Nur einen Tag nach dem Derby in Florianópolis (Stadionwelt berichtete) stand im brasilianischen Bundesstaat Santa Catarina das zweite große Derby auf dem Programm. Der Esporte Clube aus der von Deutschen gegründeten Stadt Joinville empfing den Criciúma Esporte Clube.
Somit fanden am vergangenen Wochenende die beiden wichtigsten Fußballspiele des Bundesstaates Santa Catarina statt. Santa Catarina, eigentlich einer der sichersten und wohlhabendsten Bundesstaaten in Brasilien, wird gerade von einer Welle der Gewalt heimgesucht. Nachdem Häftlinge in einem Gefängnis von Joinville von Wärtern misshandelt worden sein sollen kommt es in Santa Catarina immer wieder zu Angriffen auf Busse und Lastwagen, die niedergebrannt werden. Daraus resultiert momentan unter anderem die Einstellung des Nahverkehrs, sobald die Dunkelheit einbricht. Die Befehle zu den Busüberfällen sollen von den Misshandlungsopfern stammen.
Im Vergleich zu den Problemen der Militär-Polizei mit dem organisierten Verbrechen in Santa Catarina, scheint die Überwachung eines Clasicos für die Polizei ein Kinderspiel zu sein. Da zu dem Clasico Joinville gegen Criciúma nur knapp über 100 Gäste anreisten, stellte das Spiel die Polizei vor keine größeren Herausforderungen. Insgesamt kamen 9.567 in die 2004 fertiggestellte Arena Joinville, um das Derby zu sehen. Obwohl Joinville und Criciúma knapp 200 Kilometer auseinanderliegen, sprechen die Fans beider Mannschaften von ihrem Clasico, wenn die Teams aufeinandertreffen.
Konfettiaktion der Joinville-FansBild: Stadionwelt
Die Torcida Organizada Uniao Tricolor organisierte keinen Marsch zum Stadion, sondern zog es vor mit circa 200 Leuten über die Hauptverkehrsstraße bis hinter die eigene Kurve zu joggen. Im Stadion verteilten sich die Joinville Fans auf alle vier Tribünen. Neben der Hauptkurve der Torcida positionierte sich eine weitere Sambatruppe neben dem Gästeblock.
Die Kurve der Torcida Organizada Uniao Tricolor zeigte vor Anpfiff eine Choreografie, die mit schwarzen, roten und weißen Luftballons den Schriftzug „JEC“ zeigen sollte, also die Abkürzung für Joinville Esporte Clube, was jedoch nur mit viel Fantasie zu erkennen war. Anschließend zog die größte Torcida des Bundeslandes noch ein Blockfahne hoch. Auf den übrigen Tribünen wurden Klopapierrollen und Konfetti geschmissen.
Die Torcida Organizada Uniao Tricolor wurde im Jahr 2001 gegründet und ging aus verschiedenen Torcidas hervor. Die Wurzeln der alten Torcidas, die aus den verschiedenen Regionen des Umlandes kamen, werden durch Zaunfahnen mit der Aufschrift Nord, Süd, Ost und West im Stil der Hauptzaunfahne der neuen Torcida erhalten.
Auch im Gästeblock sorgte das Derby für AnspannungBild: Stadionwelt
Beim Derby legte die Torcida Organizada Uniao Tricolor sehr stark los. Beim Einklatschen und Einhacken, der Welle und weiterem organisiertem Support beteiligten sich der ganze Block. Das Level konnte jedoch nicht lange gehalten werden, da das 1-0 für Criciúma bereits in der ersten Minute fiel. Erst in der 39. Spielminute konnte Marcelo Costa ausgleichen, bevor Lins vier Minuten später die Gäste wieder in Führung brachte. Aber auch von dem erneuten Rückstand ließen sich die Mannschaft und die Fans aus Joinville nicht unterkriegen. Noch vor der Halbzeit erzielte Sandro nach Vorarbeit von Don Clappo den Ausgleich.
Nach dem 2-2 zur Halbzeit benötigten Fans und Mannschaften eine Pause. Nach der Unterbrechung ging es schwungvoll weiter. In der 69. Minute brachte Elson die Gäste zum dritten Mal in Führung, bevor Kim nur drei Minuten später ausglich. Bei diesem Spiel blieb niemand sitzen. Die Torcida konnte immer wieder das ganze Stadion mitreißen. Das Highlight folgte dann, als Arthur Maia in der 89. Spielminute das 4-3 für Joinville schoss. Das Team von Joinville hatte letztlich auch mit der Unterstützung der Fans drei Mal einen Rückstand aufgeholt und das Spiel noch gedreht. Bei einem Derby mit solch einem Spielverlauf lassen sich wirkliche Emotionen beobachten. So ist es auch zu erklären, dass Criciúma nach Toren durch die Polizeiabsperrung Richtung Heimfans durchbrachen und die Joinville-Fans neben dem Gästeblock bei Toren für das eigene Team die zwei Zäune umkletterten, die sie von den Criciúma-Fans trennten.
Luftballonaktion der Joinville-FansBild: Stadionwelt
Zum Abschluss verabschiedeten sich die Heimfans auf der Gegengerade von den Gästefans mit einem Spruchband auf dem die beiden deutschen Worte „Auf Wiedersehen“ geschrieben standen. In Joinville leben heute knapp 500.000 Menschen, wovon der überwiegende Teil deutscher Abstammung ist. Die Stadt wurde 1851 von Deutschen gegründet und zunächst ausschließlich von Deutschen bevölkert. Die deutschen Kolonisation prägt die Stadt bis heute deutlich. Diese Einfluss macht auch vor dem örtlichen Fußballverein und deren Fanszene nicht halt. Beim Clasico zwischen Joinville und Criciúma herrscht trotzdem eine andere Stimmung, als man sie aus deutschen Stadien gewohnt ist. (Stadionwelt, 22.02.2013)
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