Undenkbar, seine Farben zu zeigen

Faszination Fankurve 12.07.2007 0 Kommentare

Foto: Faszination Fankurve

Dariusz Łapiński
Dariusz Łapiński

Dariusz Łapiński ist wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Europa Universität Viadrina Frankfurt (Oder). Der Fan von Widzew Łódź berichtet vom ehrgeizigen Ziel, Fan-Projekte auch in Polen einzuführen und weshalb diese notwendig sind.

Stadionwelt: Erzähl doch mal kurz etwas zu deiner eigenen Historie – vor allem auch in Bezug auf Fußball.
Łapiński: Ich selbst komme aus Elbląg. Dort bin ich schon als Kind zum Fußball gegangen. Olimpia Elbląg spielt zurzeit in der dritten Liga. Damals pendelte der Club zwischen Liga 2 und 3. 1990 bin ich zum Studium der Politikwissenschaften nach Potsdam gekommen und habe dort nach und nach Wurzeln geschlagen. Im Laufe der Zeit bin ich Babelsberg 03 und dem Fanmillieu nähergekommen. Ich bin über einige Zeit auch auswärts gefahren.

Stadionwelt: Und Widzew Łódź…
Łapiński: …ist eine Krankeit meiner Generation. Alle Männer meines Alters sind Widzew-Fans, weil der Club in den 80ern mit Spielern wie Boniek selbst auf europäischer Ebene sehr stark war. Seit einiger Zeit wohne ich auch in Łódź – ungefähr eine Stunde später hatte ich eine Dauerkarte. Auswärts fahre ich, wann immer es möglich ist.

Stadionwelt: Wie ist die Situation in der Fußballstadt Łódź?
Łapiński: Der Stadtrivale von Widzew heißt ŁKS Łódź. Vor zwei Jahren sind beide Clubs zusammen wieder in die Ekstraklasa, also die höchste Spielklasse, aufgestiegen. In der Stadt selber ist eigentlich undenkbar, seine Farben zu zeigen. Das tötet Fankultur aus meiner Sicht ab. Die Einflusszonen sind geografisch verteilt: Im Osten Widzew, im Westen ŁKS.

Widzew-Fans beim Stadtderby<br />Bild: harva“ loading=“lazy“></p>
<p class=Widzew-Fans beim Stadtderby
Bild: harva

Stadionwelt: Hat das auch mit einer Herkunft der Vereine, beispielsweise aus der Arbeiterschaft zu tun?
Łapiński: Früher waren bei ŁKS eher die Skins, bei Widzew eher die Punker. Heute sehen die Leute in den Kurven polenweit ziemlich gleich aus: Kurze Haare und Sportklamotten.

Stadionwelt: Liest man in Deutschland über polnische Fankultur, entsteht der Eindruck, es handele sich bei Fans ausschließlich um Hooligans.
Łapiński: Es gibt sicherlich viele Hooligans, dazu kommt eine unübersichtliche Masse an Mitläufern. Allerdings wächst auch die Ultra-Bewegung ständig an. Vielleicht haben viele den Eindruck einer großen gewalttätigen Masse, weil im Stadion nicht nur die Hools und Ultras beim Support mitmachen. Anders als in Deutschland singen auch „normale“ Leute, die so genannten Picknicker, die ungefähr die Hälfte der Stadiongänger ausmachen. Vor allem bei den Wechselgesängen wird das deutlich.

Stadionwelt: Ist es also eine mediale Fehleinschätzung, dass es über den polnischen Fußball und seine Fans nur Negatives zu vermelden gibt?
Łapiński: Für positive Schlagzeilen sorgt der Fußball nicht so sehr. Allerdings sind die negativen Dinge nicht der Alltag.

Stadionwelt: Momentan beherrscht Legia die Schlagzeilen, weil Fans des Hauptstadtclubs beim Spiel in Vilna den Platz gestürmt haben.
Łapiński: Legia Warschau ist ein bisschen mit Bayern vergleichbar. Viele Leute lehnen den Club ab, was sich vor allem darin begründet, dass es der Armeeverein war, der zu Ostzeiten viele talentierte Spieler eingezogen hat. Legia selber hat auch nur wenige Fanfreundschaften: Pogoń Szczecin und Zagłębie Sosnowiec. Ihre Ultra- und Hooliganszene ist allerdings gewaltig.

Sosnowiec auswärts in Jaworzno<br />Bild: Gerhard Rudolf“ loading=“lazy“></p>
<p class=Sosnowiec auswärts in Jaworzno
Bild: Gerhard Rudolf

Stadionwelt: Fanfreundschaften spielen eine viel bedeutsamere Rolle als in Deutschland, oder?
Łapiński: Das ist wahr. Der gesamte Aktionsradius wird durch die Freund- oder Feindschaft bestimmt. Sie sind das A und O der Fankultur und werden erstaunlicherweise auch von den Vereinen berücksichtigt. Das fängt bei der Limitierung von Eintrittskarten an und endet darin, dass risikoreiche Freundschaftsspiele gar nicht verabredet werden oder ihr Austragungsort geheim gehalten wird.

