Das Winterpausen-Interview – Teil 8„Der Block E wächst langsam aber sicher“

Faszination Fankurve 09.01.2007 0 Kommentare

Die Fans des von der Kreuzeiche haben im letzten halben Jahr viel erlebt. Beinahe-Konkurs, Aufstieg und einen fraglichen Polizeieinsatz, der zu einem Spielverzicht führte. Stadionwelt befragte Fabian Maier von der Szene E zur aktuellen Situation.

Stadionwelt: Im Dezember war bei Euch der Polizeieinsatz vor dem Spiel beim VfB Stuttgart II, aufgrund dessen ihr auf das Spiel verzichtet habt und wieder heimgefahren seid, das große Thema. Was gibt es Neues in der Sache?
Maier: Nach dem Stuttgart-Spiel hatten wir wenige Tage später eine Fanini-Sitzung (Anm. d. Red.: Fanini = Faninitiative Reutlingen) einberufen, in der wir neben einigen anderen Dingen lange über den Vorfall sprachen. Dort beschlossen wir, in der folgenden Woche nach dem Spiel gegen Ingolstadt eine Pressekonferenz einzuberufen, bei der Vertreter der Szene E, des Vereins, Fan- und Sicherheitsbeauftragte und Polizei eingeladen waren. Beim Heimspiel gegen Ingoldstadt sperrten wir den Block E, die erste Viertelstunde hingen alle Fahnen im Stadion verkehrt herum und wir hatten 90 Minuten ein „Freiheit-für-die-Kurven“-Banner vor dem Block. Die ersten 15 Minuten herrschte Totenstille im Stadion, und als wir dann den Block betraten gab es vom gesamten Stadion Standing Ovations. Für uns ein sehr gutes Gefühl und ein klares Zeichen an alle Institutionen, die uns bekämpfen oder nicht im Stadion haben möchten. Während des Spiels zeigten wir noch verschiedene Protestspruchbänder.

Über die Pressekonferenz habt ihr ja schon berichtet und auch die sonstige Resonanz war ganz positiv. Zwar waren keine Pressevertreter von überregionalen Blättern vor Ort und die Polizei Stuttgart sowie die Polizei Reutlingen ließen sich ebenfalls entschuldigen, aber beide Reutlingern Zeitungen berichteten am nächsten Tag ebenso wie das regionale Fernsehen, also konnte hier lokale Aufklärungsarbeit gemacht werden und die Kritik an dem Einsatz kam in der Öffentlichkeit an. Die Polizei Reutlingen lud kurz darauf zu einem klärenden Gespräch ein. Wir als Szene E lehnten dies für uns jedoch ab, weshalb dann andere Vertreter der Fanini teilnahmen. Den Aussagen der Polizei zufolge sind zwar alle sehr positiv angetan von unserem Auftreten in den Stadien und können den Einsatz in Stuttgart nur bedingt verstehen, aber kaufen können wir uns davon herzlich wenig.

Stadionwelt: Warum kam es ausgerechnet beim VfB Stuttgart, zu dessen Fans ihr freundschaftliche Kontakte pflegt, zu so einem Polizeieinsatz?
Maier: Das können wir uns auch nicht wirklich erklären. Bisher sind wir bei Spielen in Stuttgart eigentlich nicht wirklich negativ aufgefallen. Es ist jedoch durchaus möglich, dass die überaus fanfeindliche Polizei Stuttgart eine Art Retourkutsche gegen die befreundeten VfB-Fans fahren wollte, weil diese sich trotz vieler Drangsalierungen und Diffamierungen seitens der Polizei nicht unterkriegen lassen und ihr Ding durchziehen.

