Bevor es am Mittwoch zu einer Entscheidung über die geplanten Gruppenverbote in St. Étienne kommen könnte (Die Brigade Loire aus Nantes konnte eine temporäre Aufschiebung der Entscheidung erreichen), möchten wir auf die bisherigen Geschehnisse zurückblicken und versuchen, diese in den aktuellen politischen Kontext Frankreichs einzuordnen. Dafür sprachen wir mit betroffenen französischen Ultras.
Wie viele andere europäische Länder rückten auch die Franzosen in den letzten Jahren politisch nach rechts. Nicht nur die gemäßigten konservativen Kräfte erstarkten, sondern auch die extreme Rechte rund um das Rassemblement National, das im Herbst 2024 in das Parlament einzog und dort eine der stärksten Kräfte bildet. Das politische und gesellschaftliche Klima in Frankreich hat sich damit noch stärker verändert. Angriffe auf Bürger und Gewerkschaften, die ihre Stimme zum Protest erheben, waren schon davor offensichtlich geworden. Auch Ultras werden vermehrt mit polizeilichen Maßnahmen überzogen und verstärkt von Staat und Polizei ins Visier genommen, weil sie als Hindernis für die Entwicklung des Kapitalismus im Fußball wahrgenommen werden.
In den Medien werden die französischen Ultras oft wegen Gewalt, Homophobie und Rassismus angeprangert, vieles wird verallgemeinert und in einen Topf geworfen. Eine differenzierte Berichterstattung findet selten statt und spielt so der Politik in die Karten.
In einigen Vereinen und Regionen werden seitens der Ultras regelrechte Kämpfe geführt: Kämpfe mit dem Verein um die Eintrittspreise, die Anstoßzeiten und die Kommerzialisierung des Fußballs im Allgemeinen. Aber auch Kämpfe mit den Behörden um die Reisefreiheit bei Auswärtsspielen, polizeiliche Maßnahmen am Spieltag und jetzt eben um die geplanten Gruppenverbote.
Seit einigen Wochen nimmt die rechtsgerichtete Regierung mehrere Ultra-Gruppen in Nantes, Saint-Étienne und sogar Paris ins Visier, um die Stadien von „Unruhestiftern“ zu „säubern“, obwohl diese die Garanten für den Fußball an der Basis sind. Die Nationale Fanvereinigung (ANS) mobilisiert gemeinsam mit zahlreichen Ultra- und Fangruppen gegen diese repressive Maßnahme, die im Einklang mit der autoritären und polizeiorientierten Wende steht, die die Regierung seit Jahren vollzieht.
Eine, wenn nicht die zentrale Figur dabei, spielt Bruno Retailleau, der französische Innenminister. Retailleau gehört der konservativen Partei Les Républicains an und ist seit September des vergangenen Jahres im Amt.

