Hallo Bruno, nach dem Schalfächer sorgst du erneut für Aufsehen. Dieses Mal mit einem großen Fotobuch über den Tifo der Cavese. Erzähl uns bitte, wie Du auf die Idee dazu gekommen bist. Wenn ich recht verstanden habe, warst Du über lange Zeit Fotograf der Kurve.
Eigentlich bin ich ein simpler Amateurfotograf, den die Leidenschaft für die Mannschaft seiner Stadt umtreibt. Seit 1986 habe ich fast alle Spiele gesehen, die die Cavese im Stadio Simonetta Lamberti ausgetragen hat. Zunächst war ich Balljunge, dann bin ich in die Rolle des passionierten Sportfotografen geschlüpft. Von klein auf habe ich mich in die Choreografien der Fans verliebt, vor allem bei den Derbys. Außerdem habe ich mich schon früh für Fanzines wie Supertifo oder Fan’s Magazine von Giuseppe Nasti begeistert. Gerade mit Letzterem hat sich im Laufe der Zeit eine richtige Freundschaft entwickelt, die weit über die gemeinsame Arbeit hinaus geht. Seit 20 Jahren kümmere ich mich um das Layout seines „Babys“.
Über all diese Jahre hab ich Freundschaften mit vielen professionellen Fotografen geschlossen, die mir auf den Spielfeldern über den Weg gelaufen sind. Zudem habe ich mich immer schon für die Ultras-Bewegung begeistern können. Mein Bruder Giovanni hat 1988 die Acid Boys gegründet. Ich erinnere mich noch genau, wie wir das erste Transparent mit Hilfe von Anreibebuchstaben der Firma Letraset entworfen haben. Es folgten weitere Transparente, Fahnen, Aufkleber und T-Shirts, an deren Zustandekommen ich beteiligt gewesen bin.
Der Schalfächer war mein erstes Projekt in der Welt der Ultras. Eine originelle und bisher einzigartige Idee, die viel Zuspruch erfahren hat. Selbst heute noch, nach fünf Jahren, erhalte ich immer noch Anfragen dazu.
Die Idee zum Fotobuch Biancoblù, das in diesen Tagen entsteht, ist mir schon vor vielen Jahren gekommen, hat aber viel mehr Zeit beansprucht als die Realisierung des Schalfächers.
Die Recherchearbeiten dazu waren lang und teils sehr komplex. Dank der Hilfe von vielen Freunden, habe ich es geschafft über 1.600 Fotos zusammenzutragen. Viele waren jedoch nicht genau datiert, was gerade bei den Heimspielen die exakte Identifizierung schwierig machte.
Mitunter bin ich daran verzweifelt. Motivation schöpfte ich aber aus dem erschienenen Almanach meines Freundes Luca Senatore, dem mein spezieller Dank für die Hilfe bei der Datierung der Fotos gilt. Sein Werk listet beinahe vollzählig alle Spiele der Cavese seit ihrer Gründung 1919 bis zum Hundertjährigen im Jahr 2019 auf. Darauf aufbauend habe auch ich mich entschlossen, die Geschichte der Aquilotti zu erzählen, wenn auch aus einem anderen Blickwinkel. Die Perspektive verlagert sich bei mir aber vom Spielfeld auf die Ränge. Ich zeige die schönsten und aussagekräftigsten Bilder aus 40 Jahren Leidenschaft des fantastischen Publikums der Biancoblù.
https://www.instagram.com/reel/DDW8giQIqAH/?utm_source=ig_web_copy_link&igsh=MzRlODBiNWFlZA
Was ist das Spezielle an Deinem neuen Projekt?
