Der Dokumentarfilmer und Fußballbuchautor Ben Redelings (30) thematisiert nach zwei Filmen über den VfL Bochum in seinem neuesten Werk den gesellschaftlichen Wandel des Fußballs.
VIP-Loge und Bratwurststand liegen im Stadion zwar nah beieinander, sind aber irgendwie doch Welten entfernt. Dazwischen geht Redelings mit Martin Brand der Frage nach: „Wem gehört das Spiel?“ So lautet auch der Titel seines aktuellen Films, der gestern in Bochum Premiere feierte.
Stadionwelt: Stichwort „Sommermärchen“ und „Warum halb vier?“. Nachdem das Thema Fußball vom deutschen Film jahrzehntelang links liegen gelassen wurde, trauen sich in der letzten Zeit immer mehr Dokumentarfilmer an den zeitweise verpönten Fußball ran. Womit hängt das zusammen?
Redelings: Das Image des Fußballs hat sich seit den 80er Jahren radikal gewandelt. Damals war Fußball als Proletensport verschrien. Viele haben vor allem die regelmäßigen Schlägereien in Erinnerung. Im Zuge der kommerziellen Vereinnahmung gab es den positiven Nebeneffekt, dass auch „intellektuelle Gruppen“ den Fußball für ihre Arbeit entdeckt haben.
Stadionwelt: Gib bitte eine kurze inhaltliche Zusammenfassung des Films!
Redelings: Im Grunde geht es um eben jenen bereits erwähnten radikalen Wandel des Fußballs seit Mitte der 80er Jahre. Nach Heysel wurden beispielsweise in England gezielt komplette Gruppen unliebsamer Fans aus den Stadien gedrängt. Zum einen geschah das durch massiv angehobene Eintrittspreise, zum anderen durch Sanktionen. In Deutschland sind vergleichbare Maßnahmen, wie etwa Stadionverbote, heutzutage ein beherrschendes Thema. Dazu hat sich die Darstellung des Fußballs durch Medien wie die „Samstagabend-Show“ ran oder die Sport-Bild stark verändert.

Die Bilder aus den Stadien haben sich verändert.
Stadionwelt: Was für Kosten sind Euch entstanden? Wie lange dauerten die Vorbereitungen?
Redelings: „Wem gehört das Spiel?“ ist ein durch und durch unkommerzielles Projekt, das wir komplett aus eigenen Mitteln finanzieren mußten. Das Fußballgeschäft sucht eine positive Darstellung, sprich die Macher wollen eher das „Sommermärchen“ als die Erkenntnis, daß es auch andere Jahreszeiten gibt. Von der ersten Idee bis zum letzten Schnitt hat die Arbeit an dem Film zwei Jahre in Anspruch genommen.
Stadionwelt: Warum glaubst Du ist das Thema Kommerzialisierung für viele Fans von derart großer Bedeutung?
Redelings: Seit einiger Zeit herrscht unter vielen Fans eine diffuse Frustration. Schneller als noch vor ein paar Jahren werden Trainerentlassungen gefordert oder die „Scheiß-Millionäre“ ausgepfiffen. Wir vermuten, daß das auch mit der großen Distanz und der fehlenden emotionalen Nähe von Verein und Fans zu tun hat. Was unserer Meinung nach eine direkte Folge des Wandels im Fußball ist.
Stadionwelt: Ist das Thema Kommerzialisierung immer noch aktuell?
Redelings: Sicher! Die Frage ist nur, wohin uns der schleichende Kommerz führt. Die Bundesliga befindet sich auf dem Weg Richtung „Operettenliga“. Eine Amerikanisierung des Sports wird auch hierzulande kaum aufzuhalten sein. Und leider kann man sich sicher sein, daß beispielsweise die FIFA bestimmt nichts dagegen unternehmen würde.
Stadionwelt: Ihr habt namhafte Personen für das Projekt gewinnen können: Erzähl bitte was dazu!
Redelings: Das war besonders spannend! Jeder der Befragten hatte zu dem Thema etwas zu sagen. Und selbst Holger Hieronymus von der DFL hat letztendlich bestätigt, dass die Kommerzialisierung des Fußballs nicht aufzuhalten sei. Grönemeyer zum Beispiel machte klar, daß die Fußballstimmung in England sehr deutlich unter den kommerziellen Einflüssen gelitten hat. Während des Interviews für den Film – ein Tag nach der Eröffnungsfeier in Berlin – regte er sich auch über die, seiner Meinung nach durch und durch vermarktete Weltmeisterschaft auf.
Stadionwelt: Kommen auch „normale“ Fans zu Wort?
Redelings: Selbstverständlich haben wir nicht nur Promis wie Grönemeyer oder Fußballspieler vom Schlage eines Yves Eigenrauch vor die Kamera geholt. Auch die Meinung klassischer Fußballfans, Ultras, BAFF-Aktivisten usw. war uns wichtig!
Stadionwelt: An wen richtet sich der Film?
Redelings: An sämtliche Fußballfans und –interessierte!
Stadionwelt: Wird der Film ausschließlich in Bochum zu sehen sein?
Redelings: Wir sind bemüht, den Film weiterzutragen. Bei Interesse an einer Vorführung kann man uns jederzeit gerne kontaktieren.
Stadionwelt: In einer Presseinformation behauptet ihr, die Antwort auf die Titelfrage tatsächlich gefunden zu haben. Ist das überhaupt möglich – immerhin beansprucht jeder auf seine Weise den Fußball für sich?
Redelings: Leider gibt es eine klare Antwort. Man müßte naiv sein zu glauben, daß der Fußball noch den Fans oder Spielern gehören würde. Wahrscheinlich gehört er nicht einmal mehr den Vereinen… (Stadionwelt, Christopher Pauer, 17.11.2006)
Weitere Infos:
„Wem gehört das Spiel? Über FIFA, VIPs und Fußballfans“ im UCI/Bochum vom 17.11.-22.11.2006 täglich um 18 Uhr.
Informationen zu dem Film gibt es auf www.scudetto.de

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