Finale Furioso in Turin

Faszination Fankurve 07.06.2011 0 Kommentare

Foto: Faszination Fankurve

Drei Jahre vor dem „Wunder von Bern“ wurde 1951 die Mutter aller Gruppen „Ultras Fidelissimi Granata“ gegründet. Ein halbes Jahrhundert später bot sich ich die Gelegenheit einen der traditionsreichsten Vereine und eine der renommiertesten Kurven Italiens bei einem spannenden Spiel zu sehen. Stadionwelt dokumentiert die Beobachtungen zur aktuellen Situation bei „Toro“. Ein Bericht von Tobias Plieninger
 

Alle Bilder: Tobias Plieninger

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Torino FC-Calcio Padova 0-2, Stadio Olimpico, Italia Serie B, 24.222 Zuschauer, 1.500 Gäste
 
Am letzten Spieltag der Serie B stand ein echtes Herzschlagfinale um den letzten Platz in der Aufstiegsrelegation zur Serie A an. Toro lag einen Punkt hinter den Gästen und war zum Siegen verdammt. Die Gäste aus Padova hatten eine komfortable Ausgangslage, denn Ihnen reichte ein Unentschieden.
 
Bei beiden Vereinen handelt es sich um Traditionsvereine mit einer turbulenten Geschichte. Toro hatte zwischen 1940 und 1949 seine glorreichste Zeit. Die Mannschaft „Grande Torino“ feierte einen Titel nach dem anderen 1947 spielten zehn Spieler von dem im Vollksmund liebevoll genannten „Toro“ für die Nationalmannschaft „Squadra Azzura“ gegen Ungarn, was wohl ein ewiger Rekord bleiben wird. Padova war nie besonders erfolgreich seit Gründung pendelten sie zwischen Serie A und C2 (4. Liga) Trotz der wenigen Erfolge haben sie eine treue Fangemeinde.
 
Im Vorjahr konnten sie in der Relegation den Abstieg vermeiden. Toro war 2009 aus der Serie A abgestiegen. In der jüngeren Geschichte stand der Verein mehrmals kurz vor dem Aus. 1949 war ein Wendepunkte in der Geschichte. Nach einer Rückkehr von einem Freundschaftsspiel bei Benfica Lisboa stürzte fasst die ganze Mannschaft mit dem Flugzeug ab. Von da an konnten sie sich nicht mehr erholen. Die Fans blieben dennoch treu. Die 1951 gegründeten „Ultras Granate Fedillisimi“ sind die Mutter aller Ultras. Seither entwickelte sich die Szene und trotz der Rückschläge durch die Situation beim Verein und die Repression sind die Ultras in der Kurve stark vertreten. In Turin selbst ist Toro weitaus beliebter als der verhasste Erzrivale Juventus.
 

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Das Spiel elektrisierte im Vorfeld beide Fangemeinden. „Toro“ wollte ein möglichst volles Stadion, daher wurden die Karten für die Kurve zum zuschauerfreundlichen Preis von 5 EUR, für die Gegengerade zu 15 EUR, verkauft. Innerhalb einer Woche gingen über 15.000 Karten weg. Die Curva Sud „Veccio Cuore Granata“ war bis auf 500 Plätze beinahe voll besetzt. Auf der gegenüberliegenden Curva Maratona blieben etwa 2000 Plätze leer. Der Rest des Stadions war nahezu voll besetzt. Wenn selbst bei dieser Situation die Kurve nicht ausverkauft ist sind die Ultras immer in der Lage mit Einzelkarten rein zu kommen. Für die Dauerkarte müsste man „Verrat“ begehen und die Tessera annehmen, was für traditionelle Ultragruppen wie die Ultras Granata ein absolutes NO-GO ist. Drei Stunden vor Spielbeginn sammelten sich die Tifosi in den zahlreichen Bars, Restaurants, Eisdielen und Ständen rund um das Stadion. In der motorsportverrückten Automobilstadt Stadt hingen wegen des gleichzeitig statt findenden Formel 1 Rennen zahlreiche Italienfahnen.
 
