Faszination Fankurve sprach mit der Horda Azzuro über den Einstieg des Investorts Duchatelet bei Carl Zeiss Jena, den daraus folgenden Stimmungsverzicht der Ultras, eine neue Gruppe in Jena und fragten, unter welchen Umständen der Stimmungsverzicht enden würde.
„Auflösung der Gruppe in Betracht gezogen“
Foto: Horda Azzuro
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Faszination Fankurve: Am 15. Dezember 2013 kam es zur Mitgliederversammlung des FC Carl Zeiss Jena e.V. Fasst den Abend doch mal bitte für alle, deren Herz nicht für den FCC schlägt, zusammen. Über was haben die Mitglieder an diesem Tag abgestimmt?
Horda Azzuro: Konkret wurde darüber abgestimmt, ob die Firma „Staprix NV“ aus Belgien für zwei Millionen Euro 49,98 Prozent der Anteile der FC Carl Zeiss Jena Spielbetriebs GmbH erwerben darf. Die restlichen Anteile hält weiterhin der FC Carl Zeiss Jena e.V., der vorher alleiniger Anteilseigner war, da bereits 2007 per Mitgliederentscheid die GmbH für den leichteren Einstieg von Investoren aus dem Verein ausgegliedert wurde. Damals stand ein vermögender Russe bereit, der Anteile erwerben wollte, aber nach einem rasanten Medienecho lieber einen Rückzieher machte.
Im Vorfeld der Mitgliederversammlung haben wir uns bewusst dagegen entschieden, mit unserer Skepsis hausieren zu gehen, um unsere Energie bewusst in die Argumentation in einen Redebeitrag auf der Mitgliederversammlung zu stecken und einer Medienschlacht zu entgehen, bei der wir höchstwahrscheinlich den Kürzeren gezogen hätten. Wie es kommen musste, ist der Schuss dann natürlich voll nach hinten losgegangen. Die ganze Veranstaltung war eine wirksame Werbung für den Investor, für seine gut gemeinten Absichten und die Verharmlosung der Risiken und realen Zustände in der GmbH, zum Beispiel, dass der Investor 95 Prozent der Kapitaleinlagen in der GmbH besitzt. So wurde dann auch unser Redebeitrag unter lautstarken Zwischenrufen und Unmutsbekundungen, die fast in Handgreiflichkeiten ausarteten, vorzeitig abgebrochen. Allgemein wurde seitens des Vereins über die Medien eine Art Endzeitstimmung suggeriert, wenn der Investor nicht kommen würde, dann gehen bald die Lichter aus – und der FCC soll ja unbedingt zurück in die zweite Liga. Die Abstimmung war dann nur noch eine Formsache.
Nach dem Investoreneinstieg trat die Gruppe in einen Stimmungsverzicht. Die Fahne zeigt das Motto der Gruppe seit Beginn des Verzichts.
Bild: Horda Azzuro
Faszination Fankurve: Roland Duchatelet ist nun Investor beim FC Carl Zeiss Jena. Wer ist dieser Mann?
Horda Azzuro: Roland Duchatelet (R.D.) ist ein schwerreicher Belgier, dort angeblich unter den Top10 gelistet.
Bevor R.D. seine Fühler nach Deutschland ausstreckte, war er bereits Anteilhaber bzw. Besitzer der beiden belgischen Vereine VV Sint-Truiden und Standard Lüttich. Weiterhin besaß er bzw. sein Sohnemann schon große Anteile am ungarischen Erstliga-Hauptstadtclub Ujpest Budapest. Duchatelet stieg 2003 bei VV Sint-Truiden als Präsident und Mäzen ein. Er baute das dortige Stadion in eine moderne Arena um und mischte sich oft sportlich ein, griff dabei aber zumeist ins Klo. Er legte sein Amt 2011 nieder, als er bei Standard Lüttich einstieg. Relativ schnell führte die Vereinspolitik des Verfechters einer progressiv liberalen Wirtschaftsideologie (R.D. gründete u.a. die Partei „Vivant“ in seinem Heimatland) zu umfangreichen Protesten in Fussball-Lüttich. Die Fans von Standard sind seither voller Hass und wünschen sich nichts sehnlicher, als den Ausstieg und das Verschwinden von Duchatelet. In ihren Augen vernichtete die „mit der Vergangenheit aufräumen“-Politik den in ganz Belgien bekannten und weithin gefürchteten Standard-Spirit.
