Faszination Fankurve sprach mit Karsten König, dem Leiter vom Fanprojekt Braunschweig über die vergangene Erstligasaison, politische Konflikte in der Braunschweiger Fanszene und über Stellungskämpfe zwischen Ultras, Alt- und Jung-Hooligans.
„Oftmals überschätzen sich Ultras auch einfach“
Foto: Faszination Fankurve
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Faszination Fankurve: Oftmals wird von Außenstehenden wahrgenommen, dass der Kontakt zwischen Verein und der Fanszene immer problematischer wird bzw. zum Teil nicht mehr existent ist. Wie sehen Sie als Vermittler das allgemein und vor allem im Hinblick auf Ihren Verein?
Karsten König: Natürlich kann man das nur für den eigenen Standort fundiert beantworten. In Hinblick auf unseren Verein war es seit Start des Fanprojekts unser vorrangigstes Ziel diesen Kontakt zu fördern. Durch die Gründung eines Fanparlaments und Fanrats die vom Fanprojekt initiiert wurden und begleitet werden, ist der Kontakt sehr eng und gut. Natürlich gibt es auch hier unterschiedliche Ansichten und Konflikte, aber alle Beteiligten sitzen regelmäßig zusammen und akzeptieren sich grundsätzlich. Wichtig ist diesbezüglich dem Dialog eine Struktur und Nachhaltigkeit zu geben. Auch das Fanprojekt selbst musste sich die Anerkennung beim Bezugsverein erst erarbeiten, dies ist hier gelungen.
Faszination Fankurve: Letztes Jahr haben die Clubs der 1 bis 3. Liga Strafen in Höhe von ca. 1,7 Millionen Euro nach Fanaktionen zahlen müssen. Die Vereine reagieren unterschiedlich, immer mehr versuchen die Strafe auf die Verursacher zu übertragen. Wie stehen Sie als Fanprojekt zur Übertragung solcher Strafen und wie wirken diese auf betroffene Fans und deren Umfeld?
König: Grundsätzlich und rein juristisch gesehen ist dies zumindest ein eher zu verstehendes Verfahren. In Fanszenen wird ja gerade die Bestrafung des Vereins als ungerecht gesehen, vor allem weil sie einen Keil durch die Szene treibt. Es bleibt aber abzuwarten ob dies vor ordentlichen Gerichten überhaupt haltbar sein wird. Bei uns hat es einen solchen Fall konkret noch nicht gegeben, ich bin vorsichtig in der Beurteilung der Effekte. Immerhin steht zu befürchten, dass man damit Probleme verlagert und nicht löst.
Faszination Fankurve: Immer wieder beklagen Fanprojekte eine Unterfinanzierung. Sind Sie mir den Mitteln, die Ihnen im Moment zur Verfügung stehen zufrieden? Was würden Sie konkret mit weiteren Mitteln umsetzen?
König: Nein, völlig unzufrieden!
- Wir würden noch mehr Szenekontakt herstellen, das heißt konkret vom Hool bis zum Ultra in ihren Kneipen, ihrer Freizeit, Kontakte pflegen und viele Gespräche, Vertrauen aufbauen und belastbar gestalten, eine reine Zeitfrage! Ein sehr zeitaufwendiges Vorhaben für das es kontinuierliche anwesende MitarbeiterInnen braucht.
- Mehr Projekte und interessante Angebote in den Bereichen Bildung, Kultur, Freizeit.
- Noch intensivere Netzwerk- und Öffentlichkeitsarbeit.
Das sind die drei wichtigsten Punkte, vor dem Hintergrund der größten deutschen Jugend- und Erwachsenen Subkultur.
Faszination Fankurve: Die Mehrheit der Strafen hat mit dem Einsatz von Pyrotechnik zu tun. Seit Jahren ist der Einsatz von Pyro das zentrale Thema, ohne dass sich etwas bewegt. Lässt sich überhaupt eine Lösung finden?
