Europa blickt nach Portugal

Faszination Fankurve 01.06.2004 0 Kommentare

Zwischen Spannung und Vorfreude – Die 12. Fußball-Europameisterschaft kurz vor dem Start.

Die Bundesliga hat sich in die Sommerpause verabschiedet, und wie in den letzten Jahren wurde in der Schlussphase wieder viel gejubelt, geweint und gefeiert. Doch Zeit zum Luft holen bleibt kaum, denn das nächste Großereignis steht bereits vor der Tür. Vom 12. Juni bis zum 4. Juli ist Portugal Austragungsort der 12. Fußball-Europameisterschaft. Vergessen ist der mitunter holprige Weg durch die Qualifikation und das EM-Fieber steigt. Die Sport-Medien kennen fast nur noch eine Thema, Fan-Devotionalien liegen in den Schaufenstern der Geschäfte aus und jede Menge Ratgeber, Zeitschriften und Informationen zur EM sind erhältlich. In Büros und Sportvereinen werden mühsam Regeln für Tippspiele erstellt und zu Hause ausgeschnittene Spielpläne an Kühlschranktüren geklebt. Unterdessen bereiten sich die Sendeanstalten auf einen Übertragungsmarathon vor, und Kneipen und Sportbars haben bereits Beamer und Großleinwände aus dem Keller geholt, um die EM-Stimmung direkt in ihre Biergärten zu holen.

Das Angebot wird Anklang finden, denn live dabei sein können nur wenige. Knapp drei Wochen vor dem Eröffnungsspiel in Porto waren bereits 23 von 31 Spielen ausverkauft. Das Interesse ist immens, mit rund 500.000 Fußball-Touristen rechnet die UEFA. Beim Deutschen Fußball Bund überstieg die Nachfrage das Angebot deutlich: 80.000 Ticketwünsche sind dort in der knapp einmonatigen Bestellphase eingegangen, zur Verfügung standen aber nur deutlich weniger Karten: 7.600 Tickets für das Spiel gegen Lettland, 11.300 für die Begegnung gegen die Niederlande und 10.000 Karten für die das Spiel gegen Tschechien. Dem DFB blieb keine andere Möglichkeit als das Losverfahren über die Kartenvergabe entscheiden zu lassen. Geschnürt wurden dabei zwei Pakete, eins mit allen Vorrundenspielen, das zweite mit Optionsscheinen für mögliche Spiele der deutschen Mannschaft nach der Vorrunde. Trotz fehlender Karten rechnet die Koordinationsstelle Fanprojekte damit, dass bis zu 20.000 Fans die Reise nach Portugal antreten werden und den Trip zur EM mit einem Urlaubsaufenthalt verbinden. Karten für Deutschland-Spiele werden vor Ort jedoch höchstens auf dem Schwarzmarkt erhältlich sein, möglicherweise gibt es jedoch noch einmal die Chance, Karten über das Internet zu bestellen, nämlich dann, wenn nach der Vorrunde Kartenoptionen nicht eingelöst werden. „Sollten wir dann noch über Tickets verfügen, planen wir einen Lastminute-Verkauf im Internet“, so Katja Sichtig, Verantwortliche beim DFB für den Ticketverkauf. Mit einer Auftragsbestätigung können die Karten dann an den so genannten „Ticketcollectionpoints“ in den Service-Büros des DFB an den jeweiligen Austragungsorten abgeholt werden. Infos über die Standorte dieser Büros finden sich ab Turnierbeginn auf der offiziellen Homepage des DFB.

Mit Spannung darf erwartet werden, wie sich die Stimmung in den Stadien während der EM entwickeln wird. Nachdem die Weltmeisterschaft 2002 in Asien für viele Fans aufgrund der Entfernung nahezu unerreichbar war, kommt es nun erstmals wieder seit vier Jahren zu einem Aufeinandertreffen der europäischen Fangruppen. Und bereits die Vorrunde verspricht hochinteressante Spiele wie das Nachbarschaftsduell zwischen Spanien und Portugal, das Aufeinandertreffen der Deutschen mit dem alten Rivalen Niederlande sowie das Duell zwischen Frankreich und England. Besonders die Fans von der Insel werden zahlenmäßig wieder stark vertreten sein, mit rund 50.000 wird pro Spiel gerechnet, davon ein großer Teil ohne Tickets.

