Basti Stömmer von der Cosa Nostra berichtet über die unerwünschte Hilfe des FC Bayern und die bröckelnde Identifikation der Löwen mit ihrem Verein.
Stadionwelt: Es gab einen riesigen Skandal mit den Bayern. Was genau ist passiert?
Stömmer: Am 27.04.2006 haben die 60er ihre Anteile an der Allianz Arena an den FC Bayern verkauft. Vorher hielten beide Vereine jeweils 50 Prozent. Da der TSV kurz vor der Insolvenz stand, hat er seine für elf Millionen an die Roten verkauft, was natürlich die Höchststrafe für jeden Blauen bedeutet.
Stadionwelt: Wie habt ihr von der ganzen Sache erfahren?
Stömmer: In den Zeitungen wurde schon vorher von einer möglichen Pleite gemunkelt. Als man dann wirklich kurz davor war, musste der TSV die Hosen runterlassen und zugeben, dass wir insolvent sind. Es folgte eine Pressekonferenz zusammen mit den Bayern, in der erklärt wurde, dass die Roten uns vor der Insolvenz gerettet haben.
Stadionwelt: Wie sahen die Reaktionen der Szene aus?
Stömmer: Die erste Reaktion sah man gleich einen Tag später beim Amateurderby, bei dem es zu Ausschreitungen kam. Davor kam es auf der Geschäftsstelle zu einigen Tumulten, als ca. 100 – 150 Löwenfans mit Schmähgesängen und Eierwürfen gegen die Vereinsspitze vorgingen. Einige haben an diesem Tag komplett mit dem Verein abgeschlossen, andere setzen keinen Fuß mehr in die Arena und werden nur noch Auswärtsspiele besuchen. Darüber hinaus gibt es noch Leute, denen der Skandal egal ist.
Bild: Claude Rapp
Stadionwelt: Wie ist die Stimmung in München insgesamt?
Stömmer: Die Roten sehen das ähnlich wie wir. Sie hätten uns lieber verhungern und verdursten lassen. Wir wären auch lieber vor die Hunde gegangen, als uns vom Todfeind retten zu lassen und nun Mieter im Bayernstadion zu sein. Der FC Bayern braucht jedoch einen „Mitfinanzierer“ für die Arena, und dieser ist einfach der TSV.
Stadionwelt: Ihr seid davon ausgegangen, dass in der Allianz Arena eher die Jungen das Zepter in die Hand nehmen werden. War dem so?
Stömmer: Ja, denn durch den Nachwuchs ist viel neuer Schwung in die Kurve gekommen, vor allem auf das Optische wurde wieder mehr Wert gelegt. Die meisten älteren Semester der Szene sind allerdings nicht im Stadion vertreten, sei es wegen Stadionverboten oder Arena-Boykott. Daher sind die Jungen in der Kurve sehr auf sich alleine gestellt.
Stadionwelt: Wie macht sich der Unterschied zwischen Heim- und Auswärtsspielen bemerkbar?
Stömmer: Auswärts sind mehr Supportwillige sowie viele bekannte Gesichter, die man nie in der Arena sehen wird, vertreten. Zu Hause verliert sich der harte Kern der Löwenfans einfach in der Masse des Publikums. Noch dazu machen sich hier die Probleme untereinander stärker bemerkbar.
Stadionwelt: Wie hat sich der Konflikt zwischen den Fanlagern über die letzte Saison entwickelt?
Stömmer: Die letzte Saison war dafür nicht ausschlaggebend, da die Anfänge schon mehr als zehn Jahre zurück liegen. Letztes Jahr ging es hauptsächlich um eine umstrittene Blockfahne der organisierten Fans. Diese verschwand nach Protesten der „Unorganisierten“ aus der Kurve. Nach der letzten Delegiertenwahl, die wohl zum ersten Mal seit langen Jahren demokratisch ablief, haben nun die oppositionellen Fans die Mehrheit. Nun liegt es an uns, es besser zu machen und die Fanszene wieder zu einen. Erste Gespräche wurden schon geführt, und wir sind auf einem guten Weg, denn im Endeffekt wollen wir alle nur das Beste für unsere Löwen.
Stadionwelt: Die Stadt München will das Grünwalder Stadion abreißen lassen.
Stömmer: Das möchte sie schon länger, doch für jeden 60er muss das Stadion stehen bleiben. Es ist unser Rest Identifikation, unsere Heimat. Der Kampf wird an dieser Front schon geführt. Es gibt die „Freunde des 60er Stadions“, die ein Bürgerbegehren herbeiführen wollen. Bis 2010 ist das Grünwalder jedoch gesichert. Fraglich ist allerdings, wo die Jugend- und Amateurmannschaften der Löwen dann ihre Spiele austragen sollen, denn Ausweichmöglichkeiten gibt es momentan keine. Die jetzige Vereinsführung ist offensichtlich nicht bereit, sich für den Erhalt des Stadions einzusetzen. (Stadionwelt, 01.08.2006)

0 Kommentare