Italien im Jahr zwei nach Einführung der Tessera

Faszination Fankurve 18.01.2012 0 Kommentare

Foto: Faszination Fankurve

Vor zwei Jahren wurde in Italien die umstrittene Fankarte "Tessera del Tifoso" eingeführt. Seither hat sich der Besuch in den italienischen Stadien entscheidend verändert. Ein Tourbericht zeigt die aktuelle Situation im Mutterland der Ultras.

Ein Tourbericht von Tobias Plieninger und Matthias Brauch:

Mit Beginn der Saison 2010/2011 wurde unter Regie des Innenministers Maroni die letzte Maßnahme ergriffen um endgültig mit der Logik der Ultras zu brechen und sie aus den Stadien zu entfernen. Fortan konnte eine Dauerkarte oder eine Karte für den Gästeblock nur noch in Verbindung mit der "Tessera del Tifoso" erworben werden. Gleich zu Beginn akzeptierten die Gruppen der Mailänder Vereine die Karte, u.a. da man den Platz in den Stadien nicht gänzlich den normalen Fans und Event-Touristen, die es ja bei diesen großen Clubs auch in Italien gibt, überlassen wollte. Andere Kurven z.B. Juve stellten es ihren Mitgliedern frei. Der Rest und damit der Großteil der italienischen Ultras wehrte sich gegen die Karte und boykottierte diese. Die Jahre 2010 und 2011 waren geprägt von kuriosen Situationen, in denen die Non-Tesserati immer wieder versuchten doch auswärts fahren zu können. Teilweise gelang dies mit unterschiedlichen Tricks. Des Öfteren wurde die lange Reise jedoch ohne Spielbesuch erfolglos beendet. Mit Beginn der Saison 2011/2012 wurden die Daumenschrauben für die Ultras noch weiter angezogen. So wurden grundsätzlich alle Gruppen nach Hause geschickt, auch wenn sie im Besitz gültiger Karten waren, sofern sie keine Tessera hatten. Die sogenannten Carabinieri greifen dabei gnadenlos durch. Als Beispiel kann hier das Spiel von Parma in Novara genannt werden, ein Spiel mit sehr geringen Gefahrenpotential, bei dem die Ultras aus Parma die neue, kompromisslose staatliche Linie zu spüren bekamen und bereits vor dem Spiel, trotz gültiger Karten, den Heimweg antreten mussten.

Einige Gruppen reagierten auf ähnliche Erlebnisse und entschieden gar nicht mehr auswärts zu fahren, manche entschieden ihre Aktivitäten befristet ganz einzustellen, andere historische Gruppen lösten sich gar auf. In anderen Szenen bröckelt der Widerstand gegen die Tessera immer mehr. Als Beispiel kann hier die Curva Sud in Verona genannt werden, die inzwischen jedem freistellt die Tessera zu machen oder nicht. Weitere Fanszenen sind dabei dies intern zu diskutieren, wobei folgende Hauptargumente ausgetauscht werden:

Ein Grund die Tessera abzulehnen war, dass bei den geringsten Auffälligkeiten in der Vergangenheit die Karte angeblich abgelehnt wird. Diese Befürchtung hat sich bei den Szenen, die die Tessera akzeptiert haben als unbegründet erwiesen. Es sind bisher keine nennenswert hohen Zahlen von Ablehnung der Tessera bekannt geworden. Eines der wichtigsten Argumente für die Ablehnung ist der damit verbundene Kommerz. Denn die Tessera beinhaltet eine Kreditkarte einer bestimmten Bank. Jeder der die Tessera bekommen will benötigt also auch eine Kreditkarte. Außerdem ist durch den Ausschluss der Weitergabe der Karten zusätzlicher Umsatz im Kartenverkauf möglich. Anfang Dezember hat das oberste Gericht dies für rechtswidrig erklärt. Eine Änderung dieser Praxis ist also erforderlich und damit auch ein weiteres Gegenargument wesentlich entkräftet. Als weiteres Argument bleibt noch die grundsätzliche Ablehnung seine Daten (Adresse und Steuernummer) abzugeben und sich damit als "Diener des Staates" zu erniedrigen und damit seinen Stolz zu verlieren gegen die Repressionsorgane. Doch die Abgabe persönlicher Daten ist inzwischen schon seit Jahren erforderlich, will man in Italien eine Eintrittskarte erwerben. Diese Datensammelwut, deren Nutzen schlicht fragwürdig ist, wurde jedoch wiederwillig geschluckt. An der Tessera scheiden sich nun jedoch die Geister. Ein letztes Argument ist die Einstellung, als Ultra niemals um etwas zu bitten, sondern immer frei entscheiden zu wollen, was man wann und wo tut, weshalb unter anderem in vielen Stadien die großen Zaunfahnen der Gruppen verschwunden sind, da sie einer Anmeldung bei der Polizei bedürfen.

