„Ein klarer Sieg über den Kommerz“

Faszination Fankurve 09.05.2008 0 Kommentare

Foto: Faszination Fankurve

Im Interview mit Stadionwelt äußert sich Dominik Hahn, der bis zum Sommer Capo der Tornados Rapid ist, über die Fanszene des österreichischen Meisters Rapid Wien, die der Nationalmannschaft und was er sich von der Europameisterschaft erwartet.

Stadionwelt: Habt Ihr die Feierlichkeiten zum 32. Meistertitel der Vereinsgeschichte mittlerweile überstanden?
Hahn: Genau genommen gab es ja gleich vier Feiern. Die erste war beim Heimspiel gegen Altach, als wir den Titel geholt haben und die Schale auf der Südtribüne übergeben wurde. Danach, das ist die zweite Feier, ging es spontan zum Stephansplatz direkt vor den Dom. Wir sind mit 500 bis 600 Leuten vom Hannapi-Stadion dorthin gefahren. Alles in allem haben sich etwa 1.000 Leute eingefunden. Das war Gänsehaut pur, der schönste Moment der Saison. Selbst die Mannschaft hat bengalische Feuer angezündet. Es ist deutlich geworden, dass die Hardcore-Fans vom Team akzeptiert werden. Die dritte Feierlichkeit fand am letzten Spieltag in Ried statt. Meines Wissens waren dort noch nie so viele Rapidler wie an dem Wochenende.

Stadionwelt: Und die vierte Feier…
Hahn: …war die offizielle, die der Verein organisiert hat. An der haben 30.000 Leute vor dem Rathaus teilgenommen. Die Veranstaltung war eher für die Event-Fans. Die aktive Szene hat sich im Hintergrund gehalten.

In Ried dankten die Rapid-Fans ihrer Mannschaft für den Gewinn der 32. Meisterschaft.<br />Bild: tornadosrapid.at“ loading=“lazy“></p>
<p class=In Ried dankten die Rapid-Fans ihrer Mannschaft für den Gewinn der 32. Meisterschaft.
Bild: tornadosrapid.at

Stadionwelt: Ist es eine besondere Genugtuung Red Bull Salzburg hinter sich gelassen zu haben?
Hahn: Ich würde lügen, wenn ich sage, dass es nicht so ist. Ein klarer Sieg über den Kommerz. Wir können nur hoffen, dass der Kern des Teams so zusammenbleibt. Der 7:0 Sieg in Salzburg war gigantisch.

Stadionwelt: War das dementsprechend einer der Höhepunkte der Saison?
Hahn: Ganz klar. Höhepunkte waren auch die Spiele im UI- und später UEFA-Cup. Bratislava war gut. In Kazan und Tiflis waren jeweils um die 120 Leute. Negativer Höhepunkt war das Spiel in Brüssel gegen den RSC Anderlecht. Aus unerfindlichen Gründen gab es eine Repression nie erlebten Ausmaßes. Die Polizei hat vor dem Spiel versucht, Doppelhalter einzukassieren. In der Folge gab es 30 Festnahmen, was für die Größe unserer Szene und österreichische Verhältnisse Wahnsinn ist. Die, die nicht festgenommen wurden, haben den Gästesektor verlassen. Nach Absprache mit den Inhaftierten sind wir zur zweiten Halbzeit aber wieder zurückgegangen, weil Rapid und die Mannschaft mit den Vorfällen ja nichts zu tun hatte. Der Support war fantastisch, weil sich alle besonders reingehängt haben.

Stadionwelt: Gab es in der Folge denn Anzeigen gegen Euch?
Hahn: Es gab keinerlei Konsequenzen für die Leute. Auch weil Rapid Wien uns unterstützt hat.

