„Die Gruppe hat einen festen Platz in der Szene gefunden“

Faszination Fankurve 07.04.2009 0 Kommentare

Foto: Faszination Fankurve

Der VfB Oldenburg rutschte durch sportliche Misserfolge und Liga-Reformen über die Jahre bis in die fünfte Liga ab. Dennoch verfügt der Club nach wie vor über eine große und aktive Fanszene. Stadionwelt sprach mit der Ultragruppierung Adelante.

Stadionwelt: Der VfB steht nicht mehr ganz so im Fokus der bundesdeutschen Öffentlichkeit. Klärt uns doch bitte auf, wie es um den Verein momentan bestellt ist?
Adelante: Der VfB spielt zur Zeit leider nur in der Oberliga Niedersachsen West, also in der fünften Liga. Zumindest finanziell steht der Verein unseres Wissens auf gesunden Beinen, die Zeiten des finanziellen Missmanagements sind – Gott sei Dank – vorbei. Wenngleich der Preis hierfür auch zu betrachten ist: Die Werbung im Stadion wurde in den letzten Jahren bis zu einem kaum erträglichem Maß intensiviert. In der Saison 2007/2008 konnte endlich der lang ersehnte Aufstieg in die vierte Liga gefeiert werden, nur um anschließend, als Tabellenachter, gleich wieder abzusteigen. Vermutlich gibt es keinen Verein in ganz Deutschland der öfter von Ligenzusammenlegungen negativ betroffen war als der VfB. So fühlt es sich jedenfalls an. In diesem Jahr hat der Verein erneut den Aufstieg in die Regionalliga angepeilt, ob’s klappt bleibt abzuwarten. Hoffen tun wir es natürlich.

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Häufig sieht man beim VfB aufwändige Choreos, die sich nicht vor anderen verstecken brauchen
Alle Bilder: B. Buttelmann

Stadionwelt: Erzähl was über Eure Gruppe und ihre Entstehungsgeschichte?
Adelante: Adelante, auf spanisch: Voran, wurde 2006 gegründet. Die Fanszene in Oldenburg war zu diesem Zeitpunkt mehr oder weniger tot. Das lag unter anderem auch an der grauenvollen sportlichen Entwicklung und Spielern, die es zeitweise geschafft hatten, auch treue Anhänger aus dem Stadion zu treiben. Zu diesem Zeitpunkt haben sich einige, die sich weiter engagieren wollten, in einer neuen Gruppe zusammengeschlossen. Für den Moment war es sicher gut und richtig, auch wenn man letztendlich konstatieren muss, dass der Werdegang der Gruppe nicht durchweg von Erfolg geprägt war. Im Gegenteil: Zum einen ist es sehr schwer in Oldenburg etwas Neues zu etablieren und zum anderen haben wir einfach einige Fehler gemacht, gerade was die Kommunikation nach außen anbelangt. Inzwischen hat die Gruppe einen festen Platz in der Szene gefunden, auch wenn sie durch die Wiederbelebung des Commando Donnerschwee äußerlich etwas in den Hintergrund gerückt ist.

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Stadionwelt: Verfolgt Ihr einen bestimmten Style mit Eurer Gruppe und wo liegen bei Euch die Prioritäten. Seid Ihr mehr auf den optischen Support aus oder ist Euch kreatives Liedgut wichtiger?
Adelante: Da gehen die Meinungen innerhalb der Gruppe sicher auseinander. Wir wollen sicherlich optisch ansprechende Materialien wie Fahnen und Doppelhalter präsentieren und neues Liedgut einführen, aber man muss immer wieder abwägen zu welchem Preis. Optisch konnten wir bisher sehr gute Akzente setzen und brauchen uns sicher nicht vor anderen Fanszenen zu verstecken. Akustisch kommen wir, gerade in Oldenburg bei Heimspielen, mit einem Großteil des Blocks auf keinen grünen Zweig. Das liegt wohl zum Teil an uns, aber auch die Begleitumstände sind nicht optimal: Das geht von unserem Standpunkt im Stadion, über die Akzeptanz von Ultras bis zum baulich schäbigen Marschwegstadion.
Stadionwelt: Was sind die wichtigsten Gruppen in Oldenburg?
Adelante: Kommt auf die Sichtweise an. Für die ultraorientierten Leute ist sicherlich das Commando Donnerschwee die wichtigste Gruppe. Ansonsten ist auf jeden Fall die Oldenburger Faninitiative zu nennen, die ihre Rolle allerdings nicht als Fanclub, sondern als Gemeinschaftsprojekt der Szene hat und unter anderem die Räumlichkeiten des ehemaligen Fanprojekts verwaltet sowie Busse zu den Auswärtsspielen organisiert.

Stadionwelt: Eine Gruppe, die über Jahre in der Szene des VfB zu finden ist, ist das Commando Donnerschwee. Wie ist Euer Verhältnis?
Adelante: Das CD hat sich als eine Art Zusammenschluss zahlreicher Ultras, Aktiver und Sympathisanten konstituiert, somit sind auch wir darin organisiert. Innerhalb des CD spielt Adelante sicherlich eine gute Rolle. Auch wenn es natürlich ab und zu Differenzen gibt, ist das Verhältnis zu den übrigen Mitgliedern ausgezeichnet.

