Faszination Fankurve sprach mit Benjamin Belhadj vom Fanprojekt Düsseldorf u.a. über die in der vergangenen Saison aufgetretenen Differenzen innerhalb der Fanszene von Fortuna Düsseldorf. Belhadj, dass es in dem Konflikt neben Politik auch um Macht innerhalb der Fanszene geht.
Faszination Fankurve: Oftmals wird von Außenstehenden wahrgenommen, dass der Kontakt zwischen Verein und der Fanszene immer problematischer wird bzw. zum Teil nicht mehr existent ist. Wie sehen Sie als Vermittler das allgemein und vor allem im Hinblick auf Ihren Verein?
Benjamin Belhadj: Unserer Wahrnehmung nach ist der Kontakt zwischen dem Verein auf allen Ebenen und der Fanszene gut. Die Fanbeauftragten sind sehr darum bemüht, den Fans einen direkten Zugang zum Verein zu verschaffen. Die Vereinsoffiziellen stehen in ständigem Dialog mit Ultras Düsseldorf, Dissidenti Ultrà, Bushwhackers Düsseldorf, dem Supporters Club, Arbeitskreis Fanarbeit und diversen anderen Fanklubs. Es gibt eine AG Antidiskriminierung, bei der mit Fans und dem Fanprojekt aktuelle Tendenzen und Situationen besprochen werden. Darüber hinaus wird in Kooperation mit Fans, uns als Fanprojekt und dem Verein (vertreten durch den Fanbeauftragten) jährlich ein Fankongress für Düsseldorf geplant und durchgeführt. Die Fanbeauftragten von Fortuna Düsseldorf tauschen sich darüber hinaus regelmäßig mit uns aus und sind neben vier Fanvertretern auch Mitglied im Fanprojektbeirat.
Faszination Fankurve: Letztes Jahr haben die Clubs der 1 bis 3. Liga Strafen in Höhe von ca. 1,7 Millionen Euro nach Fanaktionen zahlen müssen. Die Vereine reagieren unterschiedlich, immer mehr versuchen die Strafe auf die Verursacher zu übertragen. Wie stehen Sie als Fanprojekt zur Übertragung solcher Strafen und wie wirken diese auf betroffene Fans und deren Umfeld?
Belhadj: Wir lehnen prinzipiell die Übertragung solcher Strafen ab, da trotz guter Videokameras in den Stadien zum Einen dennoch oft genug Fans angeklagt werden, die die Tat nicht begangen haben, zum Anderen fördert sie oftmals die Spaltung der Fangemeinde, da zu schnell das Bild vom „bösen Fan“ und „guten Fan“ gezeichnet wird und Fans in eine Ecke gedrängt werden. Gerade wir in Düsseldorf haben damit schlechte Erfahrungen (Braunschweig 2011), da Fans später öffentlich über Polizeiseiten und Medien per Foto gesucht wurden, was schlichtweg unverhältnismäßig war und das Leben zweier junger Fans nachhaltig verändern sollte.
Faszination Fankurve: Immer wieder beklagen Fanprojekte eine Unterfinanzierung. Sind Sie mir den Mitteln, die Ihnen im Moment zur Verfügung stehen zufrieden? Was würden Sie konkret mit weiteren Mitteln umsetzen?
Belhadj: Im Gegensatz zu den Anfängen der Fanprojektarbeit vor 20 Jahren sind wir als Fanprojekt in der Kinder-und Jugendarbeit der Stadt Düsseldorf fest verankert, aus der Projektphase heraus und können mit unserem Etat einiges für junge Fußballfans anbieten. Sicherlich könnten wir mit mehr Geld auch einige andere Projekte auf den Weg bringen, sind aber mit unserer derzeitigen Situation zufrieden.
Faszination Fankurve: Die Mehrheit der Strafen hat mit dem Einsatz von Pyrotechnik zu tun. Seit Jahren ist der Einsatz von Pyro das zentrale Thema, ohne dass sich etwas bewegt. Lässt sich überhaupt eine Lösung finden?
