Der brasilianische Journalist Hilton Mattos bietet mit seinem soeben veröffentlichten Buch „Helden des Betons“ (Original: Heróis do Cimento) einen tiefen Einblick in die Leidenschaft der Fußball-Fans und der Fan-Kultur in Rio de Janeiro.
Jeder der 24 portraitierten Fans konnte sich ein unvergessliches Spiel aussuchen, das sein Leben mit dem Verein verbunden hat. Diese Spiele geben die chronologische Reihenfolge des Buches vor. Hilton gelingt es auf diese Weise nicht nur über brasilianische Fankultur zu sprechen, sondern auch den markantesten und legendärsten Ereignissen des Fußballs in Rio de Janeiro neues Leben einzuhauchen. Vieles davon ist in Deutschland weitgehend unbekannt. Stadionwelt sprach mit dem Autor.
Symbolfan Heitor in der Trophäensammlung von FluminenseBild: Hilton Mattos
Stadionwelt: In dem Land des fünfmaligen Weltmeisters Brasilien gibt es viele Bücher über Fußball. Jetzt gibt es auch endlich eins über Fans. Was hat dich dazu bewogen dieses Buch zu schreiben?
Hilton Mattos: Die Fans verdienten ein Werk, das ihre Liebe zum Verein rühmt. Ohne Fans gibt es keinen Fußball. Sie sind der Grund für alles. Sie machen das Fest. Der Fußball ist voller Stars und Idole, die immer im Rampenlicht der Medien stehen werden. Warum sollte man da nicht an der Tür derer klopfen, die dem Spektakel applaudieren? Das war mein Motiv: Der menschlichen Masse ein Gesicht geben.
Stadionwelt: Unter den von dargestellten Personen, gibt es ganz unterschiedliche Verhaltensweisen, Gewohnheiten und Motive, mit denen das Fansein ausgefüllt wird. Einige sind Einzelgänger und andere identifizieren sich mit Gruppen, speziell den Fanclubs. Einige suchen das Erlebnis und begehen dabei manchmal illegale Handlungen, und andere lehnen das komplett ab. Gibt es dennoch etwas, das die Personen in deinem Buch eint?
Hilton Mattos: Tatsächlich hat jeder seine eigene Charakteristik. Was sie eint ist die Liebe zum Verein, die Verlockung und die Magie ein Stadion zu betreten, die Freude des Torjubels, der Gruß des Idols und die Provokation des gegnerischen Fanblocks, wenn man das Stadion verlässt. Fußball ist ein Schnaps, und wie jeder Schnaps verdeckt er im Moment des Rausches die Probleme des Alltags.
Dartagnan bei dem Fanhearing der Friedrich Ebert Stiftung in São PauloBild: Martin Curi
Stadionwelt: Was unterscheidet den brasilianischen Fan von den Fans anderer Nationen?
Hilton Mattos: Sie sind alle leidenschaftlich. Ich kann nicht beurteilen, wer mehr Fan als der andere ist, ob nun der Brasilianer oder der Italiener, der Engländer oder der Argentinier, der Deutsche oder der Franzose. Aber hier in Brasilien profitiert der Fan davon, dass wir nicht die Struktur der ersten Welt haben und er so näher an seinen Idolen ist. Hier trainieren die meisten Mannschaften auf dem eigenen Vereinsgelände, das ermöglicht dem Fan, auch unter der Woche Seite an Seite mit den Helden zu sein. Es gibt Stadien, in denen der Mannschaftsbus mitten im Faneingang parkt. Erneut hat der Fan die Möglichkeit, seine Idole zu sehen und vielleicht sogar zu berühren.
Stadionwelt: In Brasilien gibt es die Figur des „Symbolfans“. Wie würdest du diesen Begriff definieren – und entsprechen die Persönlichkeiten in deinem Buch dieser Kategorie?
