigt, bekannten Supporters-Mitglieder auf der Straße nachzustellen oder mit Anrufen zu terrorisieren.

Stadionwelt: Wieviele Fanclubs sind „Commando Wuppertal“ und „Ultras Wuppertal“ gefolgt und haben sich aus der Liste der offiziellen Fanclubs streichen lassen?
Initiative 1954: Nimmt man die Zahlen der Vereins-Homepage als Grundlage, haben sich bisher zehn Fanclubs mit 187 Mitgliedern distanziert. Die Supporter-Vereinigung mit 228 Mitgliedern wird mit ziemlicher Sicherheit folgen, das macht 415 Fans. 147 organisierte Fans bleiben noch auf Borussias Seite. Ein Regime, dem das Volk davon läuft… Es gab einen Fanbeauftragten, der war aber nach dem Rückzug der aktiven Fanszene fast arbeitslos und ist dann auch zurückgetreten.

Stadionwelt: Wie viele Mitglieder hat die Initiative 1954?
Initiative 1954: Es sind ca. 200 Leute, Tendenz steigend. Die Grenzen zwischen Ultras, Kutten, Normalos, Supportern usw. sind quasi nicht mehr da. Wir sind alle WSV Fans! Wir sind der Verein!

Stadionwelt: Welche Aktionen habt Ihr durchgeführt?
Initiative 1954: Bis jetzt haben wir es geschafft, bei jedem Spiel eine Aktion durchzuführen. Unter anderem verlassen wir nach dem Anpfiff das Stadion und bleiben dem Spiel 19 Minuten und 54 Sekunden fern. (Stadionwelt/01.04.2006)

jawattdenn.de
jawattdenn.de

0 Kommentare

Schreibe einen Kommentar

weitere Beiträge