Die Organisatoren versprechen den Besuchern eine fanfreundliche EM. An den beiden Hauptspielorten Lissabon und Porto werden so genannte Fanzones eingerichtet, an denen die Fans mit Informationen versorgt werden und die Spiele auf Großleinwänden verfolgt werden können. Diese waren bei der EM 2000 und zwei Jahre zuvor bei der Weltmeisterschaft in Frankreich noch schmerzlich vermisst worden. In Portugal hingegen soll es Leinwände an allen Spielorten geben.

Für die deutschen Fans bietet zudem die Koordinationsstelle Fanprojekte (KOS) in Portugal ein umfassendes Programm. Ein umfunktionierter 50er-Jahre-Feuerwehrbus wird an den Spielorten als mobile Fanbotschaft genutzt. Ab dem Tag vor dem Spiel werden dort elf Mitarbeiter verschiedener Fanprojekte als Ansprechpartner bei Problemen oder Fragen erreichbar sein. Eine mobile Telefon-Nummer des KOS-Teams ist zudem während der EM 24 Stunden am Tag erreichbar. Als besondere Service-Leistung ist ein EM-Fanguide kostenlos erhältlich. Darin finden sich wichtige Informationen zu Portugal und den EM-Spielstätten, ein Ratgeber für eventuell auftretende Probleme und alles über die Arbeit der deutschen Fanprojekte in Portugal.

Um bei den Aktivitäten keine bösen Überraschungen zu erleben, sind Vertreter der Fanprojekte in diesem Jahre bereits mehrmals nach Portugal geflogen, um Details mit Polizei und Behörden zu besprechen. Eingebetet ist die Arbeit der KOS in diesem Jahr erstmalig in eine internationale Kooperation mit den Netzwerken „Football Supporters International“ (FSI) sowie „Football Against Rascism in Europe“ (FARE). Die im FSI zusammengeschlossenen Projekte aus Deutschland, Italien, England, den Niederlanden, der Schweiz, Tschechien und Frankreich betreiben jeweils eigene Fanbotschaften und haben landesspezifische EM-Guides heraus gebracht. „Wir wollen durch unsere Arbeit die Atmosphäre bei der EM positiv beeinflussen“, so KOS-Mitarbeiter Michael Gabriel. Finanziert wird die EM-Betreuung in erster Linie durch die UEFA, die insgesamt 388.000 Euro zur Verfügung stellte, aber auch durch Verbände wie den DFB und kommerzielle Sponsoren.

Neben der internationalen Kooperation arbeiten die deutschen Fanprojektler in Portugal eng mit dem Fanbetreuer-Team des DFB zusammen. Unter der Leitung von Dirk Mansen (Hamburg) und Thomas Weinmann (Mönchen-gladbach) werden elf Fanbeauftragte von Vereinen der 1. und 2. Bundesliga an den Spieltagen als Fan-Coaches aktiv sein. Ihre Hauptaufgabe ist die Betreuung der deutschen Fans in den Stadien.
Darüber hinaus bieten zahlreiche Fanprojekte Gruppenfahrten zur EM an. Dabei stehen neben dem Besuch der Spiele meist auch ein kulturelles Programm oder Treffen in den internationalen Fancamps an. Fußballspiele gegen Fans aus anderen Ländern werden ebenfalls stattfinden. Das Münchener Fanprojekt reist mit einer Gruppe von 50 Personen nach Portugal, Fans des FC Bayern und von 1860, in der Berliner Reisegruppe sind Anhänger von Hertha, Union und dem BFC vertreten. „Wir bleiben 15 Tage in Portugal und werden alle Vorrundenspiel der deutschen Mannschaft sehen“, erklärt Thomas Jelinski vom Berliner Fanprojekt. Neben den Stadionbesuchen sollen dabei vor allem internationale Kontakte geknüpft werden. Der friedliche Umgang im Rahmen von Großveranstaltungen und der Austausch mit anderen Fans ist ebenfalls ein Ziel seiner Arbeit.

