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Faszination Fankurve 01.04.2006 0 Kommentare

Foto: Faszination Fankurve

Stadt Groningen seit 1040, FC Groningen seit 1971, Choreos in Groningen seit 2001:
Die Groningen Fanatics haben eine neue Tradition eingeführt.

Der niederländische Erstligist FC Groningen zählt derzeit zur erweiterten Kandidaten-Gruppe für die UEFA-Cup-Qualifikation. Auch, wenn dies noch kein Grund für allzu überschwängliche Euphorie ist, befindet sich der Club aus Westfriesland doch gegenüber den Vorjahren, in denen er eher zum unteren Mittelfeld zählte, im Aufschwung. Der Umzug vom 12.500 Zuschauer fassenden Oosterparkstadion ins neu gebaute Stadion Euroborg im Januar 2006 ist ohne Zweifel einer der Gründe für diesen Trend.

Darüber hinaus hat der Neubau, dem viele Fußballfans unter anderem wegen seiner umfangreichen Mantelbebauung mit einiger Skepsis entgegenblickten, auch für die Fanszene, die jetzt auf einer Tribüne des meist ausverkauften 20.000er All-Seaters geschlossen auftreten kann, Positives bewirkt.

Zu den Neuerungen beim FC Groningen gehört neben den sportlichen und wirtschaftlichen Perspektiven, dass die jüngeren, ultraorientierten Fans deutlicher in Erscheinung treten als in den Vorjahren. Optisches Indiz sind aufwändig gestaltete und einwandfrei inszenierte Choreografien. Maßgebliche Urheber dieser Aktivitäten der grün-weißen Fankurve sind die Groningen Fanatics.

Bild: GronigenFanatics

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Die Ursprünge der Gruppe gehen zurück auf das Jahr 2001, in dem man meinte, es sei an der Zeit, auch hier Leute zusammenzuführen, die Tifo-Aktionen nach italienischem Vorbild auf die Beine stellen. Dazu, dass die erste Aktion beim Spiel gegen Ajax alles andere als ein Erfolg war, steht man: Die grünen und weißen Pappen seien zu klein gewesen, auch habe man nicht bedacht, dass die Zuschauer auf der Tribüne mit dem ungewohnten Material nicht wirklich etwas anfangen konnten.

Aber die damals unter dem Namen „Ultimate Fan Team“ (UFT) agierende Gruppe gab nicht auf, und während der Saison 2003/04 gelang so etwas wie ein Durchbruch – und dass die Groninger mittlerweile Top-Choreografen sind, ist offensichtlich.
Stadionwelt sprach mit Ronald Dijkstra (22) von der seit 2004 in „Groningen Fanatics“ umbenannten Gruppierung über den Stellenwert dieser Inszenierungen und die Entwicklungen in der Szene.

Stadionwelt: Eure Choreos sind von hoher Qualität – wer ist dafür zuständig?
Dijkstra: Wir sind eine Gruppe von 15 Leuten, die die Choreografien ausarbeitet. An den Spieltagen kommen aber um die 30 zum Aufbauen zusammen.

Stadionwelt: Kann eure Gruppe allein denn diesen Materialaufwand finanzieren?
Dijkstra: Nein, die Groningen Fanatics sind ja Teil der „Supporters Vereniging“. Von dieser Seite bekommen wir 2.000 Euro pro Jahr. Außerdem betreiben wir unser eigenes Merchandising, und wir führen auch Choreo-Sammlungen durch.

Stadionwelt: Wie ist die Akzeptanz für eure Aktionen und den Ultra-Style in der gesamten Fanszene?
Dijkstra: Am Anfang hatten wir schon Probleme mit den anderen Fans. Wir haben als „Ultimate Fan Team“ mit ein paar Sachen begonnen, aber dann passierte zwei Jahre lang erst mal nichts mehr. 2003 ging es weiter – und jetzt im neuen Stadion entwickelt es sich richtig gut.

Stadionwelt: Mit dem neuen Stadion Euroborg seid Ihr also zufrieden?
Dijkstra: Ja, wir sind hier sehr zufrieden, aber das alte Stadion Oosterpark vermissen wir trotzdem sehr. Dort sind wir nun einmal aufgewachsen.

