32 Jahre Tigris Mystic: Eine Hommage an die erste große Ultra-Gruppierung der Virage Auteuil von Paris Saint-Germain

Faszination Fankurve 13.05.2025 0 Kommentare

Foto: Faszination Fankurve

Am 8. Mai hätte eine der prägendsten Ultra-Gruppen Frankreichs ihr 32-jähriges Bestehen gefeiert: Tigris Mystic. Die Gruppe prägte das Pariser Prinzenparkstadion durch Leidenschaft, und Kreativität.  Ihr Einfluss reicht weit über Paris hinaus und markiert ein bedeutendes Kapitel in der Geschichte von PSG und der französischen Ultra-Kultur.

Die Anfänge: Geburt einer Bewegung

Die Tigris Mystic wurden am 8. Mai 1993 von fünf PSG-Fans gegründet. Trotz der kleinen Anfangsgröße entwickelte sich die Gruppe rasch zu einer der einflussreichsten Ultra-Gruppierungen in Paris – und möglicherweise in ganz Frankreich.

Der Ursprung des Gruppennamen kann heute nicht mehr wirklich rekonstruiert werden, jedoch ist „Tigris“ Latein und bedeutet übersetzt „Tiger“. Jenen nutzten die Tigris auch als eines ihrer Gruppenlogos. Der Zusatz „Mystic“ sollte der Gruppe wohl etwas Geheimnisvolles bzw. magisches verleihen.

Zusammen mit den ebenfalls 1993 gegründeten „Dragons“ positionierten sich die Tigris im Unterrang der Virage Auteuil – dem sogenannten „Auteuil Rouge“. Die Wahl fiel auf diesen Tribünenabschnitt, da der Oberrang bereits durch Dauerkarteninhaber, darunter Gruppen wie Lutece Falco und Supras Auteuil, ausgelastet war. Darüber hinaus wollten die Tigris bewusst einen ruhigeren Teil der Tribüne mit Leben füllen.

Neben dem Tiger verwendeten die Tigris auch einen Totenkopf mit Schal und Fischerhut als Logo.

1996 kam es zur Fusion mit den damals zahlenmäßig überlegenen Dragons. Beide Parteien einigten sich darauf, den Namen „Tigris Mystic“ beizubehalten, so dass diese nun das Zepter im Unterrang der Virage in der Hand hielten. Dies war die Zeit des Wandels der Tigris. Die Gruppe durchlebte ihren ersten Generationswechsel.

Diese veränderte die Außendarstellung der Gruppe nachhaltig: Der ursprünglich aus italienischen und britischen Elementen kombinierte Supportstil wich zunehmend einer rein italienisch geprägten Ausrichtung – jedoch modern interpretiert. Besonders auffällig war der starke Bezug zur Hip-Hop-Kultur, der sich in der Kleidung, den Choreografien und der Gesamtästhetik der Gruppe widerspiegelte. Die Gruppe hatte einige Mitglieder mit Migrationshintergrund, welche in den Pariser Banlieues beheimatet waren. Dies hatte sicherlich einen großen Einfluss auf den Stil der Gruppe und erklärt die Verbindung zur Hip Hop Kultur. Ein zentraler Leitspruch der Gruppe lautete:
„Jamais dans la tendance, toujours dans la bonne direction“
(Nie im Trend, immer in die richtige Richtung) – ein Zitat der Pariser Rapgruppe Scred Connexion.

Der Tifo der Tigris hatte seine eigene Note und machte die Gruppe unverkennbar.

Im Laufe der Jahre brachten die Tigris zwei Fanzines raus. Das „Griffe“ mit 7 Ausgaben und das Corporation Ultras mit 45 Ausgaben.

Die Tigris waren auch die erste Gruppe der VA, die finanziell unabhängig vom Verein war. Als sich die Virage Auteuil 1991 gründete, wurden die ersten Fanclubs und Gruppen finanziell vom Verein unterstützt. So wollte der Verein den Gegenpol zum ungeliebten KOB aufbauen, welcher immer wieder durch Gewalt und Rassismus für Schlagzeilen sorgte. 1997 entsagten sich die Tigris dieser finanziellen Zuwendung und wollten von nun an komplett eigenständig sein.

1998 gelang den Tigris ein großer Coup gegen den Feind aus Marseille. Bei einem Freundschaftsspiel von OM in Avignon konnten Tigris Mitglieder die Zaunfahne des Commando Ultra aus einem Auto entwenden. Diese wurde gleich mehrfach präsentiert, z.B. auf dem Eifelturm, bei einem Auswäärtsspiel in Strasburg und viele Jahre später vom CUP  bzw. Old Block (Unter diesem Namen firmieren einige alte Tigris in der neuen Virage) beim Spiel gegen Marseille im Jahr 2019.

