Stefano Furlan war erst 20 Jahre alt, als er am 08.02.1984 von drei Polizisten zusammengeschlagen wurde und nach 20 Tagen im Koma seinen Verletzungen erlag. Unzählige Ultras aus Italien und ganz Europa gedenken regelmäßig Stefano und erinnern immer wieder an das schreckliche Ereignis, sei es mittels Spruchbändern an seinem Todestag, Choreografien, Demonstrationen oder durch einfache Sprechchöre bei Gastspielen in Triest.

Furlan hatte gerade seinen Abschluss als Vermessungsingenieur gemacht und war auf der Suche nach einem Job in seinem Fachgebiet. In der Zwischenzeit arbeitete er halbtags in einem Blumengeschäft und half einer kirchlichen Organisation bei der Betreuung von Behinderten. Stefano war ein friedlicher junger Mann, kein Schläger oder Gewalttäter.
An jenem grauen Samstag im Februar traf Triest im Achtelfinal-Rückspiel der Coppa Italia auf Udine. (Das Hinspiel in Udine endete 0:0) Die beiden Städte trennen nur rund 70 Kilometer, ein Lokalderby also. Das Stadion ist mit 20.000 Zuschauern ausverkauft. Im Stadtzentrum kommt es zu einigen Schlägereien, rund um das Stadion werden die Busse der Gästefans mit Gegenständen beworfen und während des Spiels werden einige Feuerwerkskörper von einem Sektor in den anderen geworfen – gegen Ende des Spiels beruhigt sich die Situation weitgehend. Trotzdem beschließt die Polizei jedoch, die Menge anzugreifen. Es handelt sich um einen „Blitzangriff“, wie es im Fachjargon heißt. Ein Mittel, um große Menschenmengen zu zerstreuen. Die Täter sind keine ausgebildeten Polizisten, sondern Schüler der Polizeischule.
Als Stefano die Situation bemerkt, flieht er zu seinem Auto in der Via Macelli. Unglücklicherweise trug er immer noch seinen rot-weißen Schal um den Hals, so dass die Polizisten auf ihn aufmerksam wurden. Die folgenden Ereignisse wurden von verschiedenen Zeugen wie folgt geschildert und sind so in der Prozessakte dokumentiert:
„Ich sah eine Gruppe Polizisten rennen. Sie hatten Schlagstöcke und Helme mit Visieren. Ich sah, wie Stefano Furlan, den ich vom Stadion her kannte, mitten auf die Straße fiel. Ein Polizist hob ihn hoch und hielt ihn an seiner Militärjacke fest. Dann packte er ihn an den Haaren und zog ihn an eine Mauer. Dieser Polizist rief zwei andere und sagte: „Haltet ihn fest, ich hole noch mehr.“ Ein Polizist hielt ihn auf der einen Seite fest, der zweite auf der anderen. Zuerst schlugen sie ihm mit dem Knüppel auf die Beine, damit er sie spreizt, und als er sie nicht mehr öffnen konnte, weil er sonst zu Boden gefallen wäre, packten sie ihn an den Haaren, und der erste Polizist schlug ihn mit dem Kopf gegen die Wand.“
„Irgendwann sahen wir drei Polizisten mit einem Jungen, den sie an den Haaren festhielten. Es war Stefano Furlan, man konnte ihn leicht an seinem halb geschlossenen Auge erkennen. Ich sah ihn mit gespreizten Beinen an der Wand lehnen. Nachdem er mit dem Kopf gegen die Wand geschlagen war, hielten ihn zwei Polizisten fest, und einer trat und schlug ihn auf den Kopf und den Rücken …“
Stefano wurde grundlos geschlagen. Unmittelbar danach wird er in einen Streifenwagen gesetzt und zur Polizeistation gebracht. Einige Stunden später wird er freigelassen und kehrt am Abend nach Hause zurück. Seine Mutter berichtete damals dem Corriere dello Sport: „Ich sah ihn um 21 Uhr wieder. Als er die Tür öffnete, war er verwirrt und blass. Seine Jacke war zerrissen. Er hatte Tränen in den Augen.“
„Mama, ich bin verprügelt worden. Ein Polizist hat mir einen Schlagstock auf den Kopf geschlagen, dann auf der Wache Ohrfeigen, Schläge, Tritte.“
„Ich kenne Stefano, er ist nicht gewalttätig, ich habe ihm sofort geglaubt. Es ging ihm nicht gut.“
Doch in der Nacht wird es schlimmer, die Schmerzen und die Übelkeit werden stärker. Mutter Renata will verstehen, was mit ihrem Sohn geschehen ist und geht zur Polizei, um Antworten zu finden. Doch die Rekonstruktion der Polizei ist nicht stichhaltig. Der Mutter von Stefano wird erzählt, dass er betrunken gewesen sei und geparkte Autos beschädigt habe, weshalb sie ihn auf die Polizeiwache bringen mussten. Diese Version wird sowohl von Zeugen als auch durch das Fehlen jeglicher Beweise widerlegt. Darüber hinaus bestritt die Polizei, dass Stefano brutal geschlagen wurde.
