"Weder Bildbeweise noch Zeugenaussagen"

Faszination Fankurve 08.03.2013 0 Kommentare

Foto: Faszination Fankurve

In einem Interview stand Kai Tippmann, Kenner der italienischen Fanszenen, Rede und Antwort zum Fall des Catania-Fans Antonio Speziale und über die Idee einen Kalender zu erstellen, um der Familie bei den Prozesskosten zu helfen.

Stadionwelt: Kannst Du uns kurz den Fall des Catania-Fans Antonio Speziale näher bringen?
Kai Tippmann: Beim sizilianischen Derby Catania-Palermo kam es am 2. Februar 2007, um 18.30 Uhr, zu heftigen Ausschreitungen beim Eintreffen der Gästefans ca. zehn Minuten nach Anpfiff. Es kam zum Werfen von Bengalos und Rauchtöpfen außerhalb des Stadions, die die anwesende Polizei mit dem Einsatz von Tränengasgranaten zu verhindern suchte. In die Curva Nord des Stadions geschossenes Tränengas sorgte für eine Massenpanik, bei der mehrere hundert Personen versuchten, das Stadion zu verlassen. Das Spiel wurde für 40 Minuten unterbrochen. Um 20:34 Uhr fühlt sich der im Umfeld des Stadions eingesetzte Polizist Filippo Raciti schlecht und bricht zusammen. Er wird in die Notaufnahme des Ospedale Garibaldi gebracht, wo die eingeleiteten Widerbelebungsmaßnahmen leider nicht fruchten und Filippo Raciti um 22:10 Uhr verstirbt. Als Todesursache wird der Riss einer Lebervene benannt, hervorgerufen durch einen stumpfen Aufprall oder Schlag. Der Fall des bei Ausschreitungen ums Leben gekommenen Polizisten sorgt für ein internationales Medienecho und es wird schon wenige Tage nach den Vorkommnissen Anklage gegen den seinerzeit 17-jährigen Catania-Ultrà Antonio Speziale erhoben, der dann auch im Jahr 2012 in letzter Instanz zu einer 8-jährigen Freiheitsstrafe verurteilt wird. Filmaufnahmen zeigen, wie er den blechernen Waschdeckenunterbau wirft, der laut Anklage den Tod des Inspektor Raciti verursacht haben soll. Der Fall sorgt zu einem ganzen Paket an repressiven Maßnahmen gegen Stadionfans wie z.B. dem verbot von Pyrotechnik, Megafonen, Trommeln, der Anmeldepflicht für Banner und Spruchbändern sowie die Einführung der Fankarte "Tessera del Tifoso" für den Besuch des Gästeblocks und den Kauf einer Saison-Dauerkarte. Zielrichtung ist laut Polizeichef Manganelli, "die Ultrà-Logik" zu brechen.