König: Strukturierter, kontinuierlicher Dialog auf Augenhöhe mit allen Beteiligten oder Vertretern. Dann noch so ein schickes Wort wie Ergebnisoffen, also nicht mit Bedingungen da rein gehen. Das muss man aber erstmal organisieren, die Bereitschaft dazu, es wachsen lassen und verankern. Vor allem zunächst auf örtlicher Ebene und dann mit den Ergebnissen mit Vertretern in eine parlamentarische Form gehen. Am Ende Beschlussfassung. Vielleicht sehr idealistisch/utopisch, aber ich sehe keine andere Möglichkeit.
Faszination Fankurve: Was waren die relevanten Fanthemen in Ihrem Verein/Fanszene in der vergangenen Saison?
König: Das Derby, das Derby, das Derby….Support, Support, Support und auch in der aktiven Szene der Umgang mit den Vorfällen bei der Aufstiegsfeier, als Fans Polizisten ziemlich heftig verprügelt hatten. Hier liefen die Prozesse über das Jahr verteilt.
Das Derby war das Hauptthema der vergangenen Saison.
Bild: www.braunschweig1895.de
Faszination Fankurve: Die Ultràgruppen in Deutschland sind längst aus den Kinderschuhen gewachsen. Teilweise verfügen die Gruppen über eigene Räumlichkeiten, greifen teilweise immer weniger auf Angebote der Fanprojekte zurück. Wie steht es zu Ihrem Kontakt zu den Ultras im Moment und inwiefern haben Sie als Fanprojekt noch Einfluss auf die Ultras bei Ihrem Verein?
König: Grundsätzlich haben wir einen guten Kontakt. Der Einfluss endet natürlich da wo sich Ultras gegenüber Alt Hools, Nachwuchshools und anderen profilieren müssen und ihre (Vormacht)Stellung halten wollen. Natürlich haben sie auch gerne die Eigenschaft, dass sie, wenn man ihnen nicht gibt was sie gerade wollen, gerne drohen oder trotzig werden…“Ihr braucht uns, wir brauchen Euch nicht“. Oftmals überschätzen sie sich auch einfach.
Faszination Fankurve: In zahlreichen Fanszenen gab es in den vergangenen Jahren Übergriffe rechtsgerichteter Fans auf linksgerichtete Fans innerhalb der gleichen Fanszene. Gab es solche Vorfälle bei Ihnen auch und wie haben Sie interveniert oder versuchen Sie schon vorab präventiv aktiv zu werden?
König: Zunächst gab es bei uns Probleme die so etikettiert wurden und doch nicht in dies Schema passen. Uns hat das richtig Zeit und auch viele richtig nervige Gespräche gekostet. Ehrlich gesagt wir Mitarbeiter können es alle nicht mehr hören und die meisten Fans auch nicht. Inzwischen ist für die Problematik ein Mediationsteam eingesetzt.
Grundsätzlich sind wir gegen rechte Tendenzen präventiv aktiv: Projekt Enttarnt, Veranstaltungen, Diskussionsrunden, Auschwitz Fahrt, Aktionsjahr für Toleranz Vielfalt und Respekt etc.
Rechte Fans an unserem Standort sind im Bundesdeutschen Vergleich jedenfalls eher wenige vor Ort, es gibt aber natürlich auch welche.
Faszination Fankurve: Das Thema Gewalt wird in den Medien häufig thematisiert. Wie würden Sie die aktuelle Lage in der Fanszene einschätzen? Kommt es häufig zu Auseinandersetzungen, Hausbesuchen, Raub von gegnerischen Fanutensilien etc.?
König: Ich schätze es insgesamt eher rückläufig ein, allerdings wenn es vorkommt findet es mit Sicherheit den Weg in die Medien. Es gibt auch offensichtlich immer mal so Gewaltausreisser die dann viel Aufmerksamkeit haben, aber alles andere als die Regel sind. (Faszination Fankurve, 08.06.2014)
Bild: www.braunschweig1895.de




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