Racing Strasbourg vs. FC Nantes – Impressionen vom Duell zweier Szenen im Kampf gegen die Ausbeutung ihrer Vereine

01.10.2025

Faszination Fankurve 0 Kommentare

Foto: Faszination Fankurve

Racing Strasbourg und der FC Nantes sind zwei große Namen des französischen Fußballs, die sich immer wieder auch auf internationaler Bühne zurückmelden. Seit einiger Zeit stehen die jeweiligen Fanszenen im Kampf gegen die Besitzer ihrer Vereine. Wir blicken in diesem Artikel auf diesen Kampf sowie auf das Aufeinandertreffen beider Mannschaften.

Als im Juni 2023 Racing Strasbourg einen Vertrag mit der Investmentgruppe BlueCo unterschrieb, änderte sich das Klima innerhalb des Vereins und seiner Anhängerschaft. Todd Boehlys Investmentgruppe pumpte seitdem viel Geld in den Klub, allerdings zu einem hohen Preis. So gehören seitdem nahezu 100 % der Vereinsanteile BlueCo. Zu Boehlys Portfolio gehört auch der Chelsea FC, der am meisten von diesen Strukturen profitiert. Teuer eingekaufte Jugendspieler werden in Straßburg ausgebildet und fit für den Wechsel nach London gemacht. Parallel bleibt die eigene Nachwuchsakademie zunehmend auf der Strecke.

Seitdem befinden sich die Ultra’ Boys Strasbourg 1990 im Kampf gegen diese Entwicklungen. Unter dem Motto „BlueCo Out!“ boykottieren UB90 die ersten 15 Minuten jedes Spiels. Spruchbandaktionen und Zaunfahnen verdeutlichen zusätzlich den Unmut.

Einige Worte zu dieser Thematik haben UB90 auf ihrer Webpräsenz veröffentlicht:

[grau]MOC (Multi Ownership) geht oft mit Satellitenclubs einher. Wenn ein Eigentümer mehrere Clubs besitzt, dienen diese häufig dazu, einen Flaggschiff-Club zu unterstützen, sei es durch ihre Infrastruktur oder durch sportliche Machenschaften. Dieses Pyramidensystem ermöglicht es, die Fairplay-Regeln auf europäischer Ebene oder die DNCG auf nationaler Ebene zu umgehen. In Frankreich ist der Kauf von Nuamah durch Lyon über Moienbeek, einen ebenfalls zu Textor gehörenden Verein, während der Verein mit finanziellen Sanktionen belegt war, das aussagekräftigste Beispiel.

In Straßburg stehen wir dem in nichts nach, denn auch wenn die Finanzen des Vereins nicht gerade rosig sind, ermöglichen die Leihgaben von Angelo Gabriel im Sommer und Andrew Santos im Winter Chelsea, seine jungen Spieler dank der Infrastruktur und des Personals im Elsass weiterzuentwickeln. Die Umgehung dieser Instanzen kann letztendlich dazu führen, dass die Nachhaltigkeit der Vereine, die insbesondere durch die DNCG gewährleistet wird, geopfert wird, indem die Finanzen eines als unbedeutend geltenden Vereins geopfert werden, um den Vorzeigeverein zu unterstützen. Auch hier können wir das französische Beispiel von Troyes nehmen, das sich im Besitz der City Group befindet und übermäßige Transfers zugunsten von Manchester City tätigt.
Dieser Punkt ist nur eine der zahlreichen Gefahren, die das Teilzeitnutzungsrecht mit sich bringt. Deshalb ist es wichtig, es in all seinen Formen zu bekämpfen.

Vor wenigen Tagen veröffentlichte man anlässlich der neuen Saison sowie des 35-jährigen Bestehens der Ultra’ Boys ein weiteres Communiqué. Darin wird berichtet, dass die Feierlichkeiten im November bzw. März ihren Höhepunkt erreichen sollen, zuvor jedoch bereits unterschiedliche Aktionen stattfinden. Gleichzeitig betonen die Ultras, dass der 15-minütige Boykott bei jedem Spiel fortgesetzt wird.

