Gewalt, Lügen und ein harmloses Videotape

Faszination Fankurve 12.09.2008 0 Kommentare

Foto: Faszination Fankurve

Tagelang beherrschte der Auswärtsauftritt der Neapolitaner beim AS Rom am ersten Spieltag der Serie A die italienischen Medien. Von schweren Ausschreitungen am Stadion und in den Bahnhöfen war die Rede. Konkreter wurde niemand – aus gutem Grund.

Denn analysiert man Fakten und Aussagen verschiedener Zeugen der Geschehnisse, so bleibt von den „Angstszenen“, die „den ersten Spieltag ruinierten“ (La Gazzetta dello Sport), wenig übrig – dafür aber umso mehr Fragen offen. Auf Zeugenaussagen stützten sich nämlich die allerwenigsten Medien (eine Ausnahme bildete das römische Blatt Il Messaggero, das sogar Links zu Fanberichten auf Internetblogs auf seiner Webseite veröffentlichte). Stattdessen wurde Politikern aller Lager eine Plattform geboten, sich als Fanforscher zu betätigen und populistisch härtere Strafen für die Randalierer zu fordern. Polizeichef Manganelli sah gleich die Camorra als Drahtzieher der Ausschreitungen (was von Mafiaspezialisten umgehend dementiert wurde), während sich Innenminister Maroni von der Lega Nord zu der Behauptung verstieg, Ultras seien keine organisierten Fans, sondern schlichtweg organisierte Kriminelle. Oppositionsführer Veltroni wusste, dass Chaoten den Fußball benutzen, um unbescholtenen Bürgern Angst einzujagen und rief, ebenso wie sein Parteikollege Realacci, die Regierung auf, härter gegen die Randalierer vorzugehen, die seiner Ansicht nach Straffreiheit erwartet.

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<p class=Letzte Saison: Napoli in Mailand.
Alle Bilder: Michael Mohr

Stein des Anstoßes der Rufe nach verschärften Strafen war die Freilassung der fünf am Spieltag verhafteten Fans, die sich ab dem 1. Oktober natürlich vor Gericht verantworten müssen. Entgegen anders lautender Medienberichte waren nur zwei der Verhafteten Neapolitaner (die drei Römer wurden wegen eines Diebstahls an einem anderen Fan und dem Mitführen eines Hammers, beziehungsweise zweier Böller, arrestiert): Einer trug ein Messer bei sich, der andere machte sich der „Beleidigung und des Widerstands gegen eine Amtsperson“ schuldig. Außer Veltroni wollte auch Innenminister Maroni die Ultras direkt ohne Prozess wegschließen. Während alle Medien zwar eifrig kolportierten, dass sich unter 1.000 Ultras wohl 200 Vorbestrafte befunden hätten, übersah man geflissentlich, dass Maroni selbst vor zehn Jahren zu einer Haftstrafe von vier Monaten und 20 Tagen verurteilt worden war, ohne einen einzigen dieser Tage wirklich abgesessen zu haben. Der Grund für seine damalige Verhaftung? Beleidigung und Widerstand gegen Amtspersonen…

Höhepunkt der Hetzkampagne unter jeglicher Vernachlässigung der Fakten war ein Artikel des neapolitanischen Journalisten Giuseppe d’Avanzo in der links-liberalen Tageszeitung La Repubblica: Statt mit angekündigter „Null-Toleranz“ seien die Fans mit „maximaler Toleranz“ behandelt worden, schreibt d’Avanzo: „Einige Tausend Napoli-Fans sind in den Bahnhof eingefallen, haben einen Zug angegriffen, die Reisenden gezwungen, sich zu entfernen und verlangt, dass der Zug Rom erreiche.“ Im Namen der political correctness ereiferte sich der Journalist anschließend über diskriminierende Maßnahmen gegenüber schleiertragenden Frauen, um dann im gleichen Satz von den mitgereisten Fans als „Tieren“ zu sprechen.

