„Kennzeichnungspflicht für Polizisten, sofort!“

Faszination Fankurve 09.07.2012 0 Kommentare

Foto: Faszination Fankurve

In Fürth wird in der kommenden Saison wieder Erstligafußball gespielt. Im zweiten Teil des Interviews mit den Horidos 1000 geht es um das Engagement der Fürther Fans für die Kennzeichnungspflicht von Polizisten und den Stadionneubau.

Stadionwelt: Stattdessen habt ihr in Fürth eine Demonstration durchgeführt, die unter dem Motto „Kennzeichnungspflicht für Polizisten“ stand. Wieso ist euch dieses Thema besonders wichtig und seid ihr mit dem Verlauf der Demonstration zufrieden?
Horidos 1000: Das Thema liegt uns natürlich auch wegen der Vorfälle rund um das Pokalspiel in München auf dem Herzen. Durch diesen Fall konnten wir viele Menschen erreichen, die mit dieser Thematik ansonsten nicht konfrontiert werden und wohl auch gerne mal abgewunken haben und die Schuld eher bei den Fans sahen. Allein dies stellt somit für uns einen großen Erfolg dar, denn anhand dieses Beispiels wurde doch nicht wenigen bewusst, dass etwas in diesem Staat nicht ganz rund läuft, was wiederum als Anknüpfungspunkt für weitere Aufklärungsarbeit dienen kann. Dennoch mussten wir feststellen, dass die Thematik „Kennzeichnungspflicht für Polizisten“ mehr und mehr aus dem Tagesgeschehen verschwand. Um dagegen anzugehen und die Thematik erneut in den öffentlichen Diskurs zu heben, beschlossen wir eine Demonstration durchzuführen.
Die Demo war der Anfang eines ganzen Wochenendes, welches komplett im Zeichen der Kennzeichnungspflicht für Polizisten stand. Am Freitagabend versammelten sich an der kleinen Freiheit im Fürther Stadtzentrum ca. 200 Menschen um den gemeinsamen Demonstrationszug anzutreten. Hinter der Fahne „Kennzeichnungspflicht für Polizisten, sofort!“ liefen wir unter lauten Sprechchören und Beiträgen aus den eigenen Reihen, sowie eines Vertreters der Rot-Schwarzen-Hilfe und einem Mitglied von Amnesty International, durch die komplette Innenstadt bis hin zur Polizeiinspektion. Zum Ende der Demonstration schlossen sich am Rathaus und in der Gustavstraße („Kneipenmeile“) immer mehr Menschen an, die uns auch bis zur letzten Kundgebung begleiteten. Letztendlich können wir auf einen erfolgreichen Abend mit insgesamt mehr als 300 TeilnehmerInnen, sowie auf positive Rückmeldungen aus der Stadtspitze und dem bayrischen Landtag zurückblicken.
Selbstverständlich können wir uns mit der momentanen Aussicht nicht zufrieden geben. Wir sehen uns hierbei einem strukturellen Problem gegenüber, das nicht bei einer möglichen Einführung der Kennzeichnungspflicht aufhört. Dennoch werden wir wie es so schön heißt, weiterhin am Ball bleiben und notwendige Aufklärungsarbeit leisten.

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Demo der Fürther Fans für die Kennzeichnung von Polizisten.
Bild: spvgg-fuerth.com

