In der kommenden Runde des UEFA-Pokals hat es den FC Bayern München in den Norden Schottlands verschlagen. In Aberdeen wird den Rekordmeister keineswegs eine typisch britische Stimmung erwarten. Stadionwelt sprach mit Ian Will von den Red Ultras Aberdeen.
Stadionwelt: Erzähl uns bitte etwas über die Red Ultras Aberdeen.
Will: Die Gruppe wurde 1999 gegründet und hat momentan um die 100 Mitglieder. Über die Jahre sind unsere Choreographien immer größer geworden. Außerdem versuchen wir die Aberdeen-Fans aktiv zu ermuntern, dass sie unser Team und unsere Stadt stimmlich stärker unterstützen – ihren Stolz zeigen. Wir sind eine nicht gewalttätige, nicht rassistische und unpolitische Gruppe, die Lautstärke und Leidenschaft auf eine positive Weise zu ihrem Club zurückbringen möchte.
Die Red Ultras unterstützen FARE.Alle Bilder: Red Ultras Aberdeen
Stadionwelt: Wie sieht die Fanszene in Aberdeen aus?
Will: Wir haben einen harten Kern von 12.000, die auch zu den kleineren Heimspielen kommen. Bei Partien gegen Rangers oder Celtic kann das auf bis zu 20.000 anwachsen. Wir haben bemerkenswerte Auswärtszahlen, die bei Ligaspielen von 1.000 bis zu 6.000 reichen können. Die Reise nach Madrid zum UEFA-Cup-Spiel gegen Atletico haben 5.000 angetreten. Je nachdem wie das Team spielt und wer der Gegner ist, werden auch mehr Leute angezogen. Dank der Qualifikation für den UEFA-Cup hatten wir einige nennenswerte Kulissen, in der Liga war es nicht so gut. Unser heimisches Stadion, das Pittodrie Stadium, kann sehr leise sein. Aber wir bemühen uns, die Leute dazuzubringen wieder Spaß bei den Heimspielen zu haben. Spielt das Team gut, kann das Stadion jedoch sehr laut sein.
Stadionwelt: Wer sind Eure größten Rivalen?
Will: Die größten Rivalen sind Rangers, Celtic, Hearts und Dundee United. Der größte darunter sicherlich die Rangers. Die Spiele sind immer sehr angespannt und über die Jahre ereigneten sich viele Zwischenfälle.
Flaggen beim Spiel gegen Celtic.
Stadionwelt: Warum habt Ihr Euch entschieden, Ultras zu sein? In Schottland beziehungsweise Großbritannien ist das eher ungewöhnlich.
Will: Wir haben uns dazu entschieden, weil wir wollen, dass die Leute im Stadion Spaß haben und Leidenschaft für das Spiel sowie darüber hinaus zeigen. Die Ultra-Kultur in Großbritannien wächst langsam. Unter den verschiedenen Gruppen gibt es keinerlei Gewalt. Dieser Part wird von der Casual-Szene übernommen. Die Leute realisieren langsam, dass wir nicht so leidenschaftlich mit unseren Mannschaften sind wie wir es eigentlich sollten. Wir müssen während der Spiele lauter und fröhlicher sein, weil es der einzige Weg ist, seinem Team beizuwohnen.
Stadionwelt: Wie reagieren andere Aberdeen-Fans auf Dinge wie Choreos?
Will: Die meisten mögen Choreos, einige verstehen nicht, warum sie gemacht wurden. Aber wie ich bereits erwähnt habe: Die Szene ist noch sehr jung in Aberdeen und wenn Leute über ausländische Ultras reden, geschieht das in der Regel im Zusammenhang mit den negativen Seiten dieser Kultur und nicht dem fantastischen Support, den viele Gruppen ihrem Team geben, ohne negativ zu sein. Das gleich gilt für das Singen. Einige meinen, dass sie nur singen sollten, wenn das Team etwas auf dem Feld zeigt. Wir versuchen die Lautstärke über die gesamte Spieldauer hochzuhalten.
