Am 10. April kam es bei dem Aufeinandertreffen der Traditionsmannschaften des FC Hradec Kralove und FC Banik Ostrava zu einer Eskalation mit Ansage. Tobias Plieninger war für Stadionwelt vor Ort und beschreibt die Ereignisse rund um das tschechische Erstligaspiel.
FC Hradec Kralove- FC Banik Ostrava 2-1, 10.04.2011, 17 Uhr, Erste Liga Tschechien
7000 Zuschauer, 542 Gästefans
Im Vsportovni Stadion traf der zehnte auf den elften der Tabelle. Die Heimfans hofften, dass der Aufsteiger mit einem Sieg gegen die favorisierten Gäste einen weiteren Schritt zum Klassenerhalt machen könnte. Bei schönsten Fußballwetter konnte der Kassenwart einen Rekordbesuch vermelden. Obwohl die Gäste sportlich eine sehr schlechte Saison spielten kamen nochmal tausend Zuschauer mehr als gegen die drei Prager Vereine. In den vergangenen Spielzeiten konnte Banik sich immer für den internationalen Wettbewerb qualifizieren. Diese Saison verlief sehr enttäuschend und Banik stand in Gefahr bei einer Niederlage noch in den Abstiegskampf abzurutschen.
Alle Bilder: Tobias Plieninger
Im Vorfeld des Spiels gab es eine Hysterie in den lokalen Medien, dass eine Menge an gewaltbereiten Fans aus Ostrava anreisen würde. Nach Ausschreitungen gegen Bohemians und Sparta wurden weitere Randale befürchtet. Daher wurden zahlreiche Vorsichtsmaßnahmen getroffen: Der vordere Zaun wurde mit Stacheldraht und Militärdraht gesichert, vor dem Block wurde eine Überwachungskamera aufgestellt, der Eingangsbereich wurde mit Bauzäunen gesichert und etwa hundert starke Männer wurden von einem privaten Sicherheitsdienst als Ordner eingesetzt. Auf der Internetseite des Gastgebers wurde ein Video des Lokalsenders von einer Polizeiübung zur Räumung des Gästeblocks veröffentlicht.
Zuerst sollten nur 350 Gästefans mit personalisierten Tickets zugelassen werden. Nachdem man einsah, dass die Gäste höchstwahrscheinlich trotzdem zahlreich anreisen würden verkaufte man 542 Gästekarten ohne Ausweis. Unterstützt wurden sie von befreundeten Fans des polnischen Traditionsvereins GKS Katowice. Diese Verbindung besteht schon seit über zehn Jahren. Aufgrund der kurzen Distanz von hundert Kilometern gibt es sehr häufige Besuche, weshalb man von einer der besten internationalen Freundschaften sprechen kann. Die Polen sind zusammen mit dem Großteil der Banik-Fans per Zug angereist. Der ausverkaufte Gästeblock wurde an allen Seiten schön mit Fahnen behangen. Darunter auch eine von GKS. Die gelben Farben der 20 GKS Fans stachen aus den sonst mehrheitlich schwarz gekleideten Gästen hervor.
Die Fanszene in Hradec Kralove hat mit dem Aufstieg in die erste Liga in dieser Saison ebenso einen Boom verzeichnet. Der Zuschauerschnitt konnte von 2500 auf 5000 gesteigert werden. Eine noch größere Steigerung gab es bei den Zahlen der Auswärtsfahrer.
Zu Zweitligazeiten waren selten mehr als fünfzig Leute auswärts dabei. Dies konnte gesteigert werden auf bis 300 Leute. Beim Gastspiel im Eden-Stadion bei Slavia Prag gab es sogar eine Pyroaktion. Zum Einlaufen der Mannschaften starteten die Ultras ihre erste Choreo über die gesamte Haupttribüne. Die lief so ab wie die meisten Choreopremieren anderer Gruppen. Aller Anfang ist schwer. Auch die Stimmung entwickelt sich Schritt für Schritt weiter. Am alten Standort auf der rechten Seite der Haupttribüne sind ca. dreißig Freunde der Kurzhaarfrisur geblieben, die eher Liebhaber des englischen Supportstils sind. Um die Stimmung in dem weitläufigen Stadion zu verbessern hat man eine kleine Stahlrohrtribüne hinter dem Tor aufgestellt. Hier stehen etwa 200 Leute der Ultraszene. Dort wurde ganzzeitig gesungen und auch Schalparaden und kleine Wurfaktionen gab es zu sehen. Bei Wechselgesängen "Hradec – Kralove" konnte auch die Haupttribüne eingebunden werden. Desto länger das Spiel ging desto besser wurde die Stimmung. Dank des 2-1 Sieg gegen die renommierten Gäste waren die Heimfans richtig aus dem Häuschen.
