„Die Atmosphäre von früher ist wiederherstellbar“

Faszination Fankurve 20.03.2007 0 Kommentare

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Malcolm Clarke
Malcolm Clarke

Die Football Supporters‘ Federation (FSF) ist die größte Fanorganisation in England. Unter anderem setzt sie sich für eine Rückkehr zu den Stehplätzen ein. Stadionwelt sprach mit Malcolm Clarke, dem Vorsitzenden der FSF.

Stadionwelt: Was ist die FSF?
Clarke: Die FSF ging 2002 aus der Fusion zweier Fanorganisationen hervor. Die Football Supporters Association wurde etwa 1980 gegründet. Sie kämpfte hauptsächlich gegen Maggie Thatchers Pläne, dass für Fußballfans eine Art Personalausweis eingeführt wird. Die andere Vorgängerorganisation war viel älter. Die National Federation of Supporters Clubs existierte bereits seit 1921. Sie umfasste auch Fans aus Schottland – heutzutage haben sie dort eine eigene Fanorganisation. Vor viereinhalb Jahren wurde endgültig klar, dass zwei Fanorganisationen zu viel sind. Also wurde mit der FSF eine einzelne Organisation aus der Taufe gehoben.

Stadionwelt: Wie viele Fans sind in der FSF organisiert?
Clarke: Um die 140.000 Fans aus England und Wales. Unsere Mitglieder sind entweder einzelne Fans oder sie gehören zu angegliederten Supporter Clubs. Momentan gibt es ungefähr 150 dieser angeschlossenen Supporter Clubs. Deren Mitglieder machen einen Großteil der FSF-Mitglieder aus. Es dürfte leicht vorstellbar sein, dass eine derart große Menge schwer zu organisieren ist. Dennoch wollen wir uns weiterhin vergrößern.

Stadionwelt: Handelt es sich bei den Verantwortlichen der FSF um Hauptberufler, oder führen sie die Tätigkeiten ehrenamtlich aus?
Clarke: Die meisten Leute, die bei der FSF Aufgaben übernommen haben, arbeiten rein ehrenamtlich. Drei Personen haben Halbtagsjobs. Ein Großteil der anfallenden Arbeiten wird von zu Hause erledigt. Unser Büro befindet in Wimbledon im Süden Londons.

Das Logo der FSF.<br />Bild: Football Supporters´ Federation“ loading=“lazy“></p>
<p class=Das Logo der FSF.
Bild: Football Supporters´ Federation

Stadionwelt: Wie finanziert sich die FSF?
Clarke: Im Moment expandieren wir. Wir bekommen Gelder von Fußballorganisationen wie der Premier League und hoffen darauf, dass die Football Association (FA) uns ebenfalls unterstützen wird. Wir wissen, dass wir in einer vollkommenen Welt nicht auf dieses Geld angewiesen sein sollten. Weil wir aber versuchen, dauerhaft eine professionelle Lobby-Gruppe zu werden, suchen wir nach Sponsoren. Außerdem kann man auf unserer Homepage T-Shirts mit dem FSF-Logo und andere Merchandisingprodukte ordern. Der Rest stammt aus Mitgliedsbeiträgen.

Stadionwelt: Was sind die Hauptthemen der FSF?
Clarke: Ticketpreise sind sicherlich eines unserer Hauptthemen. Wir sehen eine große Gefahr, dass einfache und besonders junge Leute außen vorgelassen werden. Viele Vereine realisieren diese Gefahr erst jetzt. Vor allem, da sie es sich leisten könnten, die Zuschauer auch für weniger Geld ins Stadion zu lassen: Man denke nur an das Extra-Geld, dass die Premiership aus dem neuen TV-Vertrag erhält. Allerdings ist es nicht nur wichtig, die Eintrittspreise zu reduzieren. Teams aus unteren Ligen kriegen im Vergleich zu den Erstligaclubs viel zu wenig Geld. Der Unterschied ist selbst in der ersten Liga zu groß. Das ist auch einer der Gründe, weshalb die meisten Stadien in der Regel nicht ausverkauft sind.

Eine Demonstration für sichere Stehplätze.<br />Bild: Football Supporters´ Federation“ loading=“lazy“></p>
<p class=Eine Demonstration für sichere Stehplätze.
Bild: Football Supporters´ Federation

Stadionwelt: Ist zu erwarten, dass man Spiele auf der Insel bald wieder im Stehen sehen kann?
Clarke: Ich hoffe doch. Die Conservative Party wäre bereit, sich des Gesetzes noch einmal anzunehmen. Wir bekommen eine Menge Unterstützung. So sind einige Parlamentsmitglieder für Stehplätze. Momentan arbeiten wir an einer Studie, die in ein paar Monaten veröffentlicht wird. Eines unserer Mitglieder war kürzlich in Deutschland, um Fotos zu machen und zu sehen, wie Ihr mit der Thematik umgeht.

Stadionwelt: Und eure weiteren Themen?
Clarke: Die Art, wie das Fernsehen, den Fans den Fußball verdirbt. Es gibt hier unglaubliche Anstoßzeiten, die nur durch den Einfluss des Fernsehens zustande kommen. Es besteht die Gefahr, dass eine gesamte Generation junger Fans Fußball ausschließlich im Pub zu sehen bekommt.

