Vergangenes Wochenende trafen im Rahmen eines Testspiels in Chorzow die polnische Nationalmannschaft und die aus Moldawien aufeinander. Der Spieltag war dominiert von Konflikten innerhalb der polnischen Fanszene. Außerdem stand wenige Tage später die weite Auswärtsfahrt nach Helsinki anlässlich der WM-Qualifikation 2026 an, wo die Szenen sich erneut als reisefreudig präsentierten. Durch einen Streit zwischen Trainer Probierz und Star Lewandowski, fehlte der Stürmer im wichtigen Spiel.
06.06. / Polen – Moldawien / Testspiel
Die „unerwünschte Koalition“
Höchstbrisant ging es vergangenen Freitag beim Länderspiel in Polen zu. Nicht wegen dem Gegner aus Moldawien, sondern wegen neuaufkommenden Machtspielchen innerhalb der polnischen Fanszene zu den Partien der Nationalmannschaft. Seit Jahrzehnten kommt es dabei immer wieder Ärger.
Eigentlich halten die Szenen seit einigen Jahren an diesen Spieltagen zusammen und treten gemeinsam für Polen auf. Viele Jahre ging das nach der Jahrtausendwende gut, ehe 2016 zur EM in Frankreich die damals neu formierte Koalition um Ruch Chorzow, Wisla Krakow, Widzew Lodz und Elana Torun Personen von verfeindeten Szenen angriff.
Nachdem diese Koalition aufgrund polizeilicher Ermittlungen mit anderen Problemen konfrontiert war, beruhigte sich die Lage etwas. Bis 2019 Widzew Lodz mit einem großen Mob nach Skopje zum Länderspiel gegen Nordmadzedonien anreiste. Eigentlich war die Truppe auf Versöhnung aus, doch viele Allesfahrer der Länderspielszene gingen damit nicht konform. Es folgten Ausschreitungen, Festnahmen und am Ende verlor Widzew auf der Heimreise sogar noch die frisch gemalte „Widzew Polska“-Zaunfahne an den Stadtrivalen LKS. Eigentlich werden in Polen keine Fahnen mit dem polnischen Adler geklaut, doch LKS argumentierte in diesem Fall, dass Widzew das Verwenden aufgrund früherer Vorfälle nicht verdient.

Danach kehrte wieder etwas Ruhe ein. Zwar gab es immer noch kleinere Vorfälle, insbesondere mit Szenen, die man der WRWE-Koalition (steht für: Widzew Ruch Wisla Elana) zuordnet. Ein großer Knall wie in Skopje blieb bislang allerdings aus.
In den 90er Jahren trug die polnische Nationalmannschaft ihre Heimspiele oft in Oberschlesien aus. Weil viele sich in dieser Region als „Oberschlesier“ und nicht als Polen betrachten, war somit in dieser eh schon wilden Zeit beim Erscheinen anderer Szenen in Chorzow oder Zabrze Ärger vorprogrammiert. Aber schon da gab es auch, unabhängig von dieser Thematik, Probleme zwischen damals schon existierenden Koalitionen.
In den Jahren danach wurde das Stadion Slaski (die traditionelle Heimspielstätte von Ruch ist übrigens ein anderes Stadion) in Chorzow saniert und die Spiele meist in anderen Teilen des Landes ausgetragen. Nach über drei Jahren sollte nun wieder ein Spiel der Nationalmannschaft im Süden Polens stattfinden. Ausgerechnet in Chorzow, deren Szene seit Jahrzehnten mit Widzew befreundet ist.
Zusätzlich Spannung kam auf, weil es der WRWE-Achse samt Umfeld weiterhin verboten ist, die Spiele der Nationalmannschaft zu besuchen. Die Gegenseite, angeführt von LKS Lodz und Lech Poznan, bereitete sich somit auf einen möglichen Konflikt vor und zu diesem kam es auch.
Am Spieltag formierten sich beide Parteien zeitig im Großraum Chorzow/Katowice. Mehrfach wechselte man den Standort, in der Hoffnung dem Feind zu begegnen.
Irgendwann startete die Bande um Lech & LKS (samt den Freunden bzw. nahestehenden Szenen wie Cracovia Krakow, GKS Tychy, GKS Belchatow, KSZO Ostrowiec und Gornik Konin) am alten Stadion von GKS Katowice und lief, einheitlich in weiß gekleidet, einmal quer durch den gigantischen Park Slaski in Richtung aktueller Heimspielstätte (weil das eigentliche Stadion sanierungsbedürftig ist) von Ruch – die Stadien der beiden Rivalen sind quasi nur durch den Park Slaski voneinander getrennt.