Belhadj: Wenn alle Seiten an einer Lösung interessiert wären, könnte man sicherlich lösungsorientiert diskutieren. So hat unserer Meinung nach die Initiative „Pyrotechnik legalisieren – Emotionen respektieren“ sehr gute Arbeit geleistet und nach vorn diskutiert. Leider sind dann aus verschiedenen Richtungen die Gespräche abgebrochen worden, weshalb die Fans einiges an Vertrauen gegenüber den Verbänden und Institutionen verloren. Generell muss man nach wie vor festhalten, dass der Einsatz von Pyrotechnik im Stadion direkt mit Gewalt gleichgesetzt wird und alles Gute und Positive, was Fangruppen damit auch ausdrücken wollen, in ein schlechtes Licht rückt. Durch das Verbot haben sich Fans über Jahre hinweg bemüht, unerkannt zu bleiben (durch Sturmhauben, Schals zur Vermummung, etc.). Auch dadurch entstand das Bild von gefährlichen und gewaltbereiten Fans.
Faszination Fankurve: Was waren die relevanten Fanthemen in Ihrem Verein/Fanszene in der vergangenen Saison?
Belhadj: In den letzten Jahren: Stehplatzkampagne, Anti- Diskriminierung, Sexismus und Homophobie
Im letzten Jahr: Konflikt zwischen verschiedenen Fan- und Hooligangruppen.
Faszination Fankurve: Die Ultràgruppen in Deutschland sind längst aus den Kinderschuhen gewachsen. Teilweise verfügen die Gruppen über eigene Räumlichkeiten, greifen teilweise immer weniger auf Angebote der Fanprojekte zurück. Wie steht es zu Ihrem Kontakt zu den Ultras im Moment und inwiefern haben Sie als Fanprojekt noch Einfluss auf die Ultras bei Ihrem Verein?
Belhadj: Wir haben Kontakt zu beiden Ultràgruppen. Inwieweit der Kontakt gut, intensiv, produktiv ist, müssen ein Stückweit auch die Gruppen beurteilen. Generell versuchen wir jedoch keinen Einfluss auf die Gruppen zu nehmen, da Teil der Ultràkultur auch Selbstbestimmung und Autarkie ist und dies auch soweit es geht von den Gruppen erfahren und gelebt werden muss. Wir stehen jedoch den Gruppen jederzeit bei, wenn sie unsere Hilfe benötigen, können Denkanstöße liefern oder auch mal kontroverse Meinungen einbringen.
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Dissidenti Ultrà an ihrem zwischenzeitlichen Standort im Block 13/12
Bild: www.der-betze-brennt.de
Faszination Fankurve: In zahlreichen Fanszenen gab es in den vergangenen Jahren Übergriffe rechtsgerichteter Fans auf linksgerichtete Fans innerhalb der gleichen Fanszene. Gab es solche Vorfälle bei Ihnen auch und wie haben Sie interveniert oder versuchen Sie schon vorab präventiv aktiv zu werden?
Belhadj: Es gab in der letzten Saison verschiedene Vorfälle innerhalb der Fanszene, wo beide Ultràgruppen und die Hooligangruppen involviert waren. Generell sind wir natürlich gegen jede Form von Gewalt, Ausgrenzung und Diskriminierung und können solche Konflikte nicht tolerieren, sondern müssen aktiv sein. Da unsere Möglichkeiten jedoch auch begrenzt sind, versuchen wir durch präventive Arbeit einen Konflikt zu verhindern. Hierbei können wir von diversen Beziehungen zu Fans in der Fanszene profitieren. Neben dem politischen Aspekt darf man darüber hinaus auch den Machtaspekt nicht außer Acht lassen. Oftmals sind Konflikte innerhalb der Fanszenen auch Machtkämpfe zwischen Gruppen, die verschiedene Interessen haben und Fankultur unterschiedlich definieren. Wenn die Konflikte jedoch handgreiflich ausgetragen werden, kann eine Intervention irgendwann nicht mehr von Fanprojekten, sondern muss von anderen Institutionen wie der Polizei oder dem Verein geleistet werden, da sie noch über andere Interventionsmöglichkeiten verfügen.
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Faszination Fankurve: Das Thema Gewalt wird in den Medien häufig thematisiert. Wie würden Sie die aktuelle Lage in der Fanszene einschätzen? Kommt es häufig zu Auseinandersetzungen, Hausbesuchen, Raub von gegnerischen Fanutensilien etc.?
Belhadj: Unserer Wahrnehmung nach hat die Gewalt in der Menge eher abgenommen. Andererseits nehmen Delikte einer anderen Qualität (z. B. Hausbesuche) tendentiell zu. Ob dies allerdings tatsächlich so ist oder von den Medien suggeriert wird, können wir am Standort Düsseldorf nicht beantworten. (Faszination Fankurve, 27.06.2014)
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