Stadionwelt: Der SSV Reutlingen spielt nach einigen Oberliga-Jahren nun das erste Mal wieder in der Regionalliga und behauptet sich dort recht gut. Welche Bilanz zieht ihr nach der bisherigen Saison aus Fansicht?
Maier: Bis jetzt sind wir durchaus glücklich mit der Halbserie. Die Mannschaft steht sehr gut da. Wer hätte sich erträumen lassen, dass wir nach dem fünften Spieltag kurzzeitig Tabellenführer sind? Aus Fansicht ist natürlich die Gründung und Etablierung der Fanini zu nennen und auch sonst sind wir recht zufrieden mit der Entwicklung. Der Block E wächst langsam aber sicher, da wir immer mehr junge SSV-Fans Bock haben und die ihrer Leidenschaft freien Lauf lassen. Auswärts sind wir auch recht zufrieden mit unserem Auftreten. Wir als Gruppe, aber auch die gesamte Fanszene entwickelt sich langsam aber kontinuierlich weiter.

Stadionwelt: Im letzten Sommer habt ihr die Aktion „Wir alle sind der SSV“ zur finanziellen Rettung eures Vereins gestartet. Wie sieht die finanzielle Lage an der Kreuzeiche inzwischen aus? Hat die Aktion die Bindung zwischen Verein und Fans intensiviert?
Maier: Der SSV konnte in den letzten zwei Jahren seinen Schuldenberg von über fünf Millionen auf 200.000 Euro drücken und ist wohl erstmal über den Berg. Natürlich schwimmt der Verein weiterhin nicht im Geld und muss jeden Cent zweimal umdrehen, aber zumindest die drohende Insolvenz ist vom Tisch. Bleibt zu hoffen, dass die SSV-Verantwortlichen aus den vielen Fehlern der Vergangenheit gelernt haben und nun weiter seriös und weitsichtig arbeiten. Auch die Verpflichtung eines neuen Managers aus der ersten Basketball-Liga zeigt, dass der SSV als Betätigungsfeld noch interessant ist und die Leute bei uns eine Perspektive sehen. Inwiefern diese Personalie sich auch aus Fansicht positiv auswirkt oder eher Gefahren durch seine Eindrücke aus dieser durch und durch kommerzialisierten US-Sportart birgt, werden wir natürlich im Auge behalten und notfalls versuchen regulierend einzugreifen.

Die Initiative „Wir alle sind der SSV“ hat letzte Saison durch viele Ideen und großes persönliches Engagement dazu beigetragen, rechtzeitig das nötige Geld zu besorgen. Auf die damals angefangenen Strukturen haben wir weiter aufgebaut und nun sind die maßgeblichen Personen von damals als Führungspersonen in der Faninitiative fest installiert. In regelmäßigen Abständen halten wir Sitzungen ab, zu denen alle SSV-Fans eingeladen sind um Ideen und Vorschläge mit einzubringen. Desweiteren ist ein Verantwortlicher aus dem Verwaltungsrat ebenfalls fester Beisitzer, also ist die Bindung zum Verein gegeben. Auch nach den Stuttgart-Vorfällen hat man die Unterstützung seitens des Vereins zu spüren bekommen und zum jetzigen Zeitpunkt steht die SSV-Familie dicht beisammen.

Stadionwelt: Im vergangenen Jahr sind bei euch neben den nationalen Freundschaften auch Kontakte nach St. Gallen entstanden. Wie kam es dazu und wie sind die Kontakte einzuordnen?
Maier: Im Januar 2006 hatten wir in Reutlingen ein Blitzturnier mit dem VfB Stuttgart und dem FC St. Gallen. Damals waren so 10 bis 15 Ostschweizer im Kreuzeichestadion. Nach dem Turnier durfte eine handvoll mit in den Keller (Anm. d. Red.: Räumlichkeit der Szene E), wodurch sich ein paar Gespräche ergaben. In den Wochen darauf fuhren unsere jüngeren Mitglieder zu ein, zwei Spielen der Espen und knüpften erste lose Kontakte zu den Green Fires. Später wurden wir zu ihrem Dachverbandturnier eingeladen und lernten weitere St. Galler Gruppen kennen. Wir wurden dort sehr herzlich aufgenommen und fühlten uns gleich wohl. Seitdem häufen sich die gegenseitigen Besuche und wir sind auf unsere Jungs und Mädels aus SG mindestens genau so stolz wie auf die Stuttgarter und Bonner Kollegen. (Stadionwelt, 08.01.2006)

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Bild: www.szene-e.de
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