Die Reaktion auf die Einführung der Tessera ist ein laufender Prozess und es bleibt abzuwarten wie die Fanszenen in Zukunft damit umgehen. Es ist jedoch aktuell ein einseitiger Prozess, bei dem nur auf Seiten der Fans Veränderungen zu erwarten sind. Die Linien der Liga und deren staatlicher Handlanger sind völlig festgefahren. Diese wurden dokumentiert nach der Einigung der Interessenvertretung „my roma“ und dem AS Rom Dauerkarten auch ohne Tessera zu verkaufen, welche sofort vom Beirat für Sportveranstaltungen gekippt wurde. Nur vier Vereine kämpften gegen die Tessera, was einem Kampf David gegen Goliath glich. Die Situation mit der Tessera del Tifoso ist also verzwickt und festgefahren. Soviel zum theoretischen Hintergrund. Nun war es mal wieder an der Zeit sich vor Ort in „Bella Italia“ selbst ein Bild von der Situation zu machen.

Do 6.01.2012, 15 Uhr, Vicenza – Reggina 0-0, Stadio Romeo Monti, 8.063 Zuschauer, 12 Gäste

Was sich in Italien bis auf wenige Ausnahmen zum Glück nicht verändert hat, sind die Stadien. Südlich der Alpen sind – mit Ausnahme von Turin – bisher noch keine herzlosen Betonwüsten irgendwo in die Landschaft gesetzt worden oder Stadien zu Mehrzweckhallen umgebaut worden.
Nein, zumindest die Stadien erinnern noch an alte Zeiten. So auch das Stadio Romeo Menti im Volksmund "Bereco" genannt. Highlight in diesem Stadion war am 02.04.1998 das letzte Halbfinale um den Pokal der Pokalsieger. Als der unbekannte Verein aus der verschlafenen norditalienischen Stadt (115.000 Einwohner) des Starensemble von Chelsea London mit 1-0 damals vor 19.500 Zuschauern besiegte. Inzwischen ist die Kapazität auf 12.500 begrenzt worden. Wesentliche Veränderungen gab es an dem Stadion keine. Der Rost quillt an manchen Stellen aus dem Beton und der Lack blättert ab. Genial finde ich vor allem das alte Eingangstor. Ein schönes Beispiel für den Erhalt der traditionellen Stadien in Italien.

Ein Blick in die Kurve von Vicenza Calcio<br />Alle Bilder: Tobias Plieninger und Matthias Brauch“ loading=“lazy“></p>
<p class=Ein Blick in die Kurve von Vicenza Calcio
Alle Bilder: Tobias Plieninger und Matthias Brauch

Was sich auch nicht geändert hat, ist die andauernde Verstrickung des italienischen Fußballs in irgendwelche Wettbetrügereien. So zeigten die „Vigilantes“ ein Spruchband gegen die verschobenen Spiele. Mit den Hintergründen zum aktuellen Wettskandal habe ich mich ehrlich gesagt nicht beschäftigt. Denn auf diesem Gebiet ist alles unverändert.

Das Spiel war einfach nur grauenhaft und mit einem 0-0 hoffentlich kein schlechtes Omen für das kommende Fußballjahr. Aus Reggina waren drei Familien mit Kindern im Gästeblock. Jedoch keine Ultras. Auch Fahnen natürlich Fehlanzeige. Die „Boys“ haben im August 2010 bekannt gegeben die Tessera nicht zu akzeptieren, was Fortbestand hat. Ein trauriger Anblick im Gästeblock ließ schon etwas Wehmut an alte Zeiten aufkommen, als trotz großen Distanzen die Zahl der Auswärtsfans aus Reggina meistens beachtlich war.

