Das Gefälle ist steiler geworden

Faszination Fankurve 01.08.2006 0 Kommentare

Foto: Faszination Fankurve

Es ist keine bahnbrechende Erkenntnis, dass die Nordstaffel innerhalb der deutschen Fußball-Drittklassigkeit die weitaus lebhaftere ist. 2005/06 verdeutlichte allerdings, dass die Attraktivitätsschere noch weiter auseinander geht. Die Zuschauerzahlen als wichtigster Indikator zeichnen ein deutliches Bild: 4.755 (+226) kamen im Durchschnitt zu den Nordclubs, im Süden passierten nur 1.834 (– 495) die Tore. Beiden Ligen gemein: die Amateurvertretungen von Bundesligavereinen will kaum jemand sehen. Während die Diskussion um ihre Verbannung wegen der 2008 anstehenden Neuordnung der Ligen ausgesetzt ist, ergeben sich für die Fans fast aller Vereine Themen unter-schiedlichster Couleur. In Osnabrück, dort wo die Fans in diesem Sommer keine Jahreskarten für die Nordgerade kaufen können, was auf einen baldigen Baubeginn der neuen Tribüne schließen lässt, war es im letzten Jahr ruhiger als noch in der Vorsaison. „Bei den Choreos waren wir nicht mehr so motiviert“, sagt Benjamin Wischmeyer von der Violet Crew, „was einfach an der Unzufriedenheit mit der Mannschaft lag.“ Zumindest zum Pokalspiel gegen den allen Nordrivalen Eintracht Braunschweig könnte es wieder eine farbenfrohe Ostkurve geben. In den vergangenen Jahren bedachten sich beide Fangruppen gegenseitig mit Aktionen rund um den Themen-komplex „Kühe“, bevor der Braunschweiger Aufstieg die Fortsetzung des Duells vorübergehend aufs Eis legte.

Über 1.000 Euro hatten die Fans des 1. FC Union Berlin auf ihrem „Chemnitz-Konto“ gesammelt, um jenen Fans, die nach den Auseinandersetzungen mit der Polizei anlässlich des Spiels beim CFC vor rund zwei Jahren (siehe Stadionwelt Nr. 6),vor Gericht zogen, bei den Prozesskosten unter die Arme zu greifen. In der Sommerpause kam es zur Verhandlung. Der Fanbeauftragte Lars Schnell war als Zeuge geladen. „Für einen Polizisten gab es einen Freispruch“, fasst er zusammen, „ein anderes Verfahren wurde eingestellt, weil es aber Zweifel an der Unschuld gab, wird er ein Disziplinarverfahren durchlaufen müssen. Derjenige, der seinen Fuß in den Nacken eines auf dem Boden liegenden Unioners gestellt hatte, erhielt eine Verurteilung wegen Nötigung.“ Wenn nicht gerade prozessiert wurde, sammelten sich über einen Zeitraum von rund drei Wochen täglich bis zu 20 Anhänger hinter der Haupttribüne der Alten Försterei. Ihre Mission: die Errichtung des neuen VIP-Zeltes. „Da sind sogar einige in ihrer Mittagspause zum Helfen gekommen“, sagt Schnell. „Durch die Mithilfe konnte der Verein die Kosten für den Bau auf rund 800 Euro drücken, denn wir können auf unsere Fans zählen. Der Verein macht sich jetzt Gedanken, wie er sich bei den ehrenamtlichen Helfern erkenntlich zeigen kann.“