Den Kontakt nach Jena gewann der Monsieur über ein ihm gehörendes Unternehmen in Erfurt. Der dort ansässige Finanzverantwortliche (Chris Förster, seines Zeichens auch FCC-Mitglied) schlug vor, sich für das geplante Engagement in Deutschland doch mal unseren FCC anzuschauen. Letztlich stieg er mit seinem Unternehmen „Staprix“ für 2 Millionen Euro in die „FC Carl Zeiss Jena Spielbetriebs GmbH“ ein und erwarb damit 95% der Geschäftsanteile (somit im Grunde 95% des Teams und aller anderen Mittel der GmbH) sowie natürlich 49,98% der Stimmenanteile aus den Händen unseren eingetragenen Vereins.
Roland Duchatelet hat aber noch mehr vor, denn in kürzester Zeit vermeldeten die Medien den Kauf des englischen Traditionsclub Charlton Athletic aus dem Südosten Londons. Und es ging Schlag auf Schlag weiter, denn wenig später reihte sich auch der spanische Zweitligist AD Alcorcon aus Madrid in die Vereinssammlung ein. Es soll nicht der letzte Anknüpfungspunkt der Netzes sein…so ist auch sein Interesse an vergleichbaren italienischen und portugiesischen Clubs kein Geheimnis mehr.
Faszination Fankurve: Hat er sich in Jena schon blicken lassen?
Horda Azzuro: Das hat er in der Tat vor und während der Mitgliederversammlung nicht getan, was aber auch niemandem der Befürworter weiter gestört hat. Im April 2014 war er dann zu einem Heimspiel gegen Auerbach im Stadion anwesend. Der Verein wollte seine Anwesenheit bewusst nicht bewerben, wobei wir aber trotzdem im Vorfeld davon Wind bekamen und uns dementsprechend vorbereiten konnten. So prangte am Zaun der Südkurve dann ein Plakat „Duchatelet casse-toi“ (französische Umgangssprache für „Verpiss dich Duchatelet“), untermalt von einem Spruchband im Block „In fünf Jahren zweite Liga? In zehn Jahren bankrott! Wer zahlt die Rechnung?“. Nach dem Spiel sangen wir dann mit 120 Leuten noch einige Lieder in der Kurve, um unsere Geschlossenheit zur Thematik zu unterstreichen. Das Echo bei der Pro-Investor Fraktion war dann dementsprechend ausufernd, zumal das Fernsehen extra eine Kamera auf den „Gönner“ abgestellt hatte und jedes Malheur beim Trinken im Bild festhielt. So blieb dann auch unser Protest nicht unerwähnt.
Spruchbänder der Horda beim Besuch des Investors in Jena.
Bild: Horda Azzuro
Faszination Fankurve: Sind große Teile Eurer Gruppe Mitglieder im Verein und konnten somit zahlreiche Horda-Mitglieder abstimmen?
Horda Azzuro: Wir haben das Thema sicher im Vorfeld nicht stiefmütterlich behandelt, jedoch haben wir Potenzial nach oben, das mussten wir uns im Nachgang auch ehrlich eingestehen. Vom Prinzip her mussten wir uns im Nachhinein schon selbst hinterfragen, wozu wir jahrelang versucht haben, die Kurve für vereinspolitische Themen zu sensibilisieren, wenn wir dann so abgespeist werden. Sicher ist es auch dem geschuldet, dass fast doppelt so viele Leute anwesend waren, wie zu einer „normalen“ Mitgliederversammlung und wir mit unseren circa 80 Leuten einfach untergingen. Das kann aber letztendlich keine Entschuldigung sein, da haben wir als Gruppe auch ein stückweit versagt, was zweifelsohne Gegenstand unseres weiteren Vorgehens ist.