Ein Lichtblick auf der Heimseite war, dass in der Kurve die große Heimfahne der Vigilantes 1978 (die Wächter) und noch einige andere Ultras-Zaunfahnen hingen. Die Stimmung entsprach dem Spiel und war einfach nur enttäuschend. Lediglich ein Stimmungskern von nicht mal hundert Leuten machte mit und das auch mit sehr großen Durststrecken.

Fr 6.01.2012, Hellas Verona – Modena 2-1, Stadio Marc'Antonio Bentegodi, Zuschauer 11.000, 150 Gäste

Ein Derby. Eine Begegnung, die auf dem Papier einiges verspricht. Früher ein Garant für gute Stimmung und meistens auch, wie im „Supertifo“ immer stand, "scontri" (Ausschreitungen). Doch was war heute los? Oben im dritten Rang standen 150 Gästefans wie ein Häufchen Elend. Keine Ultras, nur ein paar wenige Tifosi. Kein Tifo, keine Stimmung, einfach nichts. Ein Trauerspiel.
Erhellend auch hier wieder das für die WM 1990 renovierte Stadion, das seitdem kaum eine Veränderung erfahren hat. Der Rasen sah aus wie eine Patchwork-Decke und die Tartanbahn ist für den eigentlich vorgesehenen Zweck kaum und, wenn überhaupt, nur für den Hindernislauf geeignet. Das Stadio Bentegodi ist eine riesige Schüssel und trotzdem äußerst faszinierend. Auf vier steilen Rängen verteilen sich knapp 50.000 Plätze unter dem Dach. Der unterste Rang liegt nach der Modernisierung teilweise unter dem Niveau des Spielfeldes und ist daher in den Kurven quasi nie geöffnet. Auf der Geraden rennen hier jedoch den ganzen Abend über Kinder mit ihren Fahnen herum. Der zweite Rang ist eine Kuriosität, besteht er doch nur aus fünf Reihen, die sich unter den mächtigen Oberrang ducken. Dieser Oberrang ist, in einen unteren und einen oberen geteilt, der eigentliche Bereich des Stadion, in dem sich das spärliche Zuschaueraufkommen konzentriert. Da die Schüssel trotz ihrer Weitläufigkeit sehr steil ist, hat man von überall eine gute Sicht. Insgesamt ein herrliches Stadion mit Platz für alles und jeden. Fußballherz, was willst du mehr?!
Erfreulich auch die Curva Sud, die wie eigentlich immer, gut gefüllt ist – mit einer seit Jahren kaum veränderten Klientel. Dazu lasse ich mal meinen Kollegen Matthias Brauch zu Wort kommen, der seine Eindrücke zu dieser Kurve bei einem Spiel im November 2010 beschreibt:

„Hier werden weder Busse noch Bahnen voll von Dorftrotteln aus hunderten Kilometern Entfernung angekarrt, die trotz oder gerade wegen ihres fehlenden Bezugs zu Stadt und historischem Verein lediglich an Spielerstars, Fanshop und Bier interessiert sind. Und auch die inzwischen in Deutschland üblichen Yuppies mit ihrer pseudointellektuellen Fußballfachsimpelei sucht man hier Gott sei Dank vergebens. Stattdessen ist man hier unter sich. Hier trifft sich alle zwei Wochen die große Hellas-Familie, vereint in ihrem Schmerz, inzwischen seit Jahren nicht mehr die sportliche Nummer eins in ihrer Stadt zu sein. Und vereint in dem Wissen darüber, dass man in ganz Italien und Europa als Innbegriff des faschistisch-intoleranten italienischen Fußballpöbels verschrien ist. Nun ja: Ist der Ruf erst ruiniert…

Fans von Hellas Verona beim Heimspiel gegen Modena<br />“ loading=“lazy“></p>
<p class=Fans von Hellas Verona beim Heimspiel gegen Modena

