Jost Glaeseker (33) ist Fan des VfB Oldenburg. Wer glaubt, dass sich die Anhänger des Fünftligisten den ganzen Tag voller Frust fragen, was sie bei der Clubwahl falsch gemacht haben, wird sich über das Gespräch mit der Stadionwelt wundern.
Stadionwelt: Am Ende der letzten Saison haben etwa 1.000 bis 1.500 Fans den VfB zum Entscheidungsspiel nach Ramlingen/Ehlerhausen in die Nähe von Hannover begleitet. Für die fünfte Liga ist das eine mehr als außergewöhnliche Zahl.
Glaeseker: Es sollen sogar 1.600 gewesen sein. Mehrere Faktoren tragen zu einer solchen Zahl bei: Der Termin am Vatertag und die Konstellation eines Quasi-Endspiels waren natürlich günstig. Zusätzlich gibt es neben den Event- und Vatertagstouristen glücklicherweise immer noch viele, die zwar nicht mehr regelmäßig im grauen Alltag ins Stadion wandern, aber durchaus noch in den Erinnerungen erfolgreicherer Zeiten schwelgen können und wollen.
Stadionwelt: Dieser Tage geisterte ein Stadionneubau durch die Oldenburger Medien. Noch dazu im Stadtteil Donnerschwee – dort stand das legendäre Stadion „Donnerschwee“, die ehemalige „Hölle Nord“. War das nur eine Meldung, die das Winterpausenloch gefüllt hat oder ist mehr dran?
Glaeseker: Diese Diskussion ist aus Sehnsucht immer wieder Sommer- und Winterloch-Füller. Also waren und sind durchaus viele skeptisch. Allerdings wurde diese Thematik noch nie derart von außen forciert, was letztendlich zum zahlreichen Träumen anregt. Der Begeisterungsgrad bewegt sich vom Laien mit grenzenloser Euphorie bis zum „Erfahrenen“ mit eher abwartender Haltung. In der aktuellen Phase ist üblicherweise fast alles reine PR. Dagegen spricht aber auch nichts, wenn es letztendlich funktionieren sollte und unser Verein oder die Fanszene daran keinen Schaden nehmen würden.
Stadionwelt: Wie stünde die Fanszene zu einer „Neuen Heimat“?
Glaeseker: Neben der aktuellen Ligazugehörigkeit ist wohl das städtische Marschwegstadion in leicht modernisierter Variante eines typisch deutschen Leichathletik-Stadions der größte Klotz am Bein beim Vergrößern der Fanunterstützung. Also stehen wir einem möglichen Umzug in ein reines Fußballstadion mit gewissen Standards grundsätzlich sehr positiv gegenüber. Allerdings befinden wir uns auf Vereinsebene nach Abstiegen und Insolvenz seit knapp zwei Jahren in einem auf allen Stufen unheimlich positiven Neuaufbau, der letztlich allen wesentlich mehr wert ist, als ihn Hals über Kopf für eine übermäßige Konzentration auf Noch-Luftschlösser zu opfern. Kurz gesagt: Je mehr sich abzeichnet, dass wir wirklich davon profitieren, umso mehr sind wir auch bereit, unser Engagement zu erhöhen.
Stadionwelt: Erhofft man sich eventuell sogar Mitspracherechte in Bezug auf Bau und Gestaltung?
Glaeseker: Erhoffen trifft es nicht ganz. Wir werden versuchen, unsere Mitsprache im Notfall zu erkämpfen. Bei einer reellen Umsetzung eines solchen Stadionprojekts wäre unser Fanalltag derart immens betroffen, dass wir gar nicht anders könnten als uns massiv einzubringen. Zu oft haben ja auch wir miterlebt, wie durch Neu- oder Umbauten an anderen Standorten Fan-Freiheiten bedroht oder eingeschränkt wurden bzw. werden. Es wäre geradezu fahrlässig, dann mit Naivität oder falscher Gelassenheit die Diskussion nur halbherzig anzugehen. Aus unserer Sicht wäre es aber ebenso fahrlässig, auf Seiten der Initiatoren auf unser facettenreiches Stadion-Know-how zu verzichten. In anderen Bereichen wird unheimlich viel Geld in Marktforschung gesteckt. Hier drängt sich der Kunde geradezu auf, um das Produkt zu verbessern. Das müssen wir nur eindringlich logisch kommunizieren. Die Aussagen der Initiatoren gehen durchaus in die Richtung, dass man natürlich gewillt sei, eine „Hölle des Nordens“ zusammen mit den Fans wieder zu beleben. Allerdings, wie gesagt, ist derzeit alles noch PR. Sehr erfreulich ist für uns hierbei und im Allgemeinen die nahezu perfekte und „gelebte“ Verzahnung des aktiven Teils der Fanszene mit unserem wirklich tollen Vorstand.
Stadionwelt: Gibt es schon irgendwelche spruchreifen Initiativen bezüglich des Stadions?
Glaeseker: Wir möchten und werden alles nutzen, was parallel zum Engagement im Ligaalltag und Vereinsleben vom Aufwand her möglich ist. Es sind zwar erst drei Wochen mit einer unheimlich rasanten Entwicklung vergangen, aber Ideen sammeln sich durchaus schon an. Was davon wann und wie umgesetzt wird, hängt natürlich von der aktuellen Situation ab. Eine Website wird es aber als grundsätzliche Info-Ressource definitiv geben. Die Struktur dazu steht bereits. Allerdings möchten wir mit Hand und Fuß argumentieren und lassen uns lieber einige Tage mehr Zeit, als halbgaren Klamauk zu veröffentlichen. Das wird hoffentlich in den nächsten Tagen soweit sein.