Faszination Fankurve: Auch ein Mitglied der Horda Azzuro hat auf der Versammlung eine Rede gehalten. Dabei kam es zu Auseinandersetzungen zwischen Ultras und anderen Mitgliedern?
Horda Azzuro: Wie gesagt, die Stimmung war schlagartig aufgeladen, als wir das Wort ergriffen. Unsere Argumente wurden durch unqualifizierte Zwischenrufe immer wieder torpediert, niemand wollte sich von den Jugendlichen da in die Suppe spucken lassen, auch wenn sie es vielleicht gut meinen. Irgendwann war dann aber auch ein Maß an Respekt und Toleranz unterschritten, das wir uns nicht mehr bieten lassen wollten. So kam es eben zu kurzen Rennereien im Saal, die Lage hatte sich dann aber auch schnell wieder beruhigt.
Faszination Fankurve: Verlief die Versammlung in Euren Augen demokratisch ab?
Horda Azzuro: Das ist relativ. Die Abstimmung an sich wurde auf unseren Wusch hin geheim durchgeführt – einfach um keine Gräben aufzutun, nur weil jemand nicht der gleichen Meinung ist. Auf der anderen Seite wurden die Mitglieder natürlich vor und während der Veranstaltung nur zielführend auf die Abstimmung indoktriniert. Nachteile und langfristige Auswirkungen wurden ausgeblendet, Gegenstimmen kurz gehalten und einseitig argumentiert. Es fällt uns schwer das auszusprechen, aber man kann schon fast davon sprechen, dass die Mitglieder bewusst angelogen wurden, um Sachverhalte schwärzer zu malen, als sie eigentlich waren. Das hat dann leider nicht mehr viel mit demokratischen Wahlprinzipien zu tun.
Faszination Fankurve: Letztlich stimmten 518 für den Investor und 128 dagegen. Wir fühlte sich die Gruppe nach Bekanntgabe der Ergebnisse?
Horda Azzuro: Die Tage vor der Versammlung konnte man schon fast erahnen in welche Richtung es gehen würde. Dass wir dann aber – auch vom Verein – in unserer Redefreiheit so torpediert werden, hat uns schon erschrocken. Hinzu kommt, wie bereits erwähnt, das Gefühl als Gruppe hinter den eigenen Ansprüchen zurück geblieben zu sein. Nach der Versammlung folgte erstmal die Winterpause, sodass wir über die Feiertage das Thema leider zu sehr verdrängt hatten. Im Januar waren wir dann noch als Südkurve bei einem Hallenturnier in Nordhausen, wo wir supportet haben und das Thema war weiter weg, als uns eigentlich lieb war. So kam es dann bei einer Gruppenversammlung zum Schockmoment, als wir uns fragten, was wir jetzt eigentlich machen. So kann es auf jeden Fall nicht weitergehen.
Die Ultras beim Hallenturnier in Nordhausen kurz nach der Mitgliederversammlung.
Bild: Horda Azzuro
Faszination Fankurve: Damals habt ihr Euch für einen optischen und akustischen Boykott entschieden, der bis heute anhält. Wie schwer fiel die Entscheidung und was waren die ausschlaggebenden Gründe?