Stadionwelt: Warum bestehen Zweifel an der Unschuld des jungen Catania-Ultra?
Kai Tippmann: Bereits im Jahr 2007 veröffentlichte "L'Espresso", Magazin der überregionalen Tageszeitung "Repubblica", eine äußerst kritische Bewertung der Faktenlage. Es gibt zwar Bildmaterial, wie Antonio Speziale das Blechteil geworfen hat, aber keinerlei Foto- oder Videomaterial davon, wo es aufgeschlagen sei. Der Zeitpunkt des Wurfs wird mit "zwischen 19.04 und 19.09 Uhr" angegeben, Raciti hat seinen Dienst nach seiner letztendlich tödlichen Verletzung also noch für anderthalb Stunden ohne Klagen fortgesetzt. Speziale selbst gibt den Wurf zu, hat aber immer darauf bestanden, niemanden getroffen zu haben. Keiner von Racitis Kollegen, die ihm als Gruppenführer während der gesamten Zeit keine Sekunde von der Seite gewichen sind, hatte etwas von einer möglichen Verletzung Racitis durch einen Treffer mit dem Waschbeckenunterbau bemerkt. Es gibt also weder Bildbeweise noch Zeugenaussagen noch ein Geständnis, welche die Hypothese der Anklage decken würden. Ein Gutachten des wichtigsten wissenschaftlichen Dienstes der Polizei, der RIS Parma, das ich einsehen konnte, schließt hingegen in einem äußerst ausgedehnten Analyseverfahren eindeutig aus, dass Inspektor Raciti durch den Wurf des Bleches ums Leben gekommen sein könnte. Ich hielt das Teil in den Händen und kann mich dem durch bloße Inaugenscheinnahme auch nur anschließen: so ein vielleicht zwei Kilogramm schweres Blech segelt bestenfalls zu Boden, ist aber kaum geeignet, durch die schwere Uniformierung hindurch zu inneren Verletzungen zu führen. Es gibt zudem die Aussage von Salvatore Lazzari, Fahrer von Racitis Defender-Jeep, der bei der Befragung durch die Polizei sogar zwei Mal zu Protokoll gab, dass er gegen 20:30 Uhr beim Zurücksetzen einen dumpfen Aufprall bemerkte, sich umdrehte und sah, wie Filippo Raciti am Boden zusammengebrochen ist. Die Spurensicherung fand blaue Farbspuren an Stiefeln und Uniform des Polizisten, die eindeutig seinem Jeep zugeordnet werden konnten. Da beide Außenspiegel zerstört waren, wäre ein solcher Unfall beim Rückwärtsfahren sogar erklärbar. Leider zog Lazzari diese Aussage im Prozess, mehrere Monate später, wieder zurück und gab nunmehr an, sich zehn Meter vom Ort des Geschehens entfernt befunden zu haben. Daraufhin zeigte Antonios Mutter ihn nunmehr im Februar 2013 wegen Falschaussage an. Ich habe mir die Prozessakten angesehen und lange mit Antonio Speziale und seinem Anwalt Giuseppe Lipera gesprochen. Ich habe, wie im übrigen viele andere Menschen auch, erhebliche Zweifel an der Täterschaft des jungen Fußballfans und teile die Auffassung der Verteidigung, dass der Tod Filippo Racitis ein tragischer Unglücksfall war und die Verurteilung Speziales eher dem medialen Druck geschuldet war. Ein in Italien leider durchaus häufiger Vorgang.

Stadionwelt: Wie kam es zu der Idee einen Kalender für Antonio Speziale zu erstellen und wie waren die Reaktionen darauf?
Kai Tippmann: Die Idee ist auf der Facebook-Seite meines Blogs altravita.com entstanden. Ich hatte die Idee lanciert, mir Bilder von Solidaritäts-Spruchbannern zuzusenden, die deutsche Kurven gestaltet haben oder gestalten wollten. In Italien werden seither fast jeden Spieltag Fans mit Stadionverboten belegt, die von ihrem Recht auf freie Meinungsäußerung Gebrauch machen und auf Bettücher schreiben "Speziale è innocente", "Speziale ist unschuldig". Unabhängig von der Bewertung der Schuldfrage, sollte es meiner Meinung nach angesichts der erheblichen Ungereimtheiten im Prozess zumindest erlaubt sein, Speziale für unschuldig zu halten. In Italien wird dies bestraft, in Deutschland glücklicherweise noch nicht. Irgendwann ist dann die idee geboren worden, der Familie Speziale bei den Prozesskosten zu helfen und weil wir ca. 15 Bilder gesammelt hatten und der Jahreswechsel anstand, war die Kalender-Idee geboren. Die Jungs von Blickfang Ultrà haben mich bei der Realisierung und Logistik dieses Projekts unterstützt, so dass wir von jedem verkauften Kalender nach Abzug der Druckkosten 2 Euro als kleine Prozesskostenbeihilfe an die Familie des Jungen spenden können. Sein Anwalt, Giuseppe Lipera, arbeitet derweil an einer Anfechtung des Prozesses. (Stadionwelt, 02.03.2013)

Weitere Informationen zum Kalender sind hier zu finden.

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