Genau das Gegenteil spielte sich im Gästesektor ab. Anfangs wurde ganz ambitioniert supportet. Wie bei fast allen guten Fanszenen im Ostblock beteiligten sich fast alle daran. Einige sehenswerte Klatscheinlagen wurden gestartet. Ab und an machten alle bei den brachial lauten Banik-Rufen mit. Melodische Lieder gab es, wie erwartet, nur wenige zu hören. Die Versuche der vier Anstimmer den Gästeblock anzuheizen waren nicht immer erfolgreich. Die "Ultras Chachari" bezeichnen den Auftritt selbst als durchschnittlich. Kurz nach der 60. Minute wurde im Gästeblock eine Transparent gezeigt "Pyrotechnik ist kein Verbrechen". Jedoch verlief diese Aktion nicht im Codex der deutschen Kampagne, denn die Bengalos wurden alle sofort auf den Rasen geworfen. Am Zaun wurden einige schwarz-weiße Schals verbrannt. Dazu gab es noch kleine Rauchtöpfe in blau und weiß. Das kam aufgrund des starken Windes leider gar nicht gut rüber. Die Ultras Chachari schreiben in ihrem Bericht dazu, dass die Aktion eher den Gegnern der Kampagne in die Karten gespielt hat. Irgendwie passte alles dazu, dass es eben ein richtig schlechter Tag war. Doch es kam noch schlimmer für die Gästefans, denn ihre Mannschaft geriet in der 73. Minute mit 2-1 in Rückstand. Als dann auch noch einige Heimfans auf der Haupttribüne provozierten platzte einigen Herren der Kragen.
Ein Banik Fan auf der an den "Sektor Hodnoceni" angrenzenden Gegentribüne besuchte eine Gruppe von zehn wild gestikulierenden Heimfans, die darauf plötzlich ganz klein laut wurden. Daher beruhigte sich die Situation wieder. Doch diese Aktion rief die Ordner auf den Plan, die den Banik Fan etwas unsanft aus dem Verkehr ziehen wollten. Dadurch geriet der untere Teil des Gästeblocks in Wallung. Die Fahnen unten am Zaun und an der linken Seite wurden abgehängt, damit die Stabilität getestet werden konnte. An der Ostseite versuchten auch ein paar wenige ganze mutige Heimfans eine noch hängende Fahne der Banik Fans zu klauen. Als dies bemerkt wurde entwickelte sich ein Tauziehen. Mit versammelten Kräften verhinderten die zahlreich herbeieilenden Ordner einen Ausbruch der Heimfans. Erst als dies kurz bevor stand kamen die behelmten Roboter zum lange trainierten Einsatz und holten den Knüppel aus dem Sack. Als sich die Lage bereits entspannt hatte goss die Polizei noch einmal Öl ins Feuer und warf P1 Tränengasgranaten in den Block. Ich hatte den Eindruck, dass nach den ganzen Übungen nun in endlich der Ernstfall geprobt werden sollte. Darauf wurde der untere Zaun noch mehrmals auf seine Stabilität getestet. Als immer mehr Granaten in den Block flogen drehten die Gäste den Rücken zum Feld. Danach war dann wieder Ruhe im Karton.
Von Heimseite gab es nur wenige Sportkameraden in Aktion. Die aktivste Fraktion dieser stellten die Ordner, die lediglich in ihren Westen sich mutig ins Getümmel stürzten. Dazu gab es eine sehr große Anzahl an Schaulustigen, die sich dieses Spektakel nicht entgehen lassen wollten. Das tschechische Fußballpublikum scheint diesbezüglich entspannt zu sein. Es gab keinerlei Pfiffe auf Heimseite. Sogar Mädels und Familien beobachteten, wie es im Gästeblock zur Sache ging. Es fehlte eigentlich nur, dass der Popcorn-Stand verlegt worden wäre. Als der östliche Zaun immer bedenklicher wackelte und auch einige Heimfans von der Polizei angegangen wurden suchten die „Krawalltouristen“ jedoch schnell das Weite.
Den Schiedsrichter störte das ganze Treiben recht wenig. Er ließ einfach weiter spielen. Nach Spielende forderten die Gästefans von ihren Spielern mehr Kampf und Ehre. Danach gingen die Banik Fans in ihren Shuttle Bus. Die sogenannte Policie ließ laut dem Bericht der Gäste am Bahnhof nochmal die Muskeln spielen und drängte die Gästefans in den Zug. Die Heimmannschaft konnte mit dem Sieg auf neun Punkte vergrößern und sind damit fast gerettet. Banik ist damit auf Platz 13 abgerutscht und hat bei sieben verbleibenden Spielen ein Polster von vier Punkten auf den Abstiegsplatz. Immerhin konnten die Banik-Fans ihre Fahne noch retten und kein Fan wurde verhaftet, was für sie wohl das einzige Positive an diesem Tag war. (Stadionwelt, 25.04.2011)
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