Horda Azzuro: Die Gründe erschließen sich logischerweise aus den vorhergehenden Antworten, allgemein herrschte ein Gefühl der grenzenlosen Ohnmacht, von Resignation und Perspektivlosigkeit. Wir waren an einem Punkt angelangt, an dem wir auch die Auflösung der Gruppe in Betracht gezogen haben. Wir haben uns dann einen ganzen Tag Zeit genommen, um uns strukturell neu aufzustellen. Wir skizzierten den Ist-Zustand unseres Vereins und versuchten unseren Wert darin zu verorten. So sind zu dem Schluss gekommen, dass es unsere Pflicht ist, unsere Energie in eine Revidierung des Zustandes vor der Mitgliederversammlung zu stecken. Natürlich nicht als kurzfristige Zielsetzung, sondern als langwierigen Transformationsprozess, wo wir immer kleine Schritte auf unsere Agenda setzen, die wir dann bearbeiten. Im zweiten Teil des Treffens mussten wir dann eine Lösung zum Auftreten unserer Gruppe im Stadion finden. Das heterogene Meinungsbild ließ uns dann nichts anderes übrig, als einen Weg einzuschlagen, mit dem sich alle Gruppenmitglieder mehr oder weniger identifizieren konnten. Natürlich gab es auch Stimmen die uns in einer Position gesehen haben, wo wir zwar als Opposition auftreten, aber trotzdem den Verein weiter anfeuern; genauso auch Leute, die zwar noch am Gruppenleben teilnehmen, aber es nicht mehr mit sich vereinbaren können die Spiele zu besuchen. Für uns war wichtig, aus den Fehlern der Vergangenheit zu lernen, nicht immer wieder die gleichen Wege zu gehen und dem Verein durch inhaltliche Zuarbeit auf die eigenen Ressourcen und Stärken hinzuweisen. Dementsprechend war der erste Punkte auf unserer Agenda, die regionalen Stärken der Region besser auszuschöpfen, in dem der Verein besser vernetzt wird. Dadurch wäre es möglich auf das mögliche Darlehen, welches uns der Investor gewähren würde (eine Million Euro pro Jahr, auf vier Jahre gestaffelt) mittelfristig zu verzichten. Dieses würde, bei eventueller Nutzung, den unvermeidlichen Bankrott der GmbH zum 1. Oktober 2023 bedeuten. Zu diesem Zeitpunkt wäre die Rückzahlung des Darlehens fällig, welches die GmbH aber realistisch gesehen niemals aufbringen kann, wenn man nicht im oberen Drittel der zweiten Liga mitspielt.
Faszination Fankurve: Wie wurde Eure Entscheidung in der restlichen Fanszene und im Verein aufgenommen?
Horda Azzuro: Darüber könnte man wahrscheinlich Bücher schreiben. Innerhalb des Südkurvenkollektivs haben wir natürlich unseren Weg so transparent als möglich vorgestellt und darauf gehofft, dass die anderen Fanclubs und Sektionen das ähnlich sehen und uns folgen. Diese Gesprächsrunden liefen sehr erfolgreich, weswegen wir im Nachgang schon von einer Stärkung der Strukturen und Vernetzung sprechen können, gerade was den Zulauf von jungen Leuten zur Nachwuchsgruppe Harakiri betrifft. Die Leute entscheiden sich bewusst für unseren Weg, das ist immer wieder beeindruckend.
Im Verein wurde unsere Entscheidung anfangs schon eher kritisch beäugt. Kurze Zeit später hat der verantwortliche Präsident seinen Rücktritt erklärt, wir konnten quasi fast von Null starten, was unsere vereinspolitische Arbeit betrifft, und das kam uns schon definitiv zu Gute. Für viele sicher Anfangs die Revoluzzer, die alles madig machen wollen, merkten die neuen Verantwortlichen aber recht schnell, dass wir das Ganze jetzt ernst meinen und das keine Flause ist; wir uns aktiv in die Vereinspolitik einbringen, eben nicht nur durch eine bloße Antihaltung, sondern durch Vorschläge und Idealismus, dem wir uns als Ultras auch verpflichtet sehen. Der Stimmungsverzicht tat natürlich sein Übriges dazu und schnell wurde uns klar, dass die Offiziellen auch wegen der Trostlosigkeit und der Stille im Stadion nervös werden.
Wir sind uns durchaus bewusst, dass wir als Ultras und Fankurve auch nur ein Teil des Events sind, genauso werden wir nämlich in dieser Zeit wahrgenommen. „Wenn die keine Stimmung machen, können die auch zuhause bleiben“ ist kein seltener Kommentar aus den sozialen Netzwerken bezüglich unseres Weges. Dabei machen wir nur genau das, was 90% der anderen Stadionbesucher auch machen. Nichts. Fußball gucken, Bier saufen, Bratwurst. Geil. Aber wir gehören für solche Nörgler halt dazu, ob wir nun beim Singen ein affiger Haufen von Kindergartenkindern sind, oder beim Schweigen ist denen egal. Und genauso egal sind die uns auch. Unser Aktionsfeld sind die Südkurve, die reflektierten Fanclubs und Einzelpersonen und der Verein, inklusive seines Umfeldes. Alles andere ist von uns nicht von Interesse.