[grau]Die Ultra’ Boys 90 feiern in dieser Saison ihr 35-jähriges Jubiläum

Zu diesem Anlass finden zahlreiche Veranstaltungen statt, deren Höhepunkt das Heimspiel gegen Lille am Wochenende des 9. November 2025 und die Reise nach Auxerre am Wochenende des 8. März 2026 sind.

Wir möchten auch unsere Position für die kommende Saison klarstellen. Die Probleme, die wir seit der Machtübernahme von BlueCo haben, haben sich während dieser Sommerpause keineswegs verbessert. Im Gegenteil: Die bisherige Entwicklung beweist bis zum Absurden, dass Racing kein Verein mehr ist, der Entscheidungen in seinem eigenen Interesse trifft. Wir erleben das Gegenteil, eine Flucht nach vorn, bei der Chelsea das Ruder zum Nachteil der Unabhängigkeit unseres Vereins übernommen hat. Das Versprechen von Behdad Eghbali, uns vor Ende des Jahres zu einem formellen Gespräch zu treffen, wurde offensichtlich nicht eingehalten. Man kann die Verachtung, die die Straßburger Fans gegenüber der Vereinsführung empfinden, gut nachvollziehen.

Das Problem des Miteigentums ist tiefgreifend. Es handelt sich um eine destruktive Logik, die historische Vereine in austauschbare Teile eines globalisierten Portfolios verwandelt, und dieses System verbreitet sich zunehmend. Unsere Gesetzgeber müssen sich schnell dieses Themas annehmen, um den damit verbundenen Auswüchsen ein Ende zu setzen. Wir haben uns immer für einen bodenständigen, populären Fußball eingesetzt, der von lebhaften Tribünen und einer einzigartigen Geschichte getragen wird. Heute versucht man, uns ein Modell aufzuzwingen, bei dem die Vereine wie Fast-Food-Franchises geführt werden. Es ist unsere tiefe Überzeugung, unsere Spieler zu unterstützen, aber auch zu kämpfen, wenn die Institution bedroht ist.

Dieses doppelte Engagement, das für manche paradox erscheinen mag, ist jedoch das Fundament unseres Handelns. Wir haben uns immer für das eingesetzt, was wir für richtig und am besten für den Verein und die Situation in Frankreich und Europa hielten. Wir werden uns nicht verleugnen. Die aktuellen Sportergebnisse dürfen uns nicht blenden oder unseren Kampf beeinträchtigen, der weit über den Moment und die kurzfristigen Visionen dessen, was Racing auf dem Spielfeld bietet, hinausgeht. Was in unserem Verein vor sich geht, ist zu ernst, als dass wir so tun könnten, als wäre alles in Ordnung, während der authentische Fußball stirbt. Wir werden weiterhin alle Auswüchse des Miteigentums und der Einmischung in unseren Verein anprangern. Daher wird die Viertelstunde Schweigen zu Beginn des Spiels bis auf Weiteres beibehalten.

Wir erinnern noch einmal daran, dass es jedem freisteht, sich unserem Kampf anzuschließen oder nicht. Es steht jedem frei, diese 15 Minuten der Stille zu befolgen oder nicht. Das Thema ist wichtig, und wir sind uns bewusst, dass es die Fans spaltet. Die Meinungen können auseinandergehen, man kann darüber diskutieren, aber mit gegenseitigem Respekt. Im Stadion wie auch in den verschiedenen sozialen Netzwerken hat jeder das Recht, eine Meinung zu haben und diese ohne Angst zu äußern. Aber der Respekt gegenüber jedem Einzelnen darf darunter niemals leiden. Beleidigungen und andere Provokationen haben unter den Fans von Racing keinen Platz. Wir achten darauf, dass jeder respektiert wird und sich frei äußern kann. Dasselbe Verständnis erwarten wir auch von denen, die unsere Arbeit nicht unterstützen. Wir stehen übrigens allen, die sich austauschen möchten, an unserem Tisch zur Verfügung. Zahlreiche Unterlagen, die zum Verständnis der Gefahren von Mehrfachbesitz erforderlich sind, finden Sie auf unserer Website.

Vorwärts, Racing!

