Am vergangenen Wochenende fand in Serbien das große Saisonfinale statt. Während mit Roter Stern der Meistertitel und mit Partizan die Vizemeisterschaft bereits feststanden, kämpften fünf Mannschaften noch um die begehrten Startplätze für die Qualifikationsrunden der europäischen Wettbewerbe. Im direkten Duell trafen OFK Belgrad und FK Novi Pazar aufeinander, während der FK Vojvodina auswärts bei Partizan Belgrad versuchte, seinen Platz zu behaupten. Für OFK Belgrad würde die Qualifikation die erste Rückkehr auf die europäische Bühne seit der Saison 2010/11 bedeuten. Die Gäste aus Novi Pazar konnten hingegen mit einem Sieg für die erste Teilnahme am internationalen Wettbewerb in der Vereinsgeschichte sorgen. Und das taten sie auch.

Die Saison der serbischen SuperLiga neigte sich dem Ende zu – die Belgrader „Ewigen“ hatten ihre Plätze eingenommen: Die Delije feierten am Samstag im heimischen Marakana das fünfte Double in Folge, während die Grobari beim letzten Heimspiel der Saison ihre Mannschaft verabschiedeten und darauf hofften, ihrem Rivalen, der „Firma“ aus Novi Sad, den Einzug in den europäischen Wettbewerb zu vermiesen. Parallel kam es zwischen OFK Belgrad und Novi Pazar zum direkten Duell um Europa.
OFK Belgrad zählt seit Jahren zu den Traditionsvereinen Serbiens und ist – insbesondere für viele ältere Fußballfans – neben Partizan und Roter Stern jener Klub, der die Stadt Belgrad repräsentiert. Die „Romantiker von der Karaburma“ sind seit 1957 im geschichtsträchtigen Omladinski-Stadion beheimatet und feierten insbesondere in den 1960er- bis 1980er-Jahren auch internationale Erfolge. Nach dem bislang letzten Auftritt auf internationaler Bühne in der Saison 2010/11 folgte eine düstere Phase, die den Verein an den Rand des völligen Aus führte. Erst durch mehrere Spendenaktionen und die breite Solidarität innerhalb der Fußballszene konnte der Klub gerettet werden. Im Jahr 2022 kam es schließlich zu einer bemerkenswerten Kampagne: Unter dem Motto „Spasite Beograd“ („Rettet Belgrad“) riefen sogar Fans verfeindeter Vereine – darunter auch der Erzrivale Taurunum Boys – zu landesweiten Spenden auf, um den traditionsreichen Klub zu unterstützen.
Es folgte ein großer Aufschwung und ein zunehmendes Interesse seitens der Fans und anderer Akteure an OFK Belgrad. Binnen zwei Jahren gelang der – bis heute stark umstrittene – Durchmarsch in die erste Liga. Auch die Fanbewegung rund um die Blue Union wurde dadurch neu belebt, und die Romantiker zogen wieder Zuschauer in ihr Heim.
Das entscheidende Spiel gegen Novi Pazar trugen sie jedoch, wie jedes Heimspiel in dieser Saison, nicht im Omladinski-Stadion im Belgrader Stadtviertel Karaburma aus, sondern im weit entfernten, neu ausgebauten Stadion Kraljevica im westserbischen Zaječar. Der Grund für diese Ausweichlösung lag sowohl in der längst überfälligen Renovierung des Omladinski-Stadions als auch in der politischen Agenda von Staatspräsident Aleksandar Vučić, der den Fußball gezielt ins Landesinnere bringen und die vielerorts umstrittenen, neu errichteten Stadien mit Leben füllen will. Das Stadion in Zaječar war zudem bereits eine Woche zuvor Austragungsort des Pokalfinales zwischen Roter Stern und Vojvodina gewesen.
Für die Gäste aus Pazar war dieses Spiel von noch größerer Bedeutung. Der FK Novi Pazar, ansässig im überwiegend von der muslimischen Minderheit bewohnten Sandžak, stieg in der Saison 2011/12 erstmals in die erste serbische Liga auf und gilt – nicht zuletzt aufgrund ethnisch-politischer Spannungen – als eine der heißeren Auswärtsfahrten für serbisch-orientierte Fanszenen. So kam es vor allem bei Begegnungen mit den Anhängern der Hauptstadtklubs – den Grobari, Delije sowie der United Force von FK Rad – immer wieder zu heftigen Auseinandersetzungen. Die heimische Fanszene, angeführt von den Ekstremi und Torcida Sandžak, hatte in der Vergangenheit mit zahlreichen internen Konflikten und Boykotten gegenüber dem Vorstand zu kämpfen. Schlechte sportliche Leistungen, vereinsinterne Spannungen und politische Entscheidungen führten zu sinkenden Zuschauerzahlen im eigenen Stadion und nur vereinzelten organisierten Auswärtsfahrten. In den vergangenen Jahren jedoch formierten sich die Gruppen wieder in ihrer heimischen Kurve – und in dieser Saison kam es sowohl sportlich als auch fantechnisch zu einem regelrechten Boom.