Trotzdem ist es äußerst interessant zu sehen, was sich hier so alles tummelt: Vor der Curva Sud war natürlich der zu erwartende Haufen Ultras zu sehen. Und was für ein Haufen! Die Ultras von Hellas Verona gelten seit jeher als extrem gewaltbereit bzw. schlagkräftig und als rechts. Wäre beides in Deutschland ein handfester Skandal, passt es hier trotz allem zu Stadt und Region. Die Stadt Verona ist eines der bedeutendsten Wirtschaftszentren Norditaliens. Die Menschen hier haben, wie in Norditalien üblich, eine ausgeprägte Abneigung gegenüber Fremdem, Süditalienern und fühlen sich als fleißig arbeitende, ordentliche Norditaliener vom armen Süden und der EU ausgenutzt. Die rechtsorientierte Separatistenpartei Lega Nord, welche den Norden am liebsten zu einem eigenen Staat machen würde, erreicht seit Jahren hohe Prozentzahlen bei Wahlen. Zwischenzeitlich stellte sie in Berlusconis Kabinett ja sogar den Innenminister, den wegen der Einführung der Tessera bei Ultras in ganz Italien verhassten Roberto Maroni. Ebenso vorhanden, wenn auch in geringerem Maße, die rechtsfaschistische Forza Nuova. Auch einige Aufkleber von Casa Pound, den rechtsfaschistischen Jugend-Zentren Italiens, waren zu sehen. Und irgendwie ist man in Verona seit jeher stolz auf all das.

Bereits zu Beginn der neunziger Jahre hatten die unter dem Namen „Brigate Gialloblu“ 1971 gegründeten Ultras sich auf Druck der anhaltenden Repression auflösen müssen. Man tat dies, da einzelne Personen von staatlicher Seite verstärkt unter Druck gesetzt wurden und sich die Situation für diese als unerträglich darstellte. So ist die Auflösung der „Brigate Gialloblu“ auch als ein taktisches Manöver anzusehen, mit dem man versuchte, sich für die staatliche Repression weniger greifbar aufzustellen. Alle übrigen Gruppen der Curva Sud lösten sich ebenfalls auf und man kreierte einen für italienische Verhältnisse gerade in dieser Zeit revolutionären Stil. Vor den Toren des Stadio Bentegodi sah man vor dem Spiel natürlich nur die Farben gelb und blau, die gleichzeitig auch die Stadtfarben Veronas darstellen (weshalb der eigentlich kleine unbedeutende Stadtrivale Chievo ebenfalls diese Farbkombination nutzt). Auffallend ist dabei das größtenteils sehr gepflegte und chic anmutende Auftreten der Tifosi und Ultras. Neben traditionell gestalteten Schals, wie etwa Balkenschals trägt man evtl. auch zur politischen Einstellung passende Kleidung. Es dominieren eindeutig Marken wie Adidas, Fred Perry, Stone Island, Londsdale, Henry Lloyd, etc. Aber auch die überall sichtbaren selbst produzierten Fanartikel orientieren sich an diesem Geschmack und fallen daher schlicht, traditionell, aber chic aus: Man verwendet etwa das Clubsymbol der Leiter und kombiniert es mit dem Lorbeerkranz oder ahmt weitere Markenembleme mit Hellas-Bezug nach. Die Träger, egal ob Ultras aus der Curva Sud oder Familienväter von der Haupttribüne wirken dadurch deutlich erwachsener als der deutsche Fußball-Durchschnittslook. Auch abseits von Teenie-Ultras mit obligatorischer Bauchtasche, Flexfit-Cap und Buttons! Natürlich darf auch bei Regen und Dunkelheit die obligatorische Sonnenbrille nicht fehlen.

Neben den bereits beschriebenen Eindrücken fallen jedoch noch weitere Dinge auf, die es so in Deutschland nicht (mehr) gibt. Das Durchschnittsalter liegt natürlich deutlich über dem deutschen Schnitt. Wobei es auch jüngere Ultras um die zwanzig gibt. Viele der geschorenen Schädel werden von Narben geziert. Zeugen historischer Auseinandersetzungen rund um die Stadien Italiens, die oft mit einer bei uns unbekannten Militanz geführt werden. Das krasseste Beispiel ist ein Typ Mitte dreißig, der eine fast hufeisengroße notdürftig geflickte Narbe am Hinterkopf zur Schau trägt. Außerdem durfte man drei Skinheads mittleren Alters bestaunen. Etwas derartig Rustikales habe ich schon lange nicht mehr gesehen, verstecken sich Nazis in Deutschland inzwischen ja hinter modischen Trends und scheinbar links-alternativer Kleidung. Diese drei rasierten Schädel warten mit dicken Koteletten, Bomberjacke, Springerstiefel, hoch gekrempelte Jeans und einer riesige Gürtelschnalle mit Keltenkreuz auf. Das Publikum entspringt also definitiv einer anderen Liga, als in hiesigen Gefilden.“

Auch im Jahr 2012 noch mit einem speziellen Stil. Englandfahne in der Kurve und viele kleine Fahnen. Man muss einfach da gewesen sein. Es ist nach wie vor eine besondere Kurve, die ihrem eigenartigen Stil über die Jahre treu geblieben ist.

