„Das hat mit dem Wesen des Fußballs nichts mehr zu tun“

Faszination Fankurve 09.01.2009 0 Kommentare

Foto: Faszination Fankurve

Noch dürfen Vereine ihre Entscheidungsmehrheit nicht abgeben. Was gängig 50+1 Regelung genannt wird, könnte aber bald geändert werden. In Koblenz sind die Fans bei dem Thema besonders hellhörig. Stadionwelt sprach mit Martin von Inferno Koblenz.

Stadionwelt: Wieso ist 50+1 bei der TuS ein Thema. Noch ist die Regelung ja nicht abgeschafft?
Martin: Bei unserem Verein wurde die Profiabteilung in eine Kapitalgesellschaft, die TuS Koblenz GmbH, ausgegliedert. Diese Ausgliederung erfolgte zum 01. Juni 2007. Dies ist mittlerweile bei vielen Vereinen so. Das gibt neben dem Vorteil der Haftungsbeschränkung auch die Sicherheit, dass der Verein nicht Pleite gehen kann. Zusätzlich ergeben sich für eine Kapitalgesellschaft auch steuerliche Vorteile gegenüber einem Verein. Aktuell ist es bei TuS Koblenz so, dass 51 Prozent der Anteile dem Verein gehören und 49 Prozent dem Mittelrhein-Verlag (Anm.: Rhein-Zeitung). Damit ist gesichert, dass der Verein, also die Mitgliederversammlung, bei wichtigen Entscheidungen das letzte Wort hat. So sind auch die Vorgaben der DFL. Allerdings kann die so genannte 50+1 Regelung im März durch die DFL abgeschafft werden. Wie die Entscheidung aussehen wird, kann niemand genau sagen. Bei uns geht es nun darum, sollte die 50+1 Regelung abgeschafft werden, dass sofort ein so genannter Optionsvertrag zwischen dem Mittelrhein-Verlag und der TuS Koblenz e.V. greift, wodurch der Mittelrhein-Verlag zwei Prozent bekommen und somit die Mehrheit der Anteile besitzen würde. Unsere TuS Koblenz wäre dann Spielball in der Finanzwelt für Rhein-Zeitung Herausgeber Walterpeter Twer und könnte auch jeder Zeit in die Fänge eines anderen Investors geraten. Stimmt die Mitgliederversammlung also dem Optionsvertrag zu, so entmachtet sich diese damit selbst und verkauft die erste Mannschaft. Der Mittelrhein-Verlag kann machen, was er will. Die Profimannschaft der TuS Koblenz umbenennen, das Stadion nach Trier verlegen oder einfach den Geldhahn zudrehen und die Mannschaft wieder in den Tiefen der Oberliga verschwinden lassen. Wir wären nicht besser als die englischen Vereine, deren Überleben von der Laune der Milliardäre im Hintergrund abhängig ist.

