Nach intensiven internen Überlegungen und strukturellen Veränderungen haben die Gruppen der Curva Nord Milano einen radikalen Schritt verkündet. Sie wollen künftig wieder unabhängig auftreten – ohne gemeinsames Akronym, ohne vereinigenden Namen. Der Schritt steht für eine Rückbesinnung auf die Grundwerte der Bewegung.
Die Entscheidung, nach außen hin nicht mehr geschlossen hinter der Fahne der Curva Nord aufzutreten wurzelt in dem Wunsch, zentrale Prinzipien wie Militanz, Zusammenhalt und Zugehörigkeit wieder stärker in den Mittelpunkt zu rücken. Es sind jene Werte, die die Bewegung einst prägten und auch in Zukunft das Rückgrat der Curva Nord bilden sollen.
Trotz der organisatorischen Trennung wird der Schulterschluss nicht aufgegeben. Die Gruppen betonen, dass echte Einheit nicht von einem Namen abhängt, sondern von einem gemeinsamen Willen, Seite an Seite für Inter und die Curva Nord zu handeln, getragen von gegenseitigem Respekt und einer gelebten gemeinsamen Identität.
Erst am 4. Januar 2023, beim Heimspiel gegen den SSC Neapel waren im San Siro zum ersten Mal seit Jahrzehnten keine Zaunfahnen einzelner Ultragruppen mehr zu sehen. Stattdessen vereinten sich alle Inter-Ultras hinter einer einzigen Fahne, der Curva Nord Milano 1969. Damit ging eine lange Tradition zu Ende: Die Banner von Gruppen wie den Boys San, Ultras, Viking, Brianza oder Irriducibili verschwanden aus dem Mittelrang der Curva Nord. Ziel war ein stärkerer Zusammenhalt, der über frühere Missverständnisse hinweghelfen und neue Fans an die Szene heranführen sollte. Auch wenn die Gruppen weiterhin an ihren gewohnten Standorten stehen, war dieser symbolische Akt der Startpunkt für „eine neue Ära“, wie es die Curva Nord in einer damaligen Mitteilung formulierte.
Nun also die Rolle Rückwärts der Inter-Ultras. Dabei hängt die getroffene Entscheidung sicherlich auch mit den negativen Meldungen zusammen mit welcher die Curva Nord in den letzten Monaten in Verbindung gebracht wurde. Im Zuge von Ermittlungen gegen führende Mitglieder beider Mailänder Fanszenen kam es am 30. September 2024 zu einer großangelegten Razzia. Dabei wurden 19 Personen aus den Lagern von Inter und Milan festgenommen. Der Vorwurf: der Aufbau einer mafiösen Struktur zur systematischen Bereicherung auf Kosten der eigenen Vereine. Laut Anklageschrift sollen unter anderem Parkplätze rund um das San Siro eigenmächtig bewirtschaftet, Schutzgelder von Imbissbetreibern erpresst sowie Vereinsoffizielle unter Druck gesetzt worden sein, um an Freikarten zu gelangen. Zudem sollen Ordner an den Stadiontoren bestochen worden sein, um Personen ohne gültiges Ticket Zutritt zu verschaffen.
Im Zuge der aktuellen Neuausrichtung werden nun alle digitalen Kanäle, Webseiten und Social-Media-Präsenzen geschlossen. Die Curva unterstreicht damit ihren Anspruch, das Leben nicht hinter Bildschirmen, sondern im Stadion, auf der Straße und in der direkten Begegnung zu gestalten. Das gedruckte Fanzine bleibt das einzige offizielle Kommunikationsmittel, erhältlich außerhalb des Stadions und bei Versammlungen.
Alle relevanten Informationen zu Initiativen und Mitteilungen werden künftig ausschließlich im Fanzine veröffentlicht. Wer echtes Interesse an der Curva Nord hat und bereit ist, sich aktiv einzubringen, ist eingeladen, an den Donnerstagstreffen teilzunehmen – dem zentralen Moment des Austauschs und kollektiven Aufbaus.
Trotz Einschränkungen und Repressionen sehen sich die Gruppen in der Verantwortung, die Zukunft ihrer Bewegung zu verteidigen und aktiv zu gestalten. Der Weg soll mit Konsequenz, Würde und einer klaren Identität weitergegangen werden.
(Faszination Fankurve, 07.05.2025)
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