Fanarbeit in der Schweiz

Faszination Fankurve 25.11.2008 0 Kommentare

Foto: Faszination Fankurve

Thomas Gander arbeitet bei der Fanarbeit Basel. Momentan dreht sich in der Schweiz im Hinblick auf Fans viel um das Thema pyrotechnische Gegenstände. Wie damit umgegangen wird und was sonst noch Thema ist, erzählt Gander in einem Interview mit Stadionwelt.

Stadionwelt: Erzähl uns bitte etwas über Fanarbeit Basel.
Gander: Fanarbeit Basel gibt es seit sechs Jahren. Wir waren das zweite Fanprojekt in der Schweiz. Das von Grashopper Zürich war noch etwas früher. Ich und meine Kollegin machen die Arbeit hauptberuflich. Fanarbeit in der Schweiz verfolgt einen sozioprofessionellen Ansatz. Das heisst, wir erachten den Fan oder eine Fanbewegung nicht als potentiellen Risikofaktor, sondern anerkennen und fördern die kreativen Ressourcen und sein Potential. Ich denke, dass wir in Basel mittlerweile eine Institution sind. In erster Linie richten wir uns nicht mit einer Dienstleistung an den normalen Stadiongänger, sondern an die aktive Fanszene. Dabei rückt aber nicht die pädagogische erzieherische Arbeit ins Zentrum, da die Fanszene in Basel im Bereich der Selbstregulierung und Selbstverantwortung bereits eine hohe Sensibilität und Selbstständigkeit aufweist. Vielmehr geht es uns darum die aktuelle Fankultur zu erhalten und zu stützen.

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Stadionwelt: Früher habt Ihr mal Fanprojekt Basel geheißen. Wieso die Umbenennung?
Gander: Der Name wurde geändert, weil der Begriff Projekt verwirrend ist. Für mich drückt er etwas Endliches aus. Wir wurden oftmals mit Initiativen „von Fans für Fans“ verwechselt. Zudem heißen jetzt sämtliche Anlaufstellen in der Schweiz Fanarbeit. Die Umbenennung hat uns in der Positionierung geholfen.

Stadionwelt: Ist das ganze mit den deutschen Fanprojekten zu vergleichen?
Gander: Viele Dinge sind tatsächlich an das deutsche Konzept angelehnt, jedoch erkenne ich teilweise arbeitsmethodische und inhaltliche Unterschiede.

Stadionwelt: Momentan gibt es in der Schweiz aufgrund einiger Fackelwürfe eine große Debatte über den Umgang mit Pyrotechnik. Ihr habt dazu eine Stellungnahme abgegeben.
Gander: Wir haben eine Stellungnahmen abgegeben, weil die Diskussion in einer Sackgase steckt. Rechtlich handelt es sich beim Abbrennen von pyrotechnischen Gegenständen um ein Offizialdelikt, das dementsprechend bestraft wird. Fans wollen aber auch nicht darauf verzichten. Die öffentliche Darstellung ist so, dass Zünden mit Hooliganismus oder Gewalt gleichgesetzt wird. Der Repressionsapparat konzentriert sich zurzeit fast ausschließlich darauf, weil Gewalt in den Stadion nahezu nicht mehr vorkommt. Wir wollten die Leute dahingehend zum Nachdenken bewegen, dass zwischen dem Einsatz von Pyro als Waffe oder Pyro als optischem Mittel unterschieden wird. Vorfälle wie beispielsweise die Würfe von FCZ-Fans hier in Basel sind da natürlich kontraproduktiv. Das hat aber auch zu szeneinternen Auseinandersetzungen geführt.

Stadionwelt: Wie könnte man in das Thema denn deiner Meinung wieder Bewegung bringen?
Gander: Eine Möglichkeit wäre, dass es in der Fankurve eigene Pyrozonen gibt, die auch den Bedürfnissen der ultraorientierten Fans entsprechen. Diese Transparenz zwischen Fans und Verein respektive Stadionbetreiber würde die Gefährlichkeit der aktuellen Situation, verstecktes Zünden, sicherlich minimieren. Dazu bräuchte es jedoch erstmal eine Gesetzesänderung, die ich mir im jetzigen Stimmungsbild, wie man mit Fußballfans umgehen möchte, kaum vorstellen kann.

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Bild: Markus Stüdeli

Stadionwelt: Wie sieht es allgemein mit der Fanarbeit in der Schweiz aus?
Gander: Momentan gibt es fünf Stellen. Zwei in Zürich für die beiden Clubs, jeweils eine in Luzern, Bern und eben uns. In Sankt Gallen wird eine Neugründung diskutiert. Bisher setzte man in erster Linie auf Repression und nicht auf Prävention. Erst jetzt ist man daran, die Fanarbeit politisch zu verankern.

Stadionwelt: Hat sich im Zuge der Europameisterschaft, also davor und danach, viel geändert?
Gander: Die EM hat meiner Meinung nach aufgezeigt, dass es wichtig ist, eine nicht gesteuerte Kurvenkultur zu haben. Im Vergleich zur Liga war die Stimmung schlecht und der Zugang zum Stadion war nur einem bestimmten Fußballpublikum vorbehalten. Für uns war die Europameisterschaft zwar eine Plattform ansonsten haben wir nun eher mit den negativen Begleiterscheinungen zu kämpfen, da die Sicherheitsdebatte noch mehr forciert und ins Zentrum gerückt wurde. In puncto Nachhaltigkeit werden wir allerdings abwarten müssen, was mit der Fanarbeit geschieht. Die Diskussionen diesbezüglich laufen noch.

Stadionwelt: Ist die Szene in der Schweiz erreichbar?
Gander: Alles in allem schon. Zwar grenzen sich die Ultraszene relativ stark gegen außen ab und sind, teilweise auch zurecht, skeptisch, was politisch oder gesellschaftlich an sie herangetragen wird, hier nehme ich die Fanarbeit nicht aus Ich erkenne jedoch auch ein starkes Bedürfnis der Fanszene ihre Standpunkte, ihre Fanpolitik zu erklären und darüber auch zu „streiten“ – dies ist ein wichtiger Kontaktpunkt für die Fanarbeit.

Stadionwelt: Vor einiger Zeit wurde ein Maßnahmenpaket für einen sicheren Sport vorgestellt. Wie steht Ihr dazu?
Gander: Bei dem Papier geht es allein um Repression, die Präventive und integrative Arbeit wurde zurückgestellt. Für mich ist das ein klassisches Beispiel dafür, wie man an der Fanszene vorbeiarbeiten kann. Das Wesen der Kurven wurde absolut nicht berücksichtigt und, es scheint mir auch nicht verstanden. Der Fan wird bloß als Individuum und als potentieller Gefahrenherd betrachtet. Es ist nicht durchdacht und entstand wohl unter dem politischen Zwang, agieren zu müssen. Viele Zeitungen haben es auch schon als nicht durchsetzbar beschrieben. Zudem sind die Maßnahmen nur darauf aus, die Fans oder eine Fankurve völlig zu kontrollieren – dies wird unweigerlich zu neuen Konfrontationen führen. (Stadionwelt, 25.11.2008)

Mehr Informationen zur Fanarbeit Basel

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