Der FK Sarajevo sicherte sich am Mittwoch den bosnisch-herzegowinischen Pokalsieg. Nach einem klaren 4:0-Erfolg im Hinspiel reichte den Hauptstädtern ein 1:1 im Rückspiel beim NK Široki Brijeg, um den Titel zu gewinnen. Für Aufsehen sorgt jedoch die Entscheidung der aktiven Fanszene, den Triumph nicht zu feiern.
Die „Horde Zla“, die organisierte Fanszene des FK Sarajevo, kündigte im Vorfeld des Rückspiels an, auf jegliche Feierlichkeiten zum möglichen Pokalsieg zu verzichten. Hintergrund ist die Partie gegen NK Široki Brijeg – jenen Verein und jenen Ort, in dem 2009 der Sarajevo-Fan Vedran Puljić getötet wurde.
„Wir teilen hiermit allen Fans des FK Sarajevo und der Öffentlichkeit mit, dass wir den Pokalsieg nicht feiern werden“, erklärten die Ultras auf ihren Social-Media-Kanälen. Als Gründe nannten sie neben dem Erinnern an Vedran Puljić auch Unmut über mutmaßliche Unregelmäßigkeiten und Betrug innerhalb des eigenen Vereins. Der Pokalsieg sei erkauft und nicht auf dem sportlich fairen Weg errungen worden.
Hintergrund: Die Tragödie von Široki Brijeg
Am 4. Oktober 2009 kam es am Rande der Partie zwischen Široki Brijeg und dem FK Sarajevo zu einem der tragischsten Vorfälle in der Geschichte des bosnischen Fußballs. Mehrere Hundert Anhänger der Horde Zla reisten an diesem Tag zum Auswärtsspiel nach Široki Brijeg – ursprünglich, um den 22. Geburtstag ihrer Gruppe zu feiern. Statt einer Feier endete der Tag jedoch in Gewalt, Chaos und Tod.
Die Situation eskalierte bereits bei der Ankunft: Die Fangruppe wurde aufgeteilt, der Großteil nicht zum Stadion vorgelassen. Die Polizei war mit überraschend wenigen Kräften vor Ort – offiziellen Angaben zufolge aufgrund falscher Informationen über die Anzahl der anreisenden Sarajevo-Fans. Die Lage verschärfte sich, als lokale Anhänger gezielt provozierten und es schließlich zu massiven Auseinandersetzungen kam. Dabei wurden die FK Sarajevo-Fans nicht nur von einheimischen Anhängern und Anwohnern, sondern auch von der Polizei massiv angegriffen – unter Einsatz von Schlagstöcken, Tränengas und sogar scharfer Munition.
Inmitten dieser Eskalation wurde Vedran Puljić, ein 24-jähriger Fan des FK Sarajevo, durch einen Kopfschuss tödlich getroffen. Sechs weitere Anhänger wurden durch Schüsse schwer verletzt. Augenzeugen berichten, dass sowohl lokale Zivilisten als auch Polizisten Schusswaffen eingesetzt hätten. Der Verdacht, dass Vedran Puljić von einem Polizisten erschossen wurde, hält sich bis heute – bewiesen wurde das jedoch nie.
Die juristische Aufarbeitung verlief schleppend und unbefriedigend: Der zunächst Hauptverdächtige Oliver Knezović, ein ehemaliger Angehöriger einer paramilitärischen Einheit, flüchtete kurz nach seiner Festnahme aus dem Polizeigewahrsam und lebt seitdem unbehelligt in Kroatien. Eine Anklage wegen Mordes wurde 2017 zu einer Anklage wegen versuchten Mordes und Gefährdung anderer abgeändert, da angeblich nicht eindeutig festgestellt werden konnte, aus welcher Waffe die tödliche Kugel stammte. Der Fall ist bis heute ungeklärt.
Široki Brijeg liegt im Süden des Landes, genauer gesagt in der Region Herzegowina, die mehrheitlich von Kroaten bewohnt ist. Die Ortschaft Široki Brijeg zählt gerade einmal 30.000 Einwohner. Eine aktive Fangruppe gibt es mit den „Škripari“ auch hier.
Die mediale Berichterstattung unmittelbar nach den Vorfällen zeichnete ein einseitiges Bild: FK Sarajevo-Fans wurden als aggressive Randalierer dargestellt, die angeblich Häuser plünderten und die Bevölkerung terrorisierten. Fotomontagen und erfundene Geschichten prägten die öffentliche Meinung, während Aussagen der betroffenen Fangruppe kaum Gehör fanden.
Vedran Puljić wurde wenige Tage später unter großer Anteilnahme der Öffentlichkeit in Sarajevo beigesetzt. Sein Tod führte zu einer Welle der Solidarität innerhalb der bosnischen und internationalen Fanszene – viele Gruppen weltweit drückten ihr Mitgefühl aus.
Für die Horde Zla ist der 4. Oktober 2009 ein Wendepunkt. Die Erinnerungen an die Gewalt, den Tod eines Freundes und die fehlende Gerechtigkeit prägen die Gruppe bis heute. Spiele in Široki Brijeg sind für sie kein sportlicher Normalfall – sondern ein Ort der Erinnerung, der Ablehnung und des Widerstands gegen das Vergessen. Aus diesem Grund erklärten sie, dass ein Pokalsieg an diesem Ort nicht gefeiert werden könne – aus Respekt gegenüber Vedran Puljić und als Zeichen gegen eine nach wie vor offene Wunde im bosnischen Fußball.
Noch heute wird jedes Spiel an Vedran Puljić gedacht. Sei es zu Spielbeginn bei der Supportaufnahme, wenn der gesamte Block seinen Namen hinausschreit. Oder durch die Gedenkfahne mit Vedrans Konterfei versehen, die jedes Spiel als eine von wenigen Fahnen hängt. Und natürlich auch mit den zahlreichen Graffitis, die man zu seinen Ehren malte und in vielen Ecken der bosnischen Hauptstadt (und darüber hinaus) findet.
(Faszination Fankurve, 16.05.2025)
0 Kommentare