Das Buch ist fast ein Unikum seines Genres. Die Idee war, zu jedem Spiel ein Foto zu finden, was ich auch fast geschafft habe. Ab 1997 bis 2024 fehlen bspw. nur fünf Fotos, die durch Zeitungsausschnitte ersetzt wurden. Ich hoffe mit dem Buch die Fantasie und Vorstellungskraft der Jüngeren stimulieren. Die Fotos der ersten Probedrucke haben jedenfalls schon großartige Emotionen bei den Anwesenden ausgelöst. Neben bekannten, wunderschönen und eindrucksvollen Bildern der Tifoseria gibt es auch viele bisher unveröffentlichte Aufnahmen, von denen ich bisher selber nichts wusste. All diese Bilder zeugen von der tiefen Zuneigung, die die Bevölkerung unserer Stadt im Guten wie im Schlechten dem Trikot der Biancoblù entgegenbringt. Der Erfolg dieses Werkes macht mich, aber auch die ganze Stadt von Cava de’ Tirreni und ich denke vor allem die Tifoseria der Cavese unglaublich stolz.
Wie bist Du an die ganze Sache herangegangen? Du hattest ja kaum alle Bilder in Deinem Archiv. Erzähl uns bitte von den Schwierigkeiten an die alten Aufnahmen zu kommen.
Wie schon erwähnt, habe ich in den Jahren 1.600 Fotografien zusammengetragen. Nachdem ich mich arbeitstechnisch auch um die grafische Gestaltung von vielen lokalen (L’Acidino und L’Aquilotto) und nationalen Sportmagazinen wie Fan’s Magazine kümmere, habe ich tagtäglich mit Bildern zu tun, egal ob sie auf dem Spielfeld geschossen worden sind, oder ich mich nur um ihre grafische Darstellung kümmere, das hat meine Arbeit natürlich erleichtert. Mit diversen Posts auf Social Media habe ich zudem nach Leuten gesucht, die Fotos der Fans bei Heim- oder Auswärtsspielen gemacht haben. Eine große Hilfe waren mir auch viele Pressesprecher von diversen Klubs, die in den Jahren auf die Cavese getroffen sind. Mit der Zeit habe ich so ein Netzwerk aufgebaut, das mir nach und nach geholfen hat die fehlenden Puzzleteile zu finden.
Die Fotoserie beginnt mit der Saison 1980/81, warum nicht schon vorher? Wann wurde die erste Aufnahme der Ultras von Cavese geschossen? Zu Beginn waren sie ja nicht in der Curva Sud, wenn ich mich Recht erinnere?
Die Entscheidung erst mit der Saison 1980/81 zu starten, hat mehrere Gründe. Fotos der 1970er zu finden ist sehr schwer, wenn nicht nahezu unmöglich. So etwas wie Tifo gab es auch damals schon, aber die Ultras-Bewegung steckte damals zumindest bei uns noch in den Kinderschuhen. In solch einem rudimentären Umfeld hing die Stimmung sehr von den sportlichen Ergebnissen ab, ganz anders als heute.
Ende der 1970er/Anfang der 1980er fasste das Ultras-Phänomen dann auch in Cave de’ Tirreni Fuß und folgte damit dem Vorbild Norditaliens, wo die Bewegung schon seit einem Jahrzehnt bestanden hat. Der Tifo bei Cavese nimmt auf der Gegengerade mit den Brigate Biancoblù ihren Anfang, denen es dann die Falange d’Assalto gleich tun. Später entstehen die Wanderers, die in die Curva Sud übersiedeln, wohin ihnen ein Jahr später die Falange d’Assalto folgen.
Mit dem Aufkommen der organisierten Gruppen, den Spruchbändern, Choreografien, Aufklebern und Fackeln entsteht auch ein weiteres neues Phänomen: man führt plötzlich Korrespondenz mit anderen Gruppen. In einer Epoche ohne digitale Technologie machen viele Jüngere Fotos der eigenen Fanszene, um sie dann mit anderen zu tauschen. Viele der Bilder dieses Werks sind aus dieser Leidenschaft heraus entstanden, die es heute so leider nicht mehr gibt. Mittlerweile reicht ein einfacher Klick und man braucht nichts mehr zu tauschen.
Wer das Glück hatte, die erste Hälfte der 1980er mitzuerleben, ist Zeuge der glorreichsten Zeit unserer Geschichte geworden, wie die Fotos eindrucksvoll unter Beweis stellen. Die Fotos aus jenen Jahren zeigen die großen Auswärtsfahrten der Fans, die mit der Cavese beinahe den Aufstieg in die Serie A geschafft haben. Das Stadion Comunale, das im April 1983 nach der kleinen Simonetta Lamberti, einem unschuldigen Opfer eines Attentats der Camorra, benannt worden ist, explodierte bei jedem Spiel voller Enthusiasmus. Die Auswärtsspiele indes sorgten für regelrechte Invasionen.
