Wir, das hässliche Entlein von Tokio

Faszination Fankurve 08.01.2007 0 Kommentare

Foto: Faszination Fankurve

Die FIFA-Club-WM wird in Europa etwas stiefmütterlich betrachtet. Ganz anders ist das in Südamerika. Hier hat der Wettbewerb eine hohe Bedeutung und die Fangruppen unternehmen einige Anstrengungen, um dabei zu sein. Ein Erlebnisbericht:

Kein Wunder also, dass sich der Präsident der Torcida Camisa 12, des größten Fanklubs des brasilianischen Südamerika-Vertreters SC Internacional Porto Alegre, Miguel Dagnino auf den langen Weg nach Tokio wagte, um im Dezember das Turnier zu sehen, an dem neben seinem Team noch Jeonbuk FC (Südkorea /Asien), Al Ahly (Ägypten /Afrika), América (Mexiko /Nordamerika), Auckland FC (Neuseeland /Ozeanien) und der Barcelona FC (Spanien /Europa) teilnahmen.

Die Stadt Porto Alegre hat eine lange Tradition mit gutem und erfolgreichem Fußball. Der Lokalrivale von Internacional, Grêmio Porto Alegre, konnte die Klub-WM schon einmal für sich entscheiden: 1983 gegen den HSV. Außerdem fühlen sich die Gaúchos aus der südlichen Provinz Brasiliens etwas vernachlässigt von den großen Zentren Rio de Janeiro und São Paulo. Kein Wunder, dass da der überraschend Sieg von Internacional im Finale gegen den Favoriten Barcelona Balsam für die geschundene Seele war. Miguel sprach mit Stadionwelt über seine Erlebnisse, die das Aufeinandertreffen zweier sehr gegensätzlicher Kulturen dokumentieren.

Für brasilianische Verhältnisse beeindruckend: Die Anzeigetafel im Stadion von Yokohama<br />Bild: Miguel Dagnino“ loading=“lazy“></p>
<p class=Für brasilianische Verhältnisse beeindruckend: Die Anzeigetafel im Stadion von Yokohama
Bild: Miguel Dagnino

Stadionwelt: Miguel, Japan ist, insbesondere für Südamerikaner, recht teuer. Wie konntest Du dir die Reise leisten?
Dagnino: Wir von der Camisa 12 haben versucht, Unterstützung von der Vereinsführung von Inter zu erhalten. Die haben aber nicht einmal reagiert. Deswegen habe ich meine ganzen Ersparnisse zusammengenommen und die Reise selbst finanziert. Flug, Eintritt, Hotel usw. haben mich ca 5.000 Dollar gekostet. Ich habe Fanartikel von Internacional mitgenommen, um sie vor Ort zu verkaufen, denn die Japaner kaufen alles. Am Anfang wollten sie jedoch nur Merchandising von Barça. Nach unserem Sieg hat sich das geändert und ich konnte Mützen für 50 Dollar verkaufen. Wahnsinn!

Stadionwelt: Wie viele Fans von Inter waren dabei?
Dagnino: Eben wegen unseres Lebensstandards waren wir nur 15 Personen von der Torcida Camisa 12. Aber da waren noch ca 1.000 weitere Fans von Inter, die entweder im Ausland leben oder die reichen Schuhfabrikbesitzer aus der Region von Porto Alegre. Die sind im Übrigen fast alle deutschstämmig.

Stadionwelt: Wie war die Reise?
Dagnino: Ziemlich chaotisch. Es gibt natürlich keinen Direktflug Porto Alegre – Tokio. Wir mussten deswegen zunächst nach São Paulo, wo wir mehrere Stunden Aufenthalt hatten, da die Fluglotsen streikten. Das hat ganz Brasilien vor Weihnachten verrückt gemacht. Selbst das Flugzeug der Mannschaft war deshalb verspätet. Die einzige Person, die von dieser Situation profitiert hat, war unser Jungstar Alexandre Pato. Er ist erst 17 und braucht deswegen als Minderjähriger eine Erlaubnis der Eltern, um reisen zu können. Er hatte sie vergessen, konnte sie aber wegen der Verspätung noch rechtzeitig besorgen.
Von São Paulo ging es weiter nach Johannesburg. Dort blieben wir einen Tag, um uns die Stadt anzusehen. Unser Reiseführer war ein totaler Rassist, der die Todesstrafe für Drogenabhängige forderte und die Homosexuellen für die AIDS-Epidemie Südafrikas verantwortlich machte. Ich glaube, dass Südafrika große Probleme mit der Ausrichtung der WM 2010 haben wird. Das Problem der Gewalt ist dort noch schlimmer als in Brasilien. Am Flughafen war es auch seltsam, dass sie viele afrikanische Sprachen sprechen, aber kein Englisch.
In Johannesburg nahmen wir einen Flug nach Hongkong und von dort schließlich nach Tokio. Es gäbe auch eine kürzere Strecke über die USA, aber dann hätten wir ein Visum gebraucht, dass man nur in São Paulo bekommt. Das wäre teurer gewesen.