Hilton Mattos: Ja, alle Personen in meinem Buch sind Symbolfans. Ein Svmbolfan ist derjenige, mit dem der Verein identifiziert wird. Normalerweise sind das Personen, die Jahrzehnte dem Gang ins Stadion des Vereins widmen. Es handelt sich um Fans, die so populär sind, dass sie Interviews geben und in Radio, TV, Zeitungen und Magazinen erscheinen. Einige wurden sogar richtig berühmt.
Stadionwelt: Es ist also so, dass in Brasilien ein Fan berühmt werden kann. Ich glaube, dass ist typisch brasilianisch, das gibt es in Europa nicht. Wie erklärst du dieses Phänomen?
Hilton Mattos: Das ist kein brasilianisches Privileg. Bei einer WM erscheinen im Fernsehen immer verkleidete Fans verschiedenster Länder. Vielleicht rücken sie in Brasilien stärker in die Aufmerksamkeit, da wir hier sehr volksnahe Bereiche haben. Im Maracanã gab es zum Beispiel die „Geral“, einen Stehplatzbereich im Unterrang direkt am Spielfeldrand mit dem billigsten Eintritt. Die dortigen Fans nennt man „Geraldinos“. Viele haben sich verkleidet und wurden mit der Zeit berühmt.
Symbolfan Ladrilheiro mit Hilton Mattos bei der BuchveröffentlichungBild: Hilton Mattos
Stadionwelt: Welche der Geschichten, die du in den Interviews mit den Fans gehört hast, haben dir am besten gefallen?
Hilton Mattos: Man könnte sagen, ich habe 24 Kinder. Diese 24 Fans erzählten mir alle sehr unterhaltsame und lustige Begebenheiten. Aber es gibt die besonderen, die den Leser wegen des Dramas bewegen, so wie im Fall von Tante Ruth, Anhängerin von América, die ihre Schwangerschaft riskiert hat, um ihre Mannschaft in einem Finale zu sehen und dabei fast das Kind verlor. Ein anderer Fall ist Ladrilheiro, Fan von Flamengo, der während des Spiels auf den Platz rennt, um den Rythmus des Gegners aus dem Takt zu bringen. Es handelte sich mit Vasco um den Erzfeind Flamengos, und deshalb wurde er von tausenden von Fans im Stadion beklatscht und gefeiert. Besonders gefallen hat mir auch ein Traum: Der schon verstorbene und berühmte Fan von Fluminense Nelson Rodrigues erschien dem Fan Heitor im Traum und sagte ihm, dass Fluminense am nächsten Wochenende gegen Flamengo die Meisterschaft gewinnen würde. Als Heitor erwachte, ging er direkt zum Friedhof und kleidete die dortige Büste Nelsons mit einem Trickot von Fluminense. Nachdem Fluminense tatsächlich die Meisterschaft gewann, führte Heitor dies auf seinen Traum zurück.
Stadionwelt: Du gibst in deinem Buch einige Begebenheiten, wie z.B. die eben zitierte Geschichte des Flitzers Ladrilheiro, die eigentlich Straftaten darstellen, in einer folkloristischen und humoristischen Weise wieder. Eine ähnliche Diskussion macht sich gerade in Brasilien in Bezug auf Sitzplätze breit: Zum einen zeigen die TV-Kameras das schöne Fest des stehenden Fanblocks, auf der anderen Seite fordern Journalisten des gleichen Kanals, dass sich alle Zuschauer setzen sollten. Aus Sicherheitsgründen gibt es eine starke Kampagne gegen Flitzer und Feuerwerk und für Sitzplätze. Wo siehst du die Limits zwischen Sicherheitsfragen und dem Bedürfnis nach Freiheit und dem Erlebnis Fußball?
Hilton Mattos: In Brasilien fehlt uns noch die nötige Disziplin. In Europa gibt es eine andere Kultur und eine bessere Erziehung. Hier haben wir noch viel Chaos.
