Sinnbild für ein ganzes untergegangenes Land

Faszination Fankurve 06.12.2006 0 Kommentare

Foto: Faszination Fankurve

Nach seinem Erstlingswerk „Schwarzer Hals, gelbe Zähne“ über die Fans von Dynamo Dresden hat es den Autor Veit Pätzug (34) dieses Mal zum sächsischen Rivalen Lok Leipzig verschlagen.

Zusammen mit Co-Autor Thomas Franke (29) portraitiert er in „Von Athen nach Althen – die Fanszene von Lok Leipzig zwischen Europacup und Kreisklasse“ die Anhängerschaft des Traditionsvereins.

Stadionwelt: Gleich etwas vorweg, das sich vermutlich viele fragen werden: Du selbst machst keinerlei Hehl daraus, Anhänger von Dynamo Dresden zu sein! Gab es deswegen aus Lok-Kreisen Vorbehalte? Hattest Du nicht ständig ein mulmiges Gefühl?
Pätzug: Ein leicht mulmiges Gefühl war da, schließlich ist die Rivalität zwischen Dynamo und Lok riesig. Mein Co-Autor Thomas Franke, einer der führenden Lok-Ultras, führte mich in die Szene ein: Ich wurde nach und nach von alt und jung, von friedlich bis zur Gewalt neigend, akzeptiert; teilweise sogar mit offenen Armen empfangen. Viele Lok-Fans fanden mein Buch über Dynamo gut, weil ich mir jegliche Kommentierung verkniffen habe. Das schlichte Beschreiben hat mir also den Weg geebnet.

Stadionwelt: Wieso gerade ein Buch über Lok und keinen anderen, momentan erfolgreicheren Verein?
Pätzug: Da hat ein bisschen der Zufall mitgespielt. Thomas Franke wollte im Februar 2006 für das Fanzine „Tatort Stadion“ etwas über mein Erstlingswerk bringen. Dann habe ich ihm kurzerhand vorgeschlagen, gemeinsam ein ähnliches Projekt über die Fans von Lok Leipzig in Angriff zu nehmen. Das Ergebnis kann man jetzt in Buchform bewundern!

Blick zurück ins Jahr 1970.

Blick zurück ins Jahr 1970.

Stadionwelt: War die Arbeit schwieriger als bei Dynamo?
Pätzug: Es war definitiv nicht schwieriger. Bei Dresden war ich quasi ein Quereinsteiger. Durch die bestehenden Kontakte von Thomas Franke standen viele Türen bereits offen. Das spiegelt auch die Dauer der Recherche wieder: Für „Schwarzer Hals, gelbe Zähne“ habe ich zwei Jahre gebraucht. Jetzt war gerade mal ein Dreivierteljahr notwendig!

Stadionwelt: Welchen Leserkreis möchtet Ihr ansprechen?
Pätzug: In erster Linie natürlich die Lok-Szene in Leipzig. Seit dreizehn Jahren gab es kein Buch über Lok, geschweige denn seine Fans. Sämtliche Anhänger haben auf so ein Werk lange gewartet.
Hintergründig werden beispielsweise die gesellschaftlichen Veränderungen in der Wendezeit beleuchtet – das ist auch für Nicht-Leipziger interessant. Im Vorwort habe ich folgendes geschrieben: Die Fans von Lok scheinen mir dabei exemplarisch zu stehen für ein ganzes untergegangenes Land und das Wiederfinden in einer drastisch veränderten Gesellschaft.

Stadionwelt: Wie waren die Reaktionen auf dein erstes Buch?
Pätzug: Die Reaktionen waren überwiegend positiv. Unter anderem hatte ich eine Rezension in der „Zeit“, der MDR hat berichtet. Viele waren über die Einblicke richtiggehend erschüttert. Lob gab es für den fairen und sachlichen Umgang. Wenige, das will ich nicht verschweigen, haben mir Gewaltverherrlichung vorgeworfen. Schon damals habe ich gesagt: Ich habe die Gewalt nicht erfunden, ich zeige nur wie sie ist. Aus der Fußballszene gab es übrigens bundesweit durchweg positive Resonanz.

Erinnerung an eine erfolgreiche Zeit.

Erinnerung an eine erfolgreiche Zeit.

Stadionwelt: Wie war der kommerzielle Erfolg von „Schwarzer Hals, gelbe Zähne“?
Pätzug: Die 2. Auflage, insgesamt um die 5.500 Bücher, ist so gut wie weg!

Stadionwelt: Und finanziell?
Pätzug: Leben kann man davon nicht, weil einfach nicht viel Geld hängen bleibt. Im Grunde muss man wohl etwas freakig sein, um solche Bücher zu schreiben!