Aus dem knapp 370 Kilometer entfernten Padova waren die meisten Fans mit Bussen gekommen. Der Rest war mit dem PKW angereist. Nach der seit Sommer 2010 geltenden Regelung ist es nur Inhaber der Tessera del Tifoso möglich Karten für den Gästesektor zu kaufen. Neuerdings werden allerdings Ausnahmen gemacht, weil man gemerkt hat, dass die Tessera nichts nutzt, die Leute trotzdem anreisen und es so zu mehr Chaos im Stadion und Ärger an Raststätten kommt. Wie fast alle Gruppen lehnen die Ultras von Padova ab Ihre Steuernummer, Personalausweisnummer und Meldeadresse abzugeben und dafür die sogenannte „Tessera del Tifoso“ zu erhalten. Dies hat zur Folge, dass die Anreise zu Auswärtsspielen immer schwieriger wird. Sehr kompliziert war es auch diesmal:
 

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Eigentlich sollten Karten für außerhalb des Gästeblockes überall, nur nicht in der um Padua gelegen Region Veneto verkauft werden, damit die Padova-Fans nur die verfügbaren Karten im Gästeblock kaufen. Montags wurde gesagt, dass ab dienstags um 10 Uhr nur die Tesserati Karten für den Gästeblock kaufen dürfen und Non-Tesserati dann erst später.
Irgendwie sprach sich aber rum, dass in einer Tabaccheria auch Non-Tesserati Karten kaufen konnten, weshalb dort dann Leute sich Karten geholt haben, bis das bemerkt wurde.
Bis Mittwoch waren dann schon 700 Karten verkauft, was fast die Hälfte des Gästekontingents ausmacht. Daher blieben nur noch knapp 800 Karten für Non-Tesserati. Deshalb wurden die Verkaufsstellen beim Start des Kartenverkaufs für Non Tesserati eingerannt – alle verbleibenden Karten waren binnen zwei Stunden vergriffen.
Dann hieß es, dass man aus Turin eventuell noch einmal mehr Karten bekommen würde. Darauf haben sich viele Leute natürlich nicht verlassen wollen und sind in die Nachbarprovinzen gefahren, um sich dort noch Karten zu kaufen. Als dies bemerkt wurde, wurde kommuniziert, dass diese Leute damit nicht ins Stadion kommen würden, die Tickets somit wertlos seien.
Am Spieltag passierte dann aber, was natürlich klar war: Alle wurden in den Gästeblock gesteckt, egal ob Tesserati, Non-Tesserati und Leute mit Karten für andere Sektoren. Italien eben, wie es leibt und lebt! Irgendwie verrückt was für ein Chaos das war. Andererseits aber auch erfreulich, das in Zeiten des „calcio moderno“ noch ellenlange Schlangen an Kartenverkaufsstellen, halbtägliche Reisen zum Kartenkauf und Chaos in einem Tabakladen ablaufen, anstatt Onlinekartenvorverkauf mit Zufallsgenerator und fast schon notwendigem Informatikstudium.
 
Die Vorzeichen waren also schon dem Spiel würdig. Am Spieltag selbst konnte man in der Kurve der legendären Ultras Granata eine schöne farbige Rauchshow sehen während es in der Curva Maratona eine kleine Luftballonchoreo gab. Dort hingen viele schöne Zaunfahnen der Fanclubs. In der Sud vermisste ich die große Fahne. „ULTRAS CUORE GRANATA“. Aufgrund der anhaltenden Repression müsste die angemeldet werden, was natürlich völlig undenkbar ist. Statt dieser genialen Fahne gibt die Kurve mit etlichen kleinen Fahnen ein trauriges Bild ab. Traurig war auch der Anlass, denn auf der einen Seite hingen nur zwei große Transpis für den verstorbenen Bubu. Von den Ultras gab es eine Fahne TORINO und darüber hängten die befreundeten Ultras aus der Curva Fiesole Florenz ihre 1926 Fahne. Die „Girls“ Fahne gab es leider auch nicht zu sehen. Hinter dieser Fan standen früher zahlreiche weibliche Ultras, die teilweise 40 Jahre und mehr Jahre alt waren. Wie viele weibliche Ultras haben in Deutschland überhaupt eine Fahne?
 

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Der Gästeblock erinnerte optisch an eine disziplinierte osteuropäische Szene, denn alle trugen weiße T-Shirts. Ins Auge fiel eine größere Fahne „Diffidati“ (Stadionverbotler). Einige Zeit später zogen die meisten Ihre T-Shirts aus und zeigten ihre muskulären Körper. Das waren wirklich „starke“ Jungs. Ab und zu wurden sehr sehr laute Papierbomben gezündet. Auch ein paar Bengalos wurden auf den Boden geworfen. Mit den Leuten aus den Nebenblöcken wurden sowohl verbal als auch pantomimisch und mit Gegenständen allerlei Nettigkeiten ausgetauscht. Das sah teilweise sehr lustig aus. Negativ fielen die Gäste nur zweimal auf, als ein Großteil der 1.500 Padovani bei Ballberührung des schwarzen Spieler von Toro merkwürdige Geräusche von sich gaben. Doch es gibt durchaus auch Positives zu berichten: Über 90 Minuten gaben sie einen astreinen Dauersupport ab. Die Abwechslung war dabei nicht besonders groß. Nur vier verschiedene Lieder wurden gesungen. Aber bei den Liedern sangen wirklich alle mit. Wann hört man das in Deutschland, dass nur so wenige Lieder von den Ultras gesungen werden?
 