Beim UEFA-Cup-Spiel gegen den RSC Anderlecht sorgten die Fans aus Wien trotz starker Polizeirepressionen für eine großartige Stimmung im Gästeblock.<br />Bild: tornadosrapid.at“ loading=“lazy“></p>
<p class=Beim UEFA-Cup-Spiel gegen den RSC Anderlecht sorgten die Fans aus Wien trotz starker Polizeirepressionen für eine großartige Stimmung im Gästeblock.
Bild: tornadosrapid.at

Stadionwelt: Wie stellt sich die aktive Szene bei Rapid momentan dar? Und wie seht Ihr Eure Rolle darin?
Hahn: Die Szene ist in der Masse ultraorientiert. Einige gehen natürlich auch dem britischen Stil nach. Wir machen zu jedem Spiel eine Aktion, wobei sich die Gruppen gegenseitig unterstützen. Das Verhältnis von uns zu den Ultras Rapid hat sich extrem verbessert. Die aktive Szene umfasst vielleicht 250 Personen. Bei den Tornados sind etwa 35 Leute aktiv. In Punkto Nachwuchs sieht es gut aus. Der ist in allen Bereichen vorhanden. Dauerhaft wird sich an den Strukturen möglicherweise etwas verändern.

Stadionwelt: In der deutschen Presse waren Rapid-Fans Gesprächsthema. Ihr wurdet in Zusammenhang mit der Pyro bei der Partie Frankfurt gegen Nürnberg gebracht. Kannst Du dazu etwas sagen?
Hahn: Bei dem Spiel waren keine Mitglieder der Tornados vor Ort. Unbestritten ist, dass Fans von Rapid im Nürnberger Block gewesen sind. Persönlich empfinde ich den medialen Aufschrei als Wahnsinn. Letztendlich ist doch gar nichts passiert. Das ist einer der typischen Unterschiede zwischen Deutschland und Österreich. Die Aktion hätte hier keinen interessiert und bei Euch gibt es gleich Sondersendungen. Ein Beleg dafür wie weit die Repression in Deutschland vorangeschritten ist.

Stadionwelt: In Zeiten, da immer mehr Fußballfans auf das schnelle Medium Internet setzen, bringt Ihr regelmäßig sogar zwei Fanzines heraus? Eines zum Thema Rapid und eines zum Thema Groundhopping. Wie kommt das?
Hahn: Im Sommer wird die 24. Ausgabe erscheinen. Vermutlich aber beide Bereiche in einem Heft. Wie meine Tätigkeit als Capo werde ich das danach nicht mehr weiterführen. Aber keine Angst: Es wird nicht die letzte Ausgabe des „Tornados spezial“ gewesen sein. Da ich Fanzines sammele und das quasi eine Art Sucht ist, habe ich den Jungen immer wieder vermittelt wie wichtig Fanzines sind. Auch als Erinnerung an vergangene Zeiten.

Stadionwelt: Wie hat sich die Fanszene in Österreich im letzten Jahr entwickelt? Ist die Kluft zwischen Vereinen mit organisierten, aktiven Fangruppen und Clubs ohne nennenswerte Fanbasis noch größer geworden?
Hahn: Die guten Szenen in der ersten Liga sind tatsächlich an einer Hand abzuzählen. Dazu kommt Salzburg, die sich in den unteren Ligen bemühen, was man respektieren muss. Bei den restlichen Vereinen ist nichts vorhanden. Einen Standortwechsel wie von Pasching nach Klagenfurt finde ich beispielsweise sehr traurig. Wirkliche Highlights sind für uns nur die Spiele gegen Sturm Graz und natürlich das Derby gegen die Austria.

Zum Stadtrivalen Austria Wien pflegen die Anhänger von Rapid kein gutes Verhältnis.<br />Bild: tornadosrapid.at“ loading=“lazy“></p>
<p class=Zum Stadtrivalen Austria Wien pflegen die Anhänger von Rapid kein gutes Verhältnis.
Bild: tornadosrapid.at

Stadionwelt: Die Rivalität zwischen Österreichern und Deutschen ist ja hinlänglich bekannt. Wie seht Ihr denn eigentlich die deutsche Fanszene anno 2008?
Hahn: Eine Rivalität ist sicher vorhanden. Die deutschen Szenen haben den Riesenvorteil der Quantität. Überall sind die Stadien voll. Ich selbst bin dennoch kein großer Fan der deutschen Szene. In Deutschland mühen sich die Gruppen ab, der Rest der Masse lässt sich aber nur schwer begeistern. Hier in Österreich ziehen im Verhältnis mehr Leute mit. Man muss aber auch klarstellen, dass aktive Fans in Deutschland mit größeren Problemen als wir zu kämpfen haben: Sitzplätze sind hier kein Thema und die Repression ist viel weniger stark ausgeprägt.