Das erste Heimspiel der neuen Spielzeit fand im Rahmen der Conference-League-Play-offs vor wenigen Tagen gegen Bröndby IF statt. Hier zeigte man eine Choreografie anlässlich des Jubiläums und schwieg zuvor 15 Minuten – Faszination Fankurve berichtete.

Nur drei Tage später stand das erste Heimspiel in der Ligue 1 an: Am Sonntagabend gastierte der FC Nantes im Elsass. Zwischen beiden Szenen existiert keine ausgeprägte Rivalität – und so setzten sie in den ersten 15 Minuten gemeinsam ein Zeichen. Schon zuvor zeigten UB90 ein Spruchband gegen den Besitzer des FC Nantes.

Denn auch in Nantes richtet sich der Protest gegen die Vereinsführung, konkret gegen Präsident Waldemar Kita. Dieser ist seit 2007 Eigentümer des FCN, wird jedoch seit Jahren massiv für das schwache Clubmanagement kritisiert. Bereits Ende 2020 kam es im Rahmen des Heimspiels gegen Dijon zu einer spontanen Demonstration gegen Kita, die in Auseinandersetzungen mit der Polizei endete. Zum Saisonauftakt gegen PSG zog Kita erneut den Unmut der Fans auf sich, als er den Parisern öffentlich zum Champions-League-Sieg gratulierte.

Als am 24. August Racing Strasbourg den FC Nantes empfing, schwieg die Virage Ouest in den ersten 15 Minuten. Auch die rund 500 Gästefans, die über 900 Kilometer Anreise auf sich nahmen, beteiligten sich daran.

Während des Schweigens wurden gemeinsame Spruchbandaktionen gezeigt. In der Heimkurve war ein Banner mit der Aufschrift „Kita, verpiss dich!“ zu sehen, während im Gästeblock die Transparente „BlueCo Out!“ sowie „Nein zu Multi Ownership!“ präsentiert wurden.

Danach starteten beide Szenen in den Support. In der Heimkurve präsentierte man eine Choreografie, die das 35-jährige Jubiläum der Ultra’ Boys Strasbourg aufgriff. Genauer gesagt war sie angelehnt an eine populäre französische Fernsehsendung zur Wissenschaftsbildung. Auf dem Spruch stand: „Aber sag mal, Jamy, was feiern wir in dieser Saison?“ – und der Moderator sagte den Geburtstag der UB90 vorher.

Bereits drei Tage zuvor, im Spiel gegen Bröndby, hatte es eine ähnliche Jubiläums-Choreo gegeben. Diese hatte den Europacup als Thema. Auf dem Spruchband gegen Bröndby stand: „In meinen Träumen entführt mich mein Verein und bringt mich weg.“ Die Referenz hierbei ist ein Song aus dem Jahr 2006 (Diam’s – Jeune demoiselle).

Unterstützung bekam man heute von einer größeren Abordnung der Freunde vom Karlsruher SC, die auch optisch präsent waren.

Im Gästeblock dominierten nach dem Schweigen unzählige Schwenkfahnen sowie die überdimensionalen Buchstaben „F“, „C“ und „N“. Zu Wiederanpfiff folgte eine Pyroaktion mit rund zwei Dutzend Fackeln.

Sportlich konnte Racing Strasbourg vor 22.468 Zuschauern den zweiten Sieg der Saison einfahren. Aufgrund von Bauarbeiten blieb die Gegengerade geschlossen, weshalb nicht mehr Fans in den Heimbereich durften.

In den Wochen nach dieser Partie kam im anhaltenden Konflikt gegen den eigenen Verein keine Ruhe auf – im Gegenteil. Vor allem in Straßburg eskalierte die Situation weiter. Seit dem Heimspiel gegen Olympique Marseille (26.09.2025) hängen in der Heimkurve nahezu keine Zaunfahnen mehr – einzig ein paar wenige Doppelhalter der Gruppen und Sektionen sowie die Fahne, welche den Kampf der Fans von Racing gegen die aktuelle Situation unterstreicht.

Weitere Informationen zu den Kurven aus Straßburg und Nantes erfahrt ihr in einer der bald erscheinenden Ausgaben von ERLEBNIS FUSSBALL.

(Faszination Fankurve, 02.10.2025)

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