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Heimspiel gegen Ahlen.
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Stadionwelt: Wie ist es zu dieser Situation gekommen?
Martin: Am 01.Dezember 2008 war dieses Thema für viele überraschend Tagesordnungspunkt bei der Jahreshauptversammlung. Man wurde quasi erst durch die Einladung zur Jahreshauptversammlung darüber informiert. Dabei offenbarte uns der zum damaligen Zeitpunkt noch amtierende Vereinspräsident Prof. Rüdiger Sterzenbach, dass es bereits einen notariell beglaubigten Options-Vertrag gebe zwischen dem Mittelrhein-Verlag und dem Verein, unterschrieben vom vorherigen Vorstand um Ex-Präsident Walter Degen, der folgendes besagt: Sobald DFL/DFB die 50+1 Regel abschaffen, kann der Mittelrhein-Verlag vom Verein zwei Prozent der GmbH Anteile zum Preis von 75.000 Euro erwerben. Dieser Optionsvertrag war weder den Mitgliedern bekannt noch befand er sich zum Zeitpunkt, zu dem der neue Präsident sein Amt übernahm im Februar 2008 in den Unterlagen des Vereins. Das heißt der alte Vorstand und Twer beziehungsweise der Mittelrhein-Verlag haben die Mitglieder übergangen und die erste Mannschaft verkauft. Das Druckmittel seitens Twer, der sich immer als großer Gönner und Fan der TuS darstellt, war, dass er keine weiteren Geldmittel zusagen könne, sofern er nicht die Mehrheit an der GmbH inne habe und er lediglich diese zwei Prozent haben möchte, um die TuS vor einem ausländischen Investor – zum Beispiel „aus dem osteuropäischem Raum oder Asien“ – zu schützen. Durch einen anwesenden Anwalt, einer neutralen Kanzlei aus Mainz, die mit der Prüfung der Rechtmäßigkeit des so genannten Optionsvertrags beauftragt wurde, wurde aber klargestellt, dass dieser Vertrag unwirksam sei, da die Mitgliederversammlung nicht abgestimmt hat. Da der Optionsvertrag in unmittelbarem, zeitlichen Zusammenhang mit der Ausgliederung steht, aber, im Gegensatz zu der reinen Ausgliederung, den Mitgliedern nicht zur Abstimmung vorgelegt wurde, bedarf er gemäß juristischer Expertise der Zustimmung der Mitgliederversammlung, dem höchsten Organ des Vereins. Es begann eine große Diskussion zwischen Befürwortern und Gegnern des Vertrages. Twer, auch Vereinsmitglied, stellte sich vor die Mitglieder und drohte die Geldmittel einzustellen oder zurückzufahren, wenn er nicht die zwei Prozent erhalte und konnte durch diese Aussage viele Mitglieder auf seine Seite ziehen. Schließlich plagen den Verein noch enorme Altlasten, die noch bezahlt werden müssen. Unter anderem Forderungen der Sozialversicherungsträger und vom Finanzamt. Die lange Diskussion wurde durch Prof. Sterzenbach, der sich stets unparteiisch verhielt, damit beendet, dass man den Mitgliedern versprach, eine Lösung mit dem Mittelrhein-Verlag zu finden, welche für beide Parteien zufriedenstellend sein sollte. Der anwesende Anwalt stellte unmissverständlich klar, dass man dem Mittelrheinverlag auch andere Absicherungsmöglichkeiten einräumen könne, die juristisch „wasserdicht wären“ und die Bedenken von Herrn Twer berücksichtigen würden. Herr Twer lehnte aber jedwede Änderung – zum Beispiel Vorkaufsrecht für den zwei Prozent-Anteil – rigoros ab und beharrte auf dem Optionsvertrag. Am Abend des letzten Spiels der Hinrunde 2008 gegen Ingolstadt kursierten dann die ersten Gerüchte, dass Präsident Prof. Sterzenbach und Vize-Präsident Dirk Zimmer am 11. Dezember 2008 zurückgetreten seien. Was schließlich am darauf folgenden Tag bestätigt wurde. Eine offizielle Erklärung dazu gibt es bis heute nicht, aber angeblich sollen beide von Twer unter Druck gesetzt, wenn nicht sogar erpresst worden sein. Mit Prof. Sterzenbach schien man endlich einen Mann als Präsident zu haben, welcher versucht hat, die Altlasten anderer ein für alle Mal zu beseitigen, damit eines Tages mal Ruhe im Verein einkehrt. Jetzt muss abgewartet werden. Es wird zu einer außerordentlichen Mitgliederversammlung in den nächsten Monaten kommen. Nur die Mitglieder können diese Entscheidung fällen. Das größte Problem ist, dass bis zum jetzigen Zeitpunkt keinerlei Informationen über die Beweggründe der Rücktritte ans Licht gekommen sind und die Winterpause somit nicht genutzt werden konnte, um sich eine wirkliche Meinung bilden. Die Mitglieder tappen mal wieder im Dunkeln.