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Häufig sieht man beim VfB aufwändige Choreos, die sich nicht vor anderen verstecken brauchen<br />
<p><strong>Stadionwelt:</strong> Haben die Fans des VfB ein gutes Standing im Verein?<br />
<strong>Adelante:</strong> Grundsätzlich müsste man durch die engen (personellen) Verknüpfungen, die in den letzten Jahren entstanden sind, davon ausgehen. In der letzten Zeit gab es jedoch einige Vorfälle, die uns daran zweifeln ließen. So gab es zum Beispiel zu Saisonbeginn neue, teils absurde Sicherheitsvorschriften, die in einem Zaunfahnenverbot gipfelten. Die Auflagen der Polizei  wurden ohne kritisches Hinterfragen bzw. eine Kontaktaufnahme zu uns abgenickt. Ansonsten hat der Verein aber durchaus ein offenes Ohr für die Anliegen, inwieweit diese dann ernst genommen werden, entzieht sich unserer Kenntnis. Der meiste Kontakt läuft über die OFI (Anm. d. R.: Oldenburger Faninitiative), die gelegentlich auch Treffen mit Vorstandsmitgliedern organisiert.</p>
<p class=Auch in der momentan fünften Liga steht die Oldenburger Fanszene fest zusammen hinter ihrem VfB

Stadionwelt: Der VfB Oldenburg spielt momentan in der fünften Liga. Wie sehr haben die Fans unter den vielen Ligawechsel der Mannschaft gelitten?
Adelante: Es war teilweise sehr bitter. Die meisten Fans waren wohl eher verbittert und enttäuscht, wie der Verein lange Jahre heruntergewirtschaftet wurde. Das verlorene Vertrauen muss jetzt erst einmal Stück für Stück wieder aufgebaut werden. Dabei hat der Verein in den letzten Spieljahren sicherlich einen guten Schritt nach vorn gemacht, was sich auch in der allgemeinen Akzeptanz in der Stadt ausdrückt. Dass sich die Massen mobilisieren lassen, ist bei Spitzenspielen durchaus zu beobachten. Innerhalb der Fanszene haben die schweren Jahre aber auch positive Effekte gehabt, was sich in einem Zusammenrücken der übrig gebliebenen Leute ausdrückte.

Stadionwelt: Durch die Zeiten in höheren Spielklassen seid Ihr auch viel umher gekommen und habt einiges gesehen. Gab es für Euch ein besonderes Highlight, an das Ihr gerne zurück denkt?
Adelante: Das können wir als Gruppe nicht beantworten. Das Zweitliga-Auswärtsspiel in Kaiserslautern, bei dem 2000 Oldenburger an den Betzenberg reisten, gehört sicherlich zu den Höhepunkten. Aber da gibt es für jedes Mitglied unzählige andere Spiele, Erlebnisse und Geschichten, zumal es auch in den unteren Ligen einiges, manchmal kurioses, zu sehen und erleben gibt, was man in höheren Gefilden eher weniger erlebt.

Stadionwelt: Vor kurzem hattet Ihr an einem Tag gleich zwei Derbys. Einmal mit den A-Junioren und einmal mit Eurer ersten Mannschaft. Sind diese Stadtderbys für Euch wirklich die Spiele mit der größten Rivalität oder sind auch Gegner aus vergangenen Tagen wichtiger?
Adelante: Gegen den VfL? Das kann man eigentlich nicht wirklich unter Rivalität einstufen. Es gibt dort keine ernstzunehmende Fangruppe oder sonst irgendwas. Heute wie früher hat die Rivalität mit Meppen Vorrang. Für die älteren Semester sind natürlich Spiele gegen Osnabrück, Braunschweig oder Hannover ebenfalls stets von besonderer Bedeutung. Allerdings gab es sportlich, abgesehen von den Zweitvertretungen, schon sehr lange keine echten Aufeinandertreffen mehr.

Stadionwelt: Das Spiel gegen Meppen macht immer viele Schlagzeilen….
Adelante: …und das soll auch so bleiben.

Stadionwelt: Gibt es andere Gruppen von anderen Vereinen zu denen Ihr Kontakt pflegt? Es stand einmal im Raum, dass es Kontakte zu Holstein Kiel gibt.
Adelante: Es gibt einige gute Kontakte zur Kieler Supside, die sich im Laufe der letzten Saison entwickelten. Nachdem es schon vor dem Hinspiel Mailkontakt gab, folgte vor dem Spiel in Kiel eine Einladung zum Umtrunk, der einige Oldenburger folgten. Es war ein sehr netter Abend und seitdem kam es auch zu einigen gegenseitigen Besuchen. Mal sehen, wie sich das entwickeln wird.