Faszination Fankurve: Trotzdem habt ihr die Spiele der Mannschaft weiterhin besucht. War das nicht ungewohnt und haltet ihr diese Form des Protests für konsequent?
Horda Azzuro: Konsequenz ist eine arge Definitionsfrage. Denn Resignation ist genauso inkonsequent, hätten wir uns aus allem rausgenommen und die Sache sich selbst überlassen. Doch dafür hängt unser Herz aber noch viel zu sehr an der Sache, am Verein und all den anekdotenreichen Mächten, die hier am Werk waren. Den Verein definiert ja jeder für sich selbst, da ist ja nicht nur die GmbH und der Investor. Tausende Erinnerungen und Liebenswürdigkeiten, die jeder Einzelne mit dem Verein verbindet, das Stadion, die Umgebung, die Erfolge, die Freundschaften. Das gibt man nicht auf, nur weil der Verein gerade nicht gut dasteht und die Mitgliedsversammlung den Verein auf den Weg der Sünde führen will. Wir haben uns dafür entschieden zu kämpfen und nicht aufzugeben. Das bedeutet für uns Konsequenz.
Faszination Fankurve: Was müsste passieren, damit ihr dem Verein komplett den Rücken zukehrt?
Horda Azzuro: Dieses Szenario zu beschreiben wäre Utopie. Sicher ist die Enttäuschung teilweise jetzt schon sehr groß, wie gesagt geht manch einer gar nicht mehr zu den Spielen, geht aber weiterhin den Weg mit der Gruppe. Für uns müsste die Enttäuschung dann ein – im Moment – unfassbares Maß annehmen, dass wir einfach merken, wir können nichts mehr erreichen. Die Energie und Lust, die wir der Sache entgegenbringen wird nicht mehr gewürdigt oder gar ignoriert. Das wäre sicher der worst-case. Da wir uns aber gerade in einem recht offenen und ehrlichem Dialog mit den Gremien des Vereins befinden, hoffen wir einfach, das dieses Momentum der Grundstein für unsere weitere Arbeit ist, Strukturen etwas aufzulockern und das Potential der jungen Stadt und seiner Ressourcen zu nutzen.
Faszination Fankurve: RB Leipzig steht in der Kritik zahlreicher Fanszenen. Auch ihr habt von Anfang an gegen RB Leipzig protestiert. Was unterscheidet Euren Verein nach dem Investoreneinstieg noch von RB Leipzig?
Horda Azzuro: Die Menschen, die mit dem Verein mehr verbindet als der sportliche Erfolg. Ohne Frage würden viele Leute im Stadion auch einen Investor wie RB mit Kusshand nehmen, einfach weil sie guten Fußball sehen wollen. Für diese ist ja Identifikation und Erinnerung zuerst einmal nur sekundärer Natur, so funktioniert eben eine Konsumgesellschaft. Aber auch die Sponsoren beispielsweise, die dem Verein auch noch in schlechten Zeiten die Treue halte, verprellt man in gewisser Weise mit Investoreneinstiegen. Theoretisch wäre man ja jetzt nicht zwingend auf Bürgschaften, die den Verein mal wieder vor der Zahlungsunfähigkeit bewahren, angewiesen. Gerade in der aktuellen Lage überlegt sich ein Sponsor schon zweimal, ob das Geld nun eigentlich dringend gebraucht wird oder ob er hier in ein Fass ohne Boden investiert, was eh in neun Jahren insolvent ist.
RB Leipzig ist ja ein reines Kunstprodukt, welches durch Geld fast jedes Problem lösen kann und rein aus marketingstrategischen Gründen ins Leben gerufen und betrieben wird. Unser Verein kann glücklicherweise noch selbst über sein Schicksal bestimmen und befindet sich, zieht man die Stimmanteile zu Rate, noch in der Hand der Mitglieder.
Faszination Fankurve: Wie sieht es aktuell aus. Der Boykott geht schon über ein halbes Jahr. Wie lange wird er noch dauern? Was muss passieren, damit ihr wieder supportet?