Aberdeen Fans bei der Partie gegen Heart of Midlothian
Stadionwelt: Obwohl Ultra ursprünglich ein italienisches Ding ist, haben viele nichtitalienische Gruppen ihren Stil gefunden. Wie würdest Du den Aberdeen-Weg charakterisieren?
Will: Wir sind die Vorreiter der Szene in Großbritannien und mussten unsere Fehler ohne die Hilfe von anderen machen. Wir ermutigen andere Gruppen zur Gründung und ihren eigenen Weg zu gehen. Gerne würden wir mehr in den Support der Mannschaft investieren, sind aber durch Regeln von Polizei, Verbänden und dem Club eingeengt.
Stadionwelt: Also habt Ihr zu anderen Gruppen Kontakte?
Will: Ja, wir haben zu vielen anderen Gruppen in Großbritannien Kontakt. Viele sind zu uns gekommen und haben um Ratschläge gebeten wie sie ihre Gruppen aufstellen sollen. Wir haben gerne geholfen. In dem Maße wie unsere Rivalen gute Choreos und eine höhere Lautstärke haben, werden auch bei uns mehr Fans mitmachen.
Stadionwelt: Und wie sieht es mit Kontakten oder sogar Freundschaften zu Gruppen vom Kontinent aus?
Will: Wir haben eine offizielle Freundschaft zu Panteras Negras von Boavista FC aus Portugal. Durch verschiedene Reisen quer durch Europa bestehen überall Kontakte. Im Pittodrie standen schon oft Gäste vieler europäischer Clubs bei uns. Wir freuen uns immer über andere Ultras mit denen wir bei einem Bier Erfahrungen austauschen können.
Beim Spiel gegen die Rangers.
Stadionwelt: Was sind deiner Meinung nach die größten Probleme, mit denen Fans in Schottland zu kämpfen haben?
Will: Der Standard des heimischen Fußball ist dieser Tage nicht sehr hoch. Im Vergleich zu alten Zeiten sind die Fans sehr leise. In vielen Stadien wird man zum Sitzen gezwungen, Polizei und Ordner sind diesbezüglich sehr strikt. Wir widersetzen uns dem, so weit wir können. Einige Initiativen wie „Stand Up Sit Down“ arbeiten daran, dass es wieder Stehblöcke gibt, die nach dem Hillsborough-Unglück umgebaut wurden. Wir haben gesehen, dass deutsche Stadion-Modelle in punkto Atmosphäre und Sicherheit funktionieren und mögen diese Idee sehr.
Stadionwelt: Welche anderen Themen bestimmen derzeit das Fanleben?
Will: Wir haben momentan ein Problem mit dem Club, nachdem eine geplante und im Vorfeld genehmigte Choreo zwei Stunden vor dem Anpfiff verboten wurde. Uns wurden Dinge vorgehalten, die nicht der Wahrheit entsprachen. Aus Protest haben wir unsere Banner im Block abgenommen. Einige unserer Mitglieder haben das Stadion nicht betreten, weil sie sich durch die Behandlung verunglimpft sahen. Der Rest war zwar im Stadion, schwieg jedoch.
„Fußball für Fans und nicht für Konzerne“
Stadionwelt: Hier in Deutschland haben viele aktive Fans keinerlei Interesse, die Nationalmannschaft zu unterstützen. Wie sieht das in Aberdeen aus?
Will: In Aberdeen gibt es viele Fans, die die Nationalmannschaft supporten. In und um Aberdeen sind wir sehr stolz Schotten zu sein.
Stadionwelt: Im UEFA-Pokal hat Euch das Los den FC Bayern München beschert. Wie denkst Du darüber?
Will: Wir sind sehr froh, gegen Bayern spielen zu dürfen. Beim letzten Aufeinandertreffen im Jahr 1983 haben wir sie auf unserem Weg zum Pokalsieger-Titel geschlagen. Das mag lange her sein, aber die Erinnerung ist bei vielen noch immer da. Zudem freuen wir uns in Deutschland neue Freunde kennenzulernen und hoffentlich unser Team gewinnen zu sehen. Da wir keine Stars haben, wird das eine harte Aufgabe, aber wir werden unser bestes geben. (Stadionwelt, 7.1.2008)
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