Stadionwelt: Eure optischen Aktionen kommen gut rüber, das ist die eine Seite. Wie würdest du aber die Qualität eures Supports beschreiben?
Dijkstra: Der Umzug ins neue Stadion hat sich als sehr vorteilhaft für die Szene erwiesen. Zuvor waren wir auf zwei Tribünen verteilt, da war die Stimmung nicht besonders in den letzten Jahren. Jetzt sind alle unter einem Dach zusammengerückt und werden auf einer Tribüne zu einer echten Einheit.
Es ist in den Niederlanden eigentlich nicht üblich, 90 Minuten zu singen, aber da verändern wir allmählich unseren Stil, und die Stimmung hat sich schon ganz gut entwickelt.

Stadionwelt: Du bist 22 – befindest du dich damit im Durchschnittsalter der Leute, die den neuen Stil in den Niederlanden vertreten?
Dijkstra: Ja, das trifft ziemlich genau zu. Aber wir werden ja auch älter, und wenn ich 30 bin, werde ich immer noch das machen, was ich jetzt mache.

Stadionwelt: Versucht Ihr auch im Bereich des akustischen Supports Neuerungen, oder beschränkt sich das auf die Einführung von Choreos?
Dijkstra: Wir singen natürlich alle die Vereinshymne; darüber hinaus haben wir bei den Gesängen mittlerweile einen Mix aus italienisch angehauchten Liedern, klassischen englischen und ganz eigenen Sachen. Manche Lieder sind auch auf „Groniges“, das ist der Dialekt unserer Region.

Stadionwelt: Gruppen, die sich optisch gut präsentieren, geraten leicht in den Ruf, sehr darauf fixiert und reine Choreo-Trupps zu sein. Das ist bei euch also nicht der Fall?
Dijkstra: Für mich persönlich sind die Aktionen auf den Tribünen schon sehr wichtig – aber der Rest auch. Für uns bedeutet es alles, unser Team zu supporten.Und dabei wollen wir einfach alle Möglichkeiten voll ausschöpfen. Es geht insofern nicht um die Selbstdarstellung, sondern nur um den Club.

Bild: GronigenFanatics

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Stadionwelt: Pflegt Ihr denn Freundschaften auf nationaler oder internationaler Ebene?
Dijkstra: Es gibt persönliche Kontakte, aber als Gruppe – nein. Einige fahren öfters mal rüber nach England zu Yeovil Town, man sieht sich vielleicht auch mal Spiele in Hamburg oder Bremen an, das aber einfach nur, weil es nicht allzu weit weg ist.

Stadionwelt: Und welche Vereine sind eure ärgsten Gegner?
Dijkstra: Das sind in erster Linie Twente, Heerenveen und Ajax.

Stadionwelt: Wie sieht bei euch es aktuell aus mit einem übergreifenden Fan-Netzwerk?
Dijkstra: Seit dem einen Treffen im letzten Jahr, wobei wir aber nicht involviert waren, ist es sehr ruhig geworden. Diese ganze Kultur ist bei uns noch nicht sehr alt, da ist in dieser Hinsicht also auch noch nichts organisiert. Vielleicht ändert sich das noch, wenn die Gruppen mal größer geworden sind.

Stadionwelt: Und die WM? Bekanntlich sind die Oranje-Fans ja eine Welt für sich, die mit der anderen Fankultur wenig gemein hat.
Dijkstra: Mit diesen Clowns, die mit Karotten und Perücken auf dem Kopf rumlaufen, kann ich gar nichts anfangen, die haben ja auch wirklich nichts mit der Szene der Club-Fans zu tun. Ich weiß nicht, wie es anderen geht – aber ich persönlich kann mich auch mit der Nationalmannschaft nicht identifizieren. Es wäre für mich undenkbar, dort Spieler von Vereinen, die sonst meine Gegner sind, zu unterstützen.?(Stadionwelt/Ingo Partecke, 01.04.2006)

Bild: GronigenFanatics
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