Am Nachmittag des Folgetages wurde Stefano ins Krankenhaus Maggiore gebracht. Die Untersuchungen ergaben einen Bruch des Schläfenbeins und ein epidurales Hämatom. Der operierende Arzt erklärte sofort, dass sein Leben in Gefahr sei. Nach zwanzig Tagen im Krankenhaus, in denen er nicht aus dem Koma erwachte, starb Stefano am 1. März um 22.30 Uhr. „Ich wusste sofort, dass es wenig Hoffnung gab. Zwanzig Tage und Nächte verbrachte ich neben dem Krankenbett. Allmählich, Tag für Tag, musste ich mich mit dem Gedanken abfinden, dass mein Sohn im Sterben lag. In diesen zwanzig Tagen hat Stefano nie die Augen geöffnet.“
https://www.youtube.com/watch?v=5UQEh-Kgucw
Furlans Mutter klagt vor Gericht und will, dass der Vorfall von einer unabhängigen Instanz aufgeklärt wird. Am 16. Oktober 1985 bietet ihr der Präfekt von Triest, Antonino Allegra, 80 Millionen Lire (ca. 40.000 €) an, damit sie die Klage zurückzieht und die Geschichte beendet. Sie nimmt das Angebot nicht an und setzt den Prozess fort, aber für Stefano wird es trotz der Hartnäckigkeit seiner Mutter keine Gerechtigkeit geben.
Trotz eines Prozesses mit unparteiischen Zeugen und einer genauen Rekonstruktion des Geschehens wird nur Alessandro Centrone, damals Schüler an der Polizeischule, vom Gericht wegen schuldhaften Waffengebrauchs verurteilt. Die Strafe ist viel zu gering: ein Jahr Gefängnis mit Bewährung, also nicht einmal ein Tag Gefängnis. Ein Jahr später wird Centrone rehabilitiert und kehrt in den Dienst der Triester Polizei zurück. Die erschöpfte und gedemütigte Mutter von Stefano beschließt, keine Berufung einzulegen. Das Innenministerium bewilligt ihr nach jahrelangem bürokratischen Kampf eine Entschädigung von fast hundert Millionen Lire brutto (ca. 50.000 €).
Seit seinem Tod wird an Stefano erinnert, in Triest und darüberhinaus: unzählige Ultras aus Italien und ganz Europa gedenken ihm regelmäßig und erinnern immer wieder an das schreckliche Ereignis, sei es mittels Spruchbändern an seinem Todestag, Choreografien, Demonstrationen oder durch einfache Sprechchöre bei Gastspielen in Triest. Als Triest 1992 sein neues Stadion einweiht, benennen die Ultras ihre Kurve nach Stefano. Am Stadion ist zudem auch eine Gedenktafel und ein Graffiti für ihn zu finden. Im folgenden weitere Beispiele für die um Stefano gepflegte Erinnerungskultur.
Im Jahr 2024, zum 40. Todestag, gab es am alten Hafen von Triest eine Ausstellung über Stefano:
https://www.youtube.com/watch?v=fQd23Lvn_Zc
Sprechchöre für Stefano von den Ultras aus Padova beim Auswärtsspiel in Triest:
https://www.youtube.com/watch?v=1GT4-8pZzBY
2016 erschien die DVD-Doku „Torneranno gli anni belli“ über Stefano. Mehr dazu gibt es hier auf Altravita.
https://www.youtube.com/watch?v=qtVe2acwKhs&t=3s
Demonstration zum 40. Jahrestag der Prügelattacke auf Stefano Furlan:
https://www.youtube.com/watch?v=Jps7hjVJpZo
Gedenken der Freunde von Austria Wien inklusive Choreo zum 40. Jahrestag:

Stefano vive!
Als Grundlage für diesen Text diente der Artikel von Alessandro Imperiali, welcher am 01.03.2022 auf rivistacontrasti.it erschien. Die Gekennzeichneten Zitate stammen sowohl aus der Prozessakte als auch aus alten Zeitungs- und TV-Berichten.
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