Stadionwelt: Die alte Freundschaft ist aber die mit Göttingen, oder?
Adelante: Ja, allerdings ging diese eher von den Älteren aus, was nicht heißt, dass wir diese Freundschaft nicht mittragen würden. Leider geht es den Göttingern sportlich noch schlechter als uns, was den Zulauf an jungen Leuten beim RSV nicht gerade verstärkt hat.

Bild des Aufstiegs im Jahr 2007 – Leider hielt die Freude nicht lange an. Die Ligareform war gegen den VfB

Stadionwelt: Kürzlich habt Ihr eine CD herausgebracht. Was hat es damit auf sich?
Adelante: Da wir mit unserer Stadt nicht nur den VfB verbinden, sondern auch viele andere kulturelle Dinge, kam uns die Idee diese beiden Elemente miteinander zu verknüpfen. So kam es eher spontan zu einer CD mit Songs von Oldenburger Gruppen. Den Bands konnten wir somit die Möglichkeit geben, eine weitere Zielgruppe zu erreichen und wir konnten Außenstehenden einen Eindruck von unserer Fanszene verschaffen. Die Idee kam super an und letztendlich beteiligten sich 34 Interpreten an unserem musikalischen Projekt. Da wir als Gruppe eine antirassistische Grundeinstellung vertreten, war es uns wichtig, dies auch auf der CD zur Geltung zu bringen. Wir baten die Bands sich zum Thema Rassismus zu äußern und verfassten als Gruppe einen längeren Text dazu. Beides kann man sich auf dem CD-Rom-Bonusmaterial, zu dem auch noch jede Menge Fotos, ein Video und ein Bonustrack gehören, genauestens durchlesen. Somit hat der Sampler, der den Titel „The Sound of Our City -Oldenburger Bands für eine freie Kurve ohne Rassismus und Diskriminierung“ trägt und zum Selbstkostenpreis von vier Euro verkauft wird, einiges zu bieten. Bislang wurde die CD, auch außerhalb unserer Stadtgrenzen, sehr gut aufgenommen und da es nochmal genauso viele Oldenburger Bands gibt, ist auch ein zweiter Teil nicht ausgeschlossen.

Stadionwelt: Seht Ihr antirassistisches Engagement folglich als absolut notwendig an? Wenn ja, wo und wie bringt Ihr Euch ein?
Adelante: In einer Gesellschaft, in der Rassismus stark ausgeprägt ist, sehen wir es als notwendig an, dem etwas entgegen zu setzen. Das heißt für uns als Fußballfans vorrangig, in unserem Block rassistische Gesänge und Pöbeleien zu unterbinden und selbst durch ein tolerantes Auftreten die Szene in eine vernünftige Richtung zu lenken. Zudem gab es in der Vergangenheit einige antirassistische Aktionen, die nochmal deutlich machen sollten, dass Rassisten bei uns und eigentlich überall unerwünscht sind. Zuletzt gab es diesbezüglich eine gemeinsame Spruchbandaktion mit den Fans von Altona 93. Der Sampler leistet zudem einen Beitrag dazu, indem auf dem CD-Rom-Material über rassistische Vorkommnisse beim Fussball informiert wird.

Stadionwelt: In Oldenburg gibt es seit kurzer Zeit eine Jugend-Ultragruppe, was hat es damit auf sich. Geht diese von Euch aus?
Adelante: Youth United ist eine eigenständige Ultragruppe, die ebenfalls im Commando Donnerschwee organisiert ist. Das Verhältnis zu den Jugendlichen ist sehr gut, viele Aktivitäten überschneiden sich ohnehin, so dass wir meist gemeinsam Choreografien vorbereiten und zu den Spielen fahren.

Stadionwelt: Macht es sich bemerkbar, dass Ihr seit einigen Jahren in unteren Ligen spielt? Die Zuschauerzahlen sind teilweise trotzdem sehr hoch, oder?
Adelante: Naja, es ist schon brutal mehrere Jahre hintereinander über Dörfer zu tingeln, die nicht einmal einen vernünftigen Sportplatz haben – und dort auch noch verlieren. Fanszenentechnisch bräuchten wir eigentlich dringend wieder echte Gegner, die uns auch etwas mehr abverlangen. Wie angesprochen wurde, ist der Verein in der städtischen Öffentlichkeit aber im Aufwind. Zu manchen Spielen kommen durchaus bis zu 10.000 Zuschauer. Oldenburg ist fußballtechnisch im Dornröschenschlaf und muss wach geküsst werden. Was möglich ist sieht man in Spielen wie gegen Meppen oder letzte Saison gegen Kiel. Der Zuschauerschnitt variiert aber und ist sehr stark vom Gegner und der sportlichen Situation abhängig. Das geht zu Hause von 1300 – 7000 und auswärts von 200 – 1500 Mitfahrern. Das Potential ist in jedem Fall sehr groß und schreit geradezu danach, irgendwann mal abgerufen zu werden…(Stadionwelt, 07.04.2009)

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Bild des Aufstiegs im Jahr 2007 – Leider hielt die Freude nicht lange an. Die Ligareform war gegen den VfB

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