Eine Studie zum Thema: Die Weltmeisterschaft in Deutschland aus Sicht der brasilianischen Fans.
Die brasilianische Fangruppe spielte eine besondere Bedeutung in der deutschen Vorfreude auf die Weltmeisterschaft 2006. Man erwartete eine bunte, fröhliche Menge, die mit ihrer Partylaune, Sambatrommeln und nicht zuletzt schönen Frauen dem Turnier einen besonderen Farbtupfer verpassen würde.
Diese Erwartungen wurden enttäuscht. Die brasilianischen Fans waren sehr still und bewegungslos im Stadion. Statt schöner, farbiger Frauen kamen ältere, weiße und bierbäuchige Herren, die wenig Sambalaune versprühten.
Brasiliens Fans in Berlin. Bild: Martin Curi
Ein Team des Sportinstituts der staatlichen Universität Rio de Janeiros begleitete die brasilianischen Fans in Deutschland zum Zwecke einer empirischen Erhebung. Demografische Daten, Erwartungen und Zufriedenheit mit der WM standen im Mittelpunkt des Interesses. Noch kurz vor Ende des Jahres 2006 veröffentlichte das Institut seine Ergebnisse, die etwas dazu sagen können, wie nicht nur die Seleção, sondern auch ihre Anhänger zu einer der größten Enttäuschungen dieser WM wurden.
Es wird nicht sehr überraschen, dass es sich bei den brasilianischen Fans zum größten Teil um Vertreter der oberschicht handelte. Über 68% der Befragten gaben an, dass sie mehr als zehn Mindestlöhne pro Monat verdienen würden. Das bedeutet das zehnfache Einkommen eines durchschnittlichen Arbeiters.
Außerdem wurde die WM zu einer Art Migrantentreffen. Etwa ein Viertel gab als Wohnsitz einen Ort außerhalb Brasiliens an. Von denen, die direkt aus Brasilien anreisten, kamen etwa 50% aus dem Südosten, in dem die Metropolen Rio und São Paulo liegen. Man muss sich also fragen, inwieweit diese wohlhabenden Personen, die zu großem Teil nicht einmal in Brasilien leben, überhaupt echte brasilianische Fankultur kennen.
Ex-Nationalspieler Junior und Simbolfan Bola Sete, die wandelnde Litfaßsäule, in Berlin. Bild: Martin Curi
Tickets für Reisebüros und Gewinnspiele
Man kann die brasilianischen WM-Touristen in zwei Gruppen teilen: zum einen gab es die Gruppen, die mit einem Reisepaket einer Agentur kamen und zum anderen Individualreisende. Erstere Gruppe musste zwar viel Geld für das Paket ausgeben, doch sie hatte die Garantie auf Eintrittskarten für Spiele ihrer Nationalmannschaft, denn der Verband CBF hatte alle Tickets an eine Reiseagentur verkauft. Ihr Aufenthalt war komplett durchorganisiert: vom Hotel in Köln über die Stadtrundfahrten bis zum Transport zum Stadion. Ein Teil dieser Gruppe hatte seine WM-Reise in einem Preisausschreiben eines brasilianischen Sponsors gewonnen. Sie waren leicht an ihrem einheitlichen Auftreten mit Werbeaufdrucken zu erkennen.
Auf der anderen Seite hatten die Individualreisenden zwar die Möglichkeit Deutschland zu sehen, jedoch keine Ticketgarantie. Sie versuchten es über die WM-Homepage oder den Schwarzmarkt. Oft waren sie schon frühzeitig am Spielort, besuchten die Stadt, das Fan Fest und die Fanbotschaft und hofften, irgendwie an Eintrittskarten zu kommen.
Unter diesen Fans befand sich auch die kleine Gruppe der Symbolfans, die aufgrund ihrer Kleidung oder eines auffälligen Verhaltens zu kleinen Berühmtheiten wurden, wie einst der kolumbianische Kondor bei der WM 1990 in Italien. Brasilien hat mindestens zehn solcher Fußballbegeisterter mit eigenem Internetauftritt, denen es gelingt, ihre Reise über Sponsoren zu finanzieren.
Dieser Fan zeigt die Eintrittskarten seiner bisherigen acht WMs. 2006 fehlt. Bild: Martin Curi
Fast 500 befragte Fans
Die Umfrage des Sportinstituts wurde an den Fanbotschaften durchgeführt, so dass in erster Linie Daten zu den Individualreisenden vorliegen. Diese beklagten sich logischerweise in erster Linie über das Fehlen von Eintrittskarten. Laut vorliegender Zahlen besaßen die 446 befragten Fans 671 Tickets. Im Schnitt hätte also jeder Fan mindestens ein Spiel sehen können. In der Praxis waren diese Eintrittskarten jedoch auf etwa 50% der Brasilianer konzentriert. 45% der Kartenbesitzer hatten mit ihrer Bestellung auf der FIFA-Homepage Erfolg und 23% griffen auf den Schwarzmarkt zu.
Brasilianische Individualreisende konnten sich nicht sicher sein, tatsächlich ein Ticket für ein Spiel ihrer Mannschaft zu erhalten, da es nicht möglich war, einzelne Karten direkt beim Verband CBF zu bestellen. Dieser hatte sein komplettes Kontingent an eine Reiseagentur abgegeben, die diese Karten nur im Paket weiterverkaufte. Eine Praxis, die inzwischen von einem Gericht als illegal eingestuft wurde. Trotzdem erschienen viele Tickets auf dem Schwarzmarkt mit dem Aufdruck CBF, die offensichtlich aus diesem Kontingent stammten. Verkauft wurden sie oftmals von ehemaligen Spielern oder bekannten Symbolfans. Dies machte die Fans wütend, denn sie mussten einen von dem CBF organisierten Schwarzmarkt hinter diesen Indizien vermuten.
