„Sitzplätze raus aus Unterrang Süd!“

Faszination Fankurve 18.12.2024 0 Kommentare

Foto: Faszination Fankurve

Wenige Tage vor dem Heimspiel des 1. FC Köln gegen Hannover 96 am 30. November 2024 wurden die Fans mit Dauerkarten in den Blöcken S1 und S2 des Müngersdorfer Stadions in einem Newsletter informiert, dass dort aufgrund des neuen Stadion-Pachtvertrages eine Bürofläche mit Sitzplatzbereich außen eingerichtet wird.

Dadurch ist eine weitere Loge im Unterrang der Südkurve, dem Stehplatzbereich im Kölner Stadion, entstanden. Laut Newsletter erfolge der Umbau „kapazitätsneutral“. Die in diesem Block beheimateten microchoregraphen und Ostböcke kritisierten diese baulichen Veränderungen in Block S1 in einem Statement und präsentierten beim Heimspiel gegen den 1. FC Nürnberg in der 28. Spielminute ein Spruchband zum Thema, auf dem „Sitzplätze raus aus Unterrang Süd“ geschrieben stand. (Faszination Fankurve, 18.12.2024)

„Sitzplätze raus aus Unterrang Süd“-Spruchband in Block S1.

Faszination Fankurve dokumentiert das Statement von microchoregraphen und Ostböcken:

[grau]1. Stimmung braucht Stehplätze!

Der Stehplatzbereich im Müngersdorfer Stadion ist absolut und relativ einer der kleinsten der beiden ersten Ligen – selbst das Mini-Stadion in Heidenheim hat mehr Stehplätze (9.050) als wir. An nichts mangelt es in Müngerdorf so sehr wie an Stehplatzkarten. Zu behaupten, die bauliche Veränderung erfolge kapazitätsneutral ist vollkommen absurd, wenn die obersten fünf Stehstufen und der gesamte Auslaufbereich dahinter wegfallen. In diesem jetzt abgezäunten Bereich stand nicht nur unser gesamter Fanclub »microchoreographen« mit rund 15 Leuten, sondern zahlreiche andere Menschen, die meisten davon seit Jahrzehnten. Wir alle wurde jetzt ungefragt und ungebeten einfach weggeschoben.

2. Stimmung braucht Freiraum!

Sitzplätze in Stehplatzblöcken sind ein Experiment, dessen Scheitern man schon seit Jahren auf Schalke bobachten kann. Regelmäßig kommt es dort im Gäste- wie im Heimbereich zu teils heftigen Konflikten zwischen Steh- und Sitzplatzbesucher*innen. Stehplatzfans wollen nicht von Stimmungskonsument*innen begafft und abgefilmt werden, Sitzplatzfans stören sich an vielen Formen, in denen die Kurve ihre Fankultur lebt, gegenseitige Beschimpfungen und Handgreiflichkeiten sind an der Tagesordnung. Die Installation von VIP-Plätzen potenziert das Problem, da es sich in der Regel nicht um Heimfans handelt, die mit den Gepflogenheiten der Kurve vertraut sind, sondern um Eventtourist*innen, die sich keinerlei Südkurven-Konsens verpflichtet fühlen, ja, ihn in der Regel nicht mal kennen.

3. Stimmung braucht Diversität!

Der Stehplatzbereich in Müngersdorf ist absolut zu klein. Auch die Fans auf den Stehplätzen sind aber divers und brauchen Platz, um unterschiedliche Arten von Fansein ausleben zu können. S1 war das letzte Refugium für Stehplatzbesucher*innen, die gerne Stimmung machen, aber auch Fußball gucken wollen, d. h. wo man das Spiel sehen kann, ohne Doppelhalter und Fahnen vor der Nase zu haben. Wir respektieren die Kultur der aktiven Fanszene, beteiligen uns an Choreos und unterstützen die Mannschaft lautstark, aber es ist nicht die einzige Form von Fankultur in der Kurve. Auch für uns muss es einen Stehplatz geben!

4. Stimmung braucht Sicherheit!

Der Wegfall der obersten fünf Stufen ohne jeden Ausgleich kann eigentlich, wie oben beschrieben, gar nicht kapazitätsneutral erfolgen. Da der Nachricht zufolge jedoch nicht weniger Karten verkauft wurden, führt das zu einer drangvollen Enge, denn die Menschen, die vorher oben standen und auch die Auslauffläche genutzt haben, müssen sich jetzt irgendwie in den Rest des Blocks quetschen. Zwei Mitglieder unseres Fanclubs, die gegen Hannover erst kurz vor Anpfiff da waren, konnten überhaupt nicht mehr zu uns gelangen. Unter Sicherheitsaspekten ist das alles katastrophal. Wir hatten den 1. FC Köln bereits letztes Jahr darauf hingewiesen, dass die Entfluchtung der Stehplatzbereiche mit den zwei schmalen Ausgängen unten für sechs Blöcke hochgradig problematisch ist und es Stunden braucht, bis man vom oberen Bereich in S1 das Stadion verlassen kann. Beim einem der letzten Heimspiele vor dem Umbau gab es bereits einen Notfall in S1, bei dem es viele Minuten dauerte, bis die Sanitäter*innen sich zu dem Betroffenen durchgekämpft hatten, bzw. überhaupt verstanden hatten, wo Hilfe benötigt wird.  Durch die Installation der Sitzplätze hat sich die Situation nochmals verschärft. Die Fluchtwege werden sowieso nicht freigehalten; Ordner waren beim Heimspiel gegen Hannover gar nicht mehr nicht anwesend, bis auf einen, der es sich im neuen VIP-Bereich gemütlich machte. Man kann nur beten, dass niemals eine echte Katastrophensituation eintritt.

Am Rande sei bemerkt: Die AG Frauen beim 1. FC Köln e.V. führt gerade eine Umfrage durch, wie sicher sich weibliche Fans im Stadion fühlen. Situationen mit viel Gedränge fördern Übergriffe und ermöglichen es Tätern, leicht ungestraft davonzukommen. Auch auch diesem Aspekt heraus braucht es dringend mehr, nicht weniger Platz in der Kurve.

5. Stimmung braucht Kommunikation!

Wir gehen zum FC, um Fußball zu gucken und die Mannschaft anzufeuern. Die Mannschaft darf das erwarten, aber die Entscheider und Funktionäre des 1. FC Köln sollten nie vergessen: Wir Mitglieder und Fans sind der Verein! Stimmung ist keine Bringschuld. Stattdessen ist es angesichts der sportlichen Bilanz in den letzten drei Jahrzehnten (mit Ausnahme von zwei, drei Jahren) so ziemlich das einzige, was die 1. FC Köln KGaA überhaupt vermarkten kann. Es sollte also ein zentrales Anliegen sein, der Kurve die bestmöglichen Bedigungen zu bieten. Und damit ist nicht nur die aktive Fanszene gemeint, sondern alle Stehplatzfans!

In einer lapidaren Mail in drei Sätzen den Wegfall unserer Plätze einfach so mitzuteilen, ist stillos und kommunikationsschwach. Man vergleiche, wie Eintracht Frankfurt dagegen mit den Fans zusammen eine Erweiterung der Stehplätze erarbeitet und umgesetzt hat! Uns ist bekannt, dass es in Köln aktuell keinen politischen Willen gibt, die Betriebserlaubnis für das Stadion wieder in den ursprünglichen Fassung zu erteilen, aber wir erinnern daran, dass das neue Müngersdorfer Stadion bei der Eröffnung 2.000 (!) Plätze mehr hatte, darunter mehrere hundert Stehplätze. Diesen ursprünglichen Zustand wieder herzustellen hätte Gegenstand der Verhandlungen um den neuen Pachtvertrag sein können und müssen!

Deswegen: Sitzplätze raus aus Unterrang Süd!

„Sitzplätze raus aus Unterrang Süd“-Spruchband in Block S1.

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