Wie sich später zeigen sollte, war das Publikum auf der Haupttribüne jedoch teilweise auch aus ähnlichem Holz geschnitzt. Denn die Ticketpreise des oberen Teils der Tribuna Ovest sind identisch mit dem Kurvenpreis. So bietet dies die Möglichkeit für gemäßigtere Fans und Familien günstig Fußball zu schauen. Allerdings sammeln sich dort auch eine Menge ehemaliger Kurvengänger, die hier bei Glühwein und Bier ihrer Passion Hellas frönen. Ohne zu Übertreiben. Dieser Teil der Haupttribüne würde jede deutsche Ultras-Gruppe auseinander nehmen! Soweit die Eindrücke von der Heimkurve.

Das Spiel war 90 Minuten Einbahnstraßenfußball, wobei aus heiterem Himmel die Gäste das 0-1 machten. Dagegen rannte die Heimmannschaft an, ohne, dass auch nur ein Pfiff zu vernehmen gewesen wäre. Bis zum Schluss unterstützten die Fans ihre Mannschaft. Durch das 1-1 in der 86. und kurz darauf das 2-1 wurden sie belohnt und ich freute mich über das Highlight des Tages. Wie ein Orkan fegte der Torjubel durch das ganze Stadion. Wer aber nach den Toren auf Pyro gehofft hatte, wurde enttäuscht. Was waren das noch für Zeiten, als in Italien bei einem Spiel nach Sylvester noch reichlich geböllert wurde. Nein, ich will hier keine Diskussion über dieses Thema beginnen. Aber früher war es einfach völlig normal, dass ich am ersten Spiel nach Neujahr in Italien das Stadion nur mit akutem Ohrensausen verlassen konnte. Erwähnenswert ist noch, dass eine kleine Fahne der Ultras Sur von Real hing.

Sa 07.01.2012, 20:45 Uhr, Internazionale Milano vs. Parma FC 5-0, 37.326 Zuschauer

Endlich mal wieder ein Besuch in dem Stadion mit dem ich so viel verbinde. Ein italienischer Sommer, "un estate italiana", sangen Gianna Nanni und Edoardo Bennato im Duett zur Eröffnungsfeier der WM 1990. Das war noch eine Weltmeisterschaft, bei der Fußball im Mittelpunkt stand und nicht Kommerz und Show. Ein Lied, das gesungen wurde von lokalen Musikstars für die Fans. Nicht von einer Sängerin, die davor noch nie das Gastgeberland besucht hat, um möglichst viel Geld einzuspielen. Da war die Fußball WM noch eine Sportveranstaltung und kein neudeutsch als „Event“ bezeichnetes gesellschaftliches Massenereignis. Die Einnahmen wurden übrigens auf Wunsch von Gianna Nannini komplett für Amnesty International gespendet!

Eine der Ultra-Gruppierungen von Inter, Viking, wurde 1984 gegründet<br />“ loading=“lazy“></p>
<p class=Eine der Ultra-Gruppierungen von Inter, Viking, wurde 1984 gegründet

Bereits vor der WM begeisterte mich mein Schulfreund Franco für den Milan und die Squadra Azzura und Spielerlegenden wie Franco Baresi, Paolo Maldini oder Marco van Basten. Wenige Jahre später war es seine Schwester bzw. meine Friseuse, eine rassige Italienerin und brennende Milanista, die mich noch mehr für die Rossoneri begeisterte. Erst war bei jedem Friseurbesuch der Milan das Topthema. Dann ging es nicht nur um Spieler, sondern auch um die Ultras. Erfreut reagierten die Eltern nicht als ich ihr erklärte, dass ich unbedingt mit Francesca nach Mailand fahren wollte. Doch sie unterschrieben die Anmeldung. Francesca machte mir einen Busplatz mit Karte klar – für damals unglaublich teure hundert Mark! Mit anderen Fußballfans aus Stuttgart fuhr ich zum ersten Mal über die Alpen zum Mailänder Derby. Der Bus bestand Großteils aus Inter- und Milan-Fans aus Stuttgart, sowie aus anderen Fußballfreunden. Karten hatten davon nur die Hälfte, allerdings war die einzige Sorge die vor gefälschten Karten. Als ich das Stadion betrat hatte es mich endgültig voll erwischt – nicht nur was die Friseuse anbelangte. Vielmehr war es die Welt der Ultras. Mir erschloss sich damals eine völlig andere Art der Fankultur. Die Gesänge, die Zaunfahnen, die Pyroshow zur zweiten Halbzeit (beide Kurven 200 Bengalos) und nach den Toren und wie aufgestachelt die Menschen waren! Wie sich alles entlud nach den Toren. Bis heute hat mich diese Faszination nicht mehr losgelassen.