Stadionwelt: In Fürth gibt es Pläne für ein neues Stadion. Was halten die Fans davon und seid ihr in die Planungen mit eingebunden?
Horidos 1000: Eine vermeintlich einfache Frage, die nicht ganz einfach zu beantworten ist.
Zum einen gibt es nicht nur Pläne in dem Sinne, dass es Überlegungen gibt, im Grunde steht der Neubau fest. Dies ist nicht Ergebnis einigermaßen transparenter Überlegungen, wurde sondern über Nacht der Öffentlichkeit mitgeteilt. Auch wir wurden somit vor mehr oder weniger vollendete Tatsachen gestellt.
Die Reaktionen darauf sind nun verschieden. Die einen folgen vollkommen der Argumentation des Vereins, dass es sich um einen alternativlosen Sachzwang handelt, andere meinen, dass mit dem für den Neubau vorgesehenen Geld und den nötigen Willen auch ein den aktuellen Ansprüchen genügendes Stadion im Ronhof möglich gewesen wäre, für andere hat der aktuelle Sportpark schon seit langem seinen ursprünglichen Reiz verloren.
Um die Hintergründe zu verstehen und somit auch der nicht ganz unberechtigten Argumentation des Vereins folgen zu können, müssen wir nun etwas weiter ausholen.
Das Gelände, auf welchem der Sportpark Ronhof steht, gehört weder der Stadt, noch dem Verein. 1983 wurde das komplette Gelände an einen Privatinvestor verkauft. Die SpVgg hatte damals Schulden in Höhe von 6 Millionen Mark und konnte sich durch den Verkauf des Stadions samt Grund für immerhin 12 Millionen Mark „sanieren“. Mit dem letzten Saisonspiel 1983, welches 0:3 verloren ging, verabschiedete man sich für lange Zeit aus dem Profifußball und dümpelte fortan in den Niederungen der Bayern- und Landesliga herum. Im Jahr 1997 wurde der Ronhof komplett auseinander gerissen und die neue Nordtribüne, sowie die Gegengerade als Stahlrohrtribüne fanden den Weg ins neue "Playmobilstadion". Für viele ältere Generationen war wie bereits beschrieben schon das der eigentliche „Untergang“ des Sportparks.
Dieser kleine Ausflug in frühere Zeiten, soll die Ausgangslage verständlicher darlegen. Hinzu kommt nun eben, dass der Besitzer des Grundstücks den auslaufenden Pachtvertrag nicht verlängern wird, zu profitabel ist das Grundstück für den Bau von Immobilien. Somit säße die Spielvereinigung ohne Stadion da, denn so wie es hier steht, soll es im Jahr 2029 auch abgerissen werden. Wie ihr seht, handelt es sich hierbei um Kräfte und Akteure, die ganz andere Machtressourcen besitzen als wir. Trocken gesagt, sehen wir uns eben auch hier einer „normalen“ systembedingten Entwicklung gegenüber, der wir in diesem Fall, so weh es auch tut, nicht viel entgegen zu setzen haben. Uns bleibt nicht viel anderes über, das Beste aus der Situation zu machen und unsere Visionen im neuen Stadion zu verwirklichen.

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Zur ersten Vorstellung des neuen Projekts luden Präsident Helmut Hack, sein Vertreter Holger Schwiewagner, sowie unser Fanbeauftragter Nickolas Heckel uns und andere Fanklubs ein, um den Beiträgen der Herren zu lauschen. Für diesen Abend bereiteten wir viele Fragen vor, welche aber nach einem Ausflug in die damalige Zeit und der Nennung einiger Fakten aus der Gegenwart, wieder hinfällig waren und wir uns an diesem Abend bewusst machen mussten, dass es mit dem Ronhof nicht weitergehen wird.
Im weiteren Verlauf der Planungen bildete sich ein Arbeitskreis, welcher aus Mitgliedern der Gruppen Horidos 1000, Stradevia 907 und den Sportfreunden Ronhof e.V. bestand. Die Arbeiten sind mittlerweile so weit fortgeschritten, dass wir nur darauf warten, unsere Forderungen endlich der obersten Vereinsführung zu präsentieren. Hierbei können wir auf gute Zusammenarbeit und konstruktive Gespräche mit Außenstehenden zurückblicken. Somit können wir uns gleich bei den Gruppen bedanken, welche uns ihre Wünsche zum neuen Stadion haben zukommen lassen. Danke!
Mittlerweile rollen schon die ersten Bagger, welche das Gelände langsam ebenerdig erscheinen lassen. Die Zukunft zur Erfüllung unserer Forderungen ist aber nahezu völlig offen.
Ein bisschen Wehmut entsteht allerdings doch, wenn man jeden Morgen am Ronhof vorbeifährt und merkt, dass es eigentlich keine andere Heimat für die Spielvereinigung geben kann. Immerhin bleiben uns noch zwei Jahre.

