„Ultras kommen um eine Selbstreflexion nicht herum“

Faszination Fankurve 15.09.2013 0 Kommentare

Foto: Faszination Fankurve

Im zweiten Teil des Interviews mit der Ultàgruppe Caillera sprach Faszination Fankurve mit den Bremer Ultras über Probleme in der Bremer Fanszene, Politik im Stadion und die Chancen von Ultras die Gesellschaft zu verändern.
 
Faszination Fankurve: In der Bremer Ostkurve sind inzwischen zahlreiche kleinere Ultràgruppen und Fanclubs beheimatet. Wie ist das Verhältnis untereinander?
Caillera: Einige Gruppen spielen in der Szene eine größere Rolle, andere eine kleine. Das Verhältnis ist dementsprechend chaotisch und stetig wechselnd.
Wie im bundesweiten Trend haben auch bei Werder Neonazis versucht, aktive Fans anzusprechen. Das kann sich natürlich zu einem Problem entwickeln, aber quasi alle größeren Gruppen haben sich dazu klar positioniert.
 
Faszination Fankurve: Welche Vorteile und Nachteile seht Ihr durch die Existenz mehrerer Gruppen im Vergleich zu Fanszenen mit einer klaren Hierarchie?
Caillera: Die Struktur, die sich in Bremen in den letzten acht Jahren herausgebildet hat, gibt den einzelnen Gruppen definitiv gewisse Freiräume und ermöglicht die Herausbildung und Verwirklichung von unterschiedlichen Zielen. Eine Großgruppe wäre in Werders Fanszene momentan unter keinen Umständen möglich. Dementsprechend gibt es auch kein Auftreten als geschlossene Szene, wie es bei anderen Vereinen üblich ist.
Die Vorteile klarer Hierarchien in Fanszenen erschließen sich uns nicht wirklich, deshalb haben wir uns dagegen entschieden. Sollten keine Wunder geschehen, wird es eine große, vereinte Gruppe, mit strikten Hierarchien, in Bremen auch auf absehbare Zeit nicht wieder geben.
Als Vorteil ist die größere Entfaltungsmöglichkeit zu sehen. Jede Gruppe kann die eigenen Vorlieben ins Fenster stellen und entwickeln. Zudem ist mehr Platz für mehr Leute, weil die gleichen Aufgaben immer wieder anfallen.
Ein Nebeneffekt dieser Entwicklung ist übrigens, dass Werders vermeintlich kleine Fanszene stark wachsen konnte. Im Normalfall sind um die sechs Ultràbusse auf dem Weg zu Auswärtsspielen.
 

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Caillera entfaltet sich im eigenen Bereich
Bild: caillera.net

Faszination Fankurve: In der letzten Saison sorgte eine Fahne mit der Aufschrift Triebtäter, die die Fans des Hamburger SV verschmähen sollte, für Aufregung. Ist es inzwischen zu einer Einigung mit den Fahnenbesitzern gekommen?
Caillera: Zu einer offiziellen Einigung ist es nicht gekommen, dafür sind die Fronten momentan wohl zu verhärtet. Zum Nachlesen einiger Hintergründe empfehlen wir noch einmal die Stellungnahme der Infamous Youth.
Dazu sei noch gesagt: In einer Kurve, die bereits in der Vergangenheit erfolgreich rechtes Gedankengut zurückgedrängt hat und sich darüber hinaus mit Themen wie Antidiskriminierung befasst, gibt es logischerweise keinen Platz für sexistischen Humbug wie die besagte Fahne.
 

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Caillera versteht sich als politische Ultràgruppe
Bild: caillera.net

Faszination Fankurve: Inwieweit spielen politische Themen für Euch eine Rolle beim Fußball, wofür setzt Ihr Euch im Stadion ein?
Caillera: Wie bereits erwähnt, sind wir eine Ultràgruppe, die sich als politisch versteht. Politik bedeutet für uns vor allem Fanpolitik im weitesten Sinne. Dazu kommt das Aufgreifen von gesellschaftlichen Themen, die wir für wichtig erachten. In der abgelaufenen Saison haben wir uns im Rahmen von Veranstaltungen unter anderem mit Themen wie der Neonazi-Szene in Bremen, Rechtsrock oder der Situation der Aachen Ultras auseinandergesetzt. Außerdem melden wir uns des Öfteren per Spruchband zu Wort. Einige der Spruchbänder landen, zusammen mit einer Erklärung, in regelmäßigen Abständen auf http://caillera.net sowie in unserem Spieltagsflyer.
Als aktuelles Beispiel ist der Fall Laye Condé zu nennen, ein inzwischen erwiesenermaßen zu Unrecht des Drogenhandels verdächtigter Mensch, der 2005 auf einer Polizeiwache an den Folgen eines Brechmitteleinsatzes gestorben ist. Nach zwei Freisprüchen für die beteiligten Polizisten wird der Prozess momentan zum dritten Mal verhandelt. Wir beteiligen uns daran, das Thema im Stadtgespräch zu halten und eine Verurteilung der Täter zu erkämpfen.
 