Zu den bekanntesten Ultra-Gruppierungen in Italien gehören die Boys San<br />“ loading=“lazy“></p>
<p class=Zu den bekanntesten Ultra-Gruppierungen in Italien gehören die Boys San

Ich erinnere mich an schwierige Verhandlungen auf dem Schwarzmarkt oder Pech mit gefälschten Tickets, aber auch an Glück, weil ein Auge zugedrückt wurde. Ich erinnere mich an das Finale der Champions-League 2001, an die bisher genialste Choreographie von den vielen, die ich in Mailand gesehen habe.

Ich erinnere mich an einen gescheiterten Kletterversuch am Zaun oder einen erfolgreichen Sturm mit der Masse. Oder an Giovanni, der seinen Schwager heim schickte und stattdessen mich mit seiner Dauerkarte für lau mitnahm. Allein der Anblick von außen, egal ob bei Tag oder Nacht, ist einfach majestätisch. Da kann auch das Neckarstadion meines Stammvereins VfB Stuttgart, mit dem ich noch viel mehr Geschichten und Emotionen verbinde, nicht mithalten.
Doch genug in Erinnerungen geschwelgt. Die Gegenwart auf dem Rasen war ebenso genial. Diego Milito und die ganzen Stars spielten Fußball der obersten Klasse, wie ich ihn schon lange nicht mehr live gesehen habe. 5-0 stand es am Ende, obwohl Inter im Hinblick auf das am 15. Januar bevorstehende Derby sehr zurückhaltend spielte.
Auf den Rängen allerdings eine Enttäuschung. Trotz des rauschenden Fußballfests eine miese Stimmung auf der Heimseite. Nach den Toren brannte ab und an ein Bengalo, das anschließend sofort auf den Boden gelegt wurde. Die Gäste waren, wie Modena am Vortag, ein Häufchen Elend.
Erfreulich lediglich die Zaunbeflaggung auf Heimseite mit den großen Fahnen der traditionsreichen Gruppen „Viking“, „Boys San“, „Ultras“ etc. und die Torjubelwelle im ersten Rang.
Mit 37.246 Zuschauern auch von der Ressonanz mein absoluter Tiefpunkt im San Siro. Etwa 10.000 Dauerkarteninhaber waren übrigens gar nicht erst gekommen und mussten ihre Karte verfallen lassen. 10.000 kauften an der Tageskasse Karten. Nächste Woche beim Derby sind sie dann alle da. Das ist die andere Seite der Tessera und der nummerierten Karten. Letztendlich zahlen die Fans für den Sicherheitswahn des Staates und für die Zerstörung ihres Lieblingssports.

So 8.01.2012, 15 Uhr, Stadio Silvio Piola, Pro Vercelli vs. Como 2-0, 1.313 Zuschauer, 30 Gäste

Um einen kompletten Eindruck zu gewinnen stand am letzten Tag der Tour noch ein Spiel der dritten Liga an. Die Situation in Vercelli war ähnlich: Ein schönes altes Stadion. Pro Vercelli ist schließlich ein Traditionsverein, der auch schon in Serie A gespielt hat. Innen in der Tribüne gab es eine gemütliche Espresso Bar. Ja, das gehört auch zum Fußball in Italien dazu, wie ein Pizzeriabesuch in Stadionnähe. Am Sonntagmittag dann bestes Fußballwetter und schöne Sicht auf die Alpen. La vita è bella. Das Leben ist schön.