Man musste sich also damit abfinden, dass man im Stadion zum größten Teil brasilianische Pauschalreisende antreffen würde. Personen, die sich stark von der heimischen Fanszene unterscheiden. Denn in Brasilien organisieren große Fanclubs die Stimmung in den Stadien. Ihre Mitglieder sind zumeist Jugendliche aus der Mittel- und Unterschicht. Mit Percussionsgruppen und einer immensen Kreativität sind sie für die einzigartige Atmosphäre verantwortlich. Sie konnten sich die Reise nach Deutschland nicht leisten und deshalb wurde der WM dieses Spektakel vorenthalten. Außerdem sind diese Fanclubs oftmals in gewalttätige Zwischenfälle verwickelt und werden deshalb von der Verband und der Oberschicht abgelehnt und stigmatisiert. Die reichen WM-Touristen kennen diese Fanwelt nicht, sie lehnen sie sogar ab.
Farbige Tänzerinnen gab es nur für die TV-Kameras und in der VIP-Zone. Bild: Martin Curi
Gute Noten für die WM
Die brasilianischen Fans erlebten rund um das Turnier vieles, was sie überraschte. So sind fanbezogene Angebote, wie Fanprojekte, aus denen das Besucherbetreuungsprogramm der WM entstanden ist, in Brasilien unbekannt. Deutschland wollte sich mit diesen Angeboten und mit der Organisation der WM als modernes, kompetentes und gastfreundliches Land darstellen. Deshalb wurden die brasilianischen Fans in der Umfrage um eine Bewertung dieser Elemente gebeten.
Man kann vorwegnehmen, dass sie dem Gastgeber und dem Turnier Höchstnoten gaben. So wurden die Fan Feste von 86% mit gut oder sehr gut bewertet. Im Falle der Fanbotschaften und des Fanguides wurde diese Bewertung von 68% bzw. 73% ausgesprochen. Die brasilianischen Fans waren so begeistert von dem Angebot, dass sie sich fragten, warum es keine frühzeitige Information über die Existenz der Fanbetreuung gab. Besonders die Internetversion des Fanguides hätte leicht mit in Brasilien ansässigen Institutionen wie Botschaft, Tourismuszentrale, Goetheinstitut, brasilianischer Regierung oder CBF verlinkt werden können. Dies ist nicht geschehen und es wurden sogar Klagen über schlechte Erfahrungen mit deutschen Vertretungen formuliert.
Außerdem wurde bemängelt, dass nicht genügend Informationen in den Sprachen Portugiesisch, Spanisch oder Englisch vorhanden waren. Viele Brasilianer gaben an, dass sie spanische Texte ohne Probleme lesen könnten und deshalb Ausschilderungen und Fanguides in dieser Sprache existieren sollten. Sieht man sich die Teilnehmerländer an, so erkennt man, dass sechs von ihnen Spanisch (Spanien, Mexiko, Costa Rica, Ecuador, Paraguay, Argentinien) und weitere drei Portugiesisch (Portugal, Brasilien, Angola) zur Landessprache hatten. Das bedeutet, dass etwa ein Drittel der Teilnehmer Spanisch lesen könnte. Der spanische Fanguide sollte also Standart bei einer WM sein und hätte in Deutschland nicht gekürzt werden dürfen.
Brasiliens Fans in Frankfurt. Bild: Martin Curi
Ebenfalls eine hervorragende Bewertung erhielt die deutsche Polizei: 87% befanden sie für gut oder sehr gut. 65% der Befragten waren positiv beeindruckt von den Stadien. Klagen gab es nur über den Imbissverkauf. Man vermisste eine gewisse Auswahl an regionalen Qualitätsprodukten, für die man auch die Warteschlangen ohne Murren in Kauf genommen hätte. Die beste Note der gesamten Untersuchung erhielt der öffentliche Personenverkehr. Er wurde von 89% für gut oder sehr gut geheißen.
Interessant sind die Ergebnisse zu André Hellers Kulturprogramm der WM. Knapp 80% der Brasilianer gaben an, dass sie keinen kulturellen Event besucht hatten. Die restlichen 20% vergaben zwar gute Noten, aber sie hatten nicht Hellers Programm sondern Veranstaltungen der Copa da Cultura, organisiert vom brasilianischen Kultusministerium, besucht. Besonderer Beliebtheit erfreuten sich Konzerte von brasilanischen Stars sowie Veranstaltungen mit einem gewissen Partycharakter. In diesem Punkt dürften sich die Deutschlandbesucher den Daheimgebliebenen sehr ähneln.
Abschließend wurde in der Umfrage danach gefragt, ob sich die Fans in Deutschland tatsächlich unter Freunden fühlten. Dies bejahten 85%. Es scheint, dass die Brasilianer mit guten Erinnerungen nach Hause fuhren, denn umwerfende 93% gaben an, dass sie ihren Aufenthalt sehr genossen haben. (Stadionwelt / Martin Curi, 25.01.2007)
Zwischen Lederhose und Digitalkamera: der typische Brasilianer? Bild: Martin Curi
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