Stadionwelt: In England verdienen Autoren ähnlicher Stoffe Unsummen und sind in den Bestsellerlisten vertreten…
Pätzug: So weit ist man in Deutschland einfach noch nicht: Auf der Insel ist das Interesse an derartigen Themen größer. Vielleicht wird sich das hier aber in zehn Jahren ein wenig geändert haben!

Stadionwelt: Sind weitere, ähnliche Projekte in Planung?
Pätzug: Ja! Verraten möchte zum jetzigen Zeitpunkt aber nur soviel: Es geht Richtung 1. Liga. Lasst Euch also überraschen!

Platzsturm im Derby gegen Sachsen Leipzig (1999).

Platzsturm im Derby gegen Sachsen Leipzig (1999).

Stadionwelt: Besteht möglicherweise sogar Interesse größerer Verlage?
Pätzug: Anfragen größerer Verlage waren schon beim Dresden-Buch da, aber die Bindung an den SDV-Verlag war mir dieses Mal noch wichtiger. Die haben mich entdeckt und „gehypet“.

Stadionwelt: Kannst du eine kleine Anekdote aus dem Buch erzählen?
Pätzug: Die Interviews mit den Szeneleuten sind voller Anekdoten. Beispielsweise haben sich festgenommene Fans von Lok in der „anarchischen“ Wendezeit schon einmal für 5 Ost-Mark bei der Polizei freigekauft.

Stadionwelt: Bei „Schwarzer Hals, gelbe Zähne“ kamen aus Richtung Fanprojekt Vorwürfe, das Buch wäre gewaltverherrlichend? Hatte das dieses Mal Einfluss?
Pätzug: Ganz klar! Wir haben auf die Darstellung gesellschaftlicher Zusammenhänge noch mehr Wert gelegt!

Stadionwelt: Wie ist die Struktur der Szene bei Lok Leipzig: Eher jung oder eher alt?
Pätzug: Die Szene bei Lok ist kunterbunt gemischt vom aktiven, jungen Ultra bis zum erfahrenen Althauer gibt es alles. Die junge Szene ist allerdings ziemlich radikal in Bezug auf Politik und Gewalt. Das oftmals transportierte rechte Image der Fans ist nicht vollkommen falsch, allerdings sollte man dazu sagen, dass der Verein und auch viele Fans einiges dagegen unternehmen!

Bild 4

Stadionwelt: Stichwort Sachsen respektive Chemie – Leipzig dürfte in der Bundesrepublik eine Sonderstellung einnehmen: Angeblich soll es auch fern des Fußballs unter der Woche hin und wieder zur Sache gehen!
Pätzug: Das stimmt. Der Konkurrenzkampf liegt in Leipzig täglich in der Luft und zieht sich durch die letzten Jahrzehnte. Aus Dresden war mir eine solche Art der Rivalität vollkommen neu, weil beispielsweise der DSC keine Rolle mehr spielt. Das hat mich anfangs schon sehr irritiert, aber teilweise auch fasziniert. Der Reiz des Fußballs in Leipzig, mit zwei unterklassigen Vereinen, liegt vor allem in dieser Rivalität!

Stadionwelt: Wie steht der Verein zu dem Projekt?
Pätzug: Der Verein hat das Projekt von Anfang an gefördert. Unter anderem haben wir ein Interview mit dem Präsidenten machen können, und uns wurde die Nutzung des Vereinswappens kostenfrei zur Verfügung gestellt.

Helden von einst.

Helden von einst.

Stadionwelt: Gab es wieder eine Zusammenarbeit mit der Polizei?
Pätzug: Bisher gab es die nicht. Für die Nachauflage ist allerdings schon eine Zusammenarbeit mit einem Szenekundigen Beamten in Planung. Irgendwie gehören auch die SKB zum Fußball!

Stadionwelt: Wie hat sich diese Arbeit auf Dich als Fan von Dynamo Dresden ausgewirkt?
Pätzug: Ich bleibe weiter zu 100% Fan von Dynamo Dresden – das ist doch klar, habe aber wertvolle Einblicke in einen vielschichtigen Verein erhalten dürfen. Ich bin dankbar diese Szene kennen gelernt zu haben. Der Verein ist auf einem guten Weg. (Stadionwelt/Christopher Pauer, 06.12.2006)

(Foto-Hinweis: Alle Bilder sind dem Buch entnommen.)

Von Athen nach Althen

„Von Athen nach Althen – Die Fanszene von Lok Leipzig
zwischen Europacup und Kreisklasse“
kann hier bestellt werden.

Blick zurück ins Jahr 1970.
Blick zurück ins Jahr 1970.
Erinnerung an eine erfolgreiche Zeit.
Erinnerung an eine erfolgreiche Zeit.
Platzsturm im Derby gegen Sachsen Leipzig (1999).
Platzsturm im Derby gegen Sachsen Leipzig (1999).
Helden von einst.
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