Nur ein Jahr später, 1999 konnte man abermals dazu beitragen, dass eine bedeutende Fahne eines Feindes in Pariser Hände gelang. Diesmal waren die Ultras aus Bordeaux die Leidtragenden. Jene hatten in der Saison zuvor Material der Boulogne Boys ergattert, welche nun auf Rache aus waren. Die Tigris sollten die Ultramarines ablenken und sie von ihrer Seite der Tribüne provozieren und attackieren, während die Boys von der anderen Seite durch den Graben kamen und unbemerkt die Zaunfahne der Ultramarines abreißen konnten. Eine der wenigen Momente in denen die beiden Tribünen so gut zusammen arbeiteten.

Wachstum und Eskalation

In einer Phase zunehmender Begeisterung für die Ultrakultur wuchs auch die Bedeutung der Tigris Mystic weiter.

1999 waren die Tigris die erste Gruppe der Virage, die ihr eigenes Lokal hatte.

2001 wurde die Freundschaft zu den Irreductibles Toulon offiziell gemacht. Entstanden ist die Freundschaft durch ein Treffen auf einem Fan-Fußballturnier und intensiv betriebenen Briefverkehr. 2001 haben Ultras sich noch Briefe geschrieben. 🙂 Am Anfang waren auch Karsud und Lutece in die Freundschaft involviert, was jedoch im Laufe der Zeit abebbte. In den letzten Jahren ist die Freundschaft wieder neu aufgeflammt und wird insbesondere von „Old Block“ (Paris) und „ Du passé je suis amoureux“ (Toulon) getragen.

Zum 10. Gruppengeburtstag gegen Stade Rennes präsentierten die Tigris neben einer mehrteiligen Choreografie ein großes Spruchband mit der Botschaft:
„L’avenir est à nous!“Die Zukunft gehört uns!

Diese Aktion löste innerhalb der Pariser Fanszene erhebliche Spannungen aus und intensivierte den bereits bestehenden Konflikt mit der Boulogne-Seite sowie mit Teilen der Auteuil-Tribüne.

In den Folgejahren kam es mehrfach zu heftigen Auseinandersetzungen – verbal wie physisch.

Dem KOB waren die Tigris ein Dorn im Auge. Sie störten sich an dem wachsenden Einfluss der Tigris und warfen ihnen vor nach der Macht in der Fanszene greifen zu wollen. Darüber hinaus störte Boulogne der hohe Migrationsanteil bei den Tigris und das damit verbundene kosmopolitische auftreten. Waren es zunächst nur die Hooligans des KOB, welche die Tigris ins Visier nahmen, gesellten sich im Laufe der  Zeit auch die Boulogne Boys und auch Karsud zu den Feinden der Tigris.

Mit der Jubiläumschoreo der Tigris nahm der Konflikt an fahrt auf und fand in der Saison 2005/2006 seinen traurigen Höhepunkt.

Fast wöchentlich gerieten die Tigris nun mit ihren Feinden aus den eigenen Reihen aneinander.

Beispielhaft seien hier die Ausschreitungen beim Gastspiel in Le Mans zu nennen, als es im Unmlauf des Stadions zwischen beiden Parteien zu heftigen Auseinandersetzungen kam.

Im Januar 2006 attackierten Leute vom KOB gemeinsam mit Karsud (Welche im Oberrang der VA beheimatet waren) bei einem Pokalspiel in Lens die Tigris und entwendeten ihnen einiges an Tifomaterial. Dies war der Anfang vom Ende für die Tigris. Nach dem Verlust des Materials verzichteten die Tigris fortan auch auf ihr restliches Tifomaterial und hingen auch keine Zaunfahne mehr auf.

Dies war der Startschuss für eine Reihe von Attacken, denen sich die Tigris in den nächsten Monaten ausgesetzt sahen. Der Konflikt wurde nun noch intensiver ausgetragen und fand seinen Schlusspunkt beim Endspiel des französischen Pokals im Stade de France gegen Marseille.  Das Spiel konnte PSG zwar mit 2-1 für sich entscheiden, jedoch verlor PSG an diesem Tag eine großartige Ultra‘-Gruppe. Nachdem es im Umfeld des Stade de France erneut zu heftigen Angriffen auf die Tigris kam, zogen diese im darauffolgenden Sommer die Reißleine und zogen sich auch dem Prinzenpark zurück. Aufgrund einer Vielzahl an Stadionverboten und enormen Problemen mit der französischen Justiz, sahen sich die Tigris nicht mehr in der Lage dem Konflikt mit dem KOB Standzuhalten und lösten sich schlussendlich auf.

Ein trauriges Ende für eine der großartigsten Gruppen die es in Frankreich je gab.

Für alle Nostalgiker hier der Link zur 10 Jahres DVD der TM 93.

(Faszination Fankurve, 13.05.2025)

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