Untermalt wurden diese Berichte von einigen wenigen Bildern: Ein zerstörtes Zugklo, ein Abteil mit kaputten Sitzen, eine zersplitterte Fensterscheibe des Intercitys, der die Neapolitaner nach Rom brachte. Und ein sich wiederholendes Videotape: Darauf sind fast 2.000 Neapolitaner zu erkennnen, die durch den römischen Hauptbahnhof laufen. Lieder gegen Rom sind zu hören, einige bengalische Feuer zu sehen. Wenige Fans posieren vermummt. Manchmal wird auch noch ein Bus vor dem Olympiastadion gezeigt. Ausschreitungen oder Tätlichkeiten sucht man auf den Bildern vergeblich.

Wie sich die Auswärtsfahrt nach Rom auch zugetragen haben könnte, gaben die Ultras der Curva A kürzlich in einer öffentlichen Verlautbarung, die von den Medien übrigens ignoriert wurde, bekannt. Die Version der Ultras deckt sich fast vollständig mit Berichten diverser Internetblogs und Aussagen neutraler Zeugen, so dass es sich um eine recht wahrheitsgetreue Rekonstruktion der Geschehnisse handeln könnte:

Als das Beobachtungsgremium des Innenministeriums fünf Tage vor dem Spiel den Neapolitanern die Reise nach Rom erlaubte, waren alle überrascht. Die Partie gilt momentan als die Begegnung mit dem höchsten Risikofaktor im italienischen Fußball, aber das Innenministerium erklärte, man wolle den Fans Vertrauen entgegenbringen. Für die Ultras in Neapel war klar: Bei diesem Spiel durfte nichts passieren, weil die Auswärtsfahrten einer ganzen Saison auf dem Spiel standen und Medien beziehungsweise Behörden nur darauf warteten, dass die Fans beweisen, in sie gesetztes Vertrauen nicht zu rechtfertigen. In der Stadt und beim Heimspiel der letzten UEFA-Cup-Qualifikationsrunde verteilten die Ultras Flugblätter, auf denen sie die Richtlinien für die Auswärtstour vorgaben: Kein Vandalismus, keine Anreise ohne gültiges Zug- oder Stadionticket, keine Anfahrt auf eigene Faust, sondern nur geschlossen mit dem Zug.

Um die Reise zu planen, gingen einige Anführer der Gruppen am Freitag vor dem Spiel zur staatlichen Zuggesellschaft Trenitalia. Der Bitte der Fans um einen Sonderzug wurde jedoch nicht entsprochen – die Verantwortlichen des Unternehmens wollten angeblich noch nicht einmal mit den Ultras reden. Auch die anwesenden Leiter der Eisenbahnpolizei zeigten sich von der harschen Reaktion überrascht und verständigten den Polizeichef. Die Kurven kauften nun Gruppentickets für reguläre Züge am Sonntagmorgen. Weiterhin sollen fast 1.000 Einzeltickets an Automaten geholt worden sein. Das war möglich, obwohl die Züge längst ausgebucht waren. Erst im Nachhinein wurden diese Tickets wohl gesperrt.

Am Bahnhof Neapels wurde am Spieltag dann schnell klar, dass – entgegen anderslautender Behauptungen von Trenitalia – die Plätze im Zug, trotz einiger zusätzlicher Waggons, nicht ausreichten. Der Einstieg in den Zug wurde von den Ultras organisiert. Während die „normalen“ Passagiere unbehelligt und ruhig in den Zug einsteigen können, kontrollierten die Gruppen die Tickets ihrer Mitglieder. Die Polizei kesselte die wartenden Fans, von denen laut Aussage der Curva über 80 Prozent in Besitz eines gültigen Tickets waren, ein. Eine Passagierin stellte, als der Zug bereits zwei Stunden Verspätung hatte, die Frage, weshalb kein Sonderzug organisiert worden war. Trenitalia zufolge kam der nicht zustande, weil sich das kostenmäßig nicht rentiert hätte. Als einem wartenden Fan bei den hochsommerlichen Temperaturen im Polizeikessel schlecht wurde und sich die Polizeikette einen Moment lang öffnete, um einen Krankenwagen passieren zu lassen, nutzten die Anhänger die Gelegenheit, um in den Zug zu steigen – das wurde später in den Medien als „Angriff“ dargestellt.