Mit fortschreitender Saison und anhaltend guten Resultaten des FK Novi Pazar füllte sich das Gradski-Stadion zunehmend mit heimischen Fans. Für die Bewohner und Anhänger der Stadt ist der Verein weit mehr als nur ein Fußballklub – der Gang ins Stadion ist eng mit ihrer bosniakischen Identität und der kulturellen Zugehörigkeit zum Sandžak verbunden. In einer ansonsten stark serbisch-nationalistisch geprägten Fanszene dient FK Novi Pazar vielen als Ausdruck von Widerstand und kollektiver Selbstbehauptung. Diese tiefe kulturelle Verwurzelung spiegelt sich auch in der langjährigen Fanfreundschaft mit der Genç Fenerbahçeliler von Fenerbahçe Istanbul wider. In dieser Saison begleiteten die Ekstremi und Torcida Sandžak ihre Mannschaft regelmäßig zu Auswärtsspielen – insbesondere die Begegnungen gegen Saisonende in Kruševac und vor allem in Kragujevac wurden von einem beachtlichen Anhang unterstützt.
Im Saisonendspurt gastierten beide großen Belgrader Vereine in Novi Pazar – jeweils mit Gästefans. Beim hart umkämpften 3:3 gegen Roter Stern kam es zu erheblichen Spannungen abseits des Spielfelds. Erstmals seit neun Jahren wurde den Delije wieder ein Gästekontingent zugeteilt – eine Entscheidung, die für viel Aufmerksamkeit sorgte. Die Partie wurde von politischen und ethnischen Beleidigungen, Böllerwürfen und mehrfachen Spielunterbrechungen überschattet. Die angespannte Atmosphäre verdeutlichte einmal mehr die tiefen gesellschaftlichen Gräben, die dieses Aufeinandertreffen seit jeher begleiten. Die Heimfans brachten mit einer Choreografie, die einen Vater mit seinem Sohn zeigte, wie sie in Richtung Conference League blicken, noch einmal ihre große Euphorie zum Ausdruck – und machten deutlich, dass der Traum von Europa näher denn je war.
Und dies wurde am letzten Spieltag eindrucksvoll bestätigt: Schon am Morgen des Spiels zogen Kolonnen von Autos aus Novi Pazar auf der Autobahn in Richtung Zaječar. Im Stadion bot sich ein Bild, wie es bisher noch nie zu sehen war – eine regelrechte blau-weiße Masse an Anhängern, die sich über die gesamte Heimtribüne bis hin zum Gästeblock verteilte. Bereits vor Anpfiff machte sich der Auswärtsblock lautstark bemerkbar und heizte sich auf die kommenden 90 Minuten ein. In einer verrückten Partie entwickelte sich ein hitziger Schlagabtausch: Zunächst gingen die Gäste mit 1:0 in Führung, ehe OFK Belgrad das Spiel drehte. Doch auch diese Führung hielt nicht – Novi Pazar schlug zurück. In der 86. Minute brachen die Gäste schließlich in Ekstase aus: Der FK Novi Pazar ging erneut in Führung – und da Vojvodina zur selben Zeit in Belgrad mit 2:3 gegen Partizan zurücklag, war die erstmalige Teilnahme an einem europäischen Wettbewerb nur noch wenige Minuten entfernt. In der Nachspielzeit wurde es jedoch noch einmal dramatisch: Der Schiedsrichter zeigte auf den Elfmeterpunkt – für OFK. Der Schütze traf jedoch nur den Pfosten. Im Gästeblock kannte der Jubel keine Grenzen mehr: FK Novi Pazar würde zum ersten Mal in der Vereinsgeschichte an der Qualifikation für einen europäischen Wettbewerb teilnehmen. Für die Heimmannschaft bedeutete die Niederlage gleichzeitig das Verpassen der Qualifikation – durch das direkte Duell lag Radnički Kragujevac in der Abschlusstabelle vor OFK Belgrad und FK Vojvodina und sicherte sich den letzten europäischen Startplatz.

Der Verein FK Novi Pazar kündigte noch am selben Abend eine offizielle Feier für den folgenden Tag an. Die organisierte Fanszene rief jedoch zum Boykott auf – Grund dafür war der geplante Auftritt einer Sängerin, deren Stil und Auftreten nach Ansicht vieler Anhänger nicht zur kulturellen und religiösen Identität der Stadt passten. Stattdessen organisierten die Gruppen Ekstremi und Torcida Sandžak eine eigene, spontane Feier. So wurden die Spieler noch in der Nacht nach dem Spiel in der Stadt empfangen – begleitet von Fackeln, Musik, Autokorsos und Hunderten von Fans und Bewohnern. Die Feierlichkeiten dauerten bis tief in die Nacht und machten deutlich: Die Stadt ist bereit für eine kommende internationale Saison des FK Novi Pazar.

(Faszination Fankurve, 29.05.2025)
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