Dem Vasco-Fan Mister M gehört auch ein Kapitel in Hilton Mattos BuchBild: Martin Curi
Stadionwelt: Ich habe keine kritischen Worte über die Politik von Verbänden und Regierung, die die Fans betreffen, wie Polizeieinsätze, öffentlicher Transport, Fanbetreuung, Komfort in den Stadien oder die Anwendung des Fangesetzes, gelesen. Die Fans haben darüber nicht gesprochen oder wolltest du das herauslassen?
Hilton Mattos: Das Buch will über Fans sprechen und sie beschreiben. Es sollte kein Platz für politische Kritik geboten werden. Trotzdem gibt es einige Fans, die die Gewalt und den fehlenden Respekt, unter dem sie im Stadion leiden, kritisieren. Aber ich wollte über Liebe, Leidenschaft und pure Gefühle sprechen. Wir leben schon mit soviel Gewalt und Kritik, dass es keine gute Idee wäre, dies in das Buch zu tragen. Mit ihm soll man sich nur vergnügen.
Stadionwelt: Kommen wir zu den Unterschieden zwischen den Fangruppen. Man sagt immer, dass sie verschiedene soziale Gruppen darstellen. Das fällt in deinem Buch weniger auf, denn es beschreibt entgegen der Stereotypen auch arme Fluminense-Fans und reiche Flamenguistas. Ein Unterschied könnte die Beeinflussung durch die Stadionarchitektur sein, denn Vasco und Botafogo haben fast keine Geraldinos, da sie eigene Stadien haben. Flamengo und Fluminense, die das Maracanã nutzen, stellen die größte Zahl der Geraldinos. Beeinflussen die Stadien die Profile der Fangruppen?
Hilton Mattos: Die soziale Klasse beeinflusst das Profil der Fangruppen. Bei Flamengo gibt es die meisten Geraldinos, da dies der Arbeiterverein Rios ist.
Tante Ruth mit Hilton Mattos und dem Präsidenten von América FC, Reginaldo MatiaBild: Martin Curi
Stadionwelt: Welches Spiel wirst du nie vergessen?
Hilton Mattos: Ich bin Flamengo-Fan. Mein unvergessenes Spiel ist das 3:1 von Flamengo gegen Vasco im Finale der Rio-Meisterschaft von 2001. Damals arbeitete ich für die Zeitung „O Dia“, und das entscheidende Tor in der 88. Minute durch einen Freistoß von Petcovic hat mich in Euphorie versetzt. Flamengo musste aufgrund des Hinspiels mit zwei Toren Differenz gewinnen. Die Fans von Vasco feierten schon den Titel und wurden unerwartet unterbrochen. (Stadionwelt/Martin Curi, 29.3.2007)
Anmerkung: Das Maracanã erfuhr im Jahre 2006 große Renovierungsarbeiten. Anfang 2007 wurden es als All Seater wiedereröffnet, um für die Pan-Amerikanischen Spiele im Juli 2007 und für die WM 2014 einsetzbar zu sein. Konsequenz ist, dass die von Hilton Mattos zitierte Geral nicht mehr existiert. An ihrer Stelle befinden sich nun Sitzplätze, und der Eintrittspreis hat sich verdoppelt. Hilton Mattos Buch verdeutlicht die Bedeutung dieses Stehplatzbereiches für die Fans. Dieser kulturelle Nährboden wurde leider zerstört.
Der Oberrang ist schon länger ein Sitzplatzbereich. Aber die dort ansässigen Fanclubs ignorieren dies bisher erfolgreich und stehen auf den Sitzschalen. Dies ist vielen Journalisten und Verantwortlichen ein Dorn im Auge.
São Januario und Caio Martins, die Stadien von Vasco und Botafogo, haben keinen Oberrang und dafür sehr viel steilere Ränge. Sie wurden noch nicht den FIFA-Richtlinien angepasst.


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