„Wie das Weihwasser für den Teufel“

Faszination Fankurve 21.03.2007 0 Kommentare

Foto: Faszination Fankurve

Langsam rückt die EM für die österreichischen Fußballfans näher. Stadionwelt sprach mit “Vecchio Capo” Roland K. von den Ultras Rapid, ob sich das bereits auf den Ligaalltag auswirkt und was ein Abstieg Rapids für die Szene bedeuten könnte.

Stadionwelt: Erzähl doch bitte etwas über die Fanszene von Rapid im Allgemeinen.
Roland K.: Ja, was soll ich über unsere Szene erzählen: Sie ist irgendwie einzigartig hier zu Lande, vielleicht sogar in ganz Europa. 1977 wurde das Weststadion – das heutige Hanappi Stadion – eröffnet und ich gehe noch immer mit 70 Prozent derselben Leute ins Stadion. Das sagt wohl schon alles. Bei uns ist es so, dass Alt und Jung gut miteinander können. Momentan gibt es in Europa den großen Generationswechsel. Man sieht oder hört speziell in Italien, dass viele Gruppen dadurch auseinander brechen. Ich glaube wir sind auf dem richtigen Weg. Auch hier gibt es Differenzen, keine Frage, aber an oberster Stelle steht immer noch Rapid Wien.

Stadionwelt: Die Saison ist sportlich nicht gerade die Erfüllung für Euch. Ihr habt einiges versucht, die Mannschaft aufzurütteln. Was genau?
Roland K.: Nach dem Verkauf von Ivanschitz und Hofmann, was eigentlich fast fahrlässige Tötung war, ging es stetig bergab. In der Zwischenzeit ist Hofmann wieder zurück. Er verletzte sich aber gleich schwer und braucht halt noch seine Zeit. Dass die Mannschaft nicht mehr das ist, was sie mal war, sieht ein Blinder. Wir haben alles Mögliche versucht: Mit Spruchbändern, Blocksperre, vor dem Derby haben wir die Mannschaft besucht und mit ihnen im positiven Sinne geredet. Es ist egal was wir machen, diese Mannschaft kann einfach nicht mehr, also müssen wir sie 90 Minuten bedingungslos anfeuern. Die Saison ist noch lang und wird auch für uns sehr hart werden. Aber egal was kommt, wir stehen hinter Rapid Wien wie in einer Ehe: Wie in guten, so auch in schlechten Tagen!

Stadionwelt: Ihr habt gegenüber deutschen Gruppen in punkto Ultrabewegung einige Jahre Vorsprung. Wirkt sich das deiner Meinung in irgendeiner Form aus?
Roland K.: Ehrlich gesagt nicht, wenn man sieht, was bei euch so abgeht. Und leicht haben es die Gruppen auch nicht. Was man da so alles hört, ist es ja noch viel schlimmer als bei uns. Also Respekt an jede Kurve oder Gruppe, die ihr Ding durchzieht. Wenigstens werden wir so mal ernst genommen, denn sonst lacht man ja nur über unseren Fußball. Aber die Szene hat sich ihren Namen gemacht und darauf können wir stolz sein.

Bild: www.tornadosrapid.at

Bild: www.tornadosrapid.at

Stadionwelt: Nach dem letzten Derby gegen den Stadtrivalen Austria vor einigen Wochen überschlugen sich die Medien regelrecht. Irgendwo war zu lesen, dass die Sicherheit der Euro 2008 in Gefahr sei…
Roland K.: Man kennt ja die Medien: Fliegt ein kleines Kind in ein Loch, so war es laut Zeitung gleich ein ganzer Schulbus, und so sehe ich das Derby auch! Ob die EM 2008 in Gefahr ist oder nicht, geht mir am Hintern vorbei. Es wird sicher keiner von uns dort zu sehen sein. Das Ganze ist ja so oder so nur eine Kommerzveranstaltung vom Feinsten, da fressen sie sich vier Wochen lang die Bäuche voll und wenn du einen von den Großkopferten fragst, wer gespielt hat, kann er dir gar keine Antwort geben. Und glaubst du im Ernst, die Karten werden verlost. Zu 90 Prozent werden Leute im Stadion sein, die davor noch nie da waren und danach nie wieder gehen. So war es doch bei euch auch. Eine WM und EM ist für eine Ultras-Gruppe wie das Weihwasser für den Teufel.

