Nach Jahren der Misswirtschaft steht Brescia Calcio am Abgrund. Doch der mögliche Abstieg ist für die Ultras Brescia 1911 nur ein Symptom – das eigentliche Problem liegt tiefer.

Als Massimo Cellino im Sommer 2017 das Kommando bei Brescia Calcio übernahm, waren die Erwartungen groß. Der erfahrene Präsident, der bereits Cagliari und Leeds United geführt hatte, versprach ambitionierte Ziele und eine neue Ära. Acht Jahre später droht Brescia der sportliche Abstieg in die Serie C – nicht allein durch sportliche Ergebnisse, sondern aufgrund eines möglichen Punktabzugs infolge steuerlicher Unregelmäßigkeiten. Ein Abzug von vier Punkten könnte die Mannschaft auf einen Abstiegsplatz rutschen lassen.
Für die Ultras Brescia 1911 steht fest: Cellinos Zeit an der Spitze des Vereins war nicht nur sportlich enttäuschend, sondern hat vor allem die Identität des Klubs beschädigt. In ihren Augen fehlt es seit Jahren an einem glaubwürdigen Konzept, an Transparenz und an echtem Interesse für die Belange der Fans und der Stadt.

Die aktive Fanszene rund um die Ultras hat sich nie gescheut, Missstände klar zu benennen. Schon kurz nach Cellinos Amtsantritt begannen sie, öffentlich Kritik zu äußern – mit Transparenten, Aktionen und Stellungnahmen. Doch lange Zeit verhallten ihre Stimmen ungehört. Teile der lokalen Medien übernahmen unkritisch die Sichtweise der Klubführung, während kritische Stimmen kaum Gehör fanden.
Dass sich nun – im Mai 2025 – eine Delegation der Ultras auf den Weg nach Rom machte, um vor der Zentrale des Fußballverbands zu protestieren, war kein Zufall, sondern ein Ausdruck lang aufgestauter Frustration. Der Protest richtete sich nicht nur gegen die drohende Strafe für den Verein, sondern gegen die tiefen strukturellen Schäden, die Cellino in Brescia hinterlassen hat: eine resignierte Fanszene, ein entleerter Verein, eine entfremdete Stadt.
Besonders kritisch sehen die Ultras die zunehmende Entkopplung des Vereins von seiner Fanbasis. Junge Menschen hätten sich abgewendet, die emotionale Bindung zum Verein sei in vielen Teilen der Stadt geschwächt. Statt Brescia aufzubauen, habe Cellino laut der Fans das Gegenteil erreicht: Er habe Vertrauen verspielt, die Kultur im Stadion untergraben und zentrale Werte missachtet.

Auch konkrete Vorfälle aus der Vergangenheit werden von der Fanszene als Beleg für Cellinos fragwürdige Führung angeführt. So wurde in der Saison 2019/2020 – Brescias einzigem Jahr in der Serie A unter seiner Führung – die aktive Szene durch restriktive Ticketregelungen ausgeschlossen. Spiele mussten verpasst werden, weil Tickets entweder nicht zugänglich oder unerschwinglich waren. Besonders schwer wog für viele Fans die Tatsache, dass bei einem Heimspiel gegen den AC Mailand ein großer Teil der Karten an Gästefans ging – ein Affront in einer Stadt, in der der Fußball eine Herzensangelegenheit ist. Zusätzlich blieb in dieser Saison die Verpflichtung bestehen, beim Kauf einer Dauerkarte auch eine Fancard zu besitzen – ein Ausschlusskriterium für viele organisierte Fans, die sich grundsätzlich gegen die Tessera del Tifoso aussprechen. Eine Entkoppelung der beiden wurde trotz Möglichkeit bewusst nicht vorgenommen.
Trotz aller Rückschläge richten die Ultras ihren Blick auf das große Ganze: auf ein System, das Vereine wie Brescia anfällig macht für Misswirtschaft, und auf einen Fußball, der sich zunehmend von seinen Wurzeln entfernt.

Mit ihrer Haltung setzen die Ultras Brescia 1911 ein klares Zeichen: Für sie geht es nicht um kurzfristige Erfolge, sondern um langfristige Glaubwürdigkeit, Zusammenhalt und Prinzipien. Nun hoffen sie, dass mit dem baldigen Ende der Ära Cellino ein neues Kapitel beginnt – eines, das den Verein wieder näher zu seinen Wurzeln führt.
Bereits am morgigen Donnerstag wird über einen möglichen Punktabzug von Brescia entschieden. Laut Gerüchten könnten Brescia bis zu 4 Punkte abgezogen werden, was somit den direkten Abstieg in die Serie C bedeuten würde. Davon profitieren würde Sampdoria Genua, die so doch noch auf einen Relegationsplatz rutschen würden.
(Faszination Fankurve, 28.05.2025)
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