Horda Azzuro: Das ist so eine Frage, der man durch eine ausschweifende Umschreibung einfach aus dem Weg gehen könnte. Korrekterweise möchten wir aber darauf hinweisen, dass es sich bei unserem Stimmungsverzicht nicht um einen Boykott handelt. Der Begriff Boykott erschien uns für unser Anliegen als zu hart und vorbelastet. Boykottieren kann man aufgrund der Mannschaftsleistung oder von Sanktionen. Unser Weg ist langfristiger ausgelegt und setzt unsere aktive Mitarbeit voraus. Die Stimmung ist ja nur ein Aspekt einer Ultrasgruppe, deswegen boykottiert sie ja nicht gleich alles.
Es gibt für uns derzeit kein endgültiges Szenario, welches uns wieder an Stimmung glauben lässt. Wir denken von Schritt zu Schritt und setzen uns regelmäßig zusammen und vergleichen, was zu unserer Entscheidung vom letzten Winter anders geworden ist. Wir haben keine Schwelle, die uns sagt, ab jetzt können wir wieder loslegen – wir entscheiden dies anhand von Gefühlen und Verstand. Natürlich wollen wir mittelfristig mal wieder was machen, aber dafür muss eben auch die nötige Vorarbeit geleistet werden, die uns in solch eine Position bringen kann.
Faszination Fankurve: Während des Boykotts hat sich eine andere Gruppe gebildet, die versucht hat für Stimmung im Ernst-Abbe-Sportfeld zu sorgen. Wie steht ihr zu der Gruppe?
Horda Azzuro: Das Ganze begann bei einem Heimspiel gegen Magdeburg als Art „Flashmob“. Alle Leute, die trotz unseres Verzichts Stimmung machen wollten fanden sich auf dem linken Teil der Gegengerade ein und machten halt mehr oder weniger Alarm. Das Unternehmen ist mittlerweile natürlich abgeflaut und daraus ist eine kleine Gruppe namens „Kernbergbande“ entstanden, die für uns aber nicht von weiterer Relevanz ist, solange sie unseren Weg respektiert und sich halbwegs angemessen verhält. Die machen ihr Ding, wir unseres.
Faszination Fankurve: Auf welche Aktivitäten habt ihr Euch außerhalb des Stadions konzentriert? Es sind doch bestimmt Kapazitäten durch den Stimmungsverzicht freigeworden?
Horda Azzuro: Das mag vielleicht am Spieltag teilweise so sein, da man die Verantwortung für Stimmung und Choreos abgelegt hat, jedoch haben sich andere Aktionsfelder aufgetan. Wie schon erwähnt natürlich die Arbeit mit den Vereinsgremien, die auch unter der Woche mit zahlreichen Telefonaten und Treffen wenige Personen extrem einspannt. Aber auch die Organisation von Auswärtsfahrten, die ihren Reiz durch mach eine auffrischende Anreise behalten sollen, oder aber die damit verbundenen Festigungen und Erweiterung der Strukturen innerhalb der Südkurve stellen die Gruppe und Organisatoren vor immer neue Herausforderungen. Wir wollen unser Handeln transparent und nachvollziehbar machen, weswegen wir extrem viel Zeit und Energie in Kommunikation und Vernetzung stecken.
Die Aktivität der Gruppe geht weiter, zum Beispiel beim Südkurven Cup.
Bild: Horda Azzuro
Faszination Fankurve: Was erwartet ihr von der nächsten Mitgliederversammlung?
Horda Azzuro: Das steht in den Sternen. Sowohl ob wir mit einer Idee um die Ecke kommen, als auch wie wir das umzusetzen wollen. Die Vorzeichen dafür wechseln derzeit beinahe monatlich, sodass wir noch nicht wissen, in welche Richtung es gehen könnte. Wir hoffen auf eine breite Basis, sind jedoch auch in der Lage unpopuläre Wege zu gehen, die uns nachhaltig erscheinen. In gewisser Weise sind wir ja auch irgendwo eine (konstruktive) Opposition zum Verein.
Faszination Fankurve: Wie ist die aktuelle Situation beim Stadionneubau in Jena und was sind Eure Positionen dabei?