Stadionwelt: Möchtest Du etwas zu den Vorfällen beim Derby erzählen?
Roland K.: Mit diesem Vorgehen, wie es die Polizisten bei uns gemacht haben, begeben sie sich bei der EM selbst in Lebensgefahr. Wenn sie uns nicht einmal in den Griff bekommen, wie wollen sie dann Deutsche, Engländer, Polen usw. in den Griff bekommen? Da kommt was ganz anderes auf die Polizei zu. Dass wir gut sind, wissen wir ja, aber in dieser Liga können wir bei Gott nicht mitspielen. Wenn die Polizisten einen polnischen Block so stürmen wie bei uns im Derby geschehen, könnte es große Probleme geben. Die Exekutive muss sich noch sehr gut auf die EM 2008 vorbereiten. Sonst könnte es ein Turnier mit Katastrophen werden, die sicher keiner will.

Stadionwelt: Was würde eigentlich passieren, wenn Rapid abstiege? Könnte das der Szene einen Schlag versetzen, oder würde es die Leute noch mehr zusammenschweißen?
Roland K.: Die Erfolgsfans würden das sinkende Schiff gleich als erste verlassen. Der Rest der Szene würde mit Sicherheit noch fester zusammen halten. Tirol und Salzburg haben es gezeigt oder besser gesagt: Die einen ziehen ihr Ding noch immer eisern durch. Rapid würde es genauso machen!

Stadionwelt: Eine Saison auf den „Dörfern“ würde aber sicher auch eine Menge Spaß bedeuten, oder?
Roland K.: Sicher würde es eine Menge Spaß machen, mal ein Jahr über die Dörfer zu ziehen! Aber ohne Rapid würde es mit dem österreichischem Fußball bergab gehen. Und so gut steht es um unseren Fußball auch wieder nicht, dass man auf Rapid verzichten könnte.

Bild: Basti S.

Bild: Basti S.

Stadionwelt: Die Freundschaft zu den Ultras aus Nürnberg scheint immer fester zu werden.
Roland K.: Die Freundschaft zu UN 94 ist und war immer super. Hoffentlich wird das auch so bleiben. Ich habe den Jungs 1994 bei der Gründung geholfen, darum verbindet mich mit UN noch mehr als eine Freundschaft. Wir hoffen, dass sie dieses Jahr in den UEFA-Cup kommen oder sogar nach Berlin fahren. Wir werden sie sicher unterstützen! Europa kann sich freuen: Der Glubb kommt.

Stadionwelt: Wie würdest Du die generelle Entwicklung der österreichischen Fanszenen, im speziellen bei den Ultras, beschreiben?
Roland K.: Die Entwicklung hierzulande ist nicht schlecht. Egal ob Wien, Linz, Graz, Salzburg, Innsbruck, Ried, Altach oder sonst wo. Jede Gruppe oder Kurve geht ihren eigenen Weg und das sollte man respektieren. Darum nenne ich jetzt keine Namen.

Stadionwelt: Die EURO 2008 wirft langsam ihre Schatten voraus. In der Schweiz ging mit HOOGAN eine Datenbank für Hooligans an den Start, außerdem hagelt es Stadionverbote. Gibt es in Österreich ähnliche Tendenzen?
Roland K.: Ja, diese Hooligan-Datei gibt es auch hierzulande und Stadionverbote genauso. Ich sage es noch einmal: Genau diese betroffenen Leute gehen zu keiner EM oder WM. Die verhängten Stadionverbote gehen zu 90 Prozent an Ultras-Gruppen. Sie kapieren hier einfach nicht, dass uns die EM 2008 gar nicht interessiert. Dennoch wird mit aller Gewalt gegen uns gearbeitet.

Stadionwelt: Unter anderem soll von Seite der Fanbetreuung versucht werden, die aktiven Szenen ins Boot zu holen. Könntest Du dir eine Mitarbeit vorstellen oder verweigert Ihr euch, wie es viele deutsche Szenen während der WM ’06 getan haben?
Roland K.: Auf keinen Fall gibt es eine Mitarbeit. Wir arbeiten doch nicht mit unserem größten Feind Seite an Seite. Wenn die EM 2008 startet, werden viele von uns sicher irgendwo weit weg von hier im Urlaub sein. Für uns gibt es nur unsere Rapid Wien, und so wie wir denken, werden es alle anderen auch tun. (Stadionwelt, 21.3.2007)

Bild: www.tornadosrapid.at
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Bild: Basti S.
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