Stadionwelt: Aber auch eure bisherige Heimat, das Stadion in Fürth-Ronhof, soll für die erste Bundesliga modernisiert werden. Davon wird hauptsächlich die Südtribüne betroffen sein, ergeben sich durch die Modernisierung trotzdem Veränderungen für euch?
Horidos 1000: Für uns ergeben sich hierbei erst mal keine Änderungen. Der Ronhof bekommt eine neue Südtribüne, wodurch die Gäste in Zukunft wie wir unter einem Dach stehen/sitzen werden. Neben der Überdachung der Südtribüne, wird es auch einen neuen Stehplatzblock in der Ecke zwischen Haupt- und Südtribüne geben. Dieser Stehplatzblock, welcher auch nur Heimfans begehbar gemacht werden soll, wird nach der verdienten Persönlichkeit und Ehrenpräsidenten Edgar Burkart benannt, welcher im letzten Jahr nach andauernder Krankheit kurz nach dem 3:1 Sieg gegen Energie Cottbus verstorben ist.

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Demo der Fürther Fans für die Kennzeichnung von Polizisten.<br />
<p class=Mit der Buchstabenformatierung “ACAB” protestieren die Fürther Fans gegen den Polizeieinsatz.
Bild: www.seit1894.de

Stadionwelt: In der letzten Saison sorgte eure Auswärtsfahrt nach Karlsruhe für viel Gesprächsstoff. Was ist dort passiert?
Horidos 1000: Karlsruhe wird hoffentlich in Baden-Württemberg zukünftig bei Einsatztaktikschulungen der Polizei in der Kategorie „So nicht“ gezeigt. Während wir während der Fahrt mit der Bundespolizei bestens auskamen, wurden wir in Karlsruhe von der Landespolizei erwartet. Diese hatte den Plan, alle ZugfahrerInnen mit Bussen zum Stadion zubringen. Wenn nun aber über 200 Leute sehen, dass nur zwei Busse zur Verfügung stehen, die jeweils nur die Anzahl an Personen transportieren sollen, die sich auch setzen können und somit die Hälfte der Reisegruppe außen vor bleiben soll, entstehen Probleme. Die Polizei bestand ebenfalls darauf, die Personen nur einzeln durch die vordere Türe die Busse betreten zu lassen, weshalb etwas gedrückt wurde, um die beiden Busse füllen zu können. Dieses Massenphänomen wurde den in der ersten Reihe Stehenden zum Verhängnis, da die BeamtInnen an der Bustüre nun ohne Warnung zu Pfefferspray und Schlagstock griffen, da ihrer Ansicht nach einem Linienbus nicht mehr als 30 Fürther Anabolikaschränke zugemutet werden können. Es kam zu mehreren Verletzten und einer Festnahme, wobei eine Person temporär ihr Augenlicht verlor und ins Krankenhaus eingeliefert werden musste. Ein beobachtender Bundespolizist nannte den Polizeieinsatz übrigens „rechtswidrig“. Nachdem wir trotz eigener Emotionen die Leute einigermaßen beruhigen konnten, hatte die Polizei nun mehrere Busse bereit gestellt, in denen es Richtung Stadion ging, wo direkt weitere Personen verhaftet bzw. in Gewahrsam genommen wurden.
Vor Betreten der Ränge war uns klar, unter diesen Umständen nicht fröhlich singen zu können und einigten uns deshalb darauf, keinen organisierten Support zu koordinieren. (Stadionwelt, 09.07.2012)

Hier geht es zum ersten Teil des Interviews.

Demo der Fürther Fans für die Kennzeichnung von Polizisten.<br />Bild: spvgg-fuerth.com”><figcaption>Demo der Fürther Fans für die Kennzeichnung von Polizisten.<br />Bild: spvgg-fuerth.com</figcaption></figure>
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Mit der Buchstabenformatierung “ACAB” protestieren die Fürther Fans gegen den Polizeieinsatz.
Bild: www.seit1894.de

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