Stadionwelt: Im Juni vergangenen Jahres gab es ein Spruchband gegen den Kapitän der österreichischen Nationalmannschaft Andreas Ivanschitz. Der ehemalige Rapidler war nach Salzburg gewechselt. In der Folge habt Ihr als Gruppe den Rückzug von der Nationalmannschaft bekannt gegeben. Hat das immer noch Bestand?
Hahn: Unser Rückzug hat nach wie vor Bestand. Es gibt kein gemeinsames Hingehen und Unterstützen wie das einmal der Fall war. Als wir bei der Nationalmannschaft angefangen haben, hat das gut geklappt. Leider gab es nach und nach Meinungsverschiedenheiten mit dem ÖFB über Choreos und so weiter. Im Vorfeld des Spiels, bei dem das Ivanschitz-Transpi präsentiert worden ist, wurde der Verband schon gewarnt, das Spiel nicht im im Hanappi-Stadion stattfinden zu lassen. Dort spielt nur Rapid. Die Proteste gegen Ivanschitz waren lediglich der letzte Auslöser. Letztendlich gab es einen „Riesenskandal“ wegen Nichts.

Stadionwelt: Noch etwa ein Monat bis zur EM. Spielt das Turnier bei Euch trotz des Rückzugs eine Rolle?
Hahn: Eine handvoll Leute hat Karten. In der Szene ist das aber nicht das große Thema. Überhaupt interessiert das Turnier die aktiven Fans in ganz Österreich nur wenig.

Die EM im eigenen Land stößt bei der aktiven Szene auf wenig Gegenliebe.<br />Bild: tornadosrapid.at“ loading=“lazy“></p>
<p class=Die EM im eigenen Land stößt bei der aktiven Szene auf wenig Gegenliebe.
Bild: tornadosrapid.at

Stadionwelt: Was kann man von der österreichischen Szene erwarten?
Hahn: Mit den Patriots gibt es einen Fanclub, der die Nationalmannschaft zu unterstützen versucht. Er ist ein Sammelbecken für Fans vieler Clubs. Allerdings kriegen die nichts auf die Reihe, weil es sich nicht um szenekundige Personen handelt. Von der Stimmung erwarte ich dementsprechend nicht viel. Angeblich soll es beim Spiel gegen Deutschland eine Choreo geben.

Stadionwelt: Die Gruppe mit Polen, Kroatien und Deutschland ist auch für Österreicher hochinteressant, oder?
Hahn: Auf jeden Fall. Sportlich ist das Weiterkommen aus meiner Sicht nicht einmal unmöglich, wenn sich das Team zusammenreißt. Fantechnisch bleibt vor allem abzuwarten, was aus den anderen Ländern anreist.

Stadionwelt: Die WM 2006 wurde von großen Teilen der aktiven deutschen Szene aus verschiedenen Gründen abgelehnt. Ihr selbst habt auch eine Choreo dagegen gemacht…
Hahn: Die Choreo ist von den Ultras Rapid organisiert worden. Viele Tornados haben die Aktion gutgeheißen.

Stadionwelt: Warum? Hat man als aktiver Fan Einschränkungen durch das Turnier zu spüren bekommen?
Hahn: Grundsätzlich kann man sagen, dass die Zahl der Stadionverbote zugenommen hat. Vor fünf Jahren war das überhaupt noch kein Thema. Dennoch werden wir uns unsere Freiräume weiterhin nehmen. Das betrifft beispielsweise Bengalen. Die sind zwar offiziell verboten, der Einsatz wird von den Ordnern aber halbwegs toleriert. Wir wollen zeigen, dass das zum Fanwesen dazu gehört. Was natürlich auch heißt, dass man damit verantwortungsbewusst umgeht, sprich organisiert im Block zündet und sie nicht auf das Spielfeld wirft. (Stadionwelt, 09.05.2008)

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