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Stadionwelt: Wie steht die Szene beziehungsweise der „normale“ Stadiongänger zu der komplexen Thematik? Was ist an Aktionen geplant?
Martin: Dazu kann man sicher kein pauschales Statement geben. Man muss das als Gesamtes sehen: „Szene“ und „normale Stadiongänger.“ Die Meinung ist gespalten. Das zeigt die Jahreshauptversammlung, das zeigen Gespräche und das zeigen auch die Diskussionen in den Fanforen. Die einen wollen ihren Verein, sie wollen ein Stück Authentizität bewahren und nicht als Spielball eines Investors enden, egal ob es Twer ist oder doch „der Mann aus dem Osten.“ Die anderen wollen einfach um jeden Preis Zweitligafußball in Koblenz sehen, egal unter welchen Umständen. Aktionen wurden insbesondere vor der ersten Jahreshauptversammlung durchgeführt. Eine groß angelegte Flyeraktion fand vor dem Heimspiel gegen Ahlen statt, um für Aufklärung zu sorgen und auch Aufmerksamkeit zu schaffen. Eine kleine Choreographie folgte vor Spielbeginn mit der einfachen Forderung: „MIT ALLER GEWALT 50+1 HALTEN!“, die noch mal beim darauf folgenden Auswärtsspiel in St. Pauli untermauert wurde. Eine Zaunfahne wurde ebenfalls gemalt, welche bis zur endgültigen Entscheidung aufgehängt wird.

Banner beim Spiel gegen St. Pauli.

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Heimspiel gegen Ahlen.<br />
<p><strong>Stadionwelt:</strong> Wie schätzt Ihr die Entwicklung ein?<br />
<strong>Martin:</strong> Wo die Entwicklung in Koblenz hingeht, kann ich nicht sagen, da die Meinungen wie oben beschrieben auseinander gehen. Für uns als Inferno Koblenz sollte es wichtig sein, möglichst viele Fans für unser Ziel zu erreichen. Das geht darüber, dass wir die Aufmerksamkeit der TuS-Fans und insbesondere der Mitglieder auf dieses Thema lenken. Dann muss jeder für sich selbst entscheiden, ob man Teil des Spielballs von Twer sein will oder ob man seine Stimme dafür gibt, auch weiterhin eine Stimme im Verein zu haben.</p>
<p><strong>Stadionwelt:</strong> Was würde sich beim Wegfall von 50+1 für Vereine und Szenen ändern?:<br />
<strong>Martin:</strong> Der Wegfall der so genannten 50+1 Regel hätte zur Folge, dass die Mitglieder und somit letztendlich auch „die Szene” die Entscheidungsgewalt über die erste Mannschaft und somit das Aushängeschild des Vereins zu Gunsten des Sponsors/der Sponsoren aus der Hand geben. Sollte der Sponsor/die Sponsoren irgendwann tatsächlich auf die Idee kommen, dass farbliche Erscheinungsbild oder gar den Namen, unter dem die Profimannschaft auftritt, zu ändern – soweit dies die DFL-Statuten zulassen -, hätten die Vereinsmitglieder kein Stimmrecht mehr und dies selbst verschuldet. Allerdings darf hier nicht zu kurz gedacht werden: auch auf Eintrittsgelder etc. hätte der Verein keinen Einfluss mehr. Was das heißt, kann man sich denken oder man wirft einfach einen Blick in Richtung England. Diese Zustände könnten dann wohl kaum mehr verändert werden, da der Verein wohl nie das Geld haben wird, die entscheidenden Anteile vom Sponsor dann jemals wieder zurückkaufen zu können. Insofern wäre das „aus-den-Händen-Geben“ der vereinseigenen Entscheidungsgewalt in Bezug auf die erste Mannschaft unumkehrbar. Um auf die Szene zurückzukommen, müsste dann im Extremfall jeder selbst entscheiden, inwieweit er zum Beispiel eine blau-weiße TuS Rheinzeitung Koblenz zu überteuerten Preisen im Stadion noch unterstützen möchte und gleichzeitig abhängig zu sein von der Lust und den Launen eines externen Wirtschaftsunternehmens oder eines Investors. Das hat mit dem Wesen des Fußballs nichts mehr zu tun. (Stadionwelt, 09.01.2008)</p>
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