„Die Leute sind Wattenscheid“

Faszination Fankurve 07.06.2007 0 Kommentare

Foto: Faszination Fankurve

Mit der SG Wattenscheid 09 eröffnet Stadionwelt die Saison der Sommerpausen-Interviews: Seit 1985 ist Michael Seiss aktiver Fan der Schwarz-Weißen. Seit 1999 steht er als Stadionsprecher in der Lohrheide hinter dem Mikrofon.

Stadionwelt: Vergangenes Wochenende seid Ihr aus der Oberliga abgestiegen. Ist der erste Schock verdaut?
Seiss: Auf den Schock konnte man sich ja relativ lange vorbereiten. Zeitweilig waren wir bis zu sieben Punkte zurück. Tragisch, dass es am Ende jämmerliche drei Tore waren, die den Abstieg in die Verbandsliga besiegelt haben. Innerhalb der letzten Jahre sind wir öfters mal abgestiegen, so dass das keine völlig neue Erfahrung war. Es bricht mir fast das Herz, dass diese junge und willige Mannschaft jetzt schon wieder auseinander bricht. Und in der fünften Liga haben wir noch nie spielen müssen. So tief sind wir gesunken…
Die vorherrschende Frage zurzeit ist vor allem: Wohin führt der Weg?

Stadionwelt: Du spielst auf die massiven finanziellen Schwierigkeiten des Clubs an.
Seiss: Richtig! Mitte Mai hat der Vorstand der Öffentlichkeit verkündet, zu spät wie ich finde, dass es ein Loch im Etat von etwa 800.000 Euro gibt. Bis Ende dieses Monats müssen davon 300.000 getilgt werden. Ansonsten ist Schicht im Schacht.

Stadionwelt: Droht die Insolvenz?
Seiss: Keiner weiß etwas Genaues. Kommenden Dienstag ist eine außerordentliche Mitgliederversammlung angesetzt. Danach sind hoffentlich auch wir Fans schlauer.

Stadionwelt: Haben denn Fans versucht, ihren Teil zur Schließung der Lücke beizutragen?
Seiss: Es wurden seitens der Fans viele Dinge versucht, leider sind dabei nur Peanuts zusammengekommen. Beispielsweise wurden alte Trikots und kultige Fanartikel im Internet versteigert und in vielen Fan-Foren zur Solidarität aufgerufen. Mehr als einen vierstelligen Betrag hat das alles aber nicht gebracht. Eine schöne Geschichte gab es Ende Mai: Seit circa zwei Jahren haben wir eine Fanfreundschaft mit Anhängern des schottischen Viertligisten Queens Park. Zum letzten Auswärtsspiel in Rheine waren elf Schotten hier und haben extra angefertigte Shirts und Buttons mit dem Konterfei des Spielers Peter Kushev verkauft. Da kamen knapp 1.000 Euro bei rum. Kushev ist eine bulgarische Kampfsau. Der hat bei uns über die Jahre regelrecht Kultstatus erlangt.

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Die Peter Kuschew-Shirts im Einsatz.
Bild: Udo Ortmann

Stadionwelt: Erzähl mal kurz etwas zu der Saison aus Fansicht.
Seiss: Alles in allem herrscht eine gewisse Lethargie und Ernüchterung, weil die SG in den letzten Jahren eher wie ein Kaninchenzüchterclub denn wie ein professioneller Fußballverein geführt wurde. Im letzten Sommer haben sich die Ultras aufgelöst. Ein Teil ist gar nicht mehr im Stadion zu finden, ein Teil hat sich anderen Gruppen angeschlossen. Aber alles in allem muss man sagen, dass der Support seitdem ziemlich weggebrochen ist. Kleinere Choreos gab es lediglich gegen Münster und Bochums zweite Mannschaft. Bei den Heimspielen ist generell wenig Action zu erwarten. Der Schnitt von vielleicht 500 spricht für sich. Auswärts fahren im Schnitt 100 bis 150, was durchaus OK ist. Dort ist die Stimmung meistens besser. Allerdings sind die Fans von Wattenscheid relativ häufig auch negativ aufgefallen. Ein gewisser Hang zur Pyromanie und auch Gewaltbereitschaft sind nicht zu leugnen.

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Stadionwelt: Denkst Du, dass Wattenscheids Anhänger dem Club auch in der Verbandsliga die Treue halten werden?
Seiss: Ein klares Ja, denn viel mehr einbrechen kann die Fanszene gar nicht. Die, die diese Saison zu 09 gegangen sind, werden auch noch drei Klassen tiefer zur SGW pilgern. Diese Leute sind Wattenscheid. Mittlerweile ist der harte Kern unter sich, und das dörflich anmutende Ambiente der Verbandsliga ist mit dem der Oberliga weitgehend vergleichbar.

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Wattenscheid Fans in Iserlohn.
Bild: www.komakolonne-wattenscheid.de

Stadionwelt: Wattenscheid 09 hat nächstes Jahr sogar ein erstklassiges Team: Ist Frauenfußball aus deiner Sicht eine gute Alternative beziehungsweise ein wirklicher Ersatz?
Seiss: Nun ja, der Frauenfußball fristet in ganz Deutschland nach wie vor ein eher Schattendasein. Eine interessante Alternative ist es für mich allemal – doch die Leidenschaft und Intensität, mit der ich die Herrenmannschaft über all die Jahre begleitet habe, löst das bei mir natürlich nicht aus. Die Meinung in der Fanszene ist gespalten. Einige aus der Fanszene verdammen die Frauenabteilung geradezu. Da spielt viel Neid mit auf den Erfolg der Ladies bei gleichzeitigem Niedergang der Herren-Abteilung. Die Damen sind Wattenscheids höchster sportlicher Vertreter im Ballsportbereich. Viele sind sich der Wertigkeit einer Bundesligamannschaft noch gar nicht bewusst.

Stadionwelt: Beschreibe bitte die Rivalität zum Stadtrivalen VfL Bochum.
Seiss: Für uns ist der VfL so gut wie gar kein Thema. Wenn ich eine Niederlage von denen durchgebe, jubelt das ganze Stadion, aber alles in allem sind wir über die Jahre extrem weit auseinander gedriftet. Wenn wir mal gegen den VfL spielen, dann nur noch gegen die Reserve. Allerdings sieht man hin und wieder im Bochumer Stadion einen Anti-Wattenscheid Doppelhalter. Da fühle ich mich schon ein bisschen geschmeichelt. Man hat uns noch nicht vergessen.

Stadionwelt: Es könnte sein, dass die Fans von Wattenscheid 09 nächstes Jahr gleich zwei Teams in einer Liga anfeuern müssen…
Seiss: Das ist durchaus möglich. Unsere zweite Mannschaft spielt auch in der Verbandsliga. Es könnte also sein, dass erste und zweite Mannschaft 2007/08 beide fünftklassig spielen. Allerdings in zwei verschiedenen Staffel. Trotzdem wäre das aus meiner Sicht ein Novum, doch bisher spricht von den Statuten nichts dagegen. Ob wir uns das allerdings auch leisten können, das erfahren wir spätestens Mitte Juni… (Stadionwelt, 7.6.2007)

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Die Peter Kuschew-Shirts im Einsatz.
Bild: Udo Ortmann
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Wattenscheid Fans in Iserlohn.
Bild: www.komakolonne-wattenscheid.de

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