Retailleau gilt als Vertreter des rechtskonservativen Flügels der Républicains. Im Jahr 2021 z.B. forderte er als Maßnahme gegen Jugendkriminalität die Einführung kurzer Haftstrafen von zwei Wochen bis einem Monat für straffällige Jugendliche, auch schon bei kleinen Vergehen, denn das sei laut ihm die beste Prävention. Außerdem positioniert sich Retailleau gegen die Immigration, die für Frankreich „kein Glücksfall“ sei. Nach den Unruhen in Frankreich 2023 erklärte er: „Wir kennen die Ursachen der Unruhen. Leider gibt es für die zweite und dritte Generation (der Einwanderer) eine Art Rückschritt zu ihren Wurzeln, ihren ethnischen Ursprüngen.“
Im Dezember 2024 nahm Retailleau nun die französischen Ultras bzw. Fangruppen ins Visier. Genauer gesagt die Magic Fans und Green Angels aus St. Étienne, die Brigade Loire aus Nantes, sowie die Hooligangruppen Offenders aus Straßburg und die Legion X von Paris FC. Laut Innenministerium wolle man den Fußball aus den Fesseln der Gewalt befreien sowie Rassismus und Homophobie bekämpfen. Dafür setzte er ein Dekret auf, das die Auflösung der benannten Gruppen zum Ziel hat.
Als die geplanten Verbote Anfang März diesen Jahres seitens des Innenministeriums konkreter wurden, setzten die Gruppen aus St. Étienne sofort eine Stellungnahme auf, sprachen sich gegen die geplanten Verbote ihrer Gruppen aus und kündigten an, für den Erhalt ihrer Vereinigungen zu kämpfen. Auch in Nantes zeigte man sich kampfbereit und kündigte Widerstand an.
Im Laufe des März nahm die Geschichte seitens der Politik an Fahrt auf, und so könnte bereits morgen eine Entscheidung über ein Verbot der Gruppen in St. Étienne fallen.
Auch die Ultras blieben in den letzten Tagen und Wochen nicht untätig und brachten zunächst ein gemeinsames Statement heraus, das von 160 Gruppen aus ganz Frankreich unterzeichnet wurde und unter dem Motto „NOTRE PASSION NE SE DISSOUT PAS“ – (Unsere Leidenschaft löst sich nicht auf) stand. Faszination Fankurve berichtete. Anschließend trugen viele Gruppen ihren Protest ins Stadion und zeigten jede Menge Spruchbänder gegen die geplanten Verbote und insbesondere gegen Innenminister Retailleau.
Die Nationale Fanvereinigung beschwor derweil auf ihrer Hauptversammlung am 22.03. die „Einheit“ vieler Fangruppen in Frankreich. 47 Gruppen waren dafür in Paris anwesend und man einigte sich auf drei Maßnahmen:
- Der Rückzug aus der „Instance nationale du supportérisme“ (INS). Dies ist eine Arbeitsgruppe, in der auch das Innenministerium und Sportministerium sitzt und sich mit Fans verschiedener Sportarten und deren Rechte auseinandersetzt.
- Einstellung des Dialogs mit den zuständigen nationalen und lokalen Behörden, darunter die Nationale Abteilung zur Bekämpfung des Hooliganismus (DNLH) sowie die SLOs (Fan- Verbindungsbeamte), die als Brücke zwischen den Vereinen und den Fans fungieren.
- Auf der Tagesordnung der nächsten ANS-Generalversammlung soll die Auflösung aller Gruppen stehen, die Mitglied im ANS sind. De facto gäbe es ohne Gruppen keinen ANS mehr und damit auch keinen Ansprechpartner für die Behörden.
Auch in vielen Stadien Frankreichs kam es zu Spruchbändern und Choreografien, die sich der geplanten Auflösung widmeten.





Die Gruppen aus St. Étienne hielten am vergangenen Spieltag zunächst eine Pressekonferenz mit ihren Anwälten ab, ehe sie gemeinsam mit tausenden Fans und Bewohnern von St. Étienne auf die Straße zogen, um unter dem Motto „Le Chaudron ne se dissout pas“ (Der Kessel löst sich nicht auf) für den Erhalt ihrer Gruppen zu protestieren. Auch der Bürgermeister der Stadt und der Präsident von ASSE unterstützten ihre Ultras und sprachen sich für den Erhalt der Gruppen aus.




Auch im Stadion machten die Stephanois auf ihre Situation aufmerksam, zeigten Choreos sowie Spruchbänder und legten zum vielleicht letzten Mal einen einzigartigen Support in ihrem „Chaudron“ hin. Das Spiel gegen PSG ging hierbei jedoch leider mit 1-6 verloren.

Heute treten Magic Fans und Green Angels vor eine Kommission. Diese wird dann eine Empfehlung veröffentlichen, egal ob diese negativ oder positiv ausfällt, handelt es sich nur um eine beratende Aussendung. Morgen folgt die entscheidende Kabinettssitzung, bei der eine Unterschrift des Innenministers reicht, um das Dekret für rechtskräftig zu erklären. Nun bleibt es abzuwarten, wie sich das Innenministerium um Minister Retaillau entscheiden wird.
Die Magic Fans und Green Angels kündigten bereits an, dass sie bei einem negativen Entscheid bis vor den europäischen Gerichtshof für Menschenrechte ziehen werden.
(Faszination Fankurve, 01.04.2025)
0 Kommentare