Stadionwelt: Wie ist das Verhältnis zum mittlerweile übermächtigen Nachbarn aus Bremen?
Glaeseker: Aufgrund der riesigen sportlichen, strukturellen und finanziellen Diskrepanz wäre der Begriff „Verhältnis“ für viele wohl schon zu viel. Von Vereinsseite präsentiert sich natürlich an der Oberfläche alles den „Rollenklischees“ entsprechend moderat. Aber unser Verein hat sich ein eigenes Selbstverständnis bewahrt und will eben nicht nur ein devoter Zulieferer junger Talente sein. Ein aktueller Beweis dafür ist zum Beispiel der Aufbau eines professionellen Jugendleistungszentrums, um die Jugend aus dem Umland wieder stärker an den VfB zu binden. Und zumindest unsere A-Jugend könnte bereits in einem halben Jahr in der gleichen Liga wie Werder spielen.
Stadionwelt: Gibt es viele Werder-Fans in Oldenburg? Wieweit hat die Oldenburger Szene damit zu kämpfen?
Glaeseker: Ja, das ist das Joch der überdrehten Fernsehpräsenz einer Handvoll von Bundesligisten. Für viele junge Leute wird Fußball und vor allem Fanszene im Nordwesten fast automatisch mit Werder Bremen in Verbindung gebracht. Dagegen kommen wir mittelfristig mit der stark eingeschränkten, lokalen Medienwelt und deren sporadischer Bereitschaft, über uns zu berichten, kaum an. Insofern kann allein die Diskussion um den Stadionbau schon von Vorteil sein. Umso diebischer freuen wir uns jedes Mal, wenn zufällige Beobachter doch einigermaßen erstaunt sind, wie hier eine passable Anzahl Verrückter einem Fünftligisten ihren Feierabend und ihr Wochenende widmen, wo doch das Wirken 50 Kilometer weiter östlich so leicht sein könnte. Aber wird sind inzwischen einfach stolz darauf, was wir zum Erhalt und zur Gesundung unseres „Local Clubs“ beitragen konnten und vor allem durften. Eben selbstbestimmt konträr zum reinen Konsum der riesigen Schar von Fernseh-Fußballfans.
Stadionwelt: Wie war das Pokalspiel gegen den alten Rivalen aus Osnabrück?
Glaeseker: Nett. Trotz der verdienten 0:3-Niederlage gegen den zwei Klassen höher spielenden Gegner waren irgendwie alle wieder glücklich, sich einen Schlagabtausch auf Support-Ebene mit einer nennenswerten Fanszene liefern zu dürfen. Das fehlt doch arg im Alltag der Niedersachsenliga. Nach dem Match wurden dann auch verbal gewisse Gemeinsamkeiten quer durchs Stadion artikuliert. Es gab zum Beispiel Kritik an den Ligazusammensetzungen. Aber keine Angst, die Rivalität bleibt bestehen.
Stadionwelt: Die alten Rivalen spielen allesamt höherklassig. Mit dem VfL gibt es allerdings einen Stadtrivalen, der zumindest sportlich an der Vormachtsstellung des VfB kratzt. Erzähl bitte etwas zu den Grünen aus Oldenburg.
Glaeseker: Nö. Je mehr Infos über die uns erfolglos imitierenden Kunstrasenkicker ohne Fans in die Welt gestreut werden, umso mehr könnte jemand fälschlicherweise glauben, die seien irgendwie wichtig.
Stadionwelt: Warum bleibt die Fanszene des VfB Oldenburg trotz der dritten Spielzeit in der Fünftklassigkeit zumindest konstant gleich hoch?
Glaeseker: Ähnlich wie bei der ersten Frage gibt es hier viele Faktoren. Der Gewichtigste in Bezug auf die konkrete Fanszene ist bestimmt die Tatsache, dass wir im Zuge des zwischenzeitlichen Niedergangs unseres Clubs die Dinge selbst in die Hand genommen haben. Besonders zu erwähnen ist hierfür das ehemals offizielle und finanziell geförderte Fanprojekt samt Räumlichkeiten. Als die Finanzierung durch unseren Niedergang trotz Protestaktionen und Versprechungen auslief, haben wir im Sommer 1998 einen neuen Fanzusammenschluss gegründet: Die Oldenburger Faninitiative OFI. Hierüber finanzieren wir unsere Räume seitdem in Eigenregie. Außerdem halten wir ebenfalls hierüber noch eine relativ beachtliche Infrastruktur aufrecht: Es gibt zum Beispiel günstige Busfahrten zu jedem Auswärtsspiel, ein eigenes Merchandise und Choreos. Viele besuchen Jugendspiele bis runter in die C-Jugend. Wir sind Herbstmeister und frischgebackener Stadtmeister, inklusive eines furiosen und vielstimmigen Supports. Die A-Jugend ist ebenso Herbstmeister in der Regionalliga und zwei starke A-Jugend-Talente haben trotz großen, höherklassigen Interesses für drei Jahre unterschrieben. „Zwischen den Jahren“ war Grundsteinlegung für das Jugendleistungszentrum. Es gab in unserem Fanwirken durchaus viele deprimierende Tage. Diese gehören gerade nicht dazu. (Stadionwelt, 30.1.2007)




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