Da der Zug natürlich völlig überfüllt war, wurden die restlichen Passagiere von Bahnangestellten gebeten, auszusteigen und den bequemeren Eurostar zu nehmen. Von Seiten der anderen Fahrgäste kamen im Nachhinein übrigens keinerlei Beschwerden über das Verhalten der Napoli-Fans. Der Polizeichef von Neapel, Antonio Puglisi, erklärte später sogar der Gazzetta dello Sport, dass die Situation bei Abfahrt des Zuges vollkommen ruhig gewesen sei, er mit führenden Vertretern der Fans in aller Ruhe gesprochen und keinen Anlass gesehen habe, den Zug nicht abreisen zu lassen: „Die etwa 1.500 Fans hatten Tickets für die Zugfahrt und für das Spiel und – ich lege Wert darauf, das klarzustellen – waren absolut unbewaffnet.“ Eine Aussage, die die gewaltsame Erstürmung des Zuges, den ausgeübten Zwang auf die anderen Mitreisenden und die Behauptung, viele Fans seien ohne Zug- oder Stadionticket gereist (Trenitalia behauptete Hunderte von Tickets seien mit Kinderermäßigungen erworben worden) widerlegt. Das hinderte Italiens meistverkaufte Zeitung allerdings nicht daran, dies im selben Artikel zu behaupten.

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<p class=Nochmal beim Spiel gegen den AC Milan.

Im Zug, der außerplanmäßig einige Male hielt, war es sehr heiß. Zudem gab es keine Getränke, die Klimaanlage fiel aus und durch die völlige Überfüllung befanden sich bis zu 14 Personen in einem für sechs Personen konzipierten Abteil. Einige, wenige Akte von Vandalismus fanden statt, was die Ultras nicht verhindern konnten. Dabei ging auch jene Glasscheibe zu Bruch, die am nächsten Tag in sämtlichen Medien zu sehen war.

Anderthalb Stunden nach der Ankunft in Rom konnte man bei Trenitalia bereits die Schadenssumme benennen: Über 500.000 Euro sollen auf der Fahrt in die Hauptstadt entstanden sein. Die linke Tageszeitung L’Unità sprach sogar davon, dass der Zug „ausgeplündert“ worden sei. Die Bahngesellschaft erklärte weiterhin, auch auf der Rückfahrt seien in den vier Zügen zwölf Abteile beschmutzt gewesen. Die Rede ist von Zügen, die vor wenigen Wochen noch Gesprächsthema wegen ihres Zeckenbefalls waren.

Es folgte der bereits beschriebene „Einfall“ in Termini: Durch die Zugverspätung hatte das Spiel längst begonnen und die Fans wussten, dass sie das Stadion kaum vor Beginn der zweiten Halbzeit erreichen würden. Bei einem Ticketpreis von 28 Euro pro Karte war Eile geboten. Tatsächlich betraten sie das Olympiastadion sogar erst einige Minuten nach Wiederanpfiff.

Auch in den vor dem Bahnhof bereitstehenden Bussen wurden die Fans wieder eng zusammengepfercht. Dennoch verurteilte die Curva A in ihrer Bekanntmachung die Zerstörung der elektronischen Türblockierung durch einige ihrer Mitfahrer und erklärte sich bereit, für die entstandenen Zugschäden einzustehen, sofern ein unabhängiges Gutachten den Schaden beziffern würde.

Nach dem Unentschieden ihrer Mannschaft mussten die Neapolitaner zwei Stunden im Stadion ausharren. Wie schon während der Partie blieb alles friedlich. Beim Besteigen der Busse kam es dann zu Konfrontation mit der Polizei. Einzelne Fans sollen dabei wahllos zusammengeschlagen worden sein. Das Gerücht machte die Runde, dass es am Bahnhof zu Ausschreitungen gekommen war. Tatsächlich sah die Lage dort aber wohl eher so aus, dass sich die anwesenden Napoli-Fans in einem Polizei-Kessel befanden und einige Personen, die zum Zug wollten, verhaftet wurden.

Diese Vorkommnisse gingen nicht durch die Medien. Ebensowenig wie der angeblich getätigte Ausspruch eines Polizisten am Bahnhof Termini: „Ihr seid in eine große Falle gefallen!“ Möglicherweise ist das die Antwort auf die Frage, die sich viele in den Tagen vor dem Spiel stellten: Warum dürfen die Neapolitaner nach Roma fahren? (Matthias Bürgel / Stadionwelt, 12.09.2008)

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