![]() |
| Michael Gabriel Bild: KOS |
Vergangenen Mittwoch wurde die Ausrichtung der Europameisterschaft 2012 an Polen und die Ukraine vergeben. Stadionwelt sprach mit Michael Gabriel von der Koordinationsstelle Fan-Projekte (KOS) über die beiden Länder und deren Fans.
Stadionwelt: Lässt sich aus der Sicht der KOS sagen, dass Ukraine und Polen möglicherweise eine größere Herausforderung als die anderen Bewerber sind?
Gabriel: Mit der Vergabe der EM 2012 nach Polen und in die Ukraine betreten die meisten Leute natürlich Neuland. Ich sehe darin, aber nicht nur eine Herausforderung, sondern auch eine große Chance. Möglicherweise wird es logistisch etwas komplizierter, aber wir werden definitiv viel über einen Bereich Europas lernen, der nicht so sehr im Mittelpunkt steht.
Stadionwelt: Was kann ein EM-Turnier in der Ukraine und Polen nach derzeitigem Stand für Fans und die Fanarbeit bedeuten?
Gabriel: Das ist schwer zu beantworten. Ich denke, für die Fanarbeit hier wird es auch darum gehen, viele Informationen zu besorgen, um vorhandenen Befürchtungen auf Fanseite zu begegnen. Wir hoffen aber auch, dass das Turnier der Fanszene und Fanarbeit der beiden Länder zugute kommt. Aus Fansicht ist die Wahl hochinteressant, weil es sich nicht um die üblichen „Fußballreiseländer“ wie Italien oder England handelt. Vielleicht wird alles etwas schwieriger, aber auch spannender.
Stadionwelt: Vor allem Polen gilt als Land mit riesiger Hooliganproblematik.
Gabriel: Das ist schon richtig. Hooligans haben dort einen höheren Einfluss auf die Spiele. Der polnische Fußball leidet aber nicht nur unter Gewalt und Rassismus, sondern auch unter Korruption auf der Funktionärsebene. Die EM könnte jedoch eine Chance sein, dass sich die positivere Fanszene „ihr Spiel zurückholt“.
Stadionwelt: Bei der WM 2006 wurden die polnischen Fans als die Supergefahr schlechthin beschworen. Letztendlich waren sie aber relativ ruhig.
Gabriel: Die polnischen Fans haben sich, wie von uns übrigens prognostiziert, während der WM sehr gut verhalten. Von ihnen ging auch beim Spiel gegen Deutschland keine Gefahr aus. Die Szenen der Vereine unterscheiden sich, was nicht unüblich ist, allerdings von den Nationalmannschaftsfahrern. Aus unserer Sicht muss generell sehr viel getan werden, dass sich alle Fußballfans eingeladen fühlen und eine positive Fußballatmosphäre herrscht, damit Gewalt und Rassismus keinen Platz finden.
Stadionwelt: Sind aus der Ukraine ähnliche Auswüchse bekannt?
Gabriel: Eine totale Unbekannte ist die Ukraine für uns nicht, immerhin hatten wir bei der WM ein Fanbetreuungsteam im Einsatz. Dennoch können wir von hier nicht genau sagen, wie die Situation ist. Sicherlich gibt es auch in der Ukraine ein Gewaltproblem. In Ländern mit gesellschaftlichen Problemen, beispielsweise einer riesigen Kluft zwischen wenigen Reichen und viele Armen, ist das nicht weiter ungewöhnlich. Auch Rechtsradikalismus spielt eine Rolle in den Kurven.
Stadionwelt: Ist das angesichts der Geschichte nicht paradox?
Gabriel: Polen und die Ukraine sind von der kommunistischen Diktatur geprägt. Die Öffnung gegenüber rechten Ideologien ist daher historisch betrachtet auch eine Art Opposition gegenüber dem Kommunismus. Außerdem ist der Nationalismus grundsätzlich stark ausgeprägt.
Stadionwelt: Ist zu befürchten, dass deutsche Fans besonders „auftrumpfen“ möchten?
Gabriel: Klar! Gerade vor kurzem in Prag oder in Bratislava war ein solches Auftreten wieder zu beobachten. Länderspiele in osteuropäischen Ländern sind für gewisse Gruppen offenbar „attraktiv“. Fans, die kein rechtes Gedankengut vertreten, sind daher genauso wie der Verband in der Verantwortung, daran zu arbeiten, dass sich die Atmosphäre bei Länderspielen verbessert.
Stadionwelt: Wie sieht es mit Fanarbeit in den beiden Ländern aus?
Gabriel: Es gibt keine Fanarbeit dort. Wir haben aber Kontakt zu Faninitiativen, die beispielsweise gegen Rassismus arbeiten. (Stadionwelt, 24.4.2007)

0 Kommentare