Die Ultras Granata 1969 (!) zeigten anfangs einen sehr guten Support. Die Lieder wurden in einem sehr sehr schnellen Tempo gesungen. Bei den Klatscheinlagen konnte man sehen, dass sich nahezu alle beteiligten. Megafon und Trommeln sind weiterhin verboten. Durch Verbot der zentralen Stilmittel der Ultras wie Zaunfahnen, Pyro und die zwei beschriebenen Arten wird keine direkte Sicherheit geschaffen. Innenminister Maroni hofft indirekt durch den Verbot den Willen der Ultras zu brechen und Sie so aus den Stadien zu ekeln und damit vermeintlich Sicherheit zu schaffen. Durch diese Schikane ließen sich die Fans nicht einschüchtern. Es wurde richtig laut. Man konnte hören was für ein Potenzial in der Kurve steckt. Leider wurde die Stimmung desto länger das Spiel anhielt immer schlechter. Zwei 100% Chancen wurden vergeben von Toro. Nach dem 0-1 verfiel der Gästeblock in einen ekstatischen Torjubel und die Heimkurve in eine Schockstare. Nun musste Toro zwei Tore schießen. Leider sah es gar nicht danach aus, den Toro spielte viel zu umständlich. Zwei weitere Chancen wurden kläglich vergeben und nach dem 0-2 in der 82. Minute war es endgültig gelaufen. Ab da legten die Gästefans nochmal richtig los. Das ausgerechnet ein farbiger Spieler aus ihren Reihen das entscheidende Tor geschossen hatte schien sie nicht zu stören.
 

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Auf Heimseite gab es zwei Reaktionen darauf. Die einen strömten aus dem Stadion. In der Kurve sammelten sich alle an der Absperrung. Nach Spielende stürmte ein Fan bis kurz vor den Mittelkreis auf einen Spieler zu. Es gab aber keine schlimme Handgreiflichkeit. Alle anderen Spieler stürmten sofort in die Kabine. Sie hatten nicht den Mut zu den enttäuschten Fans in die Kurve zu kommen und sich zu bedanken. Bis zu diesem Zeitpunkt hatte nur ein Fan das Spielfeld gestürmt. Alle anderen klatschten und pfiffen nicht mal. Doch aufgrund der feigen Spieler waren dann auch die Toro-Fans verärgert und überwanden die niedrige Abtrennung. Doch sie stürmten nicht über das Spielfeld, sie blieben im Innenraum. An der Mittellinie standen zehn sogenannte Carabinieri. Sie griffen nicht weiter ein. Nach kurzer Zeit gingen alle wieder zurück in den Sektor. In den Zeitungen gab es keinerlei Hysterie deswegen. Nur in einer Fußallsendung wurde recht entspannt darüber gesprochen. Bis auf ein paar umgekippte Banden war nichts passiert. Wie die Reaktion in Deutschland wohl ausgefallen wäre?
 
Auf dem Weg zurück zum Auto kam ich an zahlreichen Ultras vorbei. Einige davon waren schon über fünfzig Jahre alt. Die trugen T-Shirts „40 Anni Ultras Granata“ und auch Schals, die sie schon gekauft hatten als es in Deutschland noch gar keine Ultras gab. Man sah, dass diese Leute schon länger dabei sind. Für Sie war der verpasste Aufstieg nur eine weitere Episode in Ihrem Fanleben mit vielen Höhen und Tiefen. Es war nicht die erste Enttäuschung und wird wohl auch nicht die letzte bleiben! Wird es in Deutschland in etwa 25 Jahren auch Jungs oder „Girls“ geben, die so gelassen reagieren und mit einem T-Shirt mit der Aufschrift 40 Jahre Ultras das Stadion verlassen?

Bildergalerie zum Spiel Torina FC – Calcio Padova

Alle Bilder: Tobias Plieninger
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