Horda Azzuro: Das ist ein Thema welches grad schon wieder zu weit von der Gruppe weg ist; hoffentlich nicht zu weit. Ein Wochenende vor der Mitgliederversammlung letzten Dezember haben wir für die Erhaltung des jetzigen Stadionstandortes eine Demo organisiert. Dort waren 800 Leute, die dagegen protestiert haben, dass kurzzeitig ein Stadionneubau am Stadtrand im Gespräch war. Der Verbleib im „Ernst-Abbe-Sportfeld“ wurde dann auch zugesichert und seitdem ist die Diskussion um einen Stadionneubau mal wieder ins Stocken gekommen.
Dass wir Ultras nicht die allergrößten Befürworter solcher Neubaumaßnahmen sind, sollte ja hinlänglich bekannt sein. Jedoch ist es unser Ziel an der fanfreundlichen Umsetzung mitzugestalten, wenn es einmal in die konkrete Planungsphase des Stadions gehen sollte
Demo für den Erhalt des Stadionstandorts im Dezember 2013.
Bild: Horda Azzuro
Faszination Fankurve: Durch Euer Infozine werden viele FCC-Fans mit Eurer Meinung zum Investor oder auch dem Stadionneubau konfrontiert. Wie viele Ausgaben Eures Infozines Bratwurstdealer sind bisher erschienen?
Horda Azzuro: 214. Gerade zu aktuellen Thematiken wie beispielsweise Repressionen oder der Investorenthematik versuchen wir eine Serie zu etablieren, wo wir unsere Sichtweise Stück für Stück über einen längeren Zeitraum darzulegen. Diese Sachen bringen wir dann anlassbezogen auch in gebündelter Form nochmal unter die Leute, eben auch um einen Kreis zu anzusprechen, der sich außerhalb unserer Ultraszene befindet und somit nicht regelmäßig den Bratwurstdealer zur Hand hat.
Faszination Fankurve: In der 200. Ausgabe habt Ihr ein Ranking der deutsche Spieltags-Infozines veröffentlicht. Wer ist auf den vorderen Plätzen gelandet und wonach wurde sortiert?
Horda Azzuro: Es wurde nach der Anzahl der erschienen Ausgaben sortiert. Natürlich haben wir uns im Ranking eine Kategorie ausgesucht, die uns entgegen kommt. Wir wären ja nicht die Ersten gewesen, wenn es um das dienstälteste, regelmäßig erscheinende Kurvenblatt geht oder aber um die sinnlosesten Foto-Collagen oder die besten Suff-Berichte. Wir kommen eben mit einer gewissen Spur Ernsthaftigkeit daher und wollen informieren was wir wann, warum, so und so gemacht haben – und machen wollen. Damit haben wir uns ein konstant hohes Level erarbeitet, von eben erwähnter Spitzenposition in der Anzahl der erschienen Ausgaben, vor merklich vielen ostdeutschen Gruppen – bis zum Seitenumfang der meist zwischen 28 und 44 schwankt und einer Auflage von 300 bis 500 Stück.
Faszination Fankurve: Wie kann man sich die Redaktion des Zines vorstellen?
Horda Azzuro: Trinkfest und Arbeitsscheu. Dazu noch eine Spur Masochismus und leicht schizophrene Psychosen. Also wer Bock hat, schreibt halt was oder wird gefragt, ob er was schreiben will. Gezwungen wurde bis jetzt leider noch niemand. Wir haben in der Redaktion ein Dutzend Leute, die sich – im Optimalfall – abwechselnd und zu zweit um eine Ausgabe kümmern und sich von der restlichen Redaktion oder von haufenweise schreibwütigen Jugendlichen helfen lassen. Dann haben wir noch Layouter, die die Texte und Bilder sortieren und die Überschriften unterstreichen. Das Ganze wiederholt sich im zwei-Wochen-Rhythmus und verbessert auf jeden Fall das Ansehen und die Darstellung der Redakteure innerhalb der Kurve. Cool eigentlich. (Faszination Fankurve, 03.10.2014)
Bild: Horda Azzuro
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