Stadionwelt: Siehst Du es als Erfolg, dass die Preise für die Eintrittskarten von einigen Clubs zumindest nicht weiter angehoben werden?
Clarke: In England haben wir ein Sprichwort: „We give them one and a half cheers out of three.“ Das heißt, dass sich die Situation zwar verbessert hat, aber noch lange nicht perfekt ist. Dieser Teilerfolg mag auch mit der Unterstützung der „Sun“, einer der größten englischen Zeitungen, zu tun haben.

Stadionwelt: Vor einiger Zeit demonstrierten Fans von Cardiff City in der Innenstadt von Wolverhampton, weil Gästefans nicht ins Molineux durften. Kannst Du etwas dazu sagen?
Clarke: Die FSF lehnte die Entscheidung der Wolverhampton Wanderers, Cardiff-Anhängern den Eintritt zu verwehren, ab. Mit dieser Methode werden Probleme keineswegs gelöst. Vor ein paar Jahren gab es etwas Ähnliches schon einmal, als die Fans einiger Vereine nicht zu Millwall reisen durften. Jetzt haben wir die Befürchtung, dass dieses Gästefanverbot Schule machen könnte. Verständlicherweise waren die Fans aus Cardiff besonders verärgert, also haben sie am Spieltag selber eine Demonstration mitten im Zentrum Wolverhamptons angemeldet.

Cardiff City und andere Fans in Wolverhampton.<br />Bild: Football Supporters´ Federation“ loading=“lazy“></p>
<p class=Cardiff City und andere Fans in Wolverhampton.
Bild: Football Supporters´ Federation

Stadionwelt: Wie viele Personen nahmen teil?
Clarke: Ungefähr 100 City-Fans waren nach Wolverhampton gekommen. Das ist nicht außergewöhnlich, aber der Weg ist lang und es ging sowieso mehr darum, ein Zeichen zu setzen.

Stadionwelt: Wie hat sich das Verhältnis der englischen Fans zur Gewalt entwickelt? Clarke: Probleme wie Gewalt beim Fußball wiegen weniger schwer, als sie das früher mal getan haben. Xenophobes Verhalten, also Fremdem gegenüber feindlich eingestellt zu sein, geht zurück. Verantwortliche, Polizei und Fans arbeiten besser zusammen. Die FSF hat beispielsweise einen Bus, die so genannte Fanbotschaft, die bei jedem Englandspiel zugegen ist. Dort können Fans Informationen über das Land einholen. Aber es gibt auch eine andere Seite: Es besteht die Gefahr, dass Leidenschaft und Atmosphäre aus dem Fußball verschwinden. Viele Grounds haben über die Jahre zweifellos verloren. Der FC United of Manchester spielt zwar zig Ligen unter ManU, dafür ist die Atmosphäre wie in den achtziger Jahren. Er hat eine fantastische Anhängerschaft. Der Eintritt ist bezahlbar, und viele ältere Fans fühlen sich an eine Zeit im Fußball erinnert, als sie noch zusammen mit ihren Vätern die Spiele besuchten.

Stadionwelt: Hat Hooliganismus seinen Zenit überschritten oder ist das immer noch ein Thema?
Clarke: Hin und wieder passiert etwas – das ist aber kein Vergleich zu früheren Zeiten. 3.000 bis 4.000 Personen haben Stadionverbote.

Die fahrbare Fanbotschaft bei der WM in Nürnberg.<br />Bild: Football Supporters´ Federation“ loading=“lazy“></p>
<p class=Die fahrbare Fanbotschaft bei der WM in Nürnberg.
Bild: Football Supporters´ Federation

Stadionwelt: Wie schätzt Du die Stimmung in den englischen Stadien im Vergleich zu Europa ein?
Clarke: Liverpool gegen Barça in der Champions League war ein gutes Beispiel dafür, dass die Atmosphäre vergangener Tage widerherstellbar ist – bei sehr besonderen Spielen.

Stadionwelt: Lange Zeit waren englische Fans die Vorbilder für Fans auf dem Kontinent. Mittlerweile richten sich die Blicke oft nach Italien und seine Ultras. Was denkst Du über diese Entwicklung?
Clarke: Die Frage ist schwer zu beantworten. Traurigerweise muss ich zugeben, dass englische Fans normalerweise nicht auf den Kontinent schauen. Englische Fans wie die Einwohner im Allgemeinen sind eher introvertiert.
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Stadionwelt: Aberdeen hat eine Ultragruppe, angeblich soll es bei Bolton auch welche geben. Anhand deiner Aussage wird sich die Ultrabewegung eher nicht durchsetzen können, oder?
Clarke: Die meisten englischen Fans sind sich der Ultrabewegung nicht bewusst.

Stadionwelt: Du selbst bist ein Stoke Supporter…
Clarke: Das ist richtig. Stoke City ist ein Traditionsclub. Stan Matthews spielte für den Verein. Momentan besteht noch die Möglichkeit in die erste Liga aufzusteigen.

Stadionwelt: Stoke ist auch für seine Hooligans berüchtigt.
Clarke: Das ist ebenfalls richtig. Es ist aber nicht so schlimm wie früher. Für die Auswärtsspiele benötigt man eine „Away Supporters Card“, womit die Polizei einfacher Personen überprüfen kann. Die Fans mögen das natürlich nicht besonders. (Stadionwelt, 20.3.2007)

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