Ein Russe „für einen guten Zweck“

Faszination Fankurve 01.02.2006 0 Kommentare

Foto: Faszination Fankurve

Manager-Spiele am heimischen PC sind in den letzten Jahren zu einem Vergnügen für immer mehr Fußballfreunde geworden. Mit dem Spieltrieb der Normalsterblichen gibt sich die Generation des neuen russischen Geldadels längst nicht mehr ab. Für sie darf es eine Spur realer sein. Statt Phantasieteams aufzubauen, ist es zum Trend geworden, britische Vereine zu übernehmen. Der Insel-Fußball als lebendig gewordener PC-Fußball russischer Multis, eine Art ferngesteuerter Spieleabend der gehobenen Moskauer Runde? Die Story des Chelsea FC ist hinreichend bekannt und seit letztem Sommer macht sich im Norden der Insel ein Litauer daran, Heart of Midlothian aufzumöbeln. Zuletzt trat im Januar Alexandre Gaydamak auf die Bühne.

Womit der 29-Jährige sein Geld gemacht hat, ist nicht ganz eindeutig („Finanz- und Immobiliengeschäfte“ ist seine Aussage), klar ist aber: Sein Vater ist der Milliardär Arkady Gaydamak, der bei vermeintlichen „Waffen-für-Öl-Geschäften“ mit Angola ganz gut verdient haben soll und sich bereits den israelischen Club Beitar Jerusalem gönnte. Klar ist aber auch: Sein Sohn mischt zukünftig kräftig im englischen Fußball mit. Er warf ein Auge auf den Portsmouth FC, ein Kellerkind der Premier League, das 2003 nach 15 Jahren wieder in die höchste Spielklasse aufstieg. Sein Stadion Fratton Park ist das älteste und kleinste in der Premier League, mangelnde Infrastruktur mindert hier die Wettbewerbsfähigkeit.

23 Millionen Euro ließ sich Gaydamak seinen Einstieg bei „Pompey“ kosten, um fortan 50 Prozent der Anteile des Clubs zu halten, den der neue Besitzer (vorausgesetzt er besteht den Unbedenklichkeitstest, den die FA in solchen Fällen anberaumt) zuvor ein einziges Mal im Stadion spielen gesehen hat. Das Einstandsgeschenk brachte er von seiner Einkaufstour bei AJ Auxerre gleich mit: Benjani Mwaruwari, einen Stürmer aus Zimbabwe, der 6 Millionen Euro kostete. Das weckte Hoffnungen. Seither vergeht kaum ein Tag, in dem Portsmouths Presse nicht irgendwelche Spieler handelt, die bis vor wenigen Tagen noch außerhalb des Denkbaren lagen. Mit 10,5 Millionen Euro für drei Akteure von Tottenham Hotspur wurde binnen Wochenfrist gleich noch mal nachgelegt. Gerüchten zufolge liegen 100 Millionen Pfund bereit, mit denen die Zukunft der Blau-Weißen gestaltet werden soll.

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Soweit die Kurzversion der Geschichte vom kickenden Aschenputtel und dem reichen Prinzen aus dem Osten. Nur stellt sich die Frage, wie die Fans mit den neuen Gegebenheiten umgehen. Stadionwelt sprach mit Steve Peace vom PFC-Online-Fanzine „Pompey Chimes“ (www.pompeychimes.org).

Stadionwelt: Wie gefällt dir die neue Situation?
Peace: Ich verspüre so etwas wie einen vorsichtigen Optimismus. Der offensichtliche Nutzen für unseren Club ist, dass wir nun einige Spieler bekommen haben, die uns dieses Jahr die Klasse sichern. Zudem sollte die Realisierung des neuen 35.000er-Stadions nun Fahrt aufnehmen, und ein neues Trainingszentrum steht auch im Raum.

Stadionwelt: Und wie ist das allgemeine Stimmungsbild?
Peace: Die meisten Anhänger sind sehr hoffnungsvoll, dass Alexandre Gaydamak sich lange Zeit engagieren wird, und letztendlich ist es ja auch für einen guten Zweck, von dem wir nur profitieren können.

Stadionwelt: Der Vergleich mit „Chelski“ drängt sich auf. Wird sich Portsmouth FC ähnlich entwickeln und eines Tages vielleicht sogar Pokale einsammeln?
Peace: Der größten Unterschied zwischen „Chelski“ und „Pompski“ ist der, dass Gaydamak schon klar gemacht hat, er verfüge nicht über die Reichtümer eines Abramowitsch, und dass er eher an einer längerfristigen Entwicklung des Clubs interessiert ist. Wenn wir erst einmal in der Premier League bleiben und dann in den nächsten paar Jahren den Schritt zu einem Team aus der Tabellenmitte vollziehen … wer weiß schon, was danach kommt? So schnell wie Chelsea werden wir aber nicht nach oben kommen.

Stadionwelt: Gibt es denn unter den Fans Strömungen, die lieber ihren „alten PFC“ behalten würden?
Peace: Es sind immer welche dabei, die sich oppositionell gegen jede Art der Veränderung stellen. Aber man muss auch sehen, dass Milan Mandaric und Harry Redknapp (aktueller Vorsitzender und Trainer, d. Red.), abgesehen von manch seltsamer Aufstellung in den letzten Jahren, viel Gutes bewirkt haben. Auch ohne die neuen Investitionen würde der Club, wenn auch langsamer, kontinuierlich Fortschritte machen.

Stadionwelt: Wird diese weit reichende Zustimmung auch dann noch da sein, wenn sich herausstellen sollte, dass Portsmouth FC nicht mehr als das Spielzeug eines Millionärs ist?
Peace: Pompey-Fans haben schon immer zu den stimmgewaltigsten gehört, im und außerhalb des Stadions. Wenn es wirklich zu so einer Situation kommen sollte, dann werden wir uns laut Gehör verschaffen. (Stadionwelt, 01.02.2006)

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