Bild: groundchecker.de

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Darmstadt, Erbacher Straße/Ecke Merckstraße – hier liegt ebenfalls der Geruch frischer Farbe in der Luft. Auf 135 Quadratmetern entstehen die neuen Räume des Fanprojekts Darmstadt, nachdem die beiden Container im Stadion am Böllenfalltor für die bis zu vier Mitarbeiter zu klein wurden. Unter tatkräftiger Mithilfe der Ultras Darmstadt wird eine Couchecke und ein Büro geschaffen. Bei der optischen Gestaltung der Wände mit Trikots oder Graffiti bleibt eine Wand weiß. Für den Beamer, der sie zukünftig bestrahlen soll, wird noch ein Spender gesucht. Unterdessen haben sich über das Forum von lilienfans.de rund 20 Anhänger zusammengefunden, deren Ziel es ist, Einfluss auf die Stadionbaupläne zu nehmen. Nach ersten Treffen in der „Lilienschänke“ ist klar: Eine „Pinsellösung“ zur Erfüllung der DFB-Auflagen reicht ihnen nicht – ein Komplettneubau soll her. Ihre Wünsche wollen sie in Kürze beim Oberbürgermeister vortragen.

Marc Kreisel hat seine Homepage umbenannt. Aus der in Ahlen beliebten Seite lrahlenfans.de wurde rwahlenfans.de. Nicht nur Außenstehende stolpern über den neuen Vereinsnamen „Rot-Weiß“, „auch den Ahlenern rutscht immer noch mal ein ‚LR‘ raus“, erklärt er. Dabei müssen sich die Fans in vielen Dingen an einen runderneuerten Verein gewöhnen: das Personal, das von den Werbetafeln „befreite“ Stadion, selbst die Stadionzeitung trägt einen neuen Namen. Kreisel: „Aber die meisten machen das gerne. Sie sind froh, dass wir endlich unser Dasein als Kommerzverein hinter uns lassen können.“

Saarbrückens Fans sind über die Entwicklung ihres Clubs weniger erfreut, eher stocksauer. In sportlichen Dingen sei viel schief gelaufen, und auch die Neuverpflichtung des zuvor beim Lokalrivalen Kaiserslautern tätigen Trainers Michael Henke stieß auf mehr Skepsis als Applaus. Während „Vorstand raus“ zum Credo wurde, übt sich der Verein in Basisdemokratie: Die Fans dürfen per Abstimmung die Einlaufmelodie der kommenden Saison bestimmen. Unter anderem im Angebot: das Steigerlied, die Titelmusik von Ben Hur und die FIFA-Hymne.

Aufsteiger FC Ingolstadt bringt eine noch im Aufbau befindliche Fanszene mit. Schließlich gibt es den Fusionsclub erst seit 2004, „und vielen, die vorher Anhänger des MTV oder des ESV waren, hat eben das nicht gepasst. Sie haben sich abgewendet“, sagt der Fanbeauftragte Adrian Szmerecsuk. So verfügt der Verein aktuell nur über zwei Fanclubs. Zu einem haben sich 50 Bewohner des Caritas-Zentrums St. Vinzenz zusammengeschlossen, der andere, der 24 Mitglieder starke„Schanzerstorm“ besteht seit Februar dieses Jahres. „Wenn es gut läuft, werden wir zu den Auswärtsspielen sicher einen Bus zusammenbekommen“, sagt Szmerecsuk, „und bei den Heimspielen rechne ich mit bis zu 2.000 Zuschauern.“

Bild: Stadionwelt

Bild: Stadionwelt

Die Fans des SV Wilhelmshaven gehören ebenfalls zu den Neuzugängen der Liga. Rund 850 kamen in der Oberliga, und 200 wollen sich trotz des ungünstigen Freitagstermins zum ersten Spiel in Bremen aufmachen. Angelika Lindemann, Fanbeauftragte der Rot-Gelben, stellt sie vor: „Wir sind harmlos. Für Bengalos sind unsere Leute zwar immer zu haben, aber das mussten wir denen natürlich austreiben. Wenn die Fans des einen oder anderen Ostvereins kommen, macht mir das mehr Sorgen.“

„Von oben“ kommen hingegen die Sportfreunde Siegen. Andreas Noack von der Brigada Siegena ist sogar überzeugt, dass der Abstieg einen Aufschwung für die Fanszene nach sich zieht: „Früher ist fast alles an unserem Fanclub hängen geblieben, aber in der zweiten Liga sind viele hinzugekommen. Weil wir viel Mist erlebt haben, sind wir alle zusammen ein gutes Team geworden. Das ist die Grundlage, um was aufzubauen.“ Zunächst soll in die stärkere Verteilung des Infoflyers „Leimbachtaler“ und den Aufbau eines eigenen Merchandise investiert werden, um mit den Überschüssen einen entsprechenden Tifo auf die Beine zu stellen. Die Huldigung als „12. Mann“, die Nicht-Vergabe des Trikots mit der Nummer 12 – das war gestern.