Die Vermeidung von Konflikten ist jedoch nicht nur die Arbeit der Fanprojekte, sondern auch die der Polizei. Wie bei allen Großveranstaltungen spielt die Sicherheit ein zentrales Thema in der Vorbereitung auf die EM. Um Ausschreitungen zu verhindern, arbeitet Portugal eng mit Polizeikräften aus anderen Ländern zusammen. Mit rund 20 Beamten wird allein die deutsche Polizei die Arbeit vor Ort unterstützen. „Unsere Hauptaufgabe wird es sein, die portugiesischen Behörden im Umgang mit deutschen Problemfans zu beraten, Problemsituationen zu erkennen und nach Möglichkeit schon im Ansatz zu vermeiden“, erklärt Andreas Mohrbach von der Zentralen Informationsstelle Sporteinsätze (ZIS). Dazu gehören auch die Ausreiseverbote, Meldeauflagen und Gefährdeansprachen, die im Vorfeld des Turniers ausgesprochen werden. Ähnlich sieht es in England aus, dort müssen rund 2.500 auffällig gewordene Fans ihre Pässe abgeben und können somit während der EM nicht ausreisen. Doch trotz dieser Maßnahmen ist die Stimmung deutlich entspannter als beispielsweise bei der Europameisterschaft in Holland und Belgien vor vier Jahren. Die anreisenden Fans sollen dabei als Gäste und nicht als ein Sicherheitsrisiko empfangen werden. Martin Kallen, leitender Geschäftsführer der Euro 2004-Organisation, kündigte bereits an, dass es eine ähnlich starke Polizeipräsenz wie bei der EM 2000 beim Turnier in Portugal nicht geben werde. „Natürlich wird das Thema Sicherheit bei der Euro ganz groß geschrieben, aber weniger ist manchmal mehr“, so Kalden. Einen positiven Eindruck haben auch die Mitarbeiter der Fanprojekte. „Wenn es so weiter geht, werden wir keine Probleme haben“, zeigte sich Kevin Miles, Internationaler Koordinator der englischen „Football Supporters Federation“, mit den Sicherheits-Planungen der Portugiesen zufrieden. Ähnlich sieht es Michael Gabriel von der „Koordinationsstelle Fanprojekte“, der den Organisatoren eine umsichtige Planung attestiert. Mehr Sorgen als mögliche Auseinandersetzungen rund um die Spiele bereitet den EM-Verantwortlichen die Gefahr möglicher Terroranschläge. Nachdem im März Bomben in Nahverkehrzügen von Madrid gezündet wurden, werden nun die Sicherheitsvorkehrungen an Bahnhöfen, Flughäfen und öffentlichen Plätzen verschärft. Zudem wird der Luftraum über Portugal während der EM mit AWACS-Flugzeugen überwacht, die portugiesische Armee sichert den Seeweg ab. Da das Schengener Abkommen für den Zeitraum der Europameisterschaft außer Kraft gesetzt wurde, müssen sich anreisende Fans auf Grenzkontrollen einstellen.

Die EM-Besucher sollen die Sicherheitsvorkehrungen jedoch nur am Rande mitbekommen. Portugal ist ein klassisches Urlaubsland und will sich zur Euro 2004 von seiner besten Seite zeigen. Besonders die Badeorte an der Algarve und die Hauptstadt Lissabon verfügen über eine hervorragende Erfahrung auf diesem Gebiet. Daher werden viele Fans die Möglichkeit nutzen, EM-Besuch und Urlaub miteinander zu vereinen.
Einen besonderen Reiz haben auch die zehn Stadien. Zum Gesamtpreis von rund 612 Millionen Euro entstand eine ansehnliche Stadionlandschaft, zum Teil inklusive Gewerbegebieten und Verkehrsanbindung. Sieben Spielstätten sind Neubauten, drei wurden anlässlich des UEFA-Turniers umgestaltet. Sieben Architekturbüros waren am Werk, gleich drei Mal hatte der Designer Tómas Taveira Gelegenheit, sich auf dem Feld des Stadionbaus zu verwirklichen. Mit den bunten Werken in Lissabon (Alvalade), Leiria und Aveiro drückte er dem Erscheinungsbild der EM in Portugal einen deutlichen Stempel auf. Streitbar ist auch Souto Moura, der in Braga auf Hintertortribünen verzichtete und Felswände stehen ließ. Damon Lavelle vom Welt umspannenden Planer-Netzwerk HOK zeichnet für das teuerste und größte Stadion Portugals, das neue „da Luz“ in Lissabon und das Estádio Algarve in Faro verantwortlich.

Die Stadien machen Lust auf Fußball ebenso wie auf die große Party, die ein internationales Turnier ja auch immer ist. Nach dem Fest werden einige kaum noch im Blickpunkt der Weltöffentlichkeit stehen. Aber Portugal hat in den letzten Jahren viel geleistet und sich dafür selbst Denkmäler gesetzt. (Stadionwelt, 01.06.2004)

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