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Laye Condé starb auf einer Polizeiwache an den Folgen eines Brechmitteleinsatzes
Bild: caillera.net

Faszination Fankurve: Das erste Jahr Eurer Gruppe ist passe. Wie blickt Ihr auf die Zeit zurück und welche Ziele habt Ihr Euch für die kommenden Jahre gesetzt?
Caillera: Mit der ersten Saison als Caillera können wir insgesamt recht zufrieden sein. Wir haben seit der Gründung die Mitgliederzahl erhöhen können und ein junges Umfeld um uns herum aufgebaut, ohne dass wichtige inhaltliche Ansprüche auf der Strecke geblieben sind. Außerdem haben wir unseren eigenen Bereich im Block 134 des Weserstadions etabliert, in dem wir unsere Vorstellungen von Ultrà momentan wohl am besten ausleben können.
Für die Zukunft haben wir uns keine Checkliste zum Abhaken gemacht, aber natürlich liegt es in unserem Interesse, den eingeschlagenen Weg weiter zu gehen, weiter zu wachsen und möglichst vielen Menschen unsere Werte zu vermitteln.
 
Faszination Fankurve: Im März erschien mit Les Pensées de la Caillera das erste Fanzine Eurer Gruppe. Wie war das Feedback zu dem durchaus kritischen Heft und wann wird es eine zweite Ausgabe geben?
Caillera: Uns ist es immer noch wichtig, ein gedrucktes Erzeugnis zu erstellen. Im Halbjahresrückblick können viele Ereignisse erst tiefer eingeordnet werden. Über längere und hintergründige Texte wollen wir die Leser*innen auch zum Weiterdenken animieren.
Wir richten uns an politisch sensible Fans, aber natürlich auch an alle anderen, die an unserer Gruppe interessiert sind. Neben den längeren inhaltlichen Texten finden, wie gehabt, auch Spielberichte, interessante Infos und Gedanken Platz im Heft.
Die Resonanz auf die erste Ausgabe fiel recht positiv aus, die zweite Ausgabe ist in Arbeit und wird demnächst das Licht der Welt erblicken.

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Bald erscheint die zweite Ausgabe des Fanzines der Gruppe
Bild: caillera.net

Faszination Fankurve: Wie blickt Ihr mit Berücksichtigung des Sicherheitspapiers in die Zukunft der deutschen Ultraszene und wie würdet Ihr die 12:12-Proteste im Nachhinein betrachten?
Caillera: Das Sicherheitspapier wurde auch von uns abgelehnt, jedoch wollen wir uns nicht mit dem Gros der deutschen Ultràgruppen verbünden, die dies ebenfalls getan haben. An 12:12 haben wir uns nicht beteiligt, da wir keinen Wert auf Kooperation mit Gruppen legen, deren Vorstellung von Fankultur eine grundsätzlich andere als die unsrige ist. Als Beispiel sind hier rechtsoffene Gruppen zu nennen (siehe auch die obige Frage zu Bündnisarbeit).
Wenn sich nun mit der deutschen Ultràszene beschäftigt wird, sollte zuerst festgehalten werden, dass die deutsche Ultràszene sehr schwer in Eins zu fassen ist. Mittlerweile gibt es himmelweite Unterschiede zwischen einzelnen Szenen bzw. Gruppen und komplett konträre Ansichten und Herangehensweisen zu bestimmten Themen, was eine Verallgemeinerung unserer Ansicht nach unmöglich macht.
Das Problem bei vielen Ultràgruppen ist, dass sie sich ihrer sozialen Verantwortung nicht bewusst sind und dieser auch nicht gerecht werden. Bevor Ultras gesellschaftliche Veränderungen im positiven Sinne anstoßen können, kommen sie um eine Selbstreflexion nicht herum: Warum bestehen eigentlich alle Ultràgruppen so gut wie nur aus jungen, weißen Männern? Warum werden in vielen Kurven immer noch Menschen, die nicht in dieses Schema passen, diskriminiert? Ist dies vielleicht der Grund dafür, warum es mancherorts Nazis so einfach haben, in Fanszenen an Boden zu gewinnen und diese als Rekrutierungsfeld zu nutzen? Kann erwartet werden, jemals in der Öffentlichkeit ernst genommen zu werden, solange autoritäre Verhaltensmuster, wie ritualisierte Gewalt, irrationaler Hass oder das Recht des*der Stärkeren, an den Tag gelegt werden?
Sicherlich ist die Ultràszene in Deutschland in vielen Punkten weiter als vor 20 Jahren, als die dumpfe Mentalität der Hooligans vorherrschte, jedoch sind viele Fankurven immer noch ein Ort der Unfreiheit und Diskriminierung.
Es gilt, sich all diesen Problemen zu stellen, wenn Ultrà in der Gesamtheit jemals zu einer aufgeklärten Bewegung reifen soll, die eine akzeptierte gesellschaftliche Stellung innehat. (Faszination Fankurve, 31.08.2013)

Hier geht es zum ersten Teil des Interviews, indem Faszination Fankurve mit den Caillera über die Neugründung unter ähnlichem Namen, über Thomas Schaaf, über die Mentalität der Gruppe und über die Bündnispolitik sprach.

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Laye Condé starb auf einer Polizeiwache an den Folgen eines Brechmitteleinsatzes
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Caillera versteht sich als politische Ultràgruppe
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Caillera entfaltet sich im eigenen Bereich
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Bald erscheint die zweite Ausgabe des Fanzines der Gruppe
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