Bei Rot-Weiß Erfurt gab es für die Fans eine „Beförderung“: Sie gelten ab sofort als offizieller Co-Sponsor des Vereins. „Unsere Fans zahlen Eintritt, kaufen Fanartikel, essen und trinken im Stadion – ohne diese Einnahmen würde es den Verein nicht geben. Und schon deshalb haben sie ein Recht auf den Titel eines Sponsoren“, lautet die Begründung des stellvertretenden Vorstandsvorsitzenden Detlef Goss. In der konkreten Umsetzung werden die Fans künftig auf Briefköpfen, Interviewstellwänden oder in der Stadionzeitung einen Platz erhalten. Weiterhin sollen Fanvertreter an allen Veranstaltungen des Vereins teilnehmen. PR-Gag oder ehrliche Wertschätzung? Darüber gehen die Meinungen innerhalb der Fanszene auseinander.

Am Zoo herrscht starker Zuschauerschwund: Durchschnittlich 6.674 kamen nach dem Aufstieg in die Regionalliga zu den Spielen des Wuppertaler SV, zwei Spielzeiten später waren es nur noch 3.388. Andreas Wirtz von der Wuppertaler Supporter Vereinigung nennt die Gründe: „Durch die Jahreshauptversammlung im Februar haben sich noch mehr abgewendet. Nachdem ein Antrag, den durch die Fusion entstandenen Beinamen ‚Borussia‘ zu streichen, abgeschmettert wurde, kam es zu entsprechenden Beleidigungen wie ‚Beweist erstmal, dass ihr richtige WSV-Fans seid‘.“ Mit Folgen: 15 Fanclubs haben sich aus der Fanclubliste streichen lassen, darunter auch die 120 Mitglieder starken Ultras Wuppertal. Der Fanbeauftragte Christian Weiß trat zurück, der Stand der Supporter Vereinigung auf dem Vorplatz musste unterdessen eingemottet werden. Wirtz: „Im Prinzip warten viele auf eine Entschuldigung des Präsidiums.“

Bild: Marco Schuch

Bild: Marco Schuch

Acht Jahre nach dem Neubeginn in der Kreisliga ist Hessen Kassel zurück im Blickfeld des überregionalen Fußballs. Die Fans sind entsprechend heiß auf die Regionalliga – und voller Tatendrang: In diesem Sommer nahmen sie beim Umzug des „Zissel“ – einer festen Größe im nordhessischen Partykalender – mit 40 Personen auf einem eigenen Wagen teil. Dass das Auestadion bis zur Fertigstellung der Gegengeraden in einigen Monaten nur eine Kapazität von 7.000 Plätzen aufweist, könnte bei gutem sportlichem Verlauf zum Problem werden. Zumindest freut sich der Anhang darüber, dass er mit seinen Nordkurven-Jahreskarten dann die besseren Plätze auf der Gegengeraden einnehmen kann. Noch ein Umzug – aus Südwest wird Nord. Zwar sind Detailfragen wie Fahnenplätze und der Standort der Fanstände noch zu klären, doch wenige Monate vor der Fertigstellung des neuen Stadions steht fest:

Die Anhänger des 1. FC Magdeburg werden ihre Stammplätze im Stehplatzblock U, zentral hinter dem Tor einnehmen. Endlich, meinen viele, denn die Bedingungen im Exil des Heinrich-Germer-Stadions erwiesen sich als zunehmend stimmungshemmend. „Natürlich hatte das Flair“, erklärt Sven Friedrichs von den FCM-Ultras Blue Generation, „aber wenn bei der flachen und offenen Bauweise 20 Meter neben dir gesungen wurde, hat man schon nichts mehr gehört.“ Etwas früher, schon mit dem ersten Heimspiel, wird der Stimmungskern von Holstein Kiel seinen Platz gewechselt haben. Der bisherige Standort auf der Gegengeraden verwandelt sich in eine überdachte Tribüne, sodass der Umzug in den Westen – hier entsteht ebenfalls eine spiel-feldnahe überdachte Hintertor-Stehplatztribüne – erfolgt. Nur die wenigsten trauern den alten Plätzen hinterher. Matthias Woloszyn, der Fanbeauftragte: „Da waren wir uns schnell einig, und das wird von der überwiegenden Mehrheit akzeptiert.“

Bild: Golden Eagle

Bild: Golden Eagle

Mit dem Wohnwagen ins Stadion? Eben jenes Bild könnte sich in der kommenden Saison in Dresden ergeben. Die Ultras Dynamo wollen dem Gedränge an ihrem Stand – bisher nur ein einfacher Tisch – Herr werden und suchen eine stabilere Lösung. Da bis zur endgültigen Klärung der Modalitäten rund ums Stadion vom Kauf einer Hütte abgesehen wird, soll nach dem Wünschen der UD ein nostalgischer Wohnwagen aus der DDR-Zeit her. Vorteil: Dieser ließe sich unter der Woche außerhalb des Stadions parken. Es gilt der Aufruf: Wer ist bereit, gegen eine kleine Ablösesumme einen entsprechenden Wohnwagen zu überlassen?

Für einen Großteil der auswärts reisenden Fans des FC St. Pauli heißt es in der kommenden Saison „Bus statt Zug“, denn schon zu den ersten Spielen in Wuppertal und Lübeck wird der Fanladen keinen Sonderzug anbieten. Zwar verfügt der Veranstalter über eine schriftlich fixierte „Auswärtsfahrtordnung“, doch schützte diese nicht davor, dass nach 16 Jahren Fahrtenorganisation die Bundespolizei mit an Bord kam. Die Feststellung des Fanladens klingt fast resignierend: „Wie tief wollen die noch in unseren Freizeitbereich des Lebens eindringen? So macht das keinen Spaß mehr.“

Eine Neustrukturierung der aktiven Fanszene stand in Reutlingen an. Die Szene E hat sich, ganz nach dem Vorbild einiger größerer Ultragruppen, um einen Förderkreis erweitert. Eine direkte Anmeldung für die Hauptgruppe ist ab sofort nicht mehr möglich, diese kann man sich erst durch eine aktive Teilnahme am Fangeschehen erarbeiten. Damit der Nutzen für die Fanszene nicht allein auf die finanzielle oder materielle Unterstützung beschränkt bleibt, werden Förderkreismitgliedern nicht nur dieselben Rechte bei Fanartikeln oder Auswärtsfahrten eingeräumt, sondern sie kommen auch in den Genuss der ab dieser Saison vergünstigten Eintrittskarten für den Block E. Und wie nach jeder Saison werden die Fans auf den Rängen neue Bedingungen vorfinden, denn die Anlässe zur Veränderung sind vielfältiger Natur.

Bei den Stuttgarter Kickers verwandelt sich der G-Block in einen „Familien- und Kinderblock“ mit entsprechend günstigen Eintrittspreisen und einer nicht näher genannten Überraschung inklusive, Düsseldorfs Fans werden bei mindestens drei Spielen ihre Plätze in der LTU-Arena gegen die im Paul-Janes-Stadion eintauschen, und in Lübeck finden sich die Gästefans nun hinter einem Fangnetz wieder. (Stadionwelt/Maik Thesing, 01.08.2006)

Bild: Dominik Fried

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Bild: Marco Schuch
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