Der Spieler Luiz Adriano macht nach der Siegerehrung den Gruß der Camisa 12<br />Bild: Miguel Dagnino“ loading=“lazy“></p>
<p class=Der Spieler Luiz Adriano macht nach der Siegerehrung den Gruß der Camisa 12
Bild: Miguel Dagnino

Stadionwelt: Wie ist es, ein Spiel in Japan zu sehen?
Dagnino: Die Japaner haben ein ganz anderes Vertrauen in die Fans. Man hätte z.B. mit der Eintrittskarte ins Stadion gekonnt und das Ticket dann durch den Zaun wieder zu einem Freund nach außerhalb leiten können. Es gab keinen Sicherheitsdienst und die Karten wurden auch nicht entwertet. Der Eintrittspreis betrug zwischen 200 Dollar und 500 Dollar, aber wir sind mit unseren günstigen Karten in den Bereich der teueren Sitze gegangen, da niemand kontrollierte.
Die Japaner waren auch nicht auf die brasilianische Mentalität und Fankultur eingestellt. Das größte Problem war, dass Sitzzwang bestand. Das funktioniert nicht mit Brasilianern. Aber jedes Mal, wenn einer aufstand kam ein Ordner. Es ist dann auch nicht so, dass die Japaner unfreundlich sind und dich anschreien. Nein, sie bleiben bei dir stehen, bis du dich hinsetzt. Es gab auch keinen Platz für unsere Transparente. Wir haben sie aber dann trotzdem aufgehängt. Richtig nervös wurden die Ordner, als wir nach Spielende begannen, unsere Mützen in die Luft und aufs Spielfeld zu werfen. Dann kamen sie immer gerannt und wollten das vermeiden. Wir haben uns dann den Spaß gemacht, die Würfe nur anzudeuten.
Das Stadion war natürlich neu, modern und sauber. Aber nicht wirklich anders als das Beira Rio in Porto Alegre. Die Architektur war nichts Besonderes. An den Toiletten gibt es die gleichen Schlangen, nur das die Japaner diszipliniert sind und sich nicht vordrängeln. Die moderne Anzeigetafel ist beeindruckend.

Stadionwelt: Wie war die Party nach dem Sieg?
Dagnino: Das Finale war in Yokohama, deshalb begann die Party im Bus, der uns die 1,5 Stunden Fahrt ins Hotel nach Tokio zurückbrachte. Wir waren in dem Stadtteil Hopongi untergebracht, wo sich auch das traditionelle Nachtleben Tokios abspielt. Dort haben wir einfach auf der Straße gefeiert. Im Hotel waren ca. 500 Fans von Inter. Der Lärm war so ohrenbetäubend, dass die Verwaltung sich genötigt sah, auf portugiesischen Hinweisschildern um Ruhe zu bitten. Gebracht hat es nichts.
Vor den Finale waren wir hier das hässliche Entlein und alle wollten nur was von Barça und Ronaldinho, der früher bei unserem Lokalrivalen Grêmio spielte, wissen. Und dann haben wir gewonnen. Das hatte keiner erwartet.

Stadionwelt: Wie hat dir das Land Japan gefallen?
Dagnino: Für uns aus der dritten Welt ist es der Wahnsinn das Land Japan zu sehen. Dort ist Alles so schön und wunderbar, viel besser als in unserem Land. Es gibt mehr Respekt und Sicherheit. Die Kultur ist ganz anders als in Brasilien.. Nur leider auch so teuer, besonders das Essen. Auf der anderen Seite sind elektronische Produkte sehr billig. Ich glaube Alle haben sich mindestens drei Digitalkameras gekauft. Ich spreche zwar gut Englisch, aber ich war überrascht, wie wenige Japaner Englisch können. Die sehen dich dann nicht einmal an.
Beeindruckt hat mich die U-Bahn. Das ist die reinste Sardinendose. Es gibt sogar Personen, die nur dazu da sind die Fahrgäste in die Waggons zu stoßen. Das ist unmenschlich. Im Zug ist dann völlige Stille und die Japaner schauen nur auf ihr Handy, mit dem sie ins Internet können oder spielen. Überhaupt haben alle ein Mobiltelefon. Das sind ihre Hauptbeschäftigungen: Handy oder im Stehen schlafen!
Es war ein unglaubliches Erlebnis. Wer dabei war, wird das sein ganzes Leben nicht vergessen. (Martin Curi / Stadionwelt, 08.01.2006)

Dieser Kultfan von Al Ahly (links), dem afrikanischen Champions League Sieger aus Ägypten, war bei allen Spielen des Turniers dabei<br />Bild: Miguel Dagnino“ loading=“lazy“></p>
<p class=Dieser Kultfan von Al Ahly (links), dem afrikanischen Champions League Sieger aus Ägypten, war bei allen Spielen des Turniers dabei
Bild: Miguel Dagnino

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