Die Gegenseite tauchte zu dieser Zeit direkt am Stadion Slaski auf und positionierte sich an den Eingängen. Ein riesiges Banner wurde ausgerollt, mit der übersetzten Aufschrift „ungewünschte Koalition“ samt den Vereinslogos von Widzew, Ruch, Wisla und Elana sowie KKS Kalisz, Unia Oswiecim und Pogon Szczecin. Letztgenannte verkündeten erst vor kurzem die nun offiziellen Kontakte zu Ruch sowie Wisla und Widzew.

Am Ende verhinderte ein massives Polizeiaufkommen ein direktes Aufeinandertreffen. Die „unerwünschte Koalition“ wurde von den Cops verdrängt. Ein Dutzend Allesfahrer aus Szczecin trotzte allerdings die neue Zugehörigkeit der eigenen Truppe und ging losgelöst von der Koalition ins Stadion. Dort stieß man allerdings auf wenig Gegenliebe und flog hochkant aus dem Stadion.

Vor einigen Monaten hat sich außerdem eine Art Gruppe namens „To my Polacy“ (übers. Wir sind die Polen) gegründet. Ähnlich wie in Deutschland war die Stimmung bei den Länderspielen (insbesondere zuhause) auf dem Nullpunkt und so war auch der Verband bemüht da was zu verändern. Die Gruppe wurde übrigens von Leuten gegründet, die keiner Szene angehören. Durch gemeinsame Treffen vor den Spielen und optischen Aktionen wie bspw. Fähnchen sowie koordinierter Stimmung, versuchte man frischen Wind reinzubringen, aber die Ergebnisse fallen bislang recht bescheiden aus.

10.06. / Finnland – Polen / WM-Qualifikation
Bittere Niederlage im Kampf um die WM-Qualifikation vor reisefreudigem Anhang, jedoch ohne Lewandowski
Nur vier Tage später stand bereits das nächste Spiel der Nationalmannschaft an. Im Rahmen der WM-Qualifikation trafen in Helsinki Finnland und Polen aufeinander. Bekanntlich verfügen viele Szenen in Polen über eine Allesfahrer-Szene bei der Nationalmannschaft und so überrascht es nicht, dass mehrere Hundert Kibice den Weg nach Helsinki auf sich nahmen. Hinter den vielen Zaunfahnen stecken also nicht wie in Deutschland Einzelpersonen oder gewöhnliche Fanclubs dahinter, sondern die jeweilige Fahne repräsentiert die gesamte Stadt und ihre Hooligans.
Diesmal gab es keinen offensichtlichen Ärger innerhalb der polnischen Szenen. Dafür kassierte man auf dem Rasen eine schmerzhafte Niederlage im Kampf um die WM-Teilnahme 2026, die in Kanada, Mexiko und USA.
Für Unmut sorgte vorab die Entscheidung von Star Robert Lewandowski, nicht mehr für die Nationalmannschaft unter Trainer Michal Probierz (früher für Uerdingen und Wattenscheid gespielt) auflaufen zu wollen. Vorangegangen war ein Konflikt zwischen den beiden, der bei Robert Lewandowski laut eigener Aussage zu einem Vertrauensbruch führte.
Lewandowski hat 158 Länderspiele für Polen absolviert und dabei 85 Tore erzielt. Nach der Niederlage in Finnland gestern gab es lautstarke Rufe gegen den Trainer Probierz und pro Lewandowski. Das war auch das bestimmende Thema des Tages in den Medien und die Kritik, dass er vorerst nicht gefeuert wurde, sondern der Verband an ihm festhält. Gestern Abend verkündete man dann allerdings, dass Probierz zurücktritt. So müsste Lewandowski bald sein Comeback verkünden.
Am 07. September bestreitet Polen das nächste Heimspiel. Der Austragungsort für die Partie gegen Finnland steht allerdings noch nicht fest.
Für weitere Informationen zur polnischen Fanbewegung empfehlen wir die Ausgaben des Polska Kibolska-Magazins. Vor kurzem erschien außerdem ein Sonderband, gefüllt mit spannenden Interviews mit Schwergewichten der polnischen Fanlandkarte wie Lech Poznan oder Jagiellonia Bialystok.
(Faszination Fankurve, 12.06.2025)
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