„Nicht alles so rosig, wie es aussieht“

Faszination Fankurve 01.08.2006 0 Kommentare

Foto: Faszination Fankurve

Der Mainzer Fußball ist endgültig auf der großen Fußballbühne angekommen. Alex „Enoy“ Schulz von der Ultraszene Mainz erklärt, inwiefern sich die Szene bis dato angepasst hat.

Stadionwelt: In der letzten Saison habt ihr zum ersten Mal international gespielt. Wie war’s?
Schulz: Für jeden von uns war das ein riesiges Erlebnis, und noch heute wärmen wir die Erinnerungen auf. „Nutten, Bier und Spielautomaten“ – das war unser Gesang zu den Touren, deren Ziele unterschiedlicher nicht hätten sein können: die Hitze in Spanien, ein Stadion voller Soldaten in Armenien. Dort liegt der Preis für ein Bier bei 25 Cent. Sie haben uns 50 Cent abgenommen, und wir haben darüber gelacht. In Island hat das Bier dann zwölf Euro gekostet.

Stadionwelt: Gab es im zweiten Erstligajahr weniger Party und mehr Alltag?
Schulz: Die Normalität hat uns auf jeden Fall eingeholt. Wir sind nicht mehr der kleine, immer fröhliche Verein, und deshalb ist inzwischen auch der Abstand zwischen Vereinsführung und Fanszene gewachsen. Aber es gibt runde Tische, bei denen die Sachen besprochen werden.

Stadionwelt: Trotzdem hörte man von einem Konflikt mit dem Verein aufgrund diverser Spruchbänder sowie unterschiedlicher Meinungen innerhalb der USM, wie man sich dem Verein gegenüber positionieren will.
Schulz: Manche wollen mit aller Konsequenz ihre Ideale vertreten, dann gibt es aber auch einen Teil, der Kompromisse finden möchte, weil er sich sagt: Die Entscheidungsträger sitzen ohnehin am längeren Hebel.

Stadionwelt: Mit Nachteilen für das Gruppengefüge?
Schulz: Natürlich hat der Zusammenhalt etwas gelitten, und es gab auch innerhalb der USM eine gewisse Gruppenbildung – wie sicher auch in jeder anderen Gruppe. So ergab sich beispielsweise ein Wechsel des Vorsängers. Ludwisch, der diesen Job bis Saisonmitte ausübte, engagiert sich jetzt mehr bei den Supporters Mainz. Die Supporters sollen zukünftig das Bindeglied zwischen Verein und aktiver Fanszene sein. Wirkliche Konflikte gibt es aber nicht.

Bild: Stadionwelt

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Stadionwelt: Die Mainzer Fans zeigen sich mal in Partylaune, manchmal konfliktfreudig. Eine Fanszene mit zwei Gesichtern?
Schulz: Es ist sicher nicht alles so rosig, wie es aus der Distanz immer aussieht. Es gibt neben dem Fußballpartyvolk den kleinen Teil, der nicht immer nur Tralala will und eine ernsthaftere Fankultur pflegt. Der große Teil interessiert sich aber nicht für Bannerplätze oder Ähnliches. Ein Grabenkampf wird das aber nicht werden. Fast alle im Stadion schauen auf die Ultraszene Mainz, und im Zweifelsfall orientieren sie sich auch an uns.

Stadionwelt: Schalparaden und Humbas gehören zu euren Stärken…
Schulz: Wir sind ja auch der einzige Verein, bei dem das legitim ist, denn das Lied entstammt der Mainzer Fassnacht. Als die Humba vor über zehn Jahren in Frankfurt aufkam, war das ja auch nichts anderes als eine Parodie der Mainzer Lebensart.

Stadionwelt: In jener Zeit entstand „Attacke Mainz“, die seinerzeit eure Fankultur prägte, die es aber seit der letzten Saison nicht mehr gibt. Warum?
Schulz: Sie waren ab 1997 die ersten, die zusammen mit Rheinfire und den Fanatics mit Pyro und Doppelhalter agierten. Die beiden anderen Gruppen haben sich schon vor einiger Zeit zurückgezogen, auch wenn die Fanatics ein Revival erlebten. Nachdem „Attacke“ in Frankfurt zum zweiten Mal eine seiner Zaunfahnen „verloren“ hatte, beschlossen sie ein paar Tage später ihre Auflösung.

Stadionwelt: Was eine sehr „italienische“ Auslegung der Prinzipien ist…
Schulz: …aber eine sehr konsequente, wenn man sich Ultra auf die Fahne geschrieben hat und nicht in der Lage ist, auf das Banner aufzupassen. Weil es aber eine der ältesten Fahnen der Fanszene ist und diejenige, die am meisten rumgekommen war, hat sie allen viel bedeutet.

Stadionwelt: In Mainz wird über den Standort eines neuen Stadions diskutiert. Wie ist das Stimmungsbild in der Fangemeinde?
Schulz: Da wird viel taktiert – auch mit dem Fanwillen. Der Großteil würde gerne in Mainz bleiben, aber nicht um jeden Preis. Nur soviel: Nachdem das Land in den letzten Jahren viel für Kaiserlautern getan hat, wären wir jetzt an der Reihe. (Stadionwelt, 01.08.2006)

Bild: Stadionwelt
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