Stadionwelt: Ein anderes Thema, das immer wieder bei der Darstellung polnischer Fans bemüht wird, ist der Hang zu rechtem Gedankengut…
Łapiński: Vieles, zum Beispiel Beleidigungen gegenüber farbigen Spielern oder Schwulen-Gesänge, werden stillschweigend geduldet. Meistens steht aber keine verfestigte Ideologie oder politische Struktur dahinter. Polenweit gibt es nur eine Kurve, die von Lechia Gdańsk, die offen faschistoid auftritt und beispielsweise Rudolf Heß verehrt. Deswegen sind die Gdańsk-Fans allerdings auch nicht besonders gemocht.

Stadionwelt: Wie sieht die Vorfreude auf die EM 2012 aus? Gibt es aus Fansicht überhaupt eine?
Łapiński: Die Europameisterschaft in Polen wird auch von größeren Fanclubs begrüßt, weil sich sowohl die Vereine als auch die Kurven eine Modernisierung der Stadien und eine verbesserte allgemeine Infrastruktur, also einen allgemeinen Entwicklungsschub erhoffen. In punkto Sicherheitsauflagen werden von Fanseite – wie hier in Deutschland vor der WM auch – natürlich Probleme gesehen. Stadionverbote gibt es auch in Polen bereits seit einiger Zeit. Vermutlich werden sie jetzt erstmals durchgesetzt. Bisher hat sich niemand wirklich darum gekümmert. Das wird beispielsweise über eine Meldepflicht auf einer Polizeidienststelle geschehen. Viele Fans haben die Befürchtung, dass die Kurven ihre Freiheiten verlieren, indem man Pyrotechnik effektiv verbietet und so weiter. Im Ligaalltag gibt es bisher eine ziemlich freie Fankultur, die allerdings ein großes Gewaltpotenzial hat. Ich persönlich habe das Gefühl, dass das jedoch ganz langsam abnimmt und sich eher in Richtung Ultra verlagert.

Stadionwelt: Gibt es bei Vereins- und Nationalmannschaftsfans denn Überschneidungen?
Łapiński: Natürlich gehen viele aktive Fans zur Nationalmannschaft. 2004 trafen sich sämtliche Hooligan-Szenen in Posen. Dort wurde quasi eine Art „Waffenstillstand“ bei der Nationalmannschaft vereinbart. Vorher, vor allem in den 90ern, kam es bei so ziemlich jedem Spiel zu massiven Schlägereien untereinander. Jetzt werden Clubanimositäten hinten angestellt und das Feld den Picknickern überlassen.

Anhänger der polnischen Nationalmannschaft bei der WM 2006<br />Bild: Stadionwelt“ loading=“lazy“></p>
<p class=Anhänger der polnischen Nationalmannschaft bei der WM 2006
Bild: Stadionwelt

Stadionwelt: War die Medienhysterie vor der WM im vergangenen Jahr also vollkommen überflüssig? Nicht wenige stellten Befürchtungen an, polnische Fans könnten ganze Landstriche in Schutt und Asche legen.
Łapiński: Polnische Fans verschiedener Vereine sind gemeinsam mit dem Zug nach Deutschland gereist. Früher wäre das nicht möglich gewesen. Die Ruhe bei der WM war sicher auch eine Folge der Posener Vereinbarungen.

Stadionwelt: Das Wichtigste zum Schluss: Du selbst arbeitest an einem ehrgeizigen Projekt…
Łapiński: Richtig – möglichst ab September 2008 sollen an 36 Standorten in Polen Fan-Projekte entstehen. Dabei handelt es sich um Clubs von der ersten bis zur vierten Liga. Die Finanzierung würde sich einschließlich des Jahres 2012 auf 5,5 Millionen Euro belaufen und könnte entweder über einen Antrag des polnischen Staates bei der EU oder aus dem Staatshaushalt direkt gestemmt werden. Wenn es jetzt vor der EM nicht klappt, dann wohl nie. Letztendlich hängt alles vom politischen Willen ab: Setzt man ausschließlich auf Dinge wie Repression und den präventiven Kahlschlag oder auch auf sozialpädagogische Vorbeugemaßnahmen.

Stadionwelt: Wie ist das Interesse der Vereine?
Łapiński: Grundsätzlich ist Interesse da. Bei den finanziellen Zusagen sind die Vereine allerdings sehr vorsichtig, was zum Teil verständlich ist. Einige haben so gut wie kein Geld.

Stadionwelt: Hier in Deutschland haben sich die Fan-Projekte über viele Jahre entwickelt und sich nach und nach den jetzigen Status aufgebaut. Ist das in gut fünf Jahren in Polen möglich?
Łapiński: Ich denke schon. Polnische Sozialarbeiter haben eine sehr gute Ausbildung und sind durch die tägliche Arbeit bestens vorbereitet. Abgehärtet, kann man sagen. Zudem sollen sie regelmäßig Schulungen erhalten und Praktika bei deutschen Fan-Projekten machen. (Stadionwelt, 12.7.2007)

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