Auf dem Kunstrasen gab es ein recht hochwertiges Spiel, die Begeisterung hielt sich trotz der beiden Tore in Grenzen. Auf der Gegengerade stand ein Mob von 150 Leuten, die im Gegensatz zu den anderen gesehenen Szenen ihr Liedgut kontinuierlich brachten und sogar einige Melodien sangen, die ich schon lange nicht mehr gehört habe. Auch einige schöne Schalparaden zeigten die erst 2010 gegründete Gruppe "West Side". Die Ultras der Vorgänger-Gruppe „White Lions“ haben alle Stadionverbot und sangen im Stadtpark hinter der Tribüne. Ein weiterer skurriler Eindruck der aktuellen Situation der Ultras. Noch ein Jahr müssen die Löwen durchhalten. Dann dürfen sie wieder rein.

Die Ultra-Gruppe West Side des Vereins Pro Vercelli gründete sich im Jahr 2010<br />“ loading=“lazy“></p>
<p class=Die Ultra-Gruppe West Side des Vereins Pro Vercelli gründete sich im Jahr 2010

Apropos skurril: Eine weitere lustige Geschichte im Zusammenhang mit der Tessera hat sich am 6.01.2012 in Padova ereignet:

Diesmal gelang den Ultras von Padova Calcio ein simpler, aber doch gewitzter Coup, der die Absurdität der Tessera freilegt, wie kaum eine Aktion zuvor. Seit dieser Saison dürfen Fans ohne Tessera ihre Mannschaft zu keinem Auswärtsspiel mehr begleiten. Dies bedeutet jedoch nicht, dass man nicht andere Spiele besuchen darf, sofern für diese Spiele der Verkauf der Karten nicht auf Einwohner einer bestimmten Region begrenzt ist und man sich Karten außerhalb des jeweiligen Gästeblockes besorgt. Klingt kompliziert, ist es scheinbar auch und dann wieder auch nicht, wie die Jungs aus Padova mit ihrer Aktion zeigen.

Die Padovani besorgten sich in Ermangelung von Auswärtsfahrten mit ihrer eigenen Mannschaft einfach Karten für ein Spiel der Mannschaft aus der Nachbarstadt, nämlich Cittadella. So fanden sich bei der Partie Cittadella-Empoli plötzlich über hundert Fans aus Padova auf der Gegengeraden ein und unterstützten mit Gesängen den Verein ihres Herzens – nämlich Padova Calcio.
Um die Sache noch absurder zu gestalten, war der Eintritt für die eigentlichen Gäste aus Empoli natürlich verboten!

Dies war in Vercelli zum Glück nicht der Fall. Aus Como waren etwa 30 Tessera-Inhaber dabei, mit zwei Fahnen im Gepäck. Ultras ebenso Fehlanzeige. Als dann auf der Gegengerade ein paar Leute „Como, Como vaffanculo“ riefen, wurde im Gästeblock wild gestikuliert und herumgesprungen. Dies war nur ein kleiner Ausbruch italienischer Leidenschaft. Passiert ist natürlich nichts.
Auf der Rückfahrt von Vercelli hörte ich noch die letzten Minuten vom Spitzenspiel Atalanta vs. Milan im Radio. Der Reporter war ganz außer sich von „grande Ibra“ und „peng peng Boateng“. Ja, das gehört eben auch dazu, zum italienischen Fußball-Stil, wie es die Ultrà Lecce 2010 mit einem Spruchband so passend ausdrückten: „SCONTRI, RADIO E BORGHETTI… NOI PER UN CALCIO DI ALTRI TEMPI!“ Randale, Radio und Borghetti (italienischer Cafélikör, der in Stadien immer in Plastikdosen verkauft wird). Wir sind für einen Fußball aus anderen Zeiten. Schön wäre es, wenn ich wie Marty McFly beim Film „Zurück in die Zukunft“ einfach in eine Zeitmaschine einsteigen könnte und irgendwann in den 70ern landen könnte, als die Welt der italienischen Ultras noch in Ordnung war.

Ein Blick in die Kurve von Vicenza Calcio<br />Alle Bilder: Tobias Plieninger und Matthias Brauch“><figcaption>Ein Blick in die Kurve von Vicenza Calcio<br />Alle Bilder: Tobias Plieninger und Matthias Brauch</figcaption></figure>
<figure><img decoding=

0 Kommentare

Schreibe einen Kommentar

weitere Beiträge