Der große Traum bleibt allerdings unerfüllt und geht in einen langsamen Abstieg über, der das Feuer der Tifoseria aber trotz allem nicht auszulöschen vermag. Wenn man die Seiten des Buches durchblättert, kann man erkennen, dass die Kurve auch in der zweiten Hälfte der 1980er trotz des langsamen Niedergangs des Klubs kompakt bleibt, auch wenn die Auswärtspräsenz nachlässt. Der Konkurs 1991 ist dann ein schwerer Schlag für alle. Die Cavese stürzt in die Niederungen der regionalen Amateurmeisterschaft ab und viele historische Ultras-Persönlichkeiten ziehen sich zurück.
Ein schwieriger Moment für die Ultras-Bewegung in Cava. Dieser einschneidende Moment bringt aber auch eine neue Generation hervor und führt zur Gründung von diversen neuen Gruppen. Vor allem die Saison 1993/94 in der Eccellenza (5. Liga) bleibt durch den Aufstieg der Mannschaft von Trainer Vittorio Belotti und wegen der neugefundenen Geschlossenheit und Kompaktheit in Erinnerung. Damit beginnt eine neue Ära im Tifo der Biancoblù.
Hast Du ein Lieblingsfoto?
Ich hänge an jedem einzelnen Bild, das im Buch abgedruckt ist. Alle sind schön und aussagekräftig. Die größten Emotionen löst bei mir aber eindeutig das Foto der wunderschönen Choreografie für das Derby Cavese – Benevento in der Saison 2005/06 aus, als wir in der Serie C2, also der vierten Liga, spielten. Die Choreo erforderte eine minutiöse Organisation, die sowohl die Distinti als auch die Kurve mit einschloss. Das riesige, handgemalte Spruchband „So schön wie unsere Stadt“ (Belli come la nostra città) verdeckte zu Beginn die Choreografie der Kurve, die erst in einem zweiten Moment gezeigt worden ist.
Nachdem ich den Ablauf der Choreo der Ultras bereits im Vorhinein wusste, hab ich das Spielfeld vorzeitig verlassen und mich hoch auf die Tribüne begeben. Es war die richtige Wahl, schließlich schaffte ich es beide Sektoren zu fotografieren. Das Ergebnis wäre auch einem Stadion der Serie A würdig gewesen.
Gibt es auch Texte in Deinem Buch?
Zuallererst ist es ein Fotobuch. Neben den Tabellen der einzelnen Meisterschaften und den Bildunterschriften gibt es eine kurze Einleitung, in der ich meine Beweggründe für die Herstellung des Bildbandes darlege. Dazu gibt es noch zwei Textbeiträge. Der eine ist vom Journalisten Nunzio Siani, der über das Verhältnis der Stadt Cava de’ Tirreni zum Sport schreibt und der zweite Text stammt von meinem Freund Alfonso Santoriello, der sich der Entstehung der Ultras-Bewegung in unserer Stadt widmet. Beiden gebührt mein großer Dank.
Ganz speziell sind die Grußworte von Costante Tivelli, einem Stürmer der Cavese, der in der Saison 1982/83 zwölf Tore in einer fabulösen Serie B Meisterschaft erzielt hat und die Mannschaft damit fast in die erste Liga geschossen hätte. Tivelli ist zudem Schütze des ersten der beiden Tore mit denen die Biancoblù von Trainer Piero Santin die starke Milan-Mannschaft von Ilario Castagner im Stadio Giuseppe Meazza von Mailand am 7. November 1982 bezwingen konnten. Ein sensationelles und völlig überraschendes Ergebnis, das bis heute Teil der italienischen Fußballhistorie geblieben ist.
Hier gibt es das Buch im Shop von Erlebnis Fussball.
https://youtu